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Die Wahrheit · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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*+«-L£3FJ:jl3.h -Uif: «I Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 3. ist wohl von so hervorragender Stelle noch nie für die Juden , mit solcher Wärme Partei ergriffen worden. Der Abstand jedoch zwischen dieser Dithyrambe und der Lage der bedrängten und entrechteten Juden in Rumänien ist ein so gewaltiger, das sich die Frage mit Notwendigkeit auf i unser aller Lippen drängt, weshalb die Königin nicht das äußerste aufgeboteu, diese Verhältnisse zu mildern. Bei näherer Erwägung aber werden wir über uns selbst lächeln. Wissen wir doch, daß in konstitutionellen Staaten dem König wenig Einstuß aus die Strömungen im Innern verstattet ist, um wie viel weniger der Gemahlin desselben. König Karl ist ein Hohenzoller; dank einer ungezwungen natürlichen Jdeenassoziation erinnern wir uns des größeren Hohenzollernstaates, und Bismarks Wort wird in uns lebendig, das grimme Wort vom Weiberregiment, das er bekämpfen müsse. Wie oft mag der Dichterin-Königin ein energisches „hands off“ zugerufen worden sein, wenn sie einschreiten wollte. Ist doch die Meinung noch immer eine landläufige, daß ästhetisch poetische Begabung zur Behandlung diplomatischer und politischer Fragen unfähig mache. Man vergißt freilich, daß der große Friedrich französische Verse schmiedete, daß die Theoretiker Rousseau und Voltaire die große Revolution vorbereiteten, daß Fichte mit seinen „Reden an die deutsche Nation", daß Dichter und Denker dort säen mußten, wo Bismarck erntete, da er den Einheitsstaat zusammenschmiedete. Wenn wir schließlich den hohen Gedankenstug Carmen Sylvas ins Auge fassen, wenn wir bedenken, daß der angesehenste Philosoph der Gegenwart, Paulsen, das Judentum in kultureller Hinsicht gegen das Christentum gehalten, als verschwindend klein betrachtet, während die Königin das Verhältnis rein umkehrt, so daß wir dieser Enunziation historische Bedeutung beimessen und sie als epochemachend bezeichnen müssen: so können wir es nicht über uns bringen, dieses Geschehnis sang- und klanglos zu registrieren und lassen uns auch nicht von den Worten einer Klopstock'schen Ode Dank dir, mein Geist, das du seit deiner Reife Beginn Beschlössest, bei dem Beschluß verharrtest, Nie durch höfisches Lob zu entweih'n Die heilige Dichtkunst. abhalten, dem nachfolgenden uns eingesandten Gedichte unsere Spalten zu öffnen. Denn für's erste ist die Dichtkunst seit dem alten Klopstock nur zu realistisch, veristisch und profan geworden und fürs zweite gilt unser Lob nicht dem Hofe, sondern dem verehrungswürdigen großen Geist der Schriftstellerin und Poetin Carmen Sylva: Carmen Sylva gewidmet. 1. Nie noch Hab ich die Muse gebeten, Daß sie beisteh' meinem Gesang; Denn mich schwachen, kleinen Poeten Ließ es kalt stets, ob er gelang. Heute doch stimm ich die goldene Leier, Flehe Dich Muse an, schenke mir Gunst, Denn es gilt einer Königin Feier, Nicht zu stümperhaft sei. meine Kunst! Diese Königin möchte ich preisen; Doch wie fürcht ich trügerischen Schein, Daß nicht spotten die Afterweisen: „Byzantinische Schmeicheleien!" Auf Deinem Haupte die goldene Krone Ist umgrünt vom'Lorbeer des Apolls Eines Volkes bittere Frohne Willst Du mildern mitleidsvoll. Doppelzierde will Dir nicht genügen, Nicht der Lorbeer, nicht das Diadem, Lieb' zu predigen, Zwietracht rügen, Strebest Du noch außerdem. 2. Ach, den Judenhaß beschwören Möcht Dein weiches, edles Herz; Schwerlich werden sie Dich hören, Denn sie blicken niederwärts; Blicken nicht nach jenen Höhen, Wo Du stehst, so hoch und frank, Und Dein Wort, es wird verwehen, Deiner Mühe lohnt kein Dank. Gleich dem frühen Sang der Lerche, Kündest an Du Morgenrot, Doch es hockt im dunkeln Pferche, O, wie lang noch, der Zelot. Das sind Dinge, unerhörte, Die Verwund'rung macht uns stumm.' Daß das Judentum im Werte Höher steh', als Christentum. Unsere Bonzen und Gelehrten, Fichte, Schelling, Hegel, Kant, D i e Erkenntnis sie entbehrten, Diese Wahrheit keiner fand. O, da werden sie sich sperren, Nein, das wird nicht anerkannt; Selbst am Königsmantel zerren Wird wohl ihre freche Hand. Nicht nur Dunkelmännern, allen Wird's bereiten Aergerniß; Auch der kühnsten Denker Gallen Ueberfließen ganz gewiß. Ach, das wird ein scharf Gelöster, Das verübelt man Dir sehr, Alle Stimmen im Orchester — Sie verzeihn's Dir nimmermehr. Spät erst wird man Dich verstehen, Seh'n den Flug des Genius, Und Jahrhunderte vergehen, Eh' Dich grüßet Geistergruß. Auch daran wird mau sich stoßen, Daß'Du Moses hoch gestellt, Ueber Cäsar, Karl den Großen, Und daß Moses ist Dein Held. Und ich Hab es auch erraten. Warum Moses sie so ehrt; Nicht allein sind's seine Taten — Was denn noch? — Nun also hört! Moses' Stamm, ein unterjochter, Er, einer Prinzessin Sohn, Ziehsohn einer Königstochter, Nah dem Hofe, nah dem Thron — Er verschmäht' die Herrschgelüste Und das Recht, das er genoß; Mit den Brüdern in die Wüste Zog er als ihr Leidgenosi'. Ließ wie Buddha Thron und Erbe, Nicht wie dieser, sanft und mild, Kämpft er mit dem Volke herbe Kämpfe, war ihm Schutz und Schild. Sakjamuni nur entnerven Tät sein Volk im Hindostan — Und beschaulich Kraft verwerfen Mit Nirwanas frommen Wahn. Du auch, Königin, verachtest Krön' und Szepters schwere Last Und nach Freiheit wohl Du schmachtest — Gern verließ't Du den Palast. Du auch tauschtest gern um Linnen ,. Deinen Purpurmantel ein; Doch Du möchtest nichts gewinnen Und der Vorteil wär' gar klein. Als Apostel gern Du zögest Und Du lehrtest auch wohl gern — Doch kein Herz, das Du bewegest, Fändest Du wohl nah und fern.

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