Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 50 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 50. Die Wahrheit Seite 7. Dr. M. Spitzer begrüßt, daß Heuer zum ersten Male die Mitglieder, des Kultusvorstandes zur Beratung des Budgets im Vertreterkollegium zngezogen wurden. Aus den einzelnen Posten des Budgets ergebe sich, daß die Verwaltung im allgemeinen eine ausgezeichnete sei, wenn auch in einzelnen Belangen die Vollkommenheit nicht erreicht sei. Die großen Aufwendungen für den Kultus, Unterricht und die Wohltätigkeit zeugen, für das Streben der Gemeinde, allen Wünschen möglichst gerecht zu werden, und wenn auch das vorliegende Budget ein Defizit von 153.000 K aufweise, hoffe er, daß im Rechnungsabschluß dieses Defizit durch weise Oekonomie beseitigt erscheinen werde. Kaiserlicher Rat Wilhelm P o l l a k: Da ich heute zum letztenmale an den Beratungen dieser verehrlichen Körperschaft teilnehme, will ich von meiner bisher alljährlich geübten Gepflogenheit, zu den einzelnen Punkten des Voranschlages bei der Budgetdebatte das Wort zuergreifen, Abstand nehmen und mich auf eine Anregung betreffs der schon vielfach erörterten Affaire Dr. Fink beschränken, welche allerdings mit der Budget- Post „Religionsunterricht" im Zusammenhänge steht. Es ist gewiß eine undankbare Aufgabe, welcher ich mich unterziehe, die Sache widerstrebt zwar meinen persönlichen Intentionen, weil Dr. Fink, wenn er noch so sehr im Rechte ist, sich gegen die Obrigkeit, — was die Kultusgemeinde für ihn war — ziemlich arg vergangen und daher auf milde Beurteilung keinen Anspruch hat. Ich verlange aber Milde. Wohlwollen und Schonung, weil ich Recht suche. Es geht mir mit Dr. Fink so, wie dem Soldaten in der Operette, der die Meldung erstattet: „Herr Gouverneur, ich habe einen Gefangenen gemacht, er läßt mich aber nicht aus!" Wie der Ertrinkende seinen Retter mit sich in die Tiefe hinabzieht, so hat Dr. Fink seine Freunde durch sein mit sich selbst uneiniges Wesen nbgelenkt. Dreimal habe ich mich in den letzten zwei Jahren mit seiner Sache beschäftigt und dreimal habe ich sie bei der Aussichtslosigkeit, die vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen, wieder fahren lassen. Allein ich glaube, daß man sich dort, wo1 es sich um die Existenz einer Familie handelt, nicht von Sympathie und Antipathie, sondern nur von Wohlwollen und Gerechtigkeit leiten lassen soll, und dies veranlaßt mich, die Angelegenheit hier nochmals vorzubrmgen. Es liegt mir dabei vollkommen ferne, irgend jemandem in diesem Kollegium oder vom Präsidium nahezutreten, denn ich habe mir hier in langjährigem Verkehre Freunde erworben, die mir teuer sind, deren persönliche Integrität mustergiltig ist und deren Wohlwollen ich mir auch bei meinem Scheiden aus dem Kultusvorstande als angenehme Erinnerung bewahren möchte. Mich leitet keine andere Absicht, als Sie zur Milde und Nachsicht zu stimmen. Ich gebe zu, Dr. Fink hat der Kultusgemeinde viele Unannehmlichkeiten bereitet, ich kann es nicht billigen, daß er gegen den Präsidenten und mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes Ehrenbeleidigungsklagen erhoben nnd die Antisemiten gegen den Kultusvorstand angerufen hat, aber über einen Punkt kann ich nicht hinwegkommen: Seine Familie ist brotlos geworden, der Mann kämpft um seine Existenz, und darauf ist auch seine krankhafte Aufregung zurückzuführen. Der Fall Dreyfus ist dreimal revidiert worden, für die Revision des Prozesses Hülsner werden die größten Anstrengungen gemacht, und so werden wir Juden unter uns doch die Zeit aufbringen, um den Fall Dr. Fink, den viele der Herren vom Vorstande aus den Akten gar nicht kennen, zu prüfen. Bisher hat weder eine Vernehmung, noch eine Disziplinar-Untersuchung stattgefunden; es liegt aber im vitalen Interesse der gesamten Beamtenschaft, daß niemand be- oder verurteilt wird, ohne gehört zu werden. Man wird mir vielleicht einwenden, daß Dr. Fink gar nicht der Disziplinargewalt des Kultusvorstandes untersteht und vom Ministerium seines Amtes enthoben wurde. Aber der Kultusvorstand ist trotzdem für sein ferneres Schicksal maßgebend, da er feine ihm vom Ministerium in Aussicht gestellte Wiederanstellung durch sein Veto hindert. Nennen Sie das Forum, das in dieser Angelegenheit entscheiden soll, meinetwegen Kommission und geben Sie dem Genannten Gelegenheit sich dort rechtfertigend zu verteidigen. ' Gewiß hat Dr. Fink Fehler begangen, aber es spricht für ihn nicht nur seine verzweifelte Situation, sondern auch die ausgezeichneten Zeugnisse, welche er nebst den minder guten — Sie sehen, ich bin objektiv — aufzuweisen hat. Auch die Belobungen und Anerkennungen, welche Dr. Fink während seiner früheren Lehrtätigkeit von seiner Vorgesetzten Schulbehörde erhalten hat. liegen in Abschrift vor. In dem Verfahren gegen ihn scheinen formelle, Fehler begangen worden zu sein und ich erinnere auch an die Remuneration für die Konferenzen und dem angeblich sehr groben Antwortschreiben Dr. Finks an den Herrn Präsidenten, welches sich leider nicht vorfindet, weiters an die, wenn auch nicht absichtlich, sondern in der Hitze des Gefechtes gefallenen Aeußerungen des Herrn Präsidenten in der Wähler-Versammlung. Ich bin nicht für eine Wiederanstellung Dr. Finks als Mittelschul-Professor — ich sage dies offen — weil die Kultusgemeinde erst sehen soll, wie der Mann sich in seiner neuen Stellung verhält, während sie in der Mittelschule keine Jngerenz mehr auf ihn ausüben kann. Geben Sie dem Manne einen Predigerposten, wie er ihn früher zur größten Zufriedenheit in der Fugbachgasse ausgefüllt hat, lassen Sie ihn an einer Bürgerschule oder an einem Lyzeum unterrichten; dadurch kann die Kultusgemeinde dem Manne zu einem Erwerbe verhelfen, ohne ihn zu degradieren, aber auch ohne sich für alle Zeiten des Rechtes der Wiederamovierung zu begeben. Keinesfalls hat Dr. Fink etwas verbrochen, daß wir Juden uns von ihm abwenden dürfen, ohne die Sache geprüft zu haben. Ich setze mich nicht für ein, weil ich weiß, daß er Recht hat, sondern weil ich die Wahrheit in dieser Sache zu Tage gefördert wissen will. Aber noch ein Moment möchte ich erwähnen. Der Herr Präsident wird vom neu ergänzten Vorstande bald wieder zum Präsidenten gewühlt werden und damit wieder zur Macht gelangen. Einem alten Brauch zufolge übt derjenige, der zur Macht gelangt. Werke der Amnestie, des Wolwollens, und ich möchte dem Herrn Präsidenten empfehlen, auch sein Amt in dieser hehren Wsise voll zu erfassen und wünsche nicht mehr, als daß der Fall Dr. Fink einer genauen Prüfung unterzogen werde, um den Mann vor weiteren Fehlwegen zu bewahren, die Kultusgemeinde vor weiteren Verdrießlichkeiten zu schützen. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen, meine Herren, die Sie mich jetzt so lange angehört haben, meinen Dank für alles Wolwollen auszusprechen und damit die Bitte zu verbinden, mir ein angenehmes Andenken bewahren zu wollen. Präsident Dr. Stern weist die Behauptung des Vorredners, daß formelle Fehler begangen wurden, aus Grund der vorliegenden Sitzungsprotokolle zurück. Unter anderem bringt er das Protokoll der Vertretersitzung vom 1. Juli 1904 zur Verlesung, ans welchem hervorgeht, daß die erwähnte Remuneration von 450 K an Dr. Fink ihm nicht für die Teilnahme an den Konferenzen, von welchen er immer fernblieb, sondern nur aus demselben Konto mit dem ausdrücklichen Bemerken bewilligt wurde, daß diese Zuwendung nur mit Rücksicht auf die prekären Verhältnisse in seiner Familie erfolgt sei. Dr. Gustav Kohn macht Mitteilungen über die vom kais. Rat Wilh. Pollak erwähnten Anerkennungen des Dr. Fink seitens der Schulbehörden und erklärt, daß der Vorstand der Kultusgemeinde, falls er nur irgend etwas auf seine Reputation halten wolle, nicht anders dem Manne gegenüber handeln konnte, dem der Vorstand nur Luft war. Kais. Rat Jon. Weil konstatiert, daß aus dem vorliegenden Budget der Geist rechtschaffener Verwaltung wehe, die bemüht sei, nach allen Richtungen Ersprießliches zu leisten. Es sei dies der Geist des leider so früh Heimgegangenen Vizepräsidenten Hirsch, der dauernde Spuren in der Verwaltung der Kultusgemeinde zurückgelassen habe. Redner bedauert das langsame Fortschreiten der notwendigen Reform in der Armenverwaltung, urgiert die endliche Schaffung des Pflegerinnenheims und wünscht die möglichst baldige Errichtung des Kinderfpitals. Wenn auch die hiefür disponiblen Kapitalien von 330.060 K nicht genügen, so müßte die größte Kultusgemeinde Mitteleuropas, i falls nur die Sacke richtig atMgriffen würde, bei dem oft be- 1 währten Wohltätigkeitssinne imMn- Glaubensgenossen die nötigen Kapitalien aufbringen. SchsieWch beantragt Redner die en bloe Annahme des Budgets. ' -