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Die Wahrheit · 1906-12-21 · Heft 49 (21.12.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 49 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 49. die Aufnahme zu ermöglichen, sondern insbesondere auch, um den gewerblich bereits ausgebildeten Schützlingen noch für eine weitere Zeit Unterkunft in der Anstalt gewähren zu können und dieselben hiedurch den ihnen naturgemäß drohenden Gefahren der Großstadt zu entrücken. Dank der Munifizenz edler Menschenfreunde ist es nach jahrelangen, rastlosen Bemühungen gelungen, das angestrebte Ziel zu erreichen und ein Haus im Ü. Bezirke, Ecke Leopolds¬ und Malzgasfe, für die erwähnten Zwecke anzukaufen und zu adaptieren. In demselben sollen sofort 25 Lehrmädchen und 35 jugendliche Arbeiterinnen unentgeltlich Unterkunft sinden. Die Einweihung des Mädchenhortes fand Sonntag, den 16. d. M., 11 Uhr vormittags, statt und die große Zahl der Festgäste, die sich im Speisesaale des Hauses versammelten, bewies, welche allgemeine Sympathien diesem schönen Werke in den weitesten Kreisen entgegengebracht werden. Unter den Anwesenden befanden sich: Frau Herta von Sprung in Vertretung des Unterrichtsministers, der Präsident der israel. Kultnsgemeinde Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. Güdemann, die Kultusvorsteher David Ritter von Gutmann, Dr. Markus Spitzer, kais. Rat Wilhelm Pollak, Kommerzialrat Simon, Dr. Löwy, Adolf Schramek und S. Steiner, Reichsratsabgeordneter Dr. Vogler, Polizeirat Kenda. Gemeinderat Ferd. Klebinder, die Rabbiner Dr. David, Dr. Feuchtwang, Dr. Grunwald, Frau Hofrat Obermayer, die Negierungsräte Gymnasialdirektor Eyserr und Dr. Schlag, die kais. Räte Goldstein in Vertretung des Herrn Mayer von Gunthof, Lichtenstadt, Wilhelm, Ortsschulrat Dr. Weiß, Magistratssekretär Dr. Teller, Bezirksvorsteher Gaiblinger. die Bezirksräte Bruno Heß und Emil Neuftadtl. Vertreter der Wohltätigkeitsvereine: Frau Neumann für „Providentia", Frau Kopfstein für „Frauenhort", Herr Direktor Fischer für Kinderbewahranstalt, Frau Grünwald Frauenverein Floridsdorf, Frau Amalie Beck Frauenverein Josefstadt, Herr Dr. Geza Winter für „Rekonvaleszeutenheim", Herr Brod für „Verein zur Hebung der Gewerbe", Frau Goldschmidt für „Zuflucht", Herr Singer für „Volksküche", Herr Herm. König für „Nachlath Jeschurun" VI. Bezirk, Herr Dr. Kohn für den XX. Bezirk, Herren Egger und Keuedy für „Kinderheim", Frau Dr. Frischauer für „Franz Josefs-Knaben- und Mädchenhort", Herr Dr. Samuely für „Toyubeehalle^, Herr Salomon Simon für „Chewra Kadischa", Frau Pauline Kary, Prof. Kracher, Banqnier Wölfler, Frau Milhofer, Frau Morgenstern, Herr und Frau von Bronek rc. rc. Die Präsidentin. Frau kaiserl. Rat Krüger, begrüßte die Festgäste und skizzirte in knappen Umrissen die Tätigkeit des Vereines in Bezug auf die Mädchenfürsorge und die Bestrebungen zur Gründung des Heims. Sie führte aus, daß die moderne Armenpflege ihr Hauptgewicht auf prophylaktische Hilfe lege. — Schutz und Erziehung der Jugend, den Kindern der Armen, Gelegenheit zur Arbeit und anständigem Erwerbe, sei das Losungswort vernünfter Armenfürsorge. In Bezug auf die in den letzten Jahren so zahlreich geschaffenen Einrichtungen zur Förderung der Jugendfürsorge, betonte sie die außerordentliche Fürsorge, welcher sich speziell der männliche Lehrling seitens privater und öffentlicher Woltätigkeit erfreue, während in dieser Hinsicht die Fürsorge für den weiblichen Lehrling in unverzeihlichem Rückstände geblieben sei. Rednerin verwies hierauf auf mehrere, sowohl in Oesterreich als im Auslande bestehende Muster-Anstalten für Lehrlinge und alleinstehende Arbeiter, unter anderem auf das in großem Style im vorigen Jahre errichtete Mäunerheim, welches dem alleinstehenden Arbeiter billige Unterkunft und Gelegenheit zur körperlichen und geistigen Pflege biete, hauptsächlich aber gegen das verderbliche Schlafgängerwesen gerichtet sei und sagte dann: „Wo immer es sich um derartige Fürsorge handle, hat auch das arme Lehrmädel, die alleinstehende jugendliche Arbeiterin vollen Anspruch auf den Schutz ihrer Lebensinteressen." Bei der Erläuterung der inneren Einrichtung des Heims betonte die Präsidentin das nicht zu unterschätzende Moment sozialen und ökonomischen Fortschritts, indem die Mädchen außer ihrer gewerblichen Ausbildung in allem Häuslichen und fürs praktische Leben Notwendigem unterrichtet und dadurch in die Lage versetzt werden, bei Erreichung ihrer Selbständigkeit oder im Falle ihrer Verheiratung die Pflichten der erwerbenden mit den Pflichten der hausverwaltenden Frau zu ver- I binden. Nach einem warmen Appell an alle jene, welche den hohen Wert der Vereinstätigkeit auf dem Gebiete dieser eigenartigen Jugendfürsorge zu würdigen wissen, schloß die Präsidentin mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser, in das die Versammlung begeistert einstimmte. Stadtbaumeister Schwadron, der beim Ankauf itnb bei Adaptierung des Hauses, im Vereine mit dem ärztlichen Beirat, kais. Rat Dr. Krüger, als technischer Beirat fungierte, gab ein Situationsbild von der Anlage des Heims und dessen innerer Einrichtung und hierauf hielt Herr Dr. Hermann Fialla folgende Ansprache: Hochgeehrte V e r s a m m l u n g! Die geistige Schöpferin und der technische Meister eines Werkes haben gesprochen, dem dankende Anerkennung auch aus dem Kreise jener dargebracht werden mag, welche der Befriedigung teilhaftig sind, Mitglieder dieses Vereines zu sein, dessen segensreiche Schöpfung der Menschenliebe und Menschenrettung mit unserem wohlverdienten Danke zu weihen und mit unserer gerechten Bewunderung zu feiern wir au dieser Stätte versammelt sind. Zahlreich und mannigfaltig sind seit jeher die verschiedenartigsten Gestaltungen der der Nächstenliebe und dem Mitgefühle entstammenden, durch korporative Vereinigung geübten Wohltätigkeit, die schon dem Ungeborenen zuteil wird durch Unterstützung der Mutter, die ihn unter ihrem Herzen trägt, die des Säuglings gedenkt, um ihn vor Hunger und Frost zu bewahren, die dem Armen Hilfe, dem Kranken Trost und Pflege, dem Siechen und Greise Zuflucht gewährt, von der Wiege bis zur Urne so viele Hilfsals L e i d e n s stationen! (Bewegung.) Wer könnte es ermessen, wie viele Tränen getrocknet, wie viele Seufzer unterdrückt, wie viele Elende emporgehoben, wie viel Gebeugte aufgerichtet werden durch diese Ströme von Gold und Liebe, welche in die schier uferlosen Gebiete menschlichen Jammers und erschütternder Verzweiflung geleitet werden! Gewiß, ein rührendes Bild humanen Slrebens und Empfindens, eine sich stets tausendfältig erneuernde Kundgebung des guten Herzens und der offenen Hand. Gewährt aber diese — übrigens auch bei der höchsten Ausbildung sozialer Wohlfahrtseinrichtungen leider unentbehrliche — Art und Form herzenswarmer Betätigung in der ungeheueren Mehrzahl der Fälle auch wirklich Hilfe und Rettung? Oder lindern Almosen nicht vielmehr die Not des Beschenkten nur für einen" kurzen Augenblick? Und wie selten vermag Geldhilfe allein das Lebenswrack des Gestrandeten wieder flott und fahrbar zu machen, wie nur zu häufig sind die zeit ihres Lebens arm Gewesenen und arm Gebliebenen ihrer Menschenwürde ebenso verlustig geworden, wie ihrer Erwerbsfähigkeit! Darum ist in unserer Zeit des lebhaft geweckten sozialen Pflichtbewußtseins das wahrhafte, Heil und Segen schaffende und verbreitende System der Nächstenfürsorge und Wohltätigkeit jenes, welches mit dem guten Herzen den sinnenden Verstand, mit der offenen Hand den praktischen Sinn vereinigt, welches nicht bloß schenken, sondern noch mehr ») ir ten will, welches den endlosen Waldbrand menschlicher Not und Verelendung nicht mit unzugänglichen Mitteln zu löschen sich anschickt, sondern nach äußerster Kraft und Tunlichkeit dem A u s b r u ch e dieses Brandes v o r z u b e u g e n und die Bedrohten mit jenen Schutzwällen und Abwehrmitteln zu sichern und zu umgeben strebt, als welche sich Pflichtgefühl, Arbeit und Selbstachtung im Leben jedes Einzelnen bewähren. (Stürmischer Beifall.) Und, meine verehrten Damen und Herren, in diesem Sinne wirkt und schafft unser Verein, in diesem Geiste und

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