Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Wahrheit Seite 7. -Gelegenheit vor Augen führen, daß sie nur Bedienstete von Tempelvereinen, aber nicht der Kultusgemeinde sind. Und doch wären die Herzen der Tempelvereine, wie auch die der Gemeindemitglieder durch ein vertrauensvolles Entgegenkommen, eine freundliche Tat leicht zu gewinnen. Redner hofft, es werde bald die Zeit kommen, wo sich die Herzen der Kinder und der Väter wiedersinden — wehescbiw lew owaus al bonim welew bonim al awaussom. Ausschußmitglied Josef Steiner hebt hervor, daß der Verein, der allein für die Kultusbedürfnisse der Inden im IX. Bezirke sorge und von der Kultusgemeinde fast gar keine Unterstützung erhalte, nichts anderes verlange, als daß seine Funktionäre gleichfalls zu Funktionen bei Leichenbegängnissen herangezogen werden. Wenn diese Sporteln den Funktionären -nicht zukämen, so würde sich der Verein nach und nach außer .Stande sehen, seine Funktionäre standesgemäß zu erhalten. Es wäre nur recht und billig, daß die Hinterbliebenen auch auf das Mecht, sich die Funktionäre bei der Beerdigung wählen zu dürfen, aufmerksam gemacht werden. Redner bitter den Vertreter .der Kultusgemeinde, in dieser Richtung wirken, zu wollen. Staatsbahn-Jnspektor Schimmerling dankt im Namen der Vereinsmitglieder dem Vorstande und dem Ausschüsse für dessen ersprießliche Wirksamkeit und drückt ihnen allen, insbesondere aber dem Obmanne Herrn G. Bettel heim, das Vertrauen der Mitglieder aus. (Lebhafter Beifall.) Hierauf schließt der Obmann die Versammlung. Ans der Pester Chewra Kadischa. Nachdem der festgesetzte 3jährige Zyklus zur Aufnahme neuer Mitglieder abgeloufeu war, begann die Mitgllederaufnahme am 2. Jänner d. I. mit der gewohnten Feierlichkeit im Prunksale der Chewra Kadischa. Es ist althergebrachte Sitte, daß der erste, oder die ersten der neu aufzunehmenden Chewramitglieder fromme und gelehrte Männer sein sollen. Gewöhnlich wird ein Rabbiner oder ein Talmudist als erster ausgenommen. Diesmal gabs deren zwei, die beiden Gemeinderabbiner Dr. Julius Fischer und Dr. Simon H e v e s i. Beide wurden schon tags vorher durch eine Deputation eingeladen, als Ehrenmitglieder in den Verband der Chewra einzutreten, was dankend angenommen wurde. Punkt 9 Uhr bestieg das Präsidium und der Vorstand der Chewra mnd der Gemeinde die Estrade. Unter einem prächtigen Baldachin saßen die beiden Präsidenten Jacob Bo sch an und Hofrat Philipp Weinmann. Ihnen zur Seite nahmen Platz Schriftführer Generalsekretär Dr. Franz Mezey und als Kassier Hatvany-Deutsch de Hatvan mnd Dr. Wilhelm Grauer. Vom ständigen Aufnahmskomitee sahen wir die Hofräte Berthold W e i s z und Lazar Samuel, Ludwig W o l f n e r de Ujpest, Benedict B a r o n y i de Csangohetfalu, Konsul Emerich Birnbaum, Julius Adler, Moriz Lindenbaum. Moriz R o f e n b e r g, Samuel Eisler, Direktor Arnold K o h n, Alexander Deutsch de .Halom, Dr. Moriz W i t t m a n n, Philipp B a k u. a. Chewrapräsident Jacob Boschan eröffnete die „Festzeit" der Chewra Kadischa, begrüßte die Erschienenen und entsendete eine Deputation zur Einholung der beiden Gemeinderabbiner. Als dieselben den Saal betraten, umbrauste sie ein nicht endenwollendes Eljenrufen. Sie schritten bis zur Estrade, allwo ihnen der Präsident seine Hand entgegenstreckte und jedem einzelnen verkündete, es freue ihn, daß die Versammlung sie zu Ehrenmitgliedern der Chewra gewählt hat, er nehme sie daher ehrenhalber in den Verband der Chewra Kadischa auf und rufe ihnen zu: „Achenu ato!“ . . . Lebhafte Eljenrufe der Versammelten verkündeten deren Zustimmung. Von den im Ornate erschienenen Rabbinern ergriff zuerst Dr. Julius Fischer das Wort. In dem färben- und duftreichen Kranze menschlicher Tugenden — so ungefähr sagte Redner — gibt es eine gar herrliche Blume: die Dankbarkeit. Und diese ist es, welche aus der Tiefe seines Herzens jetzt hervorsprießt. Erfindet nicht genügende Dankesworte, der .„heiligen" Versammlung für die ihm erwiesene große Auszeichnung den gehörigeu Dank abzustatten. Als er den Saal betreten, da fielen ihm die Worte des Wochenabschnittes ein: „Der Boden, aus dem du jetzt stehst, ist heiliger Boden." Das Judentum kennt keine Heiligen und nichts Heiliges, denn es gibt nur einen Heiligen: Gott!. . . Die große, auf dem Gesamt- Erdenrunde nicht ihresgleichen findende Pestec Chewra Kadischa jedoch -führt mit Recht den Titel: „Heilig", weil nach einem talmudischen Ausspruche alle, die sich Gott nähern, seine erhabenen Eigenschaften nach Tunlichkeit nachzuahmen haben. Und solches tut unsere Chewra. Sie pflegt Kranke, tröstet die Trauernden, hilft den Armen und begräbt die Toten. Doktor Fischer schloß seine herrliche Rede mit einem Gebete für das Wohl der Vereinsleitung und für das fernere Gedeihen der echt jüdischen, eminent wohltätig wirkenden Chewra. Als zweiter Redner sprach Dr. Simon H e v e s i. Es gibt im Judentum keine heiligen Gräber, ja man kennt nicht einmal die Grabstätte unseres unvergeßlichen Lehrer Moses — so ungefähr begann Redner — itnb all die Gräber, in denen die sterblichen Reste jüdischer Männer und jüdischer Frauen ruhen und für heilig gelten, sind von Nichtjuden als „heilige" Gräber deklariert worden. Die Pietät, welche die Chewra ihren Toten erweist, ist das Band, welches die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet, das ist der eine Grundzug der Chewra Kadischa. Den zweiten findet er darin, was die Chewra wahrhaft Großes leistet an den Lebenden. Beide sind Ausflüsie der reinsten, jüdischen, werktätigen Menschenliebe, und die allein ist es, welche die Chewra Kadischa befähigt, ihrer Riesenaufgabe in mustergiltiger Weise gerecht zu werden. Einem solchen Verbände anzugehören, erfüllt jeden mit freudigem Stolze und er danke aus vollstem Herzen für die ihm zuteil gewordene, ihn hochehrende und beglückende Auszeichnung. Beide Reden wurden höchst beifällig ausgenommen. Nachdem die brausenden Eljenrufe verklungen waren, trat der eminente Oberkantor Israel T k a t s vor die Estrade und wurde ebenfalls ehrenhalber ausgenommen. Er dankte bloß mit zwei Worten: „köszönöm azepen!“ (Danke schön.) Jetzt begann die Aufnahme der zahlenden Mitglieder. Gemeindevorsteher Wilhelm Grauer bot für die Aufnahme seines kleinen sechseinhalbjährigen Söhnleins Max 200 Kronen als Aufnahmsgebühr an, was mit Begeisterung angenommen wurde. Dr. Grauer dankte bestens und sagte, er habe sein Söhnchen deshalb so jung aufnehmen lassen, weil er die Gegenwart in Verbindung bringen wollte mit der Vergangenheit und daß sein Sohn je mehr Gelegenheit habe, an den herrlichen Werken dieser edlen Vereinigung teilzunehmen. Die Versammlung wünschtedem würdigen Vater, daß die Teilnahme seines Sohnes sich auf sieben bis acht Jahrzehnte erstrecken möge. Noch eine Aufnahme ad üonorss hat stattgefunden. Der k.u. k. Oberst Michael H e r s ch erschien en pleine parade mit der Feldbinde und dankte für die Auszeichnung, die ihm zuteil geworden. Dies sei der schönste Moment seines Lebens. Während seiner 38jährigen Dienstzeit habe er nie aufgehört Jude zu sein. Er habe die Thora über alles hochgehalten und geehrt und gelobe: so lange auch nur ein Tropfen Blut in seinen Adern rollen werde, werde er nicht aufhören Jude zu sein! Großer Beifall und Händeklatschen lohnten die erhebenden Worte des hohen Offiziers. v. EL 8. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag, den 11. Jänner abends, Predigt im Stadttempel und im Tempel, XV., Turnergasse 22. Wien Im Tempel für den IV. und V. Bezirk, Margaretenstraße Nr. 73, wird anläßlich des 80. Geburtsfeftes Sr. k. u. k. Hoheit des Herrn Erzherzogs Rainer Freitag, den 11. d. M. um 5 Uhr nachmittags ein solenner Gottesdienst abgehalten. Wien. Die Religionsprüfungen für Mittelschüler finden im ersten Semester des Schuljahres 1906/7 Dienstag, den 22. Jänner 1907, von 3—5 Uhr nachmittags, in der Religionsschule der isr. Kultusgemeinde (I., Seitenstettengasse 2, II. Stock) durch Herrn Professor Dr. Heinrich P o l l a k statt. Wien. Am 3. Jänner ist in Tevlitz (Böhmen) der ehemalige Bürgerschuldirektor in Wien, Herr David Simon, nach lauger Krankheit im 6®. Lebensjahre gestorben. Er war ein ausgezeichneter Schulmann und während der Zeit, da er dem Wiener Kultusvorstande angehörte, nahm er an den Arbeiten der Schulsektion hervorragenden Anteil. Sein Scheiden aus dieser Körperschaft wurde, als er aus Gesundheitsrücksichten sich von jeder öffentlichen Tätigkeit zurückzog und nach Teplitz übersiedelte, allgemein und lebhaft bedauert. In der letzten Plenarsitzung des Kultusvorstandes hielt der Präsident Dr. Alfred Stern dem Andenken des Verblichenen einen ehrenden Nachruf. Wien. Sonntag, den 6 d. M. fand die Vermählung des Herrn Felix P o l l a k Edlen von P a r n e g g mit Fräulein Elfe Hirsch statt. Der Bräutigam ist ein Sohn des Präsidenten des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, Herrn Leopold P o l l a k Edlen von P a r n e g g, die Braut eine Tochter des Herrn Karl Hirsch und Nichte des verewigten Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde kais. Rat Moriz H i r s ch. Die Trauungszeremonie, welcher die Angehörigen und intimsten Freunde der beiden Familien beiwohnten, wurde im Hause der Brauteltern durch Oberrabbiner Dr. Güdemann und Oberkantor Singer vollzogen. Wien. (Religionslehrer-Berein „Esra".) In der am verflossenen Sonntag stattgehabten Generalversammlung des Vereines wurden nachfolgende Herren in den Vorstand gewählt: Wilhelm Breuer, Obmann; Markus Stengel, Obmannstellvertreter; Lazar W i e s n e r, Kassier; Wilhelm T o ch, Schriftführer; Max Rindskopf, Adolf R o t t e r. Dr. Jakob Weiß, Ausschußmitglieder. Wien. Sonntag, den 6. d. M., fand im isr. Taubstummeu-Jnstitute für die vor vier Wochen verstorbene Frau Anica C o v o, Gattin des Herrn Arnvld C o v o, ein Requiem statt, an welchem außer den Familienmitgliedern zahlreiche Trauergäste teilnahmen. Die Gedenkrede hielt Herr Direktor Brunner und die kantorale Funktion versah Kantor D. L. R o t t e r. Wien. Am 4. d. M. ist hier Herr Markus Popper, k. k. Polizeiinspektor i. P., der Vater des Steueramtsleiters der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Adolf P o p p e r, im 64. Lebensjahre gestorben. Das Leichenbegängnis, bei welchem Rabbiner Dr. Bach und Kantor S m otritzky in wahrhaft erhebender Weise fungierten, fand Sonntag den 6. Jänner unter zahlreicher Teilnahme statt. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othmargasse 46.) Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Beginn der Borträge: An Wochentagen um */,8 Uhr abends, Samstag, Sonnunir Feiertage 7 Uhr abends. Wochenprogramm: Freitag, den 11. Jänner: Bibelvortrag. Religionslehrer Leopold Weiß. Samstag, den 12. Jänner: Konzert. Sonntag, den