Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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v •. v j i! «bk«.- Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 2 vorangegangenen Berichtsjahren. Die Zahl der Vereinsmitglieder, 320. ist beinahe gleich geblieben. Bei den Sitzmiete-Einnahmen. K 14.890-70 gegen K 15.356-44 im Vorjahre, zeigt sich eine Verminderung um K 466 74. was sich durch den früheren Eintritt der hohen Festtage erklärt. Derselben Ursache schreiben wir die geringe Abnahme der Spenden zur Erhaltung des Gotteshauses, K 6504*34 gegen K 7067-72, zu. Die Einführung des allwöchentlichen Mittelschul-Gottesdienstes und der Aneiferung ausgezeichneter, für unseren heiligen Glauben begeisterter Religionslehrer verdanken wir, daß nunmehr alle im IX. Berirke wohnhaften Knaben bei Eintritt des vorgeschriebenen Alters feierlich konfirmiert werden. Dagegen wurden trotz unseres an die Eltern gerichteten Rundschreibens nur 40 Mädchen konfirmiert, wobei wir das auffallende Fernbleiben der wohlhabenden Kreise nicht übersehen können. Wir schreiben diese bedenkliche Tatsache dem ungenügenden Religionsunterrichte in den Privatschulen für Mädchen zu und empfehlen diese letzteren der besonderen Fürsorge unserer Gemeinde. Sind doch in erster Reihe unsere Töchter berufen, die Liebe zum angestammten Glauben in die Herzen unserer Enkel zu pflanzen. Auch die Zahl der im Berichtsjahre vorgenommenen Trauungen, 80, ist fast unverändert geblieben. Trotz der uns von Seite des Kultitsvorstandes erteilten Zusicherung, ausnahmslos bei Beerdigung aller im Bezirke Verstorbenen die Verwendung unserer Funktionäre den Hinterbliebenen anheimzustellen, wurden die ersteren nur in 5 Fällen zur Funktion berufen. Wir müssen annehmen, daß die Trauernden nicht in allen Fällen auf dieses Recht aufmerksam gemacht werden, wiewohl alle Kultusdiener Anspruch auf gleichmäßige Fürsorge der Kultusgemeinde hätten. Die bedrängte ökonomische Lage unserer Beamten hat uns erst in den letzten Tagen veratilaßt, ihiten einen Teuerungsbeitrag in der Höhe von 100/o ihres Gehaltes zu bewilligen. Derselbe wird im nächstjährigen Rechenschaftsberichte zum Ausdrucke kommen. Ebenfalls iu letzter Zeit hat unser Mitglied Herr Josef S i e b e n s ch e i n gemeinsam mit den aüderen Erben nach der seligen Frau Fanni Kann zu ihrem Andenken unserem Vereine X 10.000.— gewidmet. Für diesen die Verstorbene wie deren überlebende Verwandte ehrenden Akt besonderer Großherzigkeit sprechen wir ihnen auch an dieser Stelle unseren wärmsten Dank aus. In gleicher Weise gedenken wir dankbar des sel. Herrn Leop. Leon Lederer, der. ohne dem Vereine jemals als Mitglied angehört zu haben, doch denselben in seinem Testamente mit einem Legate von K 500.— bedachte. Auch diese beiden Widmungen werden im nächstjährigen Berichte ausgewiesen werden. Seit unserer letzten Vereinsverfammlung haben wir den Hintritt folgender Vereinsmitglieder zu beklagen: Carl Rieß, kaif. Rat Bernhard Stein Hof und Moritz Dornreich. Wir werden ihnen stets ein ehrendes Angedenken bewahren. (Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen.) Die Not der Zeit sowie die täglich zunehmende Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen machen uns unsere Aufgabe, unser schönes Gotteshaus aus freiwilligen Beiträgen würdig zu führen, immer schwieriger. Wir rufen die verehrten Mitglieder, unsere allverehrte Muttergemeinde, sowie alle Glaubensgenossen unseres Bezirkes auf. uns in unserem Streben mit allem Eifer zu unterstützen, Gott zur Ehr', den Menschen zum Wohle." Die General-Versammlung genehmigt hierauf Gebahrungs- Ausweis und Bilanz-Konto und erteilt dem Vorstande einstimmig das Absolutorium. Obmann-Stellvertreter Dr. Moriz S ch n e p p kandidiert zur Wiederwahl. Redner verweist auf die hohe Bedeutung des Kultus, auf die großen Opfer, die zu diesem Zwecke von den Tempelvereinen gebracht werden, tadelt das geringe Entgegenkommen der durch die Vereine entlasteten Kultusgemeinde bezüglich Berücksichtigung der Vereinsfunktionäre bei Leichenbegängnissen und schließt mit folgenden Worten: „Nach Recht und Billigkeit sollte jeder Bezirk im Kultusvorstand einen Vertrauensmann sitzen haben, der über die Bedürfnisse des Bezirkes Aufschluß geben sollte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung seines Bezirkes vertreten könnte. Werden Sie. meine geehrten Herren, mir heute wieder ein Mandat anvertrauen, so werde ich gewiß auf ein friedliches Einvernehmen zwischen unserem Vereine und der verehrten Kultusgemeinde hinwirken und zu beweisen suchen, daß wir getreue Anhänger unserer Muttergemeinde sind, daß wir keine separatistischen Absichten haben und nicht etwa eine Gemeinde in der Gemeinde bilden wollen, aber mehr Konnivenz und Beachtung verlangen." Es wird sodann zur Neuwahl von drei Mitgliedern in den Vorstand geschritten und werden die nach Ablauf der dreijährigen Mandatsdauer statutenmäßig ausscheidenden Herren Dr. Mor. S ch n e p p, Ignaz Simon und kaiserl. Rat Wilhelm einstimmig wiedergewählt. In den Ausschuß werden gewählt die Herren: Salo Fuchs, Dr. Alfred G l o g a u, Leop. Hendl. Gerson K o r a l e k, Wilh. Pappenheim, Dr. Ad. Steiner, Josef Steiner und Isidor T r e b i t s ch. Der Vertreter der Kultusgemeinde, Baurat Theodor R. v. G o l d s ch mi d t, beklagt die intensive Apathie, die sich überall dem Kultus gegenüber bemerkbar mache. Um so mehr Dank sei die Gemeinde dem Vereine schuldig, die sich um die Hebung des Kultus große Verdienste erworben hat. Redner bedauert, daß die Mittel der Gemeinde nicht ausreichend seien. Er gebe zu, daß die Subvention, die der Tempelverein erhalte, keine große sei, die Gemeinde tue jedoch, was in ihrer Macht stehe. Bezüglich der Zuziehung der Bethaus-Funktionäre zur Funktion bei Leichenbegängnissen müsse sich im Jahresbericht ein Irrtum eiugeschlichen haben. Eine derartige fixe Zusicherung sei von Seiten des Kultusvorstandes nicht gemacht worden. Auf die Ausführungen des Herrn Dr. S ch n e p p entgegnend, erklärt Redner, daß die Wahlen, in den Kultusvorstand sich ganz unabhängig vom Vorstande vollziehen, und schließt mit der Bemerkung, daß in naher Zukunft das Verhältnis der Tempelvereine zur Muttergemeinde systematisch umgestaltet und daß dann den Wünschen der Tempelvereine in weitestgehender Weise Rechnung getragen werden dürfte. Obmann Gottlieb B e t t e l h e i m sieht sich durch die Aeußerung des Vertreters der Kultusgemeinde, daß sich in dem Jahresbericht ein Irrtum eingeschlichen haben müsse, zu einer Entgegnung gezwungen. Es sei dem Vereine von Seite des Kultusvorstandes ausdrücklich und zwar schriftlich die Zusicherung gegeben worden, daß bei Ableben von Mitgliedern des Tempelvereines oder deren Angehöriger in der Regel die Funktionäre des IX. Bezirkes zur Verwendung kommen sollten, in allen anderen Fällen aber dann, wenn die Hinterbliebenen es wünschen sollten. Diese Zusage besteht, und es kann daher von einem Irrtum nicht gesprochen werden. Wie eine Krankheit nicht durch Bekämpfung, einzelner Symptome geheilt werden könne, so nütze es auch nicht einzelne Beschwerden gegen die Gemeindvorstehung zu erörtern. Man müsse dem Uebel auf den Grund gehen. Schon vor nahezu 2000 Jahren hat unser Lehrer Hillel den Grundsatz aufgestellt „Kol Isroel jescli lohem. eheskas Kaschrus“, in religiösen Dingen ist jeder Jude vertrauenswürdig. Der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde aber begegnet den Gemeindeangehörigen, insbesondere den Tempelvereinen, trotzdem diese naturgemäß keinerlei egoistischen Zwecke, sondern nur das Wohl der Gemeinde anstreben, mit großem Mißtrauen. Dies gehe schon aus den Statuten hervor, weil z. B. nicht nach Kultusbezirken gewählt wird, sondern die ganze Gemeinde einen einzigen Wahlkreis bildet, weiters das Wahlrecht von der dreijährigen Seßhaftigkeit abhängig gemacht sei, während dieselben Herren, die dieses Erfordernis aufgestellt haben, das Verlangen der jetzt in Niederösterreich herrschenden Partei nach einjähriger Seßhaftigkeit auf das heftigste bekämpfen. ' Auch die Zusammensetzung der Bezirkskommissionen z. B. beweise dieses Mißtrauen gegen die Gesamtheit der Steuerträger. Sonst könnte man nicht den vermöge ihrer kunstvollen Zusammensetzung ohnehin zu einem willenlosen Werkzeuge der Kultusgemeinde gemachten Bezirks-Kommissionen erst recht jeden befriedigenden Wirkungskreis vorenthalten. Diesem unfaßbaren Mißtrauen, nicht aber den Verträgen mit den Gemeinde- Funktionären, ist es auch zuzuschreiben, wenn die Funktionäre der Tempel-Vereine von der Mitwirkung bei Leichenbegängnissen möglichst ferngehalten werden. Man will ihnen eben bei jeder