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Die Wahrheit · 1906-12-14 · Heft 48 (14.12.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 48 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 48. diese Stelle mit 54 Stimmen Sparkassendirektor Dr. Franz S z 6 k e l y gewählt wurde. Hiemit schloß die Generalversammlung. Ziidische Papste.*) Der gelehrte Kirchenhistoriker Stiftspropst Döllinger hat vor einem halben Jahrhundert ein Werk über ..Die Papstfabeln des Mittelalters" verfaßt. Er spricht darin von der Päpstin Johanna, von Sylvester H. und anderen, sagt aber kein Wort von jüdischen Päpsten. Und mit Recht. Denn diese gehören nicht dem Bereiche der Fabel an — sie sind Wahrheit und Dichtung, ja meistens mehr Wahrheit als Dichtung. Gewiß, ein sich offen zum Judentum Bekennender ist nie Vorgänger Pius X. gewesen, wohl aber mancher getaufte Jude oder Abkömmling eines getauften und, wenn wir alten jüdischen Sagen Glauben schenken dürfen, ein im geheimen dem Judentum treugebliebener. Nach katholischer Lehre ist der Apostel Petrus der erste Bischof von Rom, der erste Papst gewesen. Er war, wie nicht bezweifelt wird, ein echter Jude „aus der Beschneidung". Ob Linus und Anaklet oder Cletus, seine nächsten Nachfolger, geborene Juden waren, weiß man nicht sicher, wie überhaupt die Geschichte des ersten Jahrhunderts der Päpste in Dunkel gehüllt ist. Mau kann aber wohl mit großer Wahrscheinlichkeit anuehmen, daß die ersten zwei oder drei Nachfolger Petri aus der jüdischen Kolonie in Rom stammten. Papst Evaristus (seit ca. 100) und seine nächsten Nachkommen waren entweder bekehrte Heiden oder schon als Christen geboren. Die Päpste der folgenden Jahrhunderte waren unstreitig geborene Christen und Nachkommen von Christen — bis zum Jahre 1130. In diesem Jahre wurde nach dem Tode Honorius 1l. der Enkel eines getauften Juden zum Papste gewählt. Er wurde in der Peterskirche konsekriert und nahm den Namen Anaklet an, vielleicht zur Erinnerung au den dritten, halb sagenhaften Papst aus dem Judentum. Sein früherer Name war, wie der seines Vaters, Peter; sein zum Christentum übergelretener sehr reicher Großvater hat wahrscheinlich Baruch geheißen und hatte in der Taufe, um die Mitte des XI. Jahrhunderts, den Namen seines Pathen, Papst Leo IV., angenommen, weshalb man auch später die Familie Pierleoni nannte.**) Leo und sein Sohn haben dem Papste und seinen Nachfolgern große Dienste geleistet, „mit den Waffen und mit gutem Rat", wohl auch mit Geld. Die Familie wuchs an Reichtum, Ansehen und Macht, verschwägerte sich mit den vornehmsten Familien Roms und nahm die Allüren der trotzigen und mächtigen römischen Barone an. Besucher Roms versäumen nicht, die Reste des Marcellus- Theater zu besichtigen — Eintritt in die unterirdischen, elektrisch beleuchteten Räume eine Lira —, aber nur wenigen kommt es zum Bewußtsein, daß sie da gewissermaßen einen Auszug der Geschichte Roms vor sich haben. Von Cäsar begonnen, wurde der mächtige Bau von Augustus vollendet und nach seinem jung verstorbenen, von Virgil verherrlichten Neffen Marcellus benannt. Im Mittelalter diente er als uneinnehmbare Festung, später siedelte sich dort allerlei Volk an, auch die jetzt nicht mehr vorhandene, wegen ihres guten Weines gerühmte Schenke Campanella, die Goethe mit seinem Besuche beehrt hat. Ganz nahe fand sich das Ghetto, und auf der benachbarten Piazza Moutanara, wo man das Treiben der Compagnolen beobachten konnte, erhebt sich jetzt der prächtige jüdische Tempel — la chiesa degli Ehrei, wie mir ein Arbeiter erklärte. Wie die Pierleoni in den Besitz des Marcellus-Theaters gelangten, wissen wir nicht, vielleicht gab es ihnen ein Papst als Zahlung für geliehenes Geld; aber sie machten daraus eine starke Festung und siedelten in der Umgebung ihre Dieustleute und Kriegsmannen an. Und bald kam-die noch stärkere Festung des mittelalterlichen Rom in ihre Hän e: Papst Urban II, der Urheber des ersten Kreuzzuges, der in Deutschland so vielen Juden das Leben kostete, ernannte den Iudenftäm.mling Peter *) Aus Nr. 260 der Münchener „Allg. Zrg." **) Wie Gregorovrus (Geich, der Stadt Rom, IV, 3 ff.) aunimmt, ist schy« der Vater dieses Leo» Christ geworden. zum Kommandanten der Engelsburg. Dessen ebenfalls Petergenannter Sohn wurde von Paschalis II. zum Kardinal, 1121 zum Legaten für Frankreich und England ernannt, wohin er sich mit zahlreichem Gefolge begab. . Daß er neun Jahre später zum Päpste gewählt wurde, haben wir bereits erwähnt. Aber man ließ ihn seine Würde nicht in Ruhe genießen. Eine Minorität der Kardinäle, 19 unter 46, war mit seiner Wahl.nicht zufrieden, sei es aus persönlichen Gründen, sei es aus Verwahrung gegen den Sprößling eines Juden, dem man unter anderem jüdisches Aussehen vorwarf. Obstruktion der Minorität war damals noch nicht erfunden, dafür aber pflegten die Kardinäle in jenen Zeiten von einem anderen Mittel Gebrauch zu machen — sie wählten einen Gegenpapst. Das taten auch die 19 Gegner Anaklets. Sie versammelten sich im geheimen - und wählten den Kardinal Gregor zum Papste, der den Namen Jnnocenz II. annahm. Anaklet hatte die Majorität der Wähler für sich, er war am gehörigen Orte zu gehöriger Zeit gewählt worden, und die katholische Kirche hat doch Jnnocenz II. als rechtmäßigen Papst anerkannt! Es ist dies hauptsächlich dem Eingreifen' des hl. Bernhard von Clairvaux zu verdanken, der den Pierleoni am heftigsten, mit zum Teil fadenscheinigen Gründen bekämpfte. Er wußte sogar den Kaiser Lothar gegen ihn einzunehmen, und dieser zog zweimal (1133 und 1137) mit einem Heere nach Rom, um Jnnocenz II. einzusetzen. Aber Anaklet besaß die zwei Burgen; Klerus, Bürgerschaft und der größte Teil des Adels, sowie der König von Neapel hielten treu zu ihm, und der Kaiser konnte nur einen Teil der Stadt besetzen, den er auch bald räumen mußte. Anaklet blieb ruhig im Besitze des Vatikans und der ewigen Stadt, während sein Gegner ein unstetes Wanderleben in Italien und Frankreich führte. Erst nach dem am 7. Jänner 1138 erfolgten Tode Anaklets und nachdem Jnnocenz mit dessen in Rom so einflußreichen und mächtigen Brüdern Frieden geschlossen hatte, wurde er allgemein als Papst anerkannt und konnte von Rom Besitz nehmen. Das beste Verhältnis herrschte fortan zwischen ihm und den Pierleoni. Die Familie stand noch mehrere Jahrhunderte in hohem Ansehen, und im XV. Jahrhundert fabelte man sogar, zwei Brüder Pierleoni, die den Titel Grasen von Aventin führten, seien einst nach Deutschland ausgewandert und hätten die Dynastie der Habsburger gegründet. Aus dem Grabstein der Lucretia Pierleoni, die 1582 als die letzte ihrer Familie gestorben ist, wird auf diese hohe Verwandtschaft Bezug genommen. Das Marcellus-Theater ist später in den Besitz der Familie Savelli, dann der Orsini gelangt, denen es, wie ich glaube, noch jetzt gehört. Der alte Pierleoni ruht in einem prächtigen Sarkophag mit hochtrabender Inschrift im Klosterhof von San Paolo Fuori le Mura. Wo Papst Anaklet begraben ist, weiß ich nicht.*) Die angebliche Verwandtschaft mit dem Hause Habsburg ist längst von der historischen Kritik verworfen worden, aber in allerneuester Zeit ist noch ein anderer Papst für die Familie Pierleoni in Anspruch genommen worden. Kein Geringerer als Gregor VH., der Einführer des Zölibats der Geistlichkeit, der gewaltige Gegner Heinrich IV., vor dem der deutsche Kaiser sich barfuß im Schloßhofe von Canossa demütigen mußte, soll ebenfalls ein Judeustämmling, ein Vetter Anekles, gewesen sein. Und es ist nicht etwa ein auf Entdeckung berühmter Volksgenossen erpichter jüdischer Schriftsteller, sondern ein italienischer Gelehrter, P. Fedele, der diese Entdeckung gemacht und mit nicht zu verwerfenden Beweisgründen in einer wissenschaftlichen italienischen Zeitschrift — Archivio della soci,eta romana di storia patria, XXVII — veröffentlicht hat. Den Ausgangspunkt seines Es famiglie di Anaclet ione di Gelasio II betitelten Aufsatzes bilden die Peggauer Annalen II (Horiumenta Germ. hist. Script. XVI), in denen Petrus Leonis ausdrücklich der Onkel Gregor VII. genannt wird, sowie *) Einen höchst interessanten Aufsatz über das Marcellus-Theater und seine Schicksale hat die gelehrte Archäologin Gräfin Ersilia Cqetu.ni Lovatelli in der „Nuova Antologia" vom 1. April d. I. veröffentlicht. saasBammssa rtaESSBmamaarxaMK,

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