Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 49 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063365--04605-3071460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Die Zeitungen teilten mit, daß die russischen Juden für die bevorstehenden Dumawahlen massenhaft der „Partei der friedlichen Erneuerung" beiträten. Das Zentralkomitee des „Verbandes für Erreichung der Gleichberechtigung der russischen Juden'', das die Beteiligung der russischen Juden an der Wahlkampagne am besten überblicken kantt, erachtet es für notwendig, zu erklären, daß diese Nachricht völlig unbegründet ist. Ein Anschluß der Juden an die „Partei der friedlichen Erneuerung" hätte, wie den formellen Beschlüssen der Verbandskongresse, so auch den richtig verstandenen Interessen des Judentums widersprochen. Die Schwankungen inbezug auf die Art und Weise der Verwirklichung der jüdischen Gleichberechtigung, die sich selbst bei den Führern der Partei der friedlichen Erneuerung offenbarten, entsprechen weder der prinzipiellen Wichtigkeit der Frage, noch dem Standpunkte der russischen Juden, die schon längst von dem utlerschütterlichen Bewußtsein durchdrungen sind, daß die wirkliche Gleichberechtigung nicht teilweise auf dem Wege der Kompromisse erreichbar ist, sondern, daß zum Kampf um die Gleichberechtigung eine kraftvolle Opposition gegen alle Regiernngsmaßnahmen, die den Grundsätzen der bürgerlichen Gleichheit und politischen Freiheit widersprechen, erforderlich ist." Um. die Stimmung der russischen Juden regierungsfreundlicher zu gestalten, wurden ihnen bekanntlich große Reformen in Aussicht gestellt. Es folgte aber das wuchtige „Veto" der schwarzen Hunderte, und mit Verbeugungen und Entschuldigungen zog sich das Ministerium eiligst zurück. Nun hat aber der Verband der Pogrommacher einen neuen Sieg über die Regiernngsbeschlüsse zu verzeichnen: wir lesen nämlich in den Zeitungen folgende vielsagende Mitteilung: „Das Ministerium für Volksaufklärung hat für nötig gefunden, im künftigen Semester nicht in einem einzigen Falle zu gestatten, daß Juden in die mittleren und Hochschulen über die festgesetzte Norm (von 3 bis 10%) ausgenommen werden." Erft in diesem Herbst haben sämtliche Hochschulen, so wie auch die mittlerrn Schulen beschlossen, die Beschränkungen zu beseitigen;/das Ministerium seinerseits stimmte diesen Beschlüssen zu. Als aber der „Verband der russischen Leute" zu einer über allen Ministerien stehenden Regierungsinstanz wurde, bnrfteit natürlich diese Bestimmungen nicht weiter gelten. * # * Der große staatsmännische Blick, der allen Ennnziationen des Präsidenten der Vereinigten Staaten eigen ist, tritt auch in der letzten Botschaft Roosevelts klar zutage. Manche Leser werden vielleicht fragen, was wir denn mit dieser Präsidenten-Botschaft zu tun haben, in deren dreißigtausend Worten nicht eines auf die Juden Bezug hat? So manches doch, wie wir sehen werden. Nur fürchten wir, daß unsere Antisemiten nichts daraus lernen werden, und wir können daher nur hoffen, daß solche, die es noch nicht sind, sich hüten werden, mit ihnen sich einzulassen. Roosevelt warnt zum Beispiel, solche Leute zur Macht gelangen zu lassen, also etwa sie zu wählen, die einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen zum Haß reizen. Selbst die Reformen solcher Männer — er hat doch nicht etwa au die zu deutschen Reformern umgetauften Antisemiten gedacht? — seien nichts wert, da, wo Haß die Saat ist, nur Uebel die Ernte sein könne. Der Präsident tritt auch mit dankenswerter Entschiedenheit gegen den Ra sse n h o ch mu t der amerikanischen Jingos ein, die in den Südstaaten die Neger lynchen, in Kaltfornien die Japaner selbst als minderwertig behandeln. Denn der den Schwarzen gezeigte Hochmut droht in den Südstaaten einen furchtbaren Rassenkrieg hervorzurufen, und die Folge des Rassendünkels gegen die Japaner könnte ein für die Vereinigten Staaten selbst nicht ungefährlicher Krieg sein. Ganz richtig bemerkt der Präsident, daß die Behandlung, die die Amerikaner in Kalifornien den Japanern zuteil werden lassen, nur die Unkultur dieser Amerikaner selbst beweise. Es gehört wirklich eine nicht geringe Portion Unverschämtheit dazu, die Japaner, die doch seit einem halben Jahrhundert genug friedliche wie kriegerische Beweise ihrer sehr hohen Kultur geliefert haben, von oben herab zu behandeln. Und ist die Unverschämtheit unserer Antisemiten etwa geringer, die deutschen Juden als minderwertig anzusehen und vom Staate behandelt wissen zu wollen, die auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ihren Mann gestanden haben? Aber wie Geschöpfe, die nur nach ihren tierischen Instinkten handeln, nicht die Folgen ihres Tuns überlegen, so denken die Antisemiten nicht an die zahlreichen großen Gefahren, die ihr beständiges Hetzen für die Gesamtheit zur Folge hat. Georges Clemeneeau, der Dichter. Unter diesem Titel bringt die „Neue Freie Presse" am 14. d. M. unter dem Strich eine Würdigung der literarischen Produktionen des französischen Ministerpräsidenten Clemeneeau. Sein Roman „die Stärksten" ist es, dessen Besprechung den größten Raum des Aufsatzes einnimmt. Es liegt keine dringende Veranlassung zur Jnhaltswiedergabe, zur Skizzierung der Handlung des Romanes vor. Es genüge nur zu erwähnen, daß darin zwei „mauvais sujets“ Vorkommen, ein arisches verbündet sich mit einem jüdischen zu gemeinschaftlichen Missetaten,' also ein Compagniegeschäst für unsaubere Transaktionen. Die auf diese Liirung Bezug habende Stelle ist, nebst der Charakterisierung des Juden Oppen, in dem Feuilleton der Presse wörtlich wiedergegeben, und wir wollen diesen Passus ebenfalls hier folgen lassen. Denn wir inkriminieren ihn, wir erheben unsere Stimme zur Klage, wie der Ankläger der alten Fehmgerichte, wir klagen, klagen, klagen! Wir klagen die „Neue Freie' an, die so wenig Feinfühligkeit für Interessen des Judentums bekundet, und klagen Georges Clemeneeau, den Verteidiger des Dreyfus, den glorreichen Kämpfer gegen den übermächtigen Klerikalismus, des Pseudoliberalismus an. Wir klagen, klagen, klagen! Zunächst die Stelle, sie lautet: „Er verbündet sich mit einem allmächtigen Finanzmann, dem Baron Oppert, gebürtig aus Amsterdam und vom Papst geadelt. Die Persönlichkeit Opperts wird von Clemeneeau mit seltener künstlerischer Virtuosität geschildert: „Unter der kleinen spöttischen Nase lächelte ein großer Mund mit dicken Lippen wohlwollend den inneren Gedanken zu, während die gelben, von eiskaltem Lichte funkelnden Augen feine Strahlen durch die undurchdringlichsten Rüstungen hindurchschoffen. Die warme, sanfte Stimme hatte jenen Akzent orientalischer Offenherzigkeit, welcher der Mann des Abendlandes, wenn er klug ist, mißtraut. Unter den Formen der Güte ein Rest der Unterwürfigkeit, der alten Knechtschaft, die verräterische Revanche der Besiegten, der Traum der Schätze, welcher im Gehirne der Asiaten spukt. Eine ungezügelte Kraft der Anziehung, welche sich auf alles, Menschen und Dinge, erstreckt, mit der angeborenen Wissenschaft, daraus den äußersten Vorteil zu ziehen. Eitelkeit eines Sklaven, der König geworden ist. ..." Man lächle nicht über die Feierlichkeit des Tones unserer Anklage. Auch dem Gericht der „heiligen Fehmedem „Freistuhl" in Westphalen und den „Haberrichtern" in Bayern stehen keine Exekutivmittel zu Gebote und ihre Urteile haben doch Wirksamkeit. Ein solch' Verfehmter und Verurteilter ist, wenn auch kein staatliches Forum über ihn zu Gerichte saß, dennoch verachtet von seiner ganzen Umgebung, er ist ein Geächteter, und jeder scheut! dessen Umgang. Uebrigens gibt es Vergehen, die sich selbst richten, wenn i man sie annagelt. Gehen wir aus obige Schilderung etwas näher! ein: Ein Jude, der vom Papste geadelt wird! Trifft der Spott! den Juden allein, oder gleitet er nicht zur Seite, kriegt nicht , auch der Arier einen guten Teil der Wucht des Hiebes weg?! „Ein großer Mund, dicke Lippen und gelbe Augen!" Man sollte j glauben, daß die Juden wahre Scheusale sind und muß sich j gewaltsam erinnern, das Laffale nicht mir der größte Agitator I und Sozialreformer war, sondern auch allgemein als der schönste! Mann seines Zeitalters gegolten hat, den hochadelige Damen mit! Liebesanträgen verfolgten. „Der Mann des Abendlandes mißtraut,! wenn er klug ist, der warmen, sanften Stimme, dem Akzent