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Die Wahrheit · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 2. den Bürgermeister" studieren. „Auf den Geistlichen studieren", sagt der sächsische Bauer in Siebenbürgen. Nun, das wohl nicht. Aber wollte er ehrlich sein, müßte er sich folgendermaßen vernehmen lassen: »Werdet Magistratsbeamte und dabei überzeugte Antisemiten, das ist wenigstens jetzt das rentabelste Geschäft. Jeder strebsame Student antisemitischen Couleurs führt, wenn er zum Heerbann seiner Partei berufen wird, den Hofratstitel im Tornlster, viele Geßmann. Sehl übrigens mich an, wenn Ihr was Schönes sehen woM" So müßte er sprechen, und er täte es auch, wenn er dürfte. Warum er's nicht darf? Zum Teufel auch, weil eine herrschende Partei Leute braucht, über die sie zu herrschen habe, Leute, viele Leute, Millionen, und zwar recht viele; das kleine Mazedonien, das Land Niederösterreich, wird unserem großen Eroberer Alexander, pardon, Karl Lueger, schon zu klein, er möchte das ganze große Ostreich unterkriegen. Hat er ja auch beim Reiten der schwarzen Mähre, des klerikalen Buzefal, seine Meisterschaft bewiesen. Ist die Art der Beantwortung der ihm gestellten Frage ja auch ein anständiges Reiterkunststückchen! Wie mag der Herr Bürgermeister, wenn er in vergnüglicher Weihnachtsstimmung an der Seite irgend eines Prälaten beim funkelnden Weine saß, über das juxige Judenblatt gelacht haben, das ihm zur rechten Zeit Gelegenheit zum Agitieren gebe, wo er schon zu alt und bequem geworden, es übrigens auch nicht mehr nötig habe, persönlich zu haranguieren. Also, was für Leute eignen sich am besten zum Beherrschtwerden? Kleingewerbleute natürlich, kleine Leute, am besten Greisler und Krämer, die früh und spät „Bvckshörndln" und »Zuckerln" verkaufen, die nicht Zeit zum Denken haben, als deren Schutzherr und Patron er sich dann aufspielen, die er mit den Segnungen seines mittelalterlichen Jnnungswesens beglücken kann und die ihm als dem Herrn von Wien zujubeln. Werdet Straßenkehrer und Schueeschaufler, liebe Leute, damit der hohe Lohn, den jene erhalten, sich reduziere. und daß der Säckel Euerer lieben Vaterstadt Wien nicht so in Anspruch genommen sei, damit man mehr Kirchen bauen könne, in denen Ihr nach der; Woche Mistkehren Euerem Herrgott danken könnt, einen um Euer Wohl so besorgten Bürgermeister zu besitzen! Seht, in Amerika schämen sie sich nicht, die Pfützen rein zu fegen, und Ihr wolltet Euch genieren? Zwar dort drüben verwetten sie nicht lange bei dieser ehrsamen Betätigung ihrer geistigen^und körperlichen Fähigkeiten, und aus sehr vielen Schuhputzern entwickeln sich später Milliardäre, die dem schnöden Mammon nachjagen und große Nimrode der Jagd nach dem Dollar werden, doch Ihr, seid Ihr nur erst einmal Schuhreiniger und Gassenfeger, werdet schon um Euerer ewigen Seele willen und wegen deren Heiles so sündige Gelüste unterdrücken und fein bescheiden Straßenkehrer bleiben. Um Euch in diesem löblichen Tun zu unterstützen und Euch vor Versuchung zu bewahren, beabsichtige ich auch. Euch weniger lernen zu lassen und die Schulpflicht herabzusetzen. Ich habe mich sachte im Eifer geredet und will stopen. Es ist nicht der Mühe wert und nützt auch nichts. Während rings in Europa an den Fundamenten pfäsfischer Macht gerüttelt wird und diese zu weichen beginnen, erhebt sich in Oesterreich immer stolzer und fester ein Zwinguri zur Fesselung des Fortschrittes und der Aufklärung- Dagegen kann die schönste Eloquenz nicht aufkommen. Doch trösten wir uns: Oesterreich ist nicht die Welt und die Gegenwart kann sich nicht zur Ewigkeit sestlegen. Ich bin mit den alten Griechen geneigt, in der Eule den Vogel Minervas zu erkennen, sie gilt mir nicht als Symbol der Reaktion wie uns Neueren, sondern als das der Klugheit und des Scharfsinns. Ich schließe daher mit dem Ausrufe: Traget Eulen nach Wien, es tut not; immer dunkleres Gewölk zieht sich um den Stefansturm zusammen, traget Eulen hierher! 8. Vineta. Kalo,non Kuder. In dem Augenblicke, da ich bewegten Herzens die Feder ansetze, um dem Manne von der Feder einige flüchtige Worte wohlverdienter Würdigung in diesen Blättern zu widmen, wölbt sich in -Lemberg über dessen Sarg der frische Grabeshügel. Salomon Buber weilt nämlich seit vorgestern nicht mehr unter den Lebenden.*) Kaufmann und hebräischer Schriftsteller in einer Person ist in jüdischen Kreisen Osteuropas allerdings keine sehr seltene Erscheinung. Man denke beispielsweise an Laut erb ach, P i n e l e s und R e i f m a n n. Buber überflügelt sie aber unstreitig durch seine ungewöhnlich fruchtbare, ungefähr zwanzig Publikationen, die Arbeit eines halben Jahrhunderts, umfassende, schriftstellerische Tätigkeit, die mit der Veröffentlichung des Buches: „Toldoth Eliahu ha-Tischbi“ (Leipzig 1856) ihren Anfang nahm und mit dem Werke: „8eter ha-Orali“ (Lemberg 1905) einen würdigen Abschluß fand. Den meisten seiner Schriften lagen Manuskripte, zuweilen sogar verschiedene, oder alte und seltene Editionen zugrunde, die er, der phänomenale Kenner der Midrasch-Literatur, sich mit sehr namhaften materiellen Opfern im Originale oder in Abschrift zu verschaffen wußte und die er mit kritischem Sinne, nicht selten mit einer erstaunlichen Kombinationsgabe, verglichen, geprüft, gesichtet und kommentiert hat. Eine ganz besondere Meisterschaft entfaltet Buber in seinen literarhistorischen Einleitungen zur „Pesikta“ (Lyek 1868) und zum erwähnten „8eter lia-Orah“, wo er den Leser mit* stilistischer Gewandtheit, sachlicher Durchsichtigkeit und erschöpfender Darstellung über alles und jedes orientiert und ihm von dem erörterten Gegenstände ein scharfes Bild vermittelt. Unterstützt von einer profunden Belesenheit im jüdischen Schrifttum, versteht es sein psadfinderischer Geist, mit farbensatten Conrouren die Lichtbahn zu bezeichnen, auf welchem sein Forscherblick zum angestrebten Resultate gelaugte. Schon wegen dieser ihrer glänzenden Eigenschaften zählen Bub ers Schriften zu den wertvollsten ihres Genres und werden demgemäß sicherlich nicht verfehlen, dem verewigten Meister ein ehrenvolles Gedenken im Schoße der Judenheit zu stiften. I g l a u, 30. Dezember 1906. Dr. I. I. U n g e r. Aus der Wiener Kultnsgemeinde. In der am 6. Jänner unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung, an welcher zum ersten Male die im Dezember v. I. neugewählten Vorstandsmitglieder teilnahmen, fand die statutenmäßige Kon-! stituierung des Kultusvorstandes statt. Vor Uebergang zur Tagesordnung hielt der Präsident folgende Ansprache: „Es obliegt mir heute die traurige Pflicht, eines dahingeschiedenen ehemaligen Kollegen, des Herrn Direktors David Simon, zu gedenken. Nur wenige Jahre war es dem Vorstande vergönnt, diesen vortrefflichen Mann in seiner - Mitte wirken zu sehen, aber die kurze Zeit hat genügt, die reichen Gaben des Verewigten, die hervorragenden Eigenschaften seines Geistes und seines Herzens zu erkennen, ihm die Hochachtung und Wertschätzung seiner Kollegen zu erwerben. Es war ein jüdischer Schulmann im besten Sinne des Wortes. Er hat die Anregung zur Gründung einer jüdischen Religiouslehrer-Bildungsanstalt gegeben, die, wie Sie wissen, vor wenigen Wochen ins Leben getreten ist, und auch sonst verdankt das Unterrichtswesen der Gemeinde dem reichen pädagogischen Wissen, der großen Erfahrung des Verewigten manch schätzenswerte Anregung. Wir hörten seine Meinung, seinen Rat immer mit der größten Aufmerksamkeit. in dem Bewußtsein, daß das, was er sagte, seiner innersten Ueberzeugung entsprang. Wir werden ihm stets ein treues Andenken bewahren. Sie haben sich, sehr geehrte Herren, zum Zeichen der Trauer von Ihren Sitzen erhoben und sind gewiß einverstanden, daß diese Trauerkundgebung dem Protokolle einverleibt und der Familie des Verewigten zur Kenntnis gebracht wird." Nach Bekanntgabe der Spenden und des Einlaufes wird zur Wahl des Präsidenten geschritten, wobei 30 Stimmen ab- *) Die Veröffentlichung dieses schon für die vorwöchentliche Nummer bestimmten Nachrufes mußte leider, infolge technischer Hindernisse bei Zusammenstellung des Blattes, für diese Woche verschoben werden. Die Redaktion.

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