Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 49 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrheit Seite 7. Zwecke hat er die Ruhmestat seines Lehrmädchenu n d Arbeiterinnen Heims vollbracht, in dessen bescheidener Halle wir uns ehrfürchtig vor dem Antlitze jener erhabenen Kaiserfrau neigen, die, selbst eine Leidende, stets der Hort der Unglücklichen und Schwachen gewesen ist. (Allgemeine Bewegung.) In diesem Sinne war und ist es der wirkungsvolle Leitgedanke unserer tatkräftigen Präsidentin, welche als Gründerin und Führerin ihres vielseitigen Amtes waltet, ihre Schützlinge den Tiefen des Elends zu entreißen, sie vor den traurigen Gefahren der Armut und Verlassenheit zu schützen, bevor es zu spät ist, insolange sie uoch die Reinheit ihrer Seele und ihres Gemütes bewahrt, insolange Bettel und Almosen ihre natürlichen guten Eigenschaften und Anlagen noch nicht erstickt und ertötet haben, insolange es noch möglich ist, ihre menschliche Natur vor Allem menschlich zu bewahren und zu entwickeln. (Lebhafte Zustimmung.) So, kraft dieser gesunden prophylaktischen Lebensanschauung entstand die Fürsorge für die Lehrmädchen dieses Hauses, denen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, in dem Zeitpunkte, in welchem sie des Schutzes am dringendsten bedürftig uub zugleich würdig sind, die rettende Hand edler, zielbewußter Fraueu dargeboten wird, um sie in ein Heim zu geleiten, welches ihnen eine Welt voll Licht, Ordnung und Sicherheit erschließt, in welchem liebevolle Pflege und Unterweisung ihnen den Glauben an die Menschheit einpstanzt, Belehrung und Anleitung in Fächern des Erwerbes ihr Selbstgefühl und das Bewußtsein ihrer Nützlichkeit und Schaffensfähigkeit erweckt, die sorgfältigste Hygiene und gute Nahrung ihre Gesundheit und Widerstandskraft befestigt und die alsbaldige Erlangung eigenen Erwerbes sie zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft ausbildet. (Lebhafter Beifall.) Doch auch dann noch bleibt ihnen der Schutz und Segen dieses traulichen Hortes gewahrt, der ihnen die meist mangelnde Familie ersetzt dem sie in Dankbarkeit anhängen und auch als Arbeiterinnen, dann allerdings gegen geringe Beitragsleistung aus ihrem Erwerbe für die Verpflegung, angehören, insolange jugendliches Alter und der Mangel selbständiger Stellung, zugleich aber auch tadellose Haltung, sie noch dieser Mithilfe bedürftig erscheinen lassen. Liegt nicht, meine verehrten Damen und Herren, schon in dieser knappen Darlegung der Grundsätze und Aufgaben, welche diese schmucklose, aber — wie Sie sich selbst überzeugen werden — durchaus sach- und zweckgemäße Stätte selbstloser, altruistischer Tätigkeit beherrschen, eine ganze Offenbarung des Guten, Edlen, Schönen und Nützlichen? Mit gesteigerter Dankbarkeit und Freude wollen wir darum jener gedenken, die als V o r st a n d s - und S ch u tz d a m e n des Vereines nur durch rastloses, mehrjähriges Bemühen und hingebungsvolle, tägliche Arbeit den inhaltsvollen Gedanken in gedeihliche Wirklichkeit umzusetzen, aus kleinen Anfängen zu den heutigen, bedeutsamen Ergebnissen zu gelangen wußten und es durch Bienenfleiß und die schönste Propaganda der Tat zu bewirken vermochten, daß ihnen von zahlreichen, gleichgesinnten Freunden, Gönnern und Förderern die reichlichen, wenn auch uoch keineswegs zureichenden Mittel zur Schaffung dieses Tempels des G e m e i n s i n n e s und der Hilfsbereitschaft d a r g e b o t e n wurden. (Allseitiger Beifall.) Sowie dieser Erfolg die Arbeitsfreudigkeit und Schaffenslust der verdienstvollen Vorstandsdamen nur zu beflügeln vermag, welche es schmerzlich empfinden, in diese Räume nur sechzig Schützlinge aufnehmeu zu können, während noch viele, viele Einlaß heischen und verdienen, so mögen die segensreichen Wirkungen dieser Schöpfung all jene, die sich der Pflichten des Besitzes bewußt find, aneifern, zu deren stetiger Erweiterung und Ausgestaltung beizutragen, und sie mit dem Bewußtsein erfüllen, daß sie jeden Schützling, der mit gesichertem Erwerbe und in froher Zuversicht aus diesem Heim in den Lebenskampf hinaustritt, aus ursprünglicher Armut in Reichtum erhoben haben, — in Reichtum deshalb, weil das Heim ihn glücklich gemacht hat — und die Glücklichen — s i e sind reich! (Stürmischer Beifall.) Namens der Vereinsmitglieder beglückwünsche ich die verehrte Frau Präsidentin und den hochverdienten Gesamtvorstand. (Allseitige Bewegung und sich erneuernder Beifall. Der Redner wird lebhaft beglückwünscht.) Gemeinderat Ferdinand K l e b i n d e r begrüßte die Gründung des Heims als Mitglied des Gemeinderates und als Obmann der Lokalschulbehörde. Der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Ster n, brachte den Dank der Kultusgemeinde für diese schöne und segensreiche Schöpfung zum Ausdruck. Frau Anlome Graf sprach dem Vorstande und seiner großartigen Präsidentin im Namen der Frauen den Dank für eine Institution aus, die sich der armen Mädchen in dem gefährlichsten Alter annimmt, sie hütet und pflegt, ihnen den Weg zu einer Existenz weist und dadurch an der Lösung der Frauenfrage in so schöner Weise teilnimmt. Nachdem die Präsidentin allen Rednern für die zum Ausdruck gebrachten Sympathien gedankt hatte, schloß die Feier mit einem Rundgange durch alle Räume des überaus praktisch eingerichteten und allen Anforderungen der Hygiene entsprechenden Hauses. Mit der Präsidentin Frau Krüger machten die Vorstaudsdarnen mit den Vizepräsidentinneu. Frau Regine M a y e r, Frau Berta Käs, den Kassierinnen Frau Cäcilie Frankl und Frau Helene Stein und den Schriftführerinnen Frau Lina Weiß und Frau Regine May an der Spitze, sowie die Herren des Beirates den Festgästen die Honneurs. Die Konstitniernng eines Zentral verbandesMr Oesterreich derMiener Territorialsten. Dienstag, den 11. d. M., fand im Saale des Hotel „Post" die konstituierende Versammlung der Wiener ..Jto" statt; die Versammlung war vorzüglich besucht und verlief trotz der Teilnahme von Gegnern ruhig, was in erster Reihe der schneidigen und taktvollen Leitung des Vorsitzenden, Herrn Doktor Friedrich Mintz, zu danken ist. Nach einer kurzen Einleitung des Herrn Weißberger referierte Herr M. Schmidt über „Die Entstehung und Realisierung d es T er r i t o ri a l is m u s". In markanten Zügen entwirft Redner das geschichtliche Bild der territorialen Bewegung der letzten 25 Jahre bis zum VII. Kongreß, der durch die Abweisung des vielleicht nicht voll erforschten Uganda, die Spaltung hervorruft und den Territorialismus unter Führung Zangwills begründet. Im weiteren Verlause seiner mit großem Beifall aufgenommenen Rede erbringt Redner durch eine verblüffende Anführung authentischer Daten den Nachweis, daß an eine sozial-ökonomische Lösung der Judenfrage in Palästina unter den gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen nicht zu denken ist. Der Kernpunkt des heutigen Problems liegt in der Emigration, die nicht durch die Pogroms bestehe, sondern durch die ökonomischen Verhältnisse, durch die Ueberproduktion in den Ländern bedingt sei, das überflüssige Menschenmaterial also abstoße. So entsteht die Frage: Wohin? Es muß ein schwachbevölkertes Territorium gefunden werden, ein Land, das den großen Strom der Emigranten aufnehmen könne, wo jedem einzelnen die Möglichkeit gegeben sei, sich ehrlich zu ernähren, ein freier Bürger zu sein.. Die Autonomie wird am leichtesten im Sinne Zangwills erreicht werden: nicht durch den vorherigen Allarmruf um Autonomie, sondern auf automatischem Wege, durch den Nachruck der Massen, wie z. B. ein kleines jüdisches Dorf Amerikas, W o o d b a i, ganz freies Selbftbestimmungsrecht hat, und auch autonome Verwaltung garantiert hat. Wenn die betreffende Macht die Zulassung der Emigranten für ewige Zeiten garantiert, so ist die Autonomie das selbstverständliche Werk der