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Die Wahrheit · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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;•.•’.;.>;;*•<-'•.ä.SflPr.^vytfc; Seite 8. Die Wahrheit Nr. 1. Obmann Hermann Ellbogen, die Anwesenden, insbesondere den in Vertretung des Kultusvorstandes und der Bezirks- ÄMMission für den II. und XX. Bezirk erschienenen neugewählten Kultusvorsteher, Herrn Adolf Schramek und teilt weiters mir, daß die Herren Kultusvorsteher kais. Rat Sigmund Künders und S. Landau, sowie Herr Josef Wunsch ihr Fernbleiben entschuldigt haben. Hierauf knüpft er an. den vorliegenden Rechenschaftsbericht, von dessen Verlesung über Beschluß der Versammlung Abstand genommen wurde, folgende Bemerfungeit: Meine Herren! Seitdem ich die Ehre habe, als Obmann die Generalversammlung zu lenen, bin ich stets mit Stolz und Freude vor Sie hiugetreten, um über die Tätigkeit des Vorstandes Bericht zu erstatten. Von Jahr zu Jahr konnte ich auf die erfreulichen Fortschritte des Vereines Hinweisen und es bereitete mir stets ein Vergnügen, sagen zu können, daß sich die Zahl der Mitglieder vermehrt, die Einnahmen des Vereines erhöht haben und der Besuch des Gotteshauses nichts zu wünschen übrig ließ. Wenn ich nun zur Berichterstattung über das heurige Jahr schreite, so bin ich von ganz anderen Gefühlen bewegt. Nicht Stolz und Freude, sondern ein Gefühl der Erbitterung und Verbitterung kommt in meinen Worten zum Ausdruck. Glauben Sie aber ja nicht, daß der Ausfall der letzten Kultuswahl mich hiezu veranlaßt hat; wer in die Verhältnisse eingeweiht ist, der weiß, daß ich mir ein schwacher Widerhall des ganzen Vorstandes und ein gemäßigtes Echo vieler unserer Mitglieder bin. Schon seit Jahren weht durch unsere Reihen ein Sturm der Entrüstung gegen die Kultusgemeinde, den ich wohl stets zu dämpfen bemüht war, der aber bei den großen Opfern, die wir fiir die Erhaltung des Kultus in unserem Bezirke bringen, zum größten Teil begründet ist. Welches sind nun die Ursachen der allgemeinen Unzufriedenheit? Ich habe Ihnen eine kurze Vergleichstabelle der Mitgliedsbeiträge und Spenden von den letzten drei Jahren überreichen lassen, aus welcher hervorgeht, daß gerade in den letzten zwei Jahren sich die Einnahmen des Vereines an Spenden und Mitgliedsbeiträgen bedeutend verringert haben. Wir haben wohl mit persönlichen Opfern dazu beigetragen, um unsere Vermögens- Verhältnisse auf gleichem Niveau zu halten, aber trotz des prachtvolle» Gotteshauses und trotz der schönen kantoralen Funktionen kouuten wir der erschreckenden Abnahme des Tempelbesuches, die in erster Reihe in der Nichterfüllung des langgehegten Wunsches nach einem Rabbiner begründet ist, nicht steuern. Vor ungefähr sechs Jahren haben wir das Ansuchen um einen Gemeinderabbiner an die Kultusgemeinde gerichtet und der Vereinsvorstand hat sich seither viele Mühe gegeben, dieses Ziel zu erreichen, aber leider war alles vergebens. Der Mangel eines Rabbiners, der für ein Gotteshaus und für einen Bezirk mit so zahlreicher jüdischer Bevölkerung absolut notwendig ist, bereitet uns große Schwierigkeiten und ist dies der erste Grund der Arnhaltung vieler alter Mitglieder von unserem schönen Tempel. Der zweite triftige Grund liegt darin, daß sich unter Duldung seitens der Kultusgemeinde viele neue Vereine in unserer unmittelbaren Nähe gebildet haben. Unser Tempel besteht ungefähr 10 Jahre. Damals war alles, alt und jung einig und hat sich uns mit der größten Bereitwilligkeit angeschlossen. Wir haben keine Modernisierung vorgenommen und bei uns wird nach wie vor nach traditioneller Art sowie bei unseren Vätern gÄetet. Es dauerte aber nicht lange, da bildeten sich die ..Bene Berich" gleichzeitig mit einem Unterstützungsverein, mit denen wir aber immer auf freundschaftlichem Fuße verkehrten. Nach einiger Zeit entstand im Vorstande der „Bene Berith" ein Verdruß, durch welchen sich ein zweiter Verein „Schomre Hadath" bildete und sich, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen kann, in unserer unmittelbaren Nähe etablierte. Wir haben dagegen Vorstellungen gemacht, die dem Obmanne der Bezirks- Immission vorgelegt wurden, und die Bezirkskommission hat sich dagegen ausgesprochen. Von da ist der erste Akt an die Kultusgemeinde gegangen, diese hat ihn ebenfalls abgelehnt. Darauf kam er ins Vertreterkollegium, oder ist präsidialitar behandelt worden. Die „Schomre Hadath" besteht weiter, wir hlcken zumindest fünf dringende Eingaben gemacht und alle sind unerledigt geblieben. Das ist aber noch nicht alles. In dem Vorstande „Schomre Hadath" entstanden wieder Uneinigkeiten und es ' gingen aus demselben wieder weitere zwei Vereine hervor, der eine „Jehuda Halewi" und der andere vorläufig noch namenlos. In solcher Weise wird unter Duldung der Kultusgemeinde gegen uns gearbeitet und der Bestand unseres Vereines untergraben. Es ist dies sogar gegen das Statut der Kultusgemeinde, welches besagt, daß in nächster Nähe eines bereits bestehenden Gotteshauses ein Bethaus nicht bewilligt werden darf. Die Kultusgemeinde aber stellt sich auf den Standpunkt: wir bewilligen sie nicht, aber wir verbieten sie auch nicht. Es muß wohl anerkannt werden, daß die Kultusgemeinde uns im Vorjahre die* ansehnliche Summe von 6000 Kronen und im heurigen Jahre 4000 Kronen als Subvention bewilligt hat, aber es fehlt an Wohlwollen für unseren Verein und dadurch wird der Bestand unseres Gotteshauses gefährdet. Nun wäre die Frage der Zukunft zu beantworten. Was wird und soll geschehen? Vor einigen Tagen fand eine Wählerversammlung statt, in welcher der Ruf nach Auflösung be& Vereines ertönte. Ich habe vor diesem letzten Schritte gewarnt, denn, wie ich die Verhältnisse genau kenne, so werden wir damit vielleicht nichts erzielen. Ich gebe mich vielmehr der angenehmen Hoffnung hin, die Sache noch aplanieren zu können, ebenso wie ich auch hoffe, die Rabbinerfrage zu lösen. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so habe ich meine Pflicht getan und werde für das Vertrauen danken und mich znrückzuziehen wissen. Nach einem Hinweis auf die erfreulichen Resultate der mit Unterstützung der Kultusgemeinde errichteten Bibelschnle schloß Herr Eltbogen seine vielfach von Beifall begleiteten Ausführungen mit folgenden Worten: Wie Sie nun sehen, meine Herren, hat der Vorstand seine vollste Pflicht getan und ich gebe die Versicherung, daß derselbe auch in Zukunft bemüht sein wird, zum Wohle des Vereines mit voller Kraft zu wirken." Sekretär Josef K o h n gab einen kurzen Ueberblick über die eifrigen Bemühungen, über das zielbewußte Vorgehen des Vorstandes , in Angelegenheit der Erlangung eines Gemeinderabbiners im XX. Bezirke. Er schilderte all jene Kränkungen uud Zurücksetzungen, welche der Vorstand des Brigittenauer Tempel-Vereines im Kampfe um einen Gemeinderabbiner zir erdulden hatte. Die nahezu fünfjährigen Anstrengungen und Bemühungen führten endlich dahin, daß in einer am 13. Mai stattgehabten Vertretersitzung des Kultusvorstandes nach langen Beratungen und Debatten seitens des Herrn Dr. Gustav K o h n namens des Präsidiums das Versprechen abgegeben wurde, noch vor dem Schwuesfeste, längstens aber bis Juni/ einen Gemeinderabbiner in der Brigittenau anzustellen. Nun ist Schwueß vorüber, nun ist Chanuka vorüber und wir haben immer noch keinen Rabbiner. Sollen wir es zulassen, daß man in einer solch kränkenden Weise mit uns verfährt? Sollen wir warten bis sich dieses eigensinnige Nichtwollen in ein Wohlwollen für uns verwandelt? oder sollen wir nicht doch endlich die Konsequenzen ziehen? Meine Freunde und ich neigen der letzten Ansicht zu. Redner erwähnt als Beispiel, daß er kürzlich an einem Freitag-Abend dem Gottesdienste in einem Gemeindetempel beiwohnte, welcher einen Gemeinderabbiner besitzt, wo am Schluffe des Gottesdienstes kaum doppeltes Minjan anwesend war. Die Brigittenau aber, deren jüdische Bevölkerung an Seelenanzahl an dritter Stelle, in Bezug aus Anzahl der Schulkinder an zweiter Stelle unter allen Bezirken Wiens steht, müsse noch immer darnach schmachten, das Wort Gottes aus berufenem Munde zu vernehmen. Wohin soll das führen? Da unser Verein seinen statutenmäßigen Zweck der Abhaltung eines ordnungsmäßigen Gottesdienstes nicht erfüllen kann, zur Auflösung. Meine Freunde und ich haben dem Herrn Obmann nahegelegt,„ ob er nicht für gut fände, daß ich diesen Antrag der General-Versammlung rechtzeitig vorlege. Er sagte mir, er stimme ganz und voll mit mir überein, nur sei er nicht für eine derzeitige Auflösung aus persönlichen Gründen. Weil wir diese Motive unseres sehr geehrten Obmannes würdigen, weil wir in seine einsichtige Führung das vollste Vertrauen besitzen, geben wir ihm nach und wollen noch einen Versuch wagen. Ich bitte jedoch den geehrten Vorstand Rücksicht zu nehmen auf unsere

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