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Die Wahrheit · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 3. für ihres Volkes ewige Rechte. So mutet diese ganze Geschichte Jens Lornsens wie ein großes Kapitel aus unserer eigenen Geschichte an, das sich in wechselnden Erscheinungen zu allen Zeiten wiederholt. Da sind es die Gestalten unserer größten Volksmänner, der Propheten, die vor uns emporsteigen. Wofür haben sie gekämpft? Für die unveräußerlichen Menschenrechte, aber auch für das Recht ihres Volkes gegen inneren Despotismus, sowie gegen die grausame Tyrannei, die ihm von außen drohte. Und je schlechter es dem Volke erging, desto mehr war ihr Ausblick aus die Zukunft gerichtet. Dort „am Ende der Zeiten" lag ihr Ideal, allerdings in Nebel gehüllt; aber sie waren davon überzeugt, daß dieser Nebel schwinden werde vor den Strahlen der glänzenden Freiheitssonne. Wie werden wir doch an das altjüdische Freiheitsideal erinnert, wenn unser Dichter seinen sterbenden Helden sagen läßt*): „Ich weiß, daß ich der Ewigkeit nahe bin, aber ich sterbe mit dem Bewußtsein, nicht umsonst gelebt zu haben. Es werden Zeiten kommen, wo mein Vaterland sich meiner erinnert, wo mein Andenken die Herzen zur männlichen Tat aufweckt. Ja, es werden Zeiten kommeu, wo alles Wüten tyrannischer Gewalt nichts mehr hilft gegen die Macht der Wahrheit und des Rechtes; denn was man auch sagen und tnn mag, die Menschheit schreitet dennoch vorwärts in Erkenntnis und Rechtsbewußtsein. Einst wird und muß Gottes Reich auf Erden kommen." Wir glauben, der Dichter habe nicht ohne Nutzen unseren Jesaias gelesen. Freilich stimmen wir auch ganz dem Arzte Lornsens bei, der mit einem gewissen cynischen Materialismus, wie es bei diesem Stande nicht ungewöhnlich ist, erwidert, er wünsche, dieses Reich Gottes käme bald, „dieweil es bis jetzt noch passabel dumm und schlecht auf Erden aussieht und wir doch wohl gerne noch etwas davon erleben möchten."**) Sie haben alle gegen diese Dummheit gekämpft, unsere Propheten, Gesetzeslehrer und Helden in alter und mittlerer Zeit und auch in unseren Tagen fehlte es uns an Gestalten nicht, die gleich Lornsen. für ihr Volk und die Menschheit ihren ganzen Mannesmut aufgeboten haben. Stets gad es Männer in unserer Mitte, die weder den Glauben an die Zukunft unseres Volkes, noch an die aller Unterdrückten verloren haben. Freilich werden auch manche von ihnen in ihren Erwartungen und Hoffnungen getäuscht, sie grollen den Menschen und der Menschheit, verächtlich kommen sie ihnen vor. Der Glaube an die Menschheit wird von manchem Selbsttäuschung genannt. Diese aber ist nichts anderes als die Folge der tiefen Knechtung, in die der zügellose Despotismus ganze Völker gestürzt hat. Das ist die Meinung Lornsens; wir Juden werden ihr aber nach allen bitteren Erfahrungen von Jahrhunderten kaum widersprechen können. Nichtsdestoweniger werden wir auch den Worten jenes dänischen Staatsrates Hammersteen, der dem Idealisten Lornsen gegenüber die Stimme des mit den Tatsachen rechnenden Realpolitikers vertritt, unsere Zustimmung nicht versagen, der Börne zitiert und ihn als Narren bezeichnet, ihn den weltklugen, haarscharf urteilenden Baruch, der das Wort gesprochen: „Wenn die Völker besser wären, würden die Fürsten besser sein." Die Völker sind oft nicht besser, manchmal sogar schlechter, als die, welche sie regieren, und es sind die größten Toren, welche meinen, sie könnten die Besserung bewirken. Auch diese Erfahrung haben wir Juden gemacht und können sie bestätigen. Ist es doch gerade das Volk der Dichter und Denker, aus dessen Mitte jener Rassenhaß hervorgegangen ist. an dem wir noch im gesegneten 20. Jahrhundert zu leiden haben. Und es kündet Mügges herrliche Erzählung noch eine Wahrheit, die in wechselnder Form, aber' immer gleich bleibendem Wesen, sich in der Geschichte unseres Volkes immer wiederholte. Wenn der Staatsrat Hammersteen Lornsen eröffnet, daß seine eigenen Landsleute ihn auf die Schlachtbank geliefert, seine eigenen Richter, d. h. die Richter, die aus seinem Volke hervorgingen, ihn gerichtet und in den Kerker geleitet, seine Verurteilung die Freude der einflußreichsten Männer seines Volkes *) Das traurige Ende Lornsens hat der Dichter mit poetischer Lizenz verklärt dargestellt. **) A. a. O. S. 256. hervorgerufen habe, wer denkt da nicht an jene schwachen Seelen, welche jede freiheitliche Regung in unserem Volke, jeden neuen, frischen, belebenden Gedanken im Keime ertöteten, weil sie für ihre Herrschaft fürchteten und die Morgenluft scheuten, welche die schwarze Nacht, in der sie sich.allein wohl fühlen, verscheuchen sollte? Schwächlinge und Renegaten, wir wissen es aus unserer Geschichte, sind immer die Schädlinge gewesen, welche die junge Saat freiheitlichen Strebens vernichteten. Gegen solche Schädlinge kämpft Lornsen und geht in diesem Kampfe unter. Solcher Lornsens hat es in unserer Mitte immer gegeben. Sie sehen das gelobte Land der Freiheit aus der Ferne und kamen selbst in dieses nicht. Vielleicht wird es einem jüngeren Geschlechte gegönnt sein, die Früchte zu genießen, die seine Freiheitskämpfer erstritten. So ist diese Erzählung Mügges „Der Vogt von Sylt" ein treus Spiegelbild unser jüdischen Kämpfe und Kämpfer, darum lasen wir sie mit wahrhaft teilnehmenden Gefühlen. Wir empfehlen sie aber auch unseren Volksgenossen — Jungen und Alten. Dr. M. Grrünfeld. Die galizischen Inden nnd die Polen. Angesichts der in nicht allzuferner Zeit. bevorstehenden Neuwahlen in das erste österreichischische Volksparlament ist es gewiß ein eminentes jüdisch-politisches Interesse, das Verhältnis der Polen zu den Juden in Galizien möglichst klarzustellen und die Stellung der letzteren zum Polenklub vom Standpunkte einer praktischen und zweckmäßigen Politik zu beurteilen. Aus diesem Grunde sei es mir nun gestattet, im Nachfolgenden auf den m vorletzter Nummer dieses Blattes veröffentlichten Artikel „Das galizische Judentum im Erwachen", der für ein Wahlbündnis mit den Polen eintrat und an ihre „traditionelle Freundschaft zu den Juden" erinnerte, mit einigen Bemerkungen zu reflektieren. Der Schreiber dieser Zeilen blickt auf ein halbes Jahrhundert reicher Erfahrung in politicis zurück und kann leider nur das Gegenteil der Behauptungen des Herrn Dr. Rosenmann bestätigen. Wer vierzig Jahre auf der Warte der jüdisch-politischen Interessen in Galizien steht und die Verarmung unserer Brüder sieht, die in großeu Scharen, gleich modernen „Geusen", Galizien verlassen, um in überseeischen Ländern ihr Brod zu suchen; wer da weiß, daß das galizische Judentum, dank jener Unbilden, die es hier seitens der Starosten und des Adels erleidet, den herrlichen Kosenamen „Schnorrer" bei der ganzen außergalizischen Judenheit sich erworben hat, wird wohl die Brüderlichkeit, die Herr Dr. R o s e n m a n n, so sehr unterstreicht, ganz vermissen. Zweierlei Arbeit wird uns in dem Artikel angeraten. Die innere, — bei Schonung der religiösen Gefühle — den Eintritt in die europäische Kultur, die Voraussetzung zur Selbsthilfe, zu erleichtern, und nach außen, der Intelligenz einen Platz am Tische des Landes zu gewinnen. Allein damit hat es ein ganz eigenes Bewandtnis. Derlei schöne Redensarten hören sich wie ein Konzertstück an; will man aber einzelne Töne herausreißen, dann ist es mit aller Schönheit des Wohlklanges vorbei. Die alte Phrase von der Einführung der galizischen Juden in die Kulturwelt war niemals eine zutreffende, selbst nicht.vor hunderten Jahren, schon deshalb, weil das jüdische Volk geistig höher stand, als das polnische und ruthenische Element. Allein ließ denn die Schlachta und deren Regierung den Juden freies Feld, um ihre Kraft in den Dienst der Zivilisation zu stellen? Was war denn dem Juden in Galizien gestattet? Der Handel und das Geldgeschäft, denn das Handwerk schlossen die Zünfte vollkommen ab. Und was geschieht denn seit vierzig Jahren in kultureller Beziehung? Die Polen haben den Juden die deutsche Sprache genommen, die ihnen ein ausgezeichnetes Kommunikationsmittel mit der Außenwelt war, und sie somit in ein Sprachghetto hineiugezwängt, aus dem sie schwer ihren geistigen und materiellen Unterhalt in der Fremde finden. Haben aber diese Polen vielleicht auch für die Juden materiell vorgesorgt? Wie das geschieht, läßt sich am besten daraus ersehen, wenn man bedenkt, wit welchen hemmenden Mitteln gegen die jüdische Intelligenz zu Felde gezogen wird, um sie von Stellungen in Amt und Würden abzuhcilten: Zöetin der Jude nicht den Schein - - -innTr—

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