Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 1 Die Wahrheit Wien. Fräulein Stephanie Planer, Dirertrice der Lehranstalt für Schnittzeichnen und Kleidermachen, II.. Schinelzgasse 7, hat sich mit dem Beamten der Jnternattonalen Transportgesellschaft. Herrn Heinrich R i e s e n f e l d, verlobt. Wien. Samstag, den 29. Dezember v. I., feierte das langjährige eifrige Vorstandsmitglied der Fugbach-Synagoge, Herr Salomon Beck, seinen 70. Geburtstag in vollster Rüstigkeit. Im Bereinsbethause erschienen zu Ehren des Jubilars der gesamte Vorstand mit dem Obmanne Kultusvorsteher Adolf Schrämet au der Spitze und die Söhne des Jubilars. Rabbiner A b e l e s hielt eine schwungvolle Ansprache und Kantor Fischer rezitierte einen für diesen Zweck verfaßten Mischeberach. In der Wohnung des Jubilars erschienen die Kultusvorsteher Schrame k, Dr. L ö w y und zahlreiche Gratulanten. Oberkantor Bauer, ein Neffe des Jubilars, überreichte eine kalligraphisch ausgeführte hebräische Adresse. Am Abende vereinigte sich die Familie des Jubilars zu einem fröhlichen Bankett. Wien - Floridsdorf. ' (Talmud - Thora - Vere i n i n Floridsdorf.) Am 30. Dezember v. I. fand die Generalversammlung dieses Vereines statt. Der Ehrenpräses dieses Vereines, Bezirksrabbiner Dr. R o s e n m a n n, eröffnete die Versammlung und begrüßte die Anwesenden aufs herzlichste. Er widmete dem vor kurzem verstorbenen, sehr verdienstvollen bisherigen Obmanne des Vereines, Dr. Leopold Grünwald s. A.. einen warmempfundenen Nachruf. Die Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen. Es wird beschlossen, diese Kundgebung im Protokolle festzuhalten. Bei der hierauf vollzogenen Neuwahl des Vorstandes wurden einstimmig folgende Herren gewählt: Zum Obmanne Max N e u m a n n, zum Obmannstellvertreter Emanuel G r ü n w a l d, zum Kassier Simon C z a c z k a. zum Schriftführer Dr. Samuel R u ß. zum Kontrollor Oberlehrer Jgn. L ö w und zu Beiräten Dr. Jakob König und Gabriel Dukes. Herr Beny Deutsch, der sich um den Verein große Verdienste erworben hat, wird zum Beirate kooptiert. Es wird beschlossen, letzterem ein Anerkennungsschreiben zu widmen. Mit Befriedigung konstatiert der Vorsitzende den günstigen Stand des Vereines und die segensreiche Wirksamkeit desselben und schließt die Versammlung mit dem Appell, es möge jeder in seinem Kreise für den Verein agitieren, damit er zu höheren Zielen gelangen könne. Feuilleton. Die Zote von Saron. Novelle von Babette Fred-Prag. -(Fortsetzung.) So eingesponnen in ihre körperliche und geistige Beschäftigung, fühlte sich Hanna zum ersteu Male glücklich, seitdem sie an der Seite des ungeliebten Mannes ihr traütes Elternhaus verlassen hatte, und mit dem demütigenden Bewußtsein ihr neues Heim betrat, daß sie nicht nur nicht liebte, sondern auch nicht geliebt und nur ihres Geldes wegen geheiratet wurde. Doch eigentümlich! Jetzt, wo die schwerste Nahrungssorge von ihr genommen war :iutb sie sich aus eigener Kraft eine behagliche Existenz verschafft hatte, lastete der Gedanke schwer auf Hanna, daß ihre Lieblosigkeit den Gatten in die Fremde und dadurch in den Tod getrieben habe. Ihr edler Sinn hatte ihm längst alle Qualen vergeben, welche sie durch ihn erlitten hatW^ sie 'gedachte jetzt nur alles Guten, daß er ihr jemals erwiesen batte, und jedes freundlichen Wortes, das er zu ihr gesprochen. Von diesem Gedanken bewegt und davon beeinflußt, werden auch ihre Arbeiten gehalten. Der große historische Roman, der nun in alle Welt hinaus lief, behandelt nebst' den großen welterschütternden Ereignissen während der Zeit, wo das unterjochte Judentum im letzten Todeskampfe verröchelte, auch eine schlichte, aber den Gang der Erzählung lenkende Familiengeschichte. Diese gab ein ähnliches, wenn auch verklärtes Bild ihres eigenen Lebens, ihrer Ehe und schließlichen Trennung von dem Gatten. Die Rose von Saron war die Tochter der beiden Entzweiten, welche durch Klugheit, Edelsinn und schließlichen Opfertod die Herzen der Eltern wieder aneinander brachte. Das liebliche Mädchen erhielt diesen Namen von ihren Leidensgenossen, den von den Römern arger Verfolgung ausgesetzten Juden ob ihrer Amyut und Bescheidenheit wegen. Das ganze Seelenleben Hannas erschien in ein antikes Gewand gekleidet in diesem Buche dargelegt. Dieses Werk konnte so eigentlich das Hohe Lied der siegreichen Gattenliebe genannt werden. Das junge, liebliche Mädchen, das man die Rose von Saron nannte, empfand aufs schmerzlichste die Trennung ihrer Eltern. Ihr ganzes Denken und Sehnen ging dahin, eine Versöhnung der Beiden herbeizusühren, welche nicht durch ernste, nicht wieder gut zu machende Ereignisse von einander gingen, sondern nur durch die Verschiedenheit ihrer Charaktere es vorzogen, getrennt zu leben. Der Vater, ein begeisterter Anhänger Bar Kochbas, des^ Sternensohnes, kämpfte in den Mauern Bethars gegen die römische Uebermacht, während die Mutter das Brod für lich und sie durch Harte Arbeit erwarb. In dem Häuflein Juden, welches nach Zerstörung des Tempels und Auflösung des Reiches durch Titus in dem Lande zurückgeblieben war, lebte noch immer die Erinnerung'an die große glanzvolle Vergangenheit des Volkes, lebte auch die Hoffnung auf die nahe. Erlösung durch den von den Propheten verkündeten Messias, als welchen das unglückliche Volk den heldenmütigen Bar Kochba betrachtete und ihm erwartungsvoll zujubelte. Aller Augen waren zu jener Zeit auf den greisen Rabbi Akiba gerichtet, den Lehrer des Volkes, dessen Worte und Beispiel den ihn vertrauenden Ueberrest zum Festhalten an den göttlichen Geboten und zum Glauben an die baldige Erlösung durch den Messias ermutigte. Im Munde des Volkes ging die romantische Geschichte der Liebe und Ehe des großen Rabbi von Jami, geschmückt mit so manchen Sagen, herum. Man erzählte sich, daß Rabbi Akiba, damals ein gänzlich unwissender Mensch, als Hirte im Hause des reichen Kalba Sewna lebte, und daselbst die Liebe der schönen Tochter des Hauses errungen habe. Jedoch der Vater wollte von einer Verbindung seiner Tochter mit einem Ignoranten gleich Akiba ben Josef nichts wissen, und als diese von ihrem geliebten Akiba nicht lassen wollte, wurde sie von ihrem Vater verstoßen. Die Liebenden vermählten sich im geheimen und Akiba ging nach Jerusalem, um daselbst im reifen Mannesalter durch emsiges Studium dasjenige nachzuholen, was er in der Jugend versäumt hatte. Die Tochter Kalba Sewuas, vom erzürnten Vater verstoßen, fristet indessen kümmerlich ihr Leben durch Anfertigung kunstvoller Handarbeiten, die sie als Tochter aus einem reichen Hause zu ihrem Zeitvertreib gelernt hatte. Nach Ablauf von sieben Jahren war der damals schon gelehrte Rabbi Akiba heimgekehrt, und als er sich der Wohnstätte seines Weibes näherte, hörte er durch die offene Türe^ wie eine Nachbarin derselben der verlassenen Frau Vorstellungen darüber machte, daß sie dem Manne, der so lange fern von ihr weilte, die Treue bewahrte. Darauf antwortete diese: Mein Gatte ist auf meine eigene Veranlassung von mir fortgegangen, um seinen Geist auszubilden. Sollte er es für gut stnden, noch einmal sieben Jahre auf die Erweiterung seiner Kenntnisse aufzuwenden, so will ich geduldig seiner Heimkehr warten. Akibas Wissensdrang war so mächtig, daß er nach Anhören dieser Worte umkehrte, ohne sich dem treuen Weibe gezeigt zu haben, um erst in abermals sieben Jahren, dann aber als eine hervorragende Leuchte der Wissenschaft, heimzukehren. Während dieser Zeit hatte die verlassene Frau sich damit ernährt, daß sie ihr wunderbar reiches Haar abgeschnitten, um daraus zierliche Ringe und Halsketten zn flechten, welche sie. der kunstvollen Arbeit wegen, mit der sie verfertigt worden, um bedeutenden Prers veräußerte. So hatte sie die schwarze Krone ihres Hauptes geopfert, um die goldene Krone der Gelehrsamkeit auf das Haupt ihres Galten zu setzen. Diese und ähnliche Geschichten aus dem Leben des großen Weisen hatte die Saronsrose vernommen, und in ihrem Herzen war der Wunsch rege geworden, ihm zu Füßen zu fallen, und ihr Leid zu klagen. Er, der so viel geliebt hatte und so viel geliebt wurde, er würde sich nicht stolz von dem unbedeutenden Mädchen wegwenden, und werde sich bemühen, die Versöhnung, ihrer Ellern, die sie erstrebte, anzubahnen. Sie machte sich, von dieser Hoffnung beseelt, auf, den großen Rabbi aufzusuchen. Es war nicht so leicht, zu ihm zu gelangen. Das strenge Verbot Kaiser Hadrians, das jüdische Gesetz, zu lehren, lernen und zu befolgen, hatte alle Gesetzeskundigerl und Treuen in einsame Höhlen und Schluchten verbannt, wo sie im geheimen den jüdischen Gesetzen nach lebten. (Fortsetzung folgt.)