Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit lttedaktion u. Sldininisiralion: Wien, 11/, 9antarcu}niie 27. Sir. t>rv Druckerei Unabhängige Zeitschrift für silbische Kerugspyei»: Äanziährig ... St. 14.— Halbjährig . ff. 7 - 153U2 ■UUcvaU' Interessen. Für (iultu-sbeumte: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. eiboiiuemeulSu. Juierlious- Ganzjährig . . st. io - Erscheint jeden Kreilag. Für Ausland: benähe find in Wie» zahlbar (»anziährig ...» Mark and klagbar. Motto : „Das Siegel (lottes ist Wahrheit!“ Ü Rubel aber FcS. Ur. 3 Wien. 18. Immer NX >7 Inhalt: Der Vogt von Sylt. — Die galizischen Juden und die Polen. — Die Memoiren der Königin von Rumänien. — Amerikanischer Brief. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Die Rose von Saron. Der Uogt non Sylt. Ein Freund machte mich dieser Tage auf das genannte Buch aufmerksam. „Sie werden darin", sagte er, „vieles finden, das Sie anheimelt und vielleicht zu manchen Vergleichen mit unserer jüdischen Geschichte und Entwicklung — und Geschichte und Entwicklung sind nicht ganz fern liegende Begriffe — anregt. Lesen Sie das Buch, denn es gehurt zu denen, die, ob sie gleich längst vergangene Dinge behandeln, immer frisch bleiben. Sprechen sie doch manches aus, was auch heute noch mächtig ergreift. Es ist ein verwandtes Menschenschicksal, das vor unserem Auge vorüberzieht, und schon Grillparzer hat uns den Satz eingeprägt: „Ein Menschenleben, ach, wie ist's so wenig, ein Menschenschicksal, wie ist es doch so viel." So griff ich denn zu dieser Erzählung Theodor M ü g g e s. Die Literaturgeschichte sagt über den Schriftsteller, er sei am 8. November 1806 zu Berlin geboren worden und hier am 18. Februar 1861 gestorben. Seine gesammelten Romane „Toussaint l'Ouverture", „Afraja", „Erich Randäl" u. a., in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben, erschienen gesammelt, nach dem Tode des Dichters 1862—1867*). Scharfe Charakteristik und lebhafte Schilderung sind Vorzüge seiner erzählenden Dichtungen. Was nun unsere Erzählung anlangt, so ist sie jetzt in allerneuester Auflage herausgegeben worden**). Die Anmerkungen des Herausgebers machen allerdings manchmal einen etwas naiven Eindruck. So z. B. wenn er sagt „Jakob hätte zehn Jahre um Labans Tochter gedient"***), oder „Epikur lehrte im Gegensatz zu Aristoteles, dem Stoiker (l), den unbegrenzten Genuß*). Durch derartige und noch andere Entgleisungen**) ließen -wir uns aber die Freude, die diese prächtige Erzählung darbot, nicht verleiden. Sie schildert die politische Tätigkeit, den Lebensgang und die Leiden des holsteinischen Patrioten Uwe Jens L o r n s e n (geb. 18. November 1793 in Keitum auf Sylt). So kurz auch seine politische Arbeit gewesen, sie wirkte, bei der Reinheit seiner Gesinnungen, auf seine Landsleute nach. Er selbst verfiel in eine Gemütskrankheit und endete im Februar 1838 zu Pressy bei Genf durch Selbsttötung. *) Vgl. Adolf Stern, Die deutsche Nationalliteratur, vom Tode Goethes bis zur Gegenwart, S. 103, S. 210, Nr. 99. **) „Der Vogt von Sylt", Erzählung von Th. Mügge, Graz, Styria-Verl. 1906. ***) A. a. O. S. 88. ni S. 235. -;; x**) Z. B. Die Institution der Volkstribunen sei das Werk der beiden Grärchen, A. a. O. S. 219. Sein großes Werk: „Die Unionsverfassung Dänemarks und Schleswig-Holsteins" erschien 1841 zu Jena. Was er erstrebte, die Vereinigung Schleswig-Holsteins mit Deutschland, hat er nicht erlebt, aber wir stimmen ganz mit dem Herausgeber überein, wenn er sagt: „Auch nachdem die Fragen, welche damals (1830) alle Gemüter bewegten, längst die Geschichte entschieden hat, wird niemand ohne Interesse und Bewegung die Geschichte dieses reinen und großen Patrioten vernehmen.*) Lornsen ist ein Idealist, der aber höchst reale Ziele verfolgt. Er will die Herzogtümer Schleswig und Holstein von der absolutistischen Herrschaft Dänemarks befreien, zu dem sie nach seiner Anschauung nicht gehören. Die geschichtliche Entwicklung hat ihm Recht gegeben, und er hätte die Vereinigung der Herzogtümer mit Deutschland erleben können. Er ist ein Volksmann, der die Machthaber bekämpft, die sich auf verstaubte Privilegien und vergilbte Pergamente berufen. Ihnen gegenüber vertritt er mit hohem Mute die Volksrechte. Man möchte ihn gerne seinem Volke abspenstig machen, es fehlt nicht an Versuchen, seinem Ehrgeize zu schmeicheln, ihn in Kopenhagen in Ehren und Würden einzusetzen, aber der Volksmann widerstrebt allen diesen Versuchungen, die mit Macht an ihn herantreten, verzichtet selbst auf den Besitz eines geliebten Weibes, der ihm winkt, denn höher als aller blinkender Glanz geht ihm die Ehre seines Volkes, das zu vertreten, er als seine höchste Lebensaufgabe betrachtet. Nun wußte ich, worin die Aehnlichkeit dieser, scheinbar so ferne liegenden Erzählung mit unserer jüdischen Geschichte liegt. Man kann Vergleiche zwischen Lornsen, den Graccchen und Cola Rienzi heranziehen**), um wie viel mehr erinnert uns „der Vogt von Sylt" an jene mutigen jüdischen Volksmänner, die Märtyrer gewesen sind für unsere heiligen Rechte. Auch Lornsen spricht von Gleichgiltigkeit, von knechtischer Demut, von der Schändung seines Volkes, die er bekämpft. Zu welcher Zeit hätte es in der Mitte unseres Volkes nicht Männer, Helden gegeben, die für dessen Rechte ihr Leben herzugeben stets bereit waren? Auch sie hatten zu kämpfen gegen feige Kriecherei vor den Mächtigen, die immer ein Kennzeichen sklavischer Gesinnung gewesen; sie hatten zu streiten gegen knechtischen Sinn, der die Volksfreiheit für das Linsengericht vergänglicher Güter verkaufte; ins Feld zu ziehen, gegen jene die lieber Knechte sein wollten, wenn sie nur im ruhigen Genüsse ihrer zusammengescharrten Schätze bleiben konnten, als Streiter *) A. a. O. S. 241. **) A. a. O. S. 219.