Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 50 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063366--04623-3071479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 9. Nr. 50. - Die Wahrheit berühmt wurde, zum Kardinal ernannt und endlich zum Papst gewählt wurde. Leider gibt der jüdische Erzähler nicht an, welchen Namen er als Papst führte. .. Aber auf dem Throne Petri, in allen Ehren und Herrlichkeiten des Pontifikats, vergaß Elchanan weder seine Religion noch seine Eltern und sehnte sich nach ihnen. Um, ohne sich zu verraten, seinen Vater zu einer Reise nach Rom zu bewegen, verfiel er auf ein sonderbares Auskunftsmittel. Er schrieb an den Erzbischof von Mainz und befahl ihm, die allerschärssten Gesetze zur Verfolgung der Juden in Anwendung zu bringen. Als der Erzbischof an die Ausführung des päpstlichen Befehles ging und die Juden ihn um Schonung baten, antwortete er: Ich kann euch leider nicht helfen, ich muß den Befehl des Papstes befolgen, aber ich rate euch, eine Deputation nach Rom zu schicken. Die Juden befolgten den Rat und schickten eine Deputation unter Führung des Reb Simon nach der ewigen Stadt. Das hatte sein Sohn vorausgesehen, und nur, um den Vater als Deputierten in Rom zu sehen, hatte er die Judenverfolgung angeordnet. Als die Deputierten in Rom eintrafen, berieten sie sich zuerst mit ihren dortigen Glaubensgenossen, und diesen kam die Sache unglaublich vor. „Der jetzige Papst," sagten sie, „kann so etwas nicht befohlen haben, er ist den Juden wohlgesinnt, verkehrt gern mit Juden und spielt mit ihnen Schach." Als man ihnen aber den Brief an den Erzbischof mit Unterschrift und Siegel des Papstes zeigte, mußten sie daran glauben. Durch Vermittlung eines ihnen wohlgesinnten Kardinals wurde ihnen eine Audienz beim Papste bewilligt; als sie aber in den Vatikan kamen, ließ der Papst sagen, er wolle nur den Führer allein empfangen. Reb Simon wurde nun vorgelassen und kniete vor dem Papste nieder, den er nicht erkannte. Der Sohn aber erkannte ihn, befahl ihm, aufzustehen und sich zu setzen, ließ sich aber in der Schachpartie, die er mit einem Kardinal spielte, nicht stören. Als das Spiel beendet war, fragte er den Simon nach seinem Begehren, und nachdem dieser sein Anliegen vorgetragen hatte, antwortete er ihm: „Es sind bei mir sehr viele Klagen gegen die Mainzer Juden eingelaufen, weshalb ich den Befehl erlassen habe." Dann ließ er sich mit ihm in eine mehrstündige Disputation ein, die dem Simon Gelegenheit gab, den Scharfsinn des Papstes und seine genaue Kenntnis des Judentums zu bewundern. Endlich versprach er ihm eine günstige Erledigung seiner Bitten und lud ihn zu einer Partie Schach ein. Reb .Simon war ein Meister des Schachspiels, aber gegen den Papst verlor er. Nach Beendigung der Partie befahl dieser den Anwesenden, mit Ausnahme Simons, sich zu entfernen. Mit diesem allein gelassen, fiel er ihm um den Hals, gab sich zu erkennen, erklärte die List, die er angewendet, um ihn nach Rom zu bringen, und daß er entschlossen sei, zum Judentum zurückzukehren. Sein Bedenken, ob er auch von Gott Verzeihung erlangen werde, weil er, von dem Angenehmen und Ehrenhaften seiner hohen Stellung gelockt, so lange im Christentum verblieben sei, zerstreute der Vater mit dem Hinweis auf die große Barmherzigkeit Gottes gegen Bereuende. Dann kehrte Reb Simon mit einem den früheren aufhebenden Befehl des Papstes an den Erzbischof nach Mainz zurück, wo darüber große Freude unter den Juden herrschte. Einige Zeit hernach raffte der Papst viel Geld zusammen, entfloh aus Rom und lebte fortan als frommer Judein Mainz. In Rom aber wußte kein Mensch, was aus deMPapste geworden sei. Das Mitnehmen des Geldes . ist nicht bloß ein häßlicher Zug, sondern macht eigentlich die ganze Erzählung überflüssig, denn wenn der Papst spurlos aus Rom verschwinden kann, so war ja das ganze Manöver, um seinen Vater nach Rom kommen zu lassen, überflüssig. Wir wollen aber den unbekannten jüdischen mittelalterlichen Novellisten nicht kritisieren, obwohl es auch sonst an Veranlassung dazu nicht fehlt, dagegen nur noch erwähnen, daß nach einer anderen Version der Vater den Sohn an einem besonders geschickten Schachzug erkannte, den er ihn einst gelehrt hatte. Zum Schluffe möchte ich noch bemerken, daß der Name Simon,' die Judenverfolgung und manche Nebenumstände in diesen Papstsagen mich auf die Vermutung bringen, daß beide eigentlich nur eine sind. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, den 28. Dezember d. I., Predigt im Stadt- Tempel. Wien. (Vortragszyklus ans jüdischer Geschichte.) Donnerstag, den 3. Jänner 1907, präzise 1li8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag der Frau Regina Neisser aus Breslau statt. Thema: „Bedeutende jüdische Frauen des XIX. Jahrhunderts in Literatur, Kunst und Humanität." Eintritt frei. Wien. Der „Jüdische Kolonisationsverein" in Wien versendet soeben seinen ersten Tätigkeitsbericht, enthaltend das Protokoll der ersten ordentlichen Generalversammlung, den Bericht des Zentralkomitees sowie Kaffen- und Sekretariatsbericht. Der hübsch ausgestatteten Publikation entnehmen wir, daß der Verein eine lebhafte Tätigkeit entfaltet, um die von ihm vertretenen Ideen zu propagieren uud für den Verein Mitglieder zu werben. Es ist ihm auch bereits trotz der kurzen Zeit seines Bestehens gelungen, eine größere Anzahl Mitglieder zu erhalten, welche an Mitgliedsbeiträgen und einmaligen Spenden K 9583.36 eingezahlt haben. Die Propaganda für den Verein, der die Aufgabe hat, „allein oder in Verbindung mit anderen, gleiche Ziele erstrebenden Institutionen die planmäßige Ansiedlung von Juden in Palästina und seinen Nebenländern zu fördern", wird jetzt auch auf die übrigen Kronländer ausgedehnt werden, und zwar sind die Vorarbeiten für eine lebhafte Agitation in Böhmen, Mähren und Schlesien bereits durchgeführt. Dem intereffanten Berichte liegt eine Broschüre, „Die Zukunft Palästinas und unsere Aufgaben daselb st" vom Universitäts-Professor Dr. O. Marburg, Berlin, bei, welche neu eintretenden Mitgliedern gratis zugesandt wird. Dieselbe behandelt in ausführlicher Weise die jüdische Kolonisationsbewegung im allgemeinen, und die Palästina-Kolonisation im Besonderen, und weist an der Hand von statistischen und vergleichenden Daten nach, daß die letztere nicht nur als momentane Hilfsaktion, sondern auch für planmäßige Ansiedlung von Juden das geeigneteste und fruchtbarste Arbeitsfeld bietet. Es wird jedem, der sich für die Paläfiina-Kolonisationsbewegung interessiert, und über dieselbe informiert sein will, empfohlen, diesem humanitären Vereine beizutreten, was durch Anmeldung beim Sekretariate, 11/3, Gredlerstraße 9 in Wien geschehen kann. Ein ordentliches Mitglied zahlt jährlich mindestens X 5, ein immerwährendes Mitglied einmal für immer mindestens X 250, ein Stifter einmal für immer mindestens X.2000. Wien. Im provisorischen Bethause „Talmud Thora". II., Rembrandtstraße 18, findet am Sonntag, den 30. Dezember a. c., um 4 Uhr nachmittags ein NL0N (Trauergottesdienst) für den jüngst dahingeschiedenen Oberrabbiner B. Schreiber in Preßburg, gehalten vom Herrn Rabbiner H. Schenk, statt. Gäste sind willkommen. Wien. Am 25. d. M. hat sich Frl. Elsa Engel mit dem Beamte» der israel. Kultusgemeinde, Herrn Remy Friedmann, Sohn des Lektors M. F r i e d m a n n, verlobt. Wien. Mittwoch, den 26. d. M., fand im Seitenstettentempel die Trauung des Frl. Dr. Amalie P o l l a k, Schwester des Religionsprofeffors Dr. Heinrich P o l l a k, mit Herrn Dr. David Ernst Oppenheim, Sohn des Sekretärs der Brunner Kultusgemeinde, Dr. I. O p p e n h e i m. statt. Dem Trauungsakte, den Hberrabbiuer Dr. Güdemann und Oberkantor Singer vollzogen, wohnte ein zahlreiches distinguiertes Publikum bei. Wien. Samstag, den 29. d. M.. feiert Herr Salomon Beck, langjähriges Vorstandsmitglied der Fugbachsynagoge, den 70. Geburtstag. Wien. Der Frauen-Wohltätigkeitsverein „Z u f l u ch t" veranstaltet Samstag, deu 5. Jänner 1907, im großen Musikvereinssaale eine Akademie mit Ball. Die Mitwirkung haben zugesagt: Kammersängerin Selma Kurz, KammersängerLeo S l e z a k, Hofburgschauspieler Gregor i,Kammervirtuose Alfred G r ü n f e l d, Hofburgschauspieler T r e s s l e r, Prof. Storch und mehrere andere Künstler. Karten bei der Präsidentin Frau Laura G o l ds ch m i d, IL, Ob. Donaustraße 75, Frau Jda Figdor, I., Gonzagagaffe 3. Wien. (Chanuka-Feier des Vereines „Jehudah Halevy".) Am 16. d. M. fand im Vereinslokale eine gut besuchte Makkabäerfeier statt. Nach der Begrüßung der Gäste durch Herrn Vizepräsidenten stud. phil. Jsak Barbag, wurden vom Kollegen Grob die Chanuka-Lichter angezündet, worauf Kollege stud. phil. Löwy Dichter eine begeisterte Festrede hielt. Hervorzuheben ist die Leistung des Herrn Leo Wolfensohn, welcher durch seine gefühlvollen Gesangsvorträge denZuhörern jubelndeuBeifallssturm entlockte. Den humoristischen Teil füllte der bekannte Rezitator, Kollege Josef Grob mit seinen Lehuliin-^lsieheiia-Vorlesungen aus. Lebhaften Beifall holte sich auch der 13-jährige Felix Taussig durch seine temperamentvolle Deklamation. Nach einem gelungenen Duett der Kollegen Lazar und Menscher folgte die selbstverfaßte Skizze „Chanuka" des Kollegen stud. phil. Auerbach, worauf der Vizepräsidentin einem begeisterten Schlußworte die Anwesenden ausforderte, mit Makkabäermut uud Begeisterung für die nationale Sprache der Juden rmiii'i * «aiijiH iihrwwnmiHTi ifn'hit «