Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Lette 4. Die Wahrheu Nr. 1. auch auf der Kongruenz der vielfach mit einander verfchlungenen wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden und Polen und sie kann auch in Zukunft ihre segensreichen Früchte bei der I n d u st r i a l i s i e r u n g des Landes tragen, wenn die staatlichen Machtmittel, über die die Polen verfügen, sich mit dem jüdischen Handels- und Gewerbetalente verbinden werden, um dem bisherigen Aschenbrödel Galizien zu ungeahntem Glanze zu verhelfen. Dieser eiserne Fonds einer erprobten Freundschaft soll nun leichten Herzens preisgegeben werden! Freilich heißt es immer, nicht gegen die Polen als solche, sondern gegen den Polenklub und die Schlachta gehe der Kampf! Es wird aber hiebei in politischer Blindheit übersehen, daß der Polenklub das konzentrierte Polentum, seine Solidarität, zugleich der Abglanz feiner einstigen Herrlichkeit, sowie die Bürgschaft seiner jetzigen Stärke ist, dessen Erschütterung oder gar Auflösung nur Träumer oder politische Analphabeten Voraussagen dürfen, und daß daher der Kamps gegen diese einzige autoritäre Repräsentanz des galizischen Polentums von diesem als ein Akt der Feindschaft gegen i h n selbst empfunden und angesehen wird. Nicht minder verfehlt vom real-politischen Standpunkte des Judentums ist das nachäffende Anrempeln der Schlachta, da die Interessen des polnischen Großgrundbesitzers in keiner Konkurrenz mit denen des jüdischen Mittelstandes stehen, wogegen diesem in den radikalen „Volksmäunern" nicht immer Freunde erblühen. Was aber — so fragen wir — soll an Stelle der unbedachterweise aufgegebenen traditionellen Freundschaft mit den Polen treten? Der eigene Nationalismus?? Das Makkabäertum?? Wird aber — so fragen wir weiter — außerachtgelassen, daß der Heldenkampf der Makkabäer der Nation auf dem ureigenen Boden Palästinas und nicht im Golus gegolten? Wird übersehen, daß der in Alexandrien lebende Zeitgenosse d es zweiten Tempels, unser großer Denker Philo, bei all seiner glühenden Begeisterung für das Judentum sich so sehr dem Griechentum genähert harte, daß er alle seine Werke, auch die über die Thora, in griechischer Sprache verfaßt hatte? Wird vergessen, daß unser bedeutendster Religionsphilosoph, Moses M a i m o n i d e s, sein pfadweisendes Werk „M ore Newuchimttflrü5i) chgeschrieben? Nationalismus ohne eigenes Land, im Golus?? Ist dies etwa anderes als eine petitio principii, oder, um mit dem Ausdruck des Talmuds zu sprechen : O, über die, welche kein Haus haben, aber die Tür zum Hause bauen? Und welchem Schicksale ginge ein von den Machtfaktoren des Landes befehdetes isoliertes Judentum entgegen? Jedoch, da hören wir verschämt lispeln: Bündnis, Freundschaft mit den Ruthenen und der Zauberer aus der Bukowina winkt! Gewiß, eine Freundschaft mit den Ruthenen wäre recht angenehm, da wir Inden es nie genug an Freunden haben sollten! Allein, wenn es darauf ankäme, die neue Freundschaft aus Kosten der alten zu erringen, gewissermaßen die M a u e rb r e ch e r für die Ruthenen abzngeben, dann nicht! Wir wollen nicht näher auf die Tatsache eingehen, daß das zwischen Juden und Ruthenen im Jahre 1873 geschlossene Wahlbündnis als kein sehr verläßliches für erstere sich erwies, ebensowenig seien zwei Vorgänge aus der jüngsten Zeit stärker betont, nämlich das Verhalten des Ruthenenführers Wassilko bei der Errichtung eines jüdischen Wahlbezirkes in der Bukowina und das Jmstichclassen der jüdischen Wähler seitens der koalierten Ruthenen bei den Gemeiuderatswahleu in Seret. Es sei hier aber umso energischer auf den Umstand hingewiesen, daß die ruthenischen Aspirationen in Ostgalizien. soweit sie wirtschaftlicher Natur find, von schweren Schäden für die Juden begleitet sein können. Das ruthenische, fast ausschließlich ans Kleinbauern bestehende Volk hat das Bestreben, den in seiner Mitte bestehenden Großgrundbesitz, sowohl den polnischen als auch den jüdischen, zu verdrängen, ebenso die zumeist von Juden bewohnten Städte Ostgaliziens samt ihren wirtschaftlichen Machtmitteln zu erobern. Beide Ziele werden den Juden schwere Nachteile verursachen! Die Verwirrung, die jetzt im galizischen Judentum, wie geschildert, überhandgenommen, ist freilich nicht ohne Verschulden der maßgebenden Kreise des Landes entstanden. Der Asemitismns, den wir im Jahre 1900 in unserer Broschüre „Jüdische Realpolitik" an manchen polnischen Kreisen sestgestellt und gerügt hatten, hat seine traurigen Früchte getragen. Ltatt die jüdisch-akademische Jugend für den Staats- und Landesdienst heranznziehen und so ihre Interessen mit dessen Bestrebungen zu verbinden, wurden vor ihr in oft kleinlicher Weise Tür und Tor abgesperrt und die talentiertesten Männer zu Desperados gemacht! Nicht wenig trug zur Erweiterung der Kluft zwischen Polen und Juden die im letzten Jahrzehnt bei den maßgebenden polnischen Faktoren beliebte Züchtung p o l i t i s ch e r E u n u ch e n j ü d i s ch e r K o n f e s s i o n. Diese Zwittergestalren ohne jüdischpolitisches Verständnis und Bekenntnis sind zwar dem Polenklub gegenüber, insoweit es sich um allgemein jüdische Interessen und nicht eigene handelte, nicht zu sehr anspruchsvoll, sie vermögen aber auch nicht den notwendigen Kontakt mit den jüdischen Volksmassen herzustellen, in denen nunmehr die Saat des Mißtrauens in die Halme schießt. Darf es aber so in gleichem Maße weiter gehen? Soll eine Politik des Ausgleiches, der Versöhnung nicht durchführbar sein? Das galizische Judentum ist zum politischen Leben erwacht. - Wohlan denn, es denke klar und nicht verworren! Es betätige! sich energisch, aber ohne Chimären und nnrealisierbaren Problemen nachzujagen. Es vermehre kraftvoll und zielbewußt seinen Einfluß. aber nicht gegen, sondern vielmehr durch die ausschlaggebenden Machtfaktoren des Landes. Es stre b e; den langersehnten kn lturellen und w irisch a ftli ch en Au s s ch w u n g an, haltender dabei' i m eigenen Interesse, sowie in dem des ö st erreich j s ch e n G e s a m t j u d e n t n m s, das wahrlich neue mächtige Gegnerschaften nicht gut verträgt, treu und u n e n t w e g t f e st a n d e r a l t bemüh r t e n j ü d i s ch e n D e v i s e: ,.D einen F r e u n d u n d d e n F r e u n d Deine s B a t e r s v e r l a s s e n i ch t!" Jüdisches Pfiegerlnnenheim in Wien. Knapp vor Schluß des Jahres hat der Vorstand der , Wiener Kultusgemeinde in der unter dem Vorsitze des Präsidenten; Dr. Alfred Stern staltgehabten Plenarsitzung vom 30. Dezember die Errichtung eines jüdischen Krankenpstegerinn en-Jnsti tutes beschlossen und hiemit eine Institution > geschaffen, deren Bedeutung in sozialer "und hygienischer Bei ziehung nicht hoch genug geschätzt werden kann. Dem Kultus-; Vorstände, sowie allen jenen Faktoren, welche das Zustande-; kommen dieses wahrhaft segenspendenden Werkes gefördert haben, gebührt der aufrichtige Dank der gesamten jüdischen Bevölkerung, der sich hoffentlich auch in der tatkräftigen Unterstützung desselben; seitens der vermögenden Glaubensgenossen äußern wird. Im 1 Nachstehenden der Bericht dieser in der Geschichte der Wiener Knltusgemeinde denkwürdigen Sitzung: Der Referent, Vizepräsident Dr. Gustav Kohn, weist in seinen Ausführungen auf die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Pflegerinnen-Jnstitutes hin. Sowohl in der Privatals auch in der öffentlichen Krankenpflege ist in den letzten; Jahren — und wie ausdrücklich hervorgehoben werden muß — j nicht zum Schaden der Sache, das konfessionelle Moment stärker hervorgetreten. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß das j religiöse Empfinden des Menschen in Tagen der Krankheit anr stärksten zutage tritt, und es übt zweifellos auch auf das physische Empfinden des Krankem einen nicht zu unterschätzenden; Einfluß aus, eine Pflegerin seines Glaubens um sich zu.wissen. In der Erkenntivs dieser Tatsache haben unsere Glaubens- : genossen in Deutschland schon vor vielen Jahren die Errichtung! jüdischer Pflegerinnen-Jnstitnte in Angriff genommen und diese Institute sind heute, getragen von der Sympathie der gesamten! jüdischen Bevölkerung, zu einer weit verzweigten, blühenden Organisation, zu einem wichtigen Gliede in der Kette der Wohltätigkeits-Institutionen unserer Glaubensgemeinschaft geworden.