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Die Wahrheit · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion 11. Administialioii: Wien, II/, Novaragasse 27. Telepyvil Nr. k>er Druckerei 1630L Ittl'errlie Die. viermal gespallene Nonpareille-Zeile 2ö Heller. NdoiineineulS- 11. Juiei tionsbetrage sind iii Wie» zahlbar | und klagbar. Anakhängige Heikfchrifi für jäöische InLere^em ArscheinL jeden Kreilng.!^otio: „Orr-, Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j! Ve^ugspueis: |j lÄnuziavrig ... ft >4.— jj Halbjährig . ft. 7.— |i {^iir Cultnsbeniilte: ij I iS'iimifibvia . ft. 1« - Für AuSlnild:! Ivaiizjährig . . . » Mark! t> Rubel oder 1 t.fici. Ur. 2. Wien, 11. Jänner Inhalt: Lueger als Berufswegweiser. — Salomon Buber. — Aus der Wiener Kullusgemeinde. — Bethausverein im IX. Bezirke. — Aus der Pester Chewra Kadischa. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Rose von Saron. — 25jähriges Amtsjubiläum — Pensionsversicherung der Privatbeamten. Lueger als Kernfswcgweiser. Jüngst hatte das „Nene Wiener Tagblatt" den ingeniösen Einfall, an mehrere im öffentlichen, kommerziellen und industriellen Leben stehende, hervorragende Persönlichkeiten eine Anfrage zu richten, eine „Rundfrage", wie der beliebte technische Ausdruck lautet. Die bequeme Gewohnheit, solche Zirkuläre zu versenden, das große Publikum zu unentgeltlicher Mitarbeiterschaft heranzuziehen und auf solche Art den honorarhungerigen, auf Betätigung angewiesenen geistigen Arbeitern ein Schnippchen zu schlagen,' hat sich in letzter Zeit bei unseren Zeitungen sehr eingebürgert. Gerade das „Neue Wiener" ist es, von dem man sich die Adoptierung dieser findigen Methode am allerwenigsten versehen möchte. Denn Eduard Pötzl, der Feuilletonredakteur dieser Zeitung, fiel vor ungefähr einem Jahre mir grimmigem Spotte über die Wiener „Wage" her, als diese die Oeffentlichkeit um. ihre Meinung über die sogenannte freie Ehe befragte, die der Schriftsteller Roda Roda mit einer Baronesse eingegangen. „Gott, wie billig ist das!" rief damals Pötzl mit zweideutiger Emphase aus. Er wollte damit ausdrücken, daß sich die „Wage" weder in materielle, noch in geistige Unkosten gestürzt hatte. Nun Wurst wider Wurst! Auch wir wollen zweideutigen Wortwitz anwenden und fragen: Ist es weniger billig, unsere Lenker, Hochschullehrer, unsere hohen Offiziere und den Wiener Bürgermeister zu fragen, welchen Beruf die Jugend ergreifen solle? Wir denken, es ist sehr wohlfeil, denn das Thema ist schon sehr oft breitgetreten worden. Nun wollen wir aber anders fragen: Ist es überhaupt billig, wenn ein Blatt, welches als liberal gilt und welches vom „Deutschen Volksblatt" und „Kikeriki" Judeublatt geschimpft wird, an den Dalai Lama der Antisemitenpartei Fragen stellt? Nein, das ist nicht billig und spricht allen Rechtsbegriffen Hohn. Das kann unter Umständen sogar ein sehr teuerer Spaß werden und der liberale und dabei urteilsfähige Teil der Leser des „Neuen Wiener" könnte sich vielleicht darüber erbosen. Doch wir sind nicht dazu da, die Interessen dieser Zeitung zu wahren, diese wird wohl wissen, was sie tut. Es ist ja immerhin möglich, daß sie an ihrem Abonnentenkreis einen Abbröckelungsprozeß sich vollziehen sieht, da ja die antisemitische Hochstut in Oesterreich immer mehr an Boden gewinnt, und da möchte man denn versuchen, zweien Herren zu dienen und, dem Chamäleon gleich, die Farbe zu wechseln. In einer Zeit, in welcher der Antisemitismus anfängt hoffähig zu werden, in welcher Geßmann der Hofratstitel verliehen wird, kann einer nichtchristlichsozialen, um ihre Prosperität besorgten Zeitung schon angst und bange werden. Das muß man zugeben.! Nun wir schon dahin gelangt sind, nach Erklärungs- und! Milderungsgründen für das Verhalten des „Neuen Wiener"! zu suchen — welch schöner Beweis unserer Objektivität! — so! wollen wir auch nicht verschweigen, daß es immerhin möglich! ist, die Zeitung halte sich an eine Konzession des Talmud; j denn dieser sagt: „Von Natur aus ist der Mensch berechtigt, alles zu fragen, denn wer wollte es ihm wehren?" Wenn es nun auch zweifelhaft ist, ob Hobbes, Hugo Grotius und Jhering, die sich mit dem Naturrecht beschäftigten, hierin übereinstimmen, so kann das „Neue Wiener Tagblatt" sich doch ungescheut auf die Autorität des Talmud berufen, obgleich dieser letztere nicht auch zugleich präzisiert, wen man zu fragen habe: Alles darf man wohl fragen, aber auch alle? Unsere Leser werden nunmehr auch erfahren wollen, wie sich Lueger geäußert. Nun sehr einfach. Wie die Frage, so die Antwort. Gab sich die Zeitung den Anschein, als ginge ihr! lediglich die Zukunft unserer Jugend zu Herzen, während sie j um ihre eigene Haut besorgt war, so wäre es geradezu ein! Wunder, wenn der diplomatische, aus der Schule der Jesuiten hervorgegangene Bürgermeister die Heuchelei nicht durchschaut und nicht beschlossen hätte, das maskierte Spiel der Gazette mit einem meisterhaften Schachzug zu erwidern. Harmlos liest sich der unserem Nachwuchs erteilte Rat des Bürgermeisters, sich der Elektrotechnik zu widmen, weil sie eine große Zukunft vor sich habe, etwas, aber nur um eine verschwindende Nuance weniger harmlos hört sich die Weisung an, sich dem Kleingewerbe und dem Handwerke zuzuwenden, das noch immer goldenen Boden habe. Am wenigsten harmlos, aber noch immer unschuldig naiv sich gebend, so daß die meisten, wenn nicht alle, achtlos daran vorübergehen, erscheint der Stoßseufzer Luegers, wie unrecht es hierzulande sei, vor Stieselputzen und Straßenkehren zurückzuschrecken, während es in Amerika keine Schande wäre, sich diesen ehrenvollen Beschäftigungen zu ergeben. Der Bürgermeister hüllt sich in die Toga eines demokratischen Tribunen, und auf den ersten Blick könnte man sich wirklich täuschen lassen und in ihm einen getreuen Eckhard und weisen Ratgeber vermuten. Leuchten wir jedoch der vermummten Gestalt ein wenig ins Gesicht, versuchen wir hinter die Draperie zu schauen oder, um' ein zutreffenderes Bild zu gebrauchen, kratzen wir den dünnen Firnis des gebildeten Russen herunter, und der Barbar kommt zum Vorschein. Wohl ist es dem Bürgermeister nicht vergönnt, es den anderen Befragten gleich zu tun. Der Feldzeugmeister munterte zur militärischen Laufbahn an, der reichgewordene Bankier zur kaufmännischen, soll Lueger'etwa dafür sein, daß die Kinder „auf

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