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Die Wahrheit · 1906-12-14 · Heft 48 (14.12.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 48 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit. Seite 5. um eine noch wenig bekannte und gewürdigte Spezies dieser Gattung daneben stellen zu. können. Wenn der Bischof Stablewsky den Renegaten Harden bewirtet, so kommt es nämlich weder darauf an, .was gegessen wird, noch darauf, was gesprochen wurde. Die Hauptsache ist, daß der ci äevaut-Jude Wittkowski an der Tafel des hohen geistlichen Würdenträgers überhaupt sitzt und speist. Er möchte es gerne seinen Lesern mit gesperrter Schrift berichten, welch hohe Ehre ihm einst widerfahren, er möchte es für sein Leben gerne in die Welt hinaustrompeten und jubeln und fühlt doch, daß er sich bescheiden müsse, nur 6» passant zu erwähnen: „Als ich bei ihm zu Tische war, sagte er mir . .Nun, was sagte er denn? Er sprach natürlich über die Unterdrückung des Poleutums und gerierte sich als treuer Sohn seines Volkes, als Streiter- und Führer im Kampfe um die bedrohte Existenz eben des Volkes und seines Glaubens. O, über die Ironie! An wen waren diese Worte gerichtet? An einen Menschen, der seine eigene Nation verraten, seiner Religion feige entlaufen und sich in einen anderen Glauben hineingeschmuggelt hatte. Der Juden, sowie der Polen Schicksal ist Harden schnuppe! Er, der einem Volk mit jahrtausendalter Kultus angehört und darauf mit Recht stolz sein dürfte, hat das masochistisch perverse Gefühl der Inferiorität gegenüber dem polnischen Geistlichen, dessen Vorfahren als halbwilde Nomaden Sarmatien durchzogen, als David seine Psalmen sang. Die Hardensche .Zukunft" ist eine unerschöpfliche Fundgrube menschlicher Torheiten und Schwächen, doch versprechen wir unseren Lesern ihnen nicht mehr damit lästig zn fallen, es wäre denn, es passierte etwas Wichtigeres darin. Zum Glück ist die Perversität, sich seines gegenwärtigen, oder abgelegten Judentums zu schämen, nicht sehr verbreitet. In der Literatur wenigstens sind mir außer Harden und Professor Ludwig Stein — er ist seit kurzem eigentlich nicht mehr Professor und wohnt in Berlin, wo er eben in die Hardensche „Zukunft" schreibt, ein würdiges Brüderpaar! — von dem ich den Lesern unseres Blattes schön erzählte, daß er mit Stolz bei Eduard v. Hartmann gegessen, ist mir sonst kein Fall bekannt. Lord Beakonsfield, Börne, Heine, die sich, um fortzukommen, taufen ließen, verleugneten desungeachtet ihr Judentum niemals und traten bei jeder Gelegenheit für dasselbe ein. 8i parva licet componere magnis und wenn es nicht allzu unbescheiden ist neben einer solchen Größe, wie Harden, von sich selbst zu sprechen, so sei es mir gestattet zu erzählen, daß auch ich einst in einer oberungarischen Waldgegend bei einem katholischen Pfarrer auf Monate hinaus Zuflucht und Verköstigung suchen mußte, da dort kein Gasthaus, weder ein jüdisches noch christliches vorhanden war. Der Pfarrer gilt im Dorfe gerade so viel, wie in Gnesen der Erzbischof auf dem Stuhle des heiligen Adalbert und ich wurde trotz meines Judentums, das ich keineswegs verleugnete, freundlich aufgenommen. Schüchterner Bekehrungsversuche aber erwehrte ich mich in entschiedener Weise. Ich schied später in bestem Einverständnis und der tolerante Priester ist mir noch heute eine freundliche Erinnerung. Wenn man sich nur selbst nicht zu verachten gezwungen ist, erkämpft man sich auch die Achtung seiner Feinde. Das sollte so mancher Jude, so dünkts mich, beherzigen und es dem pathologischen Harden nicht nachtun, der ja im Grunde mehr zu bemitleiden als zu verabscheuen ist. „Wir laufen niemandem nach," lautet ein geflügeltes Wort Bismarcks, wir Juden sollen es ihm nachsprechen. * S. Vineta. Gingesendrt. Brün n, 8. Dezember 1906. An die löbliche Redaktion der „Wahrheit," Wien. In Nr. 46 Ihrer Zeitschrift brachten Sie unter der Ueberschrift „Wahlluft" einen von hier datierten, anonymen Artikel, in dem, allerdings ohne Anführung bestimmter Tatsachen, unsere Gemeindeverhältnisse als sehr im Argen liegend dargestellt wurden. Ich setze mich über die dem Vorstande geltende Kritik hinweg, kann es aber nicht gleichgiltig hinnehmen, daß das Wirken unseres ehrwürdigen Rabbinates herabgesetzt, die vor zwei Jahren erfolgte Wahl unseres Rabbiners Herrn Doktor Ludwig Levy als übereilt und unglücklich bezeichnet und dessen Wirksamkeit als eine nur äußerlich pstichtmäßige dargestellt wird. Diesen ganz unbegründeten Anwürsen gegenüber muß ich namens des hiesigen Kultusvorstandes konstatieren, daß die Wahl eines Rabbiners für unsere Gemeinde deren verstärkten Vorstand jahrelang beschäftigte, daß hiebei mir eben solcher Gründlichkeit als Objektivität vorgegangen, daß die endlich erfolgte einstimmige Wahl des Dr. Levy mit allgemeinem Beifall begrüßt wurde, daß sich derselbe in allen Kreisen unserer Stadt besonderer Wertschätzung erfreut und daß seine Wirksamkeit nach allen Richtungen seines Berufes als eine sehr ersprießliche anerkannt wird, was gerade gelegentlich der vom Einsender erwähnten Wählerversammlung durch widerspruchslose Zustimmung der zahlreichen Anwesenden glänzend anerkannt wurde. Eine einzige in dieser Versammlung über Tr. Levy gefallene Aeußerung des hiesigen Oppositionsführers betras eine Lappalie, die nur mit Heiterkeit ausgenommen wurde. Für den isr. Kultusvorstand: Dr. F i a l l a. Indem wir loyaler Weise den vorstehenden Erklärungen des Brüuner Kultus vorstau des Raum geben, müssen wir gleichzeitig betonen, daß der Autor des Artikels „Wahlluft" sich jederzeit als ein ebenso ernster, als auch verläßlicher und gut informierter Gewährsmann bewährt hat. (Die Redaktion.) Indisches Gqinrmstnni in Kndapest. ' Die Repräsentanz der Pester israel. Kultusgemeinde hielt Sonntag, den 9. d. M. Vormittags 11 Uhr eine außerordentliche Generalversammlung, auf deren Tagesordnung das zu errichtende isr. Gymnasium und die Wahl eines Ausschußmitgliedes standen. Präsident Hofrat Dr. Philipp Wein mann unterbreitete die Angelegenheit des zu errichtenden G y m n a s i u m s. Für diese Anstalt stehen die Anton F r e y st ä d t l e rsiche Stiftung im Betrag von 1.323.000Kronen, die Alexander W a h rm a nn'sche Stiftung, die samt Zinsen 824.000 Kronen betrügt, und die Salomon Taubsiche Stiftung im Betrage von 163.000 Kronen, insgesamt daher 2,310.600 Kronen zur Verfügung. Das Gymnasium soll den Titel „Anton v. Freystädtlersiches isr. Obergymnasium" fiihren und von einem Kuratorium geleitet werden, welches aus dem Freystädtler-Knratorium und Vertretern der Pester isr. Repräsentanz bestehen soll. (Lebhafter Beifall.) Dr. Adolf F e n y v e s s y reicht ein Separatvotum ein, da er die Errichtung eines konfessionellen Gymnasiums perhorreszire. Dem gegenüber treten Dr. Wilhelm Grauer, Dr. Franz Szekely, Max Szabolcsi und Abgeordneter Dr. Adolf Lettner sehr warm für das zu errichtende Gymnasium ein. Präsident Dr. Wein mann reassumirt den Verlauf der Debatte und erwähnt unter Anderem, daß von den 165 Gymnasien Ungarns 63 römisch-katholisch, 44 staatlich, 28 reformirt, 22 evangelisch A. K., 2 griechisch-orientalisch, 2 unitarisch (Die Unitarier zählen in Ungarn blos 65.000 Seelen!) sind und drei den Nationalitäten gehören, während es nur ein jüdisches Gymnasium gibt, das jedoch auch keine selbstständige Anstalt ist, sondern nur ein Annex des Rabbinerseminars bildet. Er empfiehlt nochmals die Errichtung des Gymnasiums. Die Repräsentanz faßte hierauf einhellig folgenden Beschluß: „Die Generalversammlung der Repräsentanz der Pester israelitischen Kultusgemeinde akzeptiert hinsichtlich der Modalität der Errichtung des jüdischen Obergymnasiums die vom Gemeindeausschuß unterbreitete Organisation und ermächtigt den Präsidenten der Gemeinde, namens derselben auf Grund dieser Organisation den endgiltigen Vertrag mit dem Freystädtler-Knratorium abzuschließen und die Bestätigung desselben beim Kultus- und Unterrichtsminister zu erbitten." Hierauf folgte die Wahl eines Ausschußmitgliedes; Wahlpräsident Ministerialrat Dr. Ludwig B a l l a i meldet, daß für

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