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Die Wahrheit · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Leite c». Nr. 3. in der Hand aufweist, daß er ein gemeines Verbrechen an seinem Volkstume begangen, daß er sein Judentum abgeschworen und verhöhnt, d. h. sich getauft hat, kann unter Tausenden kaum einer eine Staats- und Landesstellung erlangen. Würde eine gerechte, menschenfreundliche österreichische Regierung und nicht eine polnische unsere Volksmassen seit vierzig Jahren leiten, dann stünde die galizische Judenheit heute an der Spitze aller Kulturarbeit. Als bester Beweis hiesür gilt der Aufschwung, den die Agrarverhältnisse genommen haben, seit dem Zeitpunkte (1867), als den Juden der Gütererwerb gesetzlich gestattet wurde! Den heutigen Zustand aber, wo der polnische Bezirkshauptmann und die polnischen Satrapen hinter jedem Juden herlaufen, so derselbe sich ein Geschäft zu errichten willens ist, wo der Handel auf dem flachen Lande, dank der polnischen Gendarmen, der kolka rolnicze und der Kirchenbehörden, fiir den Landjuden aufs äußerste eingeschränkt ist, von einem Mangel an Kultur abzuleiten, heißt eine Abirrung vom gesunden Menschenverstand zugunsten eines modernen Blendwerkes, eines geschichtlichen Phantoms, der Liebe der Polen zu den Juden. Ist es noch notwendig, dem Juden den Bauern entgegenzuhalten, um darzutun, um wie viel mehr dieser nach allen Richtungen der Mehrbegünstigte ist? Von polnischer und assimilatorischer Seite wurde oft der Vorwurf gemacht, die Juden kennen die polnische Landessprache nicht und daher müssen dieselben, als für den Landesdiensten ungeeignet, übergangen werden. Wie will man aber damit die gegenwärtige Situation entschuldigen, die viel schlimmer ist als vor vier Dezennien, obwohl die galizischen Juden seitdem das Deutsche bis auf ein Minimum zugunsten des Polnischen zurückgedrängt haben? Und merkwürdigerweise erlebte der galizische Jude den heftigsten ökonomischen Boykott gerade zu jener Zeit, als unsere jüdischen Abgeordneten dem Polenklub angehörten, und während der selige Dr. Byk für die polnischen Herren die Kastanien aus dem Feuer holte und unter allgemeiner Anerkennung seiner Verdienste für die polnische Hegemonie arbeitete, wurde vom Referenten Prof. Dr. Globinski ein politisches Sakrilegium in der Weise begangen, daß die dem Verewigten zugestandenen acht Mandate für die galizische Judenheit durch die neukonstruierte Wahlgeometrie ganz unsicher gemacht wurden. Ist denn dem Herrn Dr. Rosenmann diese unmenschliche Tat nicht bekannt, und sollen die galizischen Juden der neuen Wahlepoche mit verschränkten Armen entgegensehen? Sollen sie nicht vielmehr mit aller Kraft ringen um Sitze an der politischen Völkertafel Oesterreichs, um im Angesichte Europas gegen Vergewaltigungen allerlei Art zu protestieren? Mären wir nicht Verräter unserer eigenen Sache, so unsere paar jüdischen Abgeordneten in spe großpolnische Interessen vertreten würden zum Schaden unserer eigenen Sache? Befindet sich nun die galizische Judenheit, wie Herr Dr. Rosenmann selbst zugibt, im Erwachen, dann darf es nicht den bösen Traum fortsetzen, den die Assimilatoren und Egoisten ihm vorgegaukelt haben, dann darf sie nicht zugeben, daß ihren Abgeordneten, wie bis nun, der Maulkorb angelegt werde, dann dürfen ihre Volksvertreter, und sei es nur ein einziger, sich nicht vor den Wagen der polnischen Majestät spannen lassen, während unser Volkstum materiell und moralisch dem Verfalle entgegen getrieben wird. -Einen Gedanken teile ich wohl mit Herrn Dr. Rosenmann, nämlich den, daß wir Juden keine leeren Phrasen dreschen und auch nicht pöbelhaft gegen die Schlachta ins Horn stoßen sollen, schon aus dem Grunde, weil zwischen der Schlachta und den Juden vom hochnotpeinlichen Mittelalter bis in die Neuzeit tausendfältige Berührungspunkte bestanden haben, und weil ungezählte tausende jüdische Familien vom polnischen Adel ihren Lebensunterhalt und Schutz erhalten, während die Zünfte jede Berührung mit eiserner Faust zurückweisen. Dem wahren polnischen Adel, nicht den Bastarden, bleibt stets ein . gutes Andenken aus jener Schreckenszeit reserviert. Das polnische Volk mag mit ihm streiten, die Sozialisten mögen mit ihm um die Vorherrschaft ringen, wir Juden aber sehen keine Veranlassung zur Einmischung in diese innerpolnische Angelegenheit. Nun noch ein Wort betreffs des Paktes mit den Ruthenen vom Jahre 1873, als dessen Urheber ich mich bekenne und den wir im Vereine „Schomer Israel" zur Tat reifen ließen. Ich nehme die Verantwortlichkeit vor der Geschichte aus mich, selbst um den Preis des Vorwurfes, daß diese politische Tat keine sichtbar ersprießliche Dienste leistete. Wer in derartigen Dinget: den Tenor aus den Erfolg legt, dem gegenüber können wir aus die traurigen Resultate der langen Periode von 1880 bis aus die Gegenwart Hinweisen, die darin gipfeln, daß die wenigen Judendeputierten nichts anders als ein Anhängsel des Polenklubs repräsentierten, die kaum je welchen bleibenden Nutzen für die galizischen Juden brachten. Hingegen trat eine gewaltige Verschlimmerung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ein: Massenentzug von Verdiensten beim Salzmonopol, Gründung der kolka rolnize, wodurch den Inden aus dem flachen Lande der Broterwerb unmöglich gemacht wurde, und die Folge davon: Massenelend, Massenauswanderuug, Zurückwersung unserer Intelligenz beim Kompetieren aus allen Gebieten des Staats- und Landesdienstes und Ersterben des nationaljüdischen Bewußtseins bei unseren jüdischen Reichsratsabgeordneten. Anders das Jahr 1873. Dazumal einigte sich das galizische Israel im Zeichen des „Schomer Israel" und besaß lebendiges Nationalbewußtsein. Betreffs des Ruthenenpaktes dient es als Rechtfertigung, daß der bäuerlichen ruthenischen Bevölkerung nicht überall die Nennung jüdischer Kandidaten möglich war und daß unser Bündnis kaum acht Tage lang vor der Wahlschlacht' bestand, weshalb eine genügende Vorbereitung nicht stattfinden konnte. Aber entscheidend war eigentlich der Umstand, daß unserem Streben vom damaligen Ministerpräsidenten Baron Lasser ein polizeilicher Damm entgegengesetzt wurde. Hat dock Lasser dem damaligen Handelskammerpräsidenten Breier aus dessen Fragen, weshalb Rabbiner Löwenstein seitens der Regierung abgelehnt wurde, die sehr bezeichnende Antwort: „Ich will dock kein Judenparlament!" Deshalb wurden ganze Dörfer ca. 200 Bauernwähler aus Grodek, von dem Wahlakte zurückgehalten. Noch klingt mir der Toast, welchen Domherr Pawltkow gelegentlich des im Schomer Israel den ruthenischen Delegierten gegebenen politischen Frühstückes ausbrachte, in den Ohren. „Meine Herren", sagte der berühmte geistliche Redner und Ruthenensührer, „wir wissen ihre Intelligenz sehr zu würdigen. Leihen Sie (die Vertreter des Schomer Israel) uns diese ihre jüdische Intelligenz und wir stellen Israel den festen Rücken unseres Volkes zur Verfügung, das wird eine Festung geben, welche kühn den Polen zu trotzen in der Lage ist." Freilich haben die Ruthenen dem Schomer Israel 23 Mandate zu verdanken, wir dagegen nur 6 Abgeordnete. Wo würden aber jemals die Polen die Herrschaft über ganz Galizien in so unumschränkter Weise erlangt haben, wenn der Pakt der Ruthenen und Juden bis heute bestanden hätte? Wer weiß, um wieviel niedrigere Ziffern die Statistik des galizischen Judenelends zu verzeichnen hätte, als unter dem Regime des Allgaontums, das den Juden durch vierzig Jahre die geistige und materielle Existenz untergraben hat. Dr. Rüben Vierer. Die Memoire« der Königin von Knmnnien. „Es ist sonderbar: Wir leben und zehren von der Bibel und gestatten uns, das Volk zu verachten, welches dieses Buch der Bücher hervorgebracht hat." So lautet einer der lapidaren Sätze, welche Carmen Sylva jüngst in der „Mode von heute" veröffentlicht hat. Wie der berauschende Dust einer über Nacht hervorgesproßten Wunderblume mutet uns Juden dieses Wort an; wüstes Unkraut unterbrochen durch vereinzelte Gänseblümchen kühler Duldung haben seit der Diaspora unseren Passionsweg eingesäumt. Mit einem Male erklingt uns von der Höhe des Thrones herab tröstende Anerkennung. Sollte dies wirkungslos verhallen, machen wir uns eines Hosfnungsüberschwanges schuldig, wenn wir uns davon gute Wirkung versprechen? Wenn wir die edle und unglückliche Königin Louise von Preußen ausnehmen.

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