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Die Wahrheit · 1906-12-21 · Heft 49 (21.12.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 49 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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i)ir. 49. Die Wahrheit. orientalischer Offenherzigkeit?" Wir wenden die Waffe, die Sie auf uns zücken, gegen Sie selbst, Herr Conseilspräsident! wir wollen Sie mit Ihren eigenen Worten schlagen und diese gegen Sie kehren. Der von Schlagworten nnbetörte, unbefangene Mann, gleichviel ob des Morgen- oder Abendlandes, sei er nun Chinese, Japaner, oder Amerikaner, mißtraut Ihrem Liberalismus, wird kritisch und skeptisch gegenüber Akzenten der von Ihnen bekannten und gepredigten Humanität, wenn er sieht, daß Sie zu Ihren poetischen Schöpfungen ein Requisit nötig haben, das zu den eisernen Beständen des ..Gaulois", der „Germania" und des ..Deutschen Volksblattes" gehört, den Juden, den „alleweil" schlechten Juden nämlich. Dieser vorurteilslose Chinese oder Japaner — er muß nicht ein oberflächlicher Leser der „Presse" sein — wird jedenfalls den Kopf schütteln, wie die Magister des Kandidaten Jobs, sieht er und gewahrt er, wie Sie generalisieren und verächtlich vom Gehirn des Asiaten sprechen. Asiaten sind wir alle, lieber Herr Clemenceau. Asien ist die Wiege des Menschengeschlechtes. Von dorther kamen die Römer und Griechen, die Kelten, Germanen und Slaven. Ein Rest der Unterwürfigkeit der alten Knechtschaft läge im Asiaten und nach Clemenceau im Judentum? Wer hielt den Hellenisierungsversuchen des Königs Antiochus unter den Makkabäern heldenmütig stand, wer wagte es dem mächtigen Rom zu trotzen, das knechtische oder das heldenmütige Juda? Wer bewahrte, unter allen Völkern einzig dastehend, bis zum heutigen Tage trotz tauselldfültiger Anfechtungen seine Eigenart, seine alte Sprache und Literatur, das unterwürfige Juda? Ihre Vorfahren, Herr Clemenceau, Ihre ältesten, die Kelten sind es, die sich den Römern beugten und sich latinisierten. Wo ist der alte Druidenkult, wo die heiligen Bardengesänge? Verschollen und verklungen und die Keltologie ist eine der exotischesten der Wissenschaften. Dann kamen die germanischen Franken und Gothen ins Land und die Kelto-Romanen unterwarfen sich den wilden Horden. Sie vermengten sich und verschmolzen zu dem Mifchvolk der heutigen Franzosen. Einem solchen bieg- und schmiegsamen Gemengsel und Völkeramalgam gehören Sie an, Herr Clemenceau, unsere Stammväter hingegen sind Abraham, Jsak und Jakob geblieben, durch aW bie Jahrtausende durch. Wer ist da der Knecht? Wer der Asiate? „Der Traum der Schätze, welcher im Gehirn des Asiaten spukt, eine angeborene Wissenschaft aus allem den äußersten Vorteil zu ziehen." Es gehört eine eiserne Stirn dazu, den Satz ruhig niederznschreiben, wenn man selbst in die zum Himmel stinkende Pnnama-Affaire verwickelt und gezwungen war, sich damals aus dem politischen Leben zurückzuziehen. Damals dachte er, wie erzählt wird, an Selbstmord, überlegre sichs aber und warf sich lieber aufs Rauben. Den Juden die Reputation rauben, wie man ihnen in Rußland ihre materiellen Güter entreißt, ist nach Panama auch kein zu verachtendes Geschäft; man siehts ja, wie man dafür selbst in einem sich liberal nennenden Blatt Lob und Anerkennung empfängt. Wie sieht es nun mit den Juden aus? Gewiß, die Panama-Affaire ist eine französische Spezialität, doch es läßt sich nicht leugnen, daß man auch unter den Juden vergeblich lauter reine Engel vermuten darf. Tatsache aber ist es, das es in Europa nur zwei Völker gegeben hat, von denen jedes einen Mann ausznweisen hat, der einen seiner größten Ruhmestitel bildet: Die alten Griechen hatten ihren Sokrates, der zeitliche Güter verachtete und nur der Erforschung der Tugend lebte, und ihm reiht sich würdig an Benedict Spinoza, den wir Juden mit Stolz unfern großen Sohn nennen, der sich die Lunge mit Glas- und Diamantsplittern verwüsten ließ und die ehrenvolle und einträgliche Stelle eines Hochschullehrers zu Heidelberg ausgeschlagen hatte, um seine Unabhängigkeit zu wahren. Genug der Polemik! Ziehen wir lieber die Schlüsse aus Clemenceaus poetischem Schaffen, ich glaube die Folgerungen ergeben sich ungezwungen daraus. Die beiden Bösewichte und Betrüger in seinem Roman sind Gebilde der Imagination, blutlose Abstraktionen, der dritte betrogene Betrüger im Bunde hingegen ist Fleisch und Blut. Es ist Clemenceau selbst. Seite 5. Es ist wahr, er hat Dreyfus verteidigt, er kämpft gegen das Pfaffentum. Aber es erweist sich: nicht edle Selbstlosigkeit und Treue zu den ewigen Idealen der Menschheit bewegen ihn, sondern eine instinktive Witterung, ein Vertrautsein. mit der Volkspsyche. Er wußte, daß die Mehrheit der heutigen Franzosen sich gegen den übermütig gewordenen Klerikalismus und gegen dessen gewissenlose Verfolgung des unglücklichen Dreyfus anflehnen würde, er machte sich daher zum Sprachrohr dreier Mehrheit, er ist ein geschickter Opportunist und eine Welterstauge. Nur daß die Wetterstange nicht gut geölt erscheint. Ihr Knarren ist in dem Roman „Die Stärksten" und jetzt in. der „Neuen Freien" unangenehm bemerkbar. Wem meine Folgerungen zu weitgehend erscheinen und wem das laute Tam Tam des Lobes, mit welchem die „Neue Freie" Clemenceaus Wirkeu seit einem Jahre begleitet, das Urteil getrübt hat, sei daran erinnert, daß Lueger die beste Illustration zu meinen Behauptungen darbietet. Hätte Lueger nicht mit untrüglicher Sicherheit erkannt, daß in Oesterreich dem Klerikalismus die Zukunft gehöre, nie wäre er vom Liberalismus abgefchwenkt. Er wäre ein beredter Apostel der Menschenliebe und der Freund Lichiblaus geblieben. Ich zweifle, ob er den Pferdefuß hinansgesteckt hätte, wie Clemenceau. Nun hat letzterer es ja eigentlich nicht getan, sondern diesen Liebesdienst hat ihm das Wellbiatt. die „Neue Freie Presse", erwiesen. Ter Roman wäre sonst wohltätiger Vergessenheit, anheimgefallen. Für diesen gewiß unbeabsichtigten Liebesdienst aber wollen wir dieser Zeitung dankbar sein, denn im Kampfe soll man Freund und Feind kennen. Und im Kampfe stehen wir leider gegen eine ganze Welt! 8. Vineta. Lehrmädchen- und Arbeiterinnen Heim. Dem vereinten Wirken edler Frauen und wackerer Männer, die im „Leop o ldstädter Frau e n - Wohltätigkeits- Verein" unter der zielbewußten Leitung der Präsidentin, der Frau kais. Rat Berta Krüger, sich dem Dienste sozialer Fürsorge für Frauen und Mädchen in modernstem Sinne widmeten, ist es nach jahrelanger, unermüdlicher Tätigkeit gelungen, eine Fürsorgestätte für Lehrmädchen und Arbeiterinnen im eigenen Heime zu errichtert und damit eine segensreiche Institution zu schaffen, die nicht nur eine Wohlfahrtseinrichtuug im eminentesten Sinne des Wortes sondern geradezu enw Ruhmestat des Vereines genannt werden kann. Das Heim ging aus dem „Kaiserin Elisab eth-Lehrmädch en hort hervor, das im Jahre 1898 als Kaiser-Jubiläums-Stistung vom Leopoldstüdstädter Frauen - Wohltätigkeits - Verein über Initiative der Vereinspräsidentin Frau kais. Rat Krüger gegründet wurde. In demselben erhalten arme, verwaiste Mädchen im Alter von 14—16 Jahren nnentgelilich Wohnung, vollständige Beköstigung, Kleidung, körperliche und geistige Pflege und Ünterweisung in allen häuslichen Arbeiten. Die Hauptaufgabe des Vereines besteht jedoch darin, diese Mädchen während ihres Aufenthaltes in der Anstalt einem ihrer körperlichen Eignung entsprechenden gewerblichen Berufe zrizusühren und sie zu diesem Zwecke auf Kosten des Vereines in Werkstätten außerhalb des Heims ausbilden zit lassen, um ihnen hiedurch die Grundlage einer gesicherten Lebensstellung zu verschaffen. Solange der Hort in einer Mietwohnung untergebracht war, war es nicht möglich, diese wahrhaft segensreiche Institution zur vollen Entfaltung zu bringen. Ein wesentlicher Mangel bestand insbesonders darin, daß die noch jungen, einer fürsorglichen Beaufsichtigung dringend bedürftigen Schützlinge, sobald sie ihren Lehrbrief erhalten hatten, den Hort verlassen mußten, um anderen Bewerberinnen die Aufnahme in denselben zu ermöglichen. Das Bestreben der Vereinsleitung ging demzufolge dahin, den Hort im eigenen Heime unterzubringen, um hiedurch nicht nur einer größeren Anzahl hilfsbedürftiger Mädchen

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