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Die Wahrheit · 1906-12-28 · Heft 50 (28.12.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 50 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 50. Leite 8. Dr. Berger ersucht, daß die Kultusgemeinde ihre Sympathie für die einen wichtigen kulturellen Faktor bildende Talmud-Thora-Schule durch Einstellung eines entsprechenden Beitrages für den Schulbau in das Budget zum Ausdruck bringen möge. 1. Vize-Präsident Dr. Gustav Kohn bemerkt hiezu, daß für diesen Zweck ein Betrag von 25—80.000 K in Aussicht genommen sei. Weiters haben hervorragende Persönlichkeiten der Wiener Gemeinde große Beträge bereits hiefür gewidmet und schließlich sei auch, wenn es notwendig sein sollte, von der Kommune Wien ein Beitrag für den Schulbau zu erwarten. Oberfinanzrat Dr. Rappaport reflektiert zunächst auf einige in der vorhergegangenen Debatte berührte finanztechnische Fragen und erklärt dann, daß in Folge der notwendigen Beschränkung der Ausgaben im Interesse des Gleichgewichtes im Budget derzeitig an die Errichtung eines Kinderspitals nicht, gut zu denken sei. Ebenso dringlich sei die Erweiterung des Versorgungshauses, welche ebenfalls mangels der nötigen Bedeckung znrückgehalten werde. Nach einer persönlichen Bemerkung des kais. Rat Po llak betreffs der Ausführungen des Präsidenten in der Angelegenheit Dr. Fink erklärt der Präsident, daß er diese Angelegenheit einer Kommission überweisen werde. Professor Dr. Ehrmann konstatiert, daß die Errichtung eines Kinderspitales derzeit für die Kultusgemeinde absolut nicht zu machen sei, jedoch würden die Zinsen des dermalen zur Verfügung stehenden Kapitals dazu ausreichen, um eine distriktsweise Kinderkrankenpflege zu installieren. Er gebe diese Anregung in öffentlicher Sitzung, damit die große Oeffentlichkeit, welche hier mitzuwirken berufen sei, für diese Frage interessiert werde. Salo Landau ersucht um Berücksichtigung des Vereines zur rituellen Verköstigung der jüdischen Kranken in den öffentlichen Spitälern. Nach einem Schlußworte des Vizepräsidenten Dr. Kohn ersucht der Präsident Dr. Stern, den verschiedenen Komitees für ihre ersprießliche Mitwirkung bei der Förderung der Gemeindeinstitutionen, besonders aber dem Damenkomitee im Versorgungshause und der Präsidentin desselben, Frau Jda D i a m a n t den Dank des Vorstandes zu votieren. Nachdem dies geschehen, spricht er dem Bureau der Kultusgemeinde, insbesondere dem Liquidator K a tz, für die Mühewaltung bei Fertigstellung des Budgets die Anerkennung des Vorstandes aus, und hierauf wird der Voranschlag pro 1907 einstimmig angenommen. Indische Papste. (Schluß.) M. Tangl, der im „Neuen Archiv für ältere deutsche Geschichtskunde" (1906, Band 31) die Darstellung Fedeles bekämpft, stützt sich auf den Umstand, daß keiner der zeitgenössischen Gegner Gregors ihm jüdische Abkunft vorwirst, sowie auf den Altersunterschied. Es ist, meint er, nicht möglich, daß Gregor, der im Jahre 1073 Papst wurde, ein Cousin Anaklets war, der 57 Jahre später den päpstlichen Thron bestieg. Aber wir wissen weder das Geburtsjahr Gregors noch das Anaklets mit Sicherheit. Ersterer ist nach manchen Angaben im Jahre 1020 geboren, Anaklet, der schon 1138 gestorben ist, kann wohl schon 1060 geboren sein, der Altersunterschied würde sich also auf vierzig Jahre reduzieren, was bei Geschwisterkindern nicht so unwahrscheinlich ist. Uebrigens gibt auch Tangl zu, daß Fedeles Hypothese „so sachkundig und geschickt vorgetragen ist, daß sie ernste Beachtung und eingehende Widerlegung verdient". Schwächer sind die Argumente für die jüdische Abkunft Gregor VII. (1044 bis 1046) und für seine Verwandschaft mit den Pierleoni. Sie bestehen hauptsächlich darin, dah er, bevor er Papst-wurde, Johann Gratian hieß und diese Namen in der Familie Pierleoni häufig vorkamen. Dann ist ihm Gregor VH. sehr anhänglich gewesen, hat sein Vermögen geeMtznnd ihm zu Ehren als Papst den Namen Gregor angenomme^^ägegen ist aber einzuwenden, daß, da er 1044 auf den Stuhl Petri gelangte, er nicht später als 1020 geboren sein kann. Damals war der Großvater Anaklets noch -nicht geboren, und von einem älteren Bruder dieses wahrscheinlich noch als Jude geborenen Leo wissen wir nichts. Wir können also den sechsten Gregor als von jedem jüdischen Blutstropfen reinen Christen annehmen. Die jüdische Literatur des Mittelalters scheint sich für die zu guten Christen und Päpsten gewordenen Renegaten nicht interessiert zu haben, und der. Sage boten sie kaum geeigneten Stoff. Diese erschuf sich mit freiwaltender Phantasie zwei Päpste, die auch auf dem Stuhle Petri im Herzen'ihrem Judentum treu geblieben sind und ihre Glaubensgenossen zu schützen suchten. Der eine dieser Päpste führte zwar in der Sage den Namen Simon Kaiphas, und es wird bemerkt, daß die Christen ihn Sankt Petrus nennen, aber er hat nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem Apostel, wie überhaupt die ganze Sage, die mir ziemlich jung zu sein scheint, jedenfalls erst zu einer Zeit entstanden ist, als das Christentum schon zur herrschenden Religion geworden war. Die Christen, erzählt sie, konnten die Argumente, welche der überaus gelehrte und fromme Rabbi Simon gegen ihre Religion vorbrachte, nicht widerlegen und befürchteten, er werde viele zum Abfall bewegen. Sie bemühten sich daher, ihn für sich zu gewinnen, und da sie mit Güte und Ueberredung bei ihm nichts ausrichten konnten, organisierten sie eine große Judenverfolgung: Juden wurden ermordet, beraubt, zu Sklaven gemacht und verkauft, um drei (soll wohl heißen dreißig) Silberlinge, „wie Jesus verkauft wurde". Zur Bedingung für das Aufhören der Verfolgung stellten sie den Uebertritt Simons, und dieser, von seinen Glaubensgenossen darum gebeten, opferte sich für sie, ward Christ, und Papst, nachdem er sich Einstellung der Verfolgung und mancherlei Konzessionen für die Juden, sowie das Unterlassen gewaltsamer Bekehrungen ausbedungen batte. Für ihn selbst mußte ein hoher Turm gebaut werden, in dem er allein wohnen und sich ungestört seinen Meditationen und Gebeten widmen konnte. Der Turm wurde gebaut, und Simon lebte dort, die jüdischen Speisegesetze streng beobachtend und hebräische Gebete verfassend, die er den Häuptern der jüdischen Hochschulen und Synagogen zukommen ließ: „Eines derselben wird noch jetzt an jedem Sabbat rezitiert."*) Einen Anflug von Humor hat die zweite jüdische Papstsage, die noch jünger zu sein scheint, da ihr Held wirklich im X. Jahrhundert gelebt hat. Sie mag wohl lange nach dessen Tode entstanden sein, aber man muß deshalb nicht annehmen, daß sie irgend welchen Bezug auf den historischen Anaklet hat. Dieser Nachkomme eines getauften Juden hat sich der Glaubensgenossen seiner Ahnen eher geschämt als angenommen. Und die eine Hälfte der Sage kann leicht wahr sein. Kinderraub behufs der Taufe kommt ja auch jetzt in Galizien nicht selten vor, und vor einigen Jahrzehnten hat der Raub des kleinen Mortara viel Aufsehen in ganz Europa erregt. Papst ist er nicht geworden, ja ich glaube, nicht einmal Bischof. Da ging es dem kleinen Elchanan, Sohn des sehr angesehenen Reb Simon in.Mainz, schon besser. Wie bekannt, dürfen die Juden am Sabbat kein Feuer anzünden, und fromme Leute lassen daher im Winter den Ofen von Christen heizen. Da geschah es nun einmal, daß eine solche Heizerin, eine sogenannte „Sabbatchristin", während der fromme Simon und seine Frau sich in der Synagoge befanden, den kleinen Elchanan stahl, ihn zu einem Geistlichen brachte und taufen ließ, „denn die Christen hielten damals solches für eine sehr gottgefällige Tat", bemerkt der Erzähler. Als die Eltern nach Hause kamen und das Kind nicht fanden, gerieten sie in die größte Bestürzung; aber alle ihre Nachforschungen und die heißesten Gebete, die sie zum Himmel emporschickten, blieben ohne Erfolg. Das Kind war verschwunden. Mittlerweile wurde der kleine Elchanan von Geistlichen erzogen, besuchte niedere und höhere Schulen, wegen seiner hervorragenden, „vom Vater geerbten Anlagen" mit dem größten Erfolg. Dann setzte er seine Studien in Rom fort, wo er bald *) Diese Sage oder Legende wurde zuerst von Wagenseil in seiner Tela ignea Satanae 1681 in Uebersetzung voröffentlicht, den hebräischen Text hat Rabbiner Dr. Ad. Jellinek im VI. Bande seines Bet-ha-Midrasch nach einem alten Manuskrtpt abgedruckt. Im V. Bande dieses Werkes: (Wien 1873) ist die zweite jüdische Papstsage abgedruckt.

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