Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 47 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Oesterr.-ungar. Kantoren -Zkitnng. Zur kantoralen Organisation. Von einem deutschen Kantor. Es ist wahrhaft betrübend wahrzunehmen, daß, während die kantoralen Verhältnisse in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn und überhaupt in allen jüdischen Gemeinden höchst traurige sind, und alle Berufsgenossen ans der ganzen Welt das gleiche Leid drückt, die Idee des gemeinsamen Zusammenwirkens zur Abwehr so langsam und so wenig Fortschritte macht. Bei uns in Deutschland ist es vielleicht in den letzten Jahren ein klein wenig besser geworden, jedenfalls erträglicher als in Oesterreich-Ungarn, wo kleinliche Landes-, Bezirks- und Parteipolitik den Berufsgenossen geradezu die Augen verschließen und sie nicht zu gemeinsamem Vorgehen kommen lassen. Abgesehen davon, daß die ungarischen Kollegen, die sich sogar unter sich selbst befehden, eine Bewegung fördern, die sich gegen die österreichischen richtet, mit denen sie doch gemeinsame Interessen haben, geht auch Böhmen und Mähren seine eigenen Wege, und so kann es selbstverständlich niemals zu einer Vereinigung kommen, die dringender als je not tut. Wie oft liest man heute noch Annonzen, in denen dem Kullusbeamten 750 Kronen angebolen werden, und was soll der betreffende Beamte alles sein! Kantor, Kore, Religionslehrer, Schächter, Baltokea. Mohel, in Böhmen sogar noch Rabbiner, und alle diese Aemter soll er für einen wahren Hungerlohn versehen. Dazu soll er noch verheiratet sein, das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben und nur Reichsaugehöriger sein. Und doch haben, nebenbei bemerkt, gerade die Ausländer das Chasonus und die Thora besonders nach Deutschland gebracht und das Judentum aufgerüttelt. Jeden human denkenden Menschen muß innerste Empörung erfassen, wenn er sieht, wie Kantoren infolge geringfügiger Umstände aus dem Amte entlassen werden und dieselben sich daun wieder nach Amt und Brot umsehen müssen, ohne daß ihre bisherige, oft vieljährige Dienstzeit in Anrechnung gebracht wird. Und während dieser Suche nach neuer Stellung sind diese armen, bedauernswerten jüdischen Kullusbeamten dem größten Elend preisgegeben. Ich habe erst vor kurzem einen durchaus tüchtigen und gebildeten Kantor aus Oesterreich kennen gelernt, der ebenfalls aus nichtigen Gründen entlassen wurde und nun durch die Welt zog, um sich irgendwo ein Amt zu ergattern. Hier muß Wandel geschaffen werden, und wenn alle jüdischen Kultusbeamten einträchtig Zusammenwirken und zielbewußt Vorgehen, kann anch eine Besserung dieser wahrhaft empörenden und für das Judentum geradezu beschämenden Zustände herbeigeführt werden. Unsere diesbezüglichen berechtigten Forderungen lassen sich in kurzem folgenderweise zusammensassen: Wir verlangen zunächst einen durchaus gebildeten, sowohl in wissenschaftlicher als auch musikalischer Beziehung tüchtigen Kantor. Der Kantor soll auch ein seminaristisch gebildeter Religionslehrer sein und nach seiner theoretischen Ausbildung sich zunächst in kleinerem Wirkungskreise praktische Uebung aneignen. Weiters fordern wir in sozialer und materieller Beziehung: definitive Anstellung, Pensionsberechtigung, Versorgung der Hinterbliebenen, ein besseres und nicht von Zufälligkeiten und beschämenden Gnadengaben und Sporteln abhängendes Einkommen und soziale Anerkennung unserer amtlichen Tätigkeit. Vor allem anderen tut uns die weiteste Solidarität — ohne Rücksicht auf staatliche Scheidegrenzen — not, um unseren Forderungen gegenüber Staat und Gemeinde den nötigen Nachdruck verleihen zu können. Wir müssen uns, ohne die derzeitigen Vereinigungen aufzulösen, zu einem großen Bunde vereinigen, und bei der vom österr.-ungarischen Kantoren-Verein in Wien geplanten Enquete wäre die günstigste Gelegenheit, diesem für die gesamte Kollegenschaft heilbringenden Gedanken zum Durchbruche zu verhelfen. Es wäre dies das schönste Denkmal, das sich der österr.-ungarische Kantorenverein zu dem bevorstehenden Jubiläum seiner 25jährigen Thätigkeit setzen könnte. Oberrabbiner D. Schreiber. Von seinem ehemaligen Schüler, Oberkantor M. Löwy in M.-Ostrau. Am Sonntag, den 2. Dezember d. I. ist fern von der Heimat der langjährige Seelsorger der Orthodoxeu-Gemeinde Preßburg, Herr Oberrabbiner B. Schreiber, gestorben. Diese Trauerkunde, welche wie ein Lauffeuer durch die gesamte Presse lief, hat allüberall, wo Juden wohnen, tiefe Trauer und aufrichtige Teilnahme hervorgerufen. Die Gelehrsamkeit des Herrn Oberrabbiner Schreiber hier des langen und breiten zu erörtern, ist überflüssig. Sie hat längst Weltruf und Weltruhm erreicht und sein Name wird, insolange jüdisches Wissen gepflegt wird, stets mit wahrem Stolz genannt werden. Insbesondere von feinen Schülern, deren er nach Taufenden zählte und die ihn in unumwandelbarer Liebe und herzlicher Zuneigung als Meister verehren. Viele feiner Schüler sind heute selbst Kapazitäten der Wissenschaft geworden. Allein nicht nur seine Schüler, alle größeren Kultusgemeinden betrauern in dem Verblichenen eine Leuchte des Judentums. Groß ist der Schmerz und Schlag, der die Preßburger ehrwürdige Gemeinde getroffen, noch größer aber der Verlust, den die Preßburger altehrwürdige Rabbiner-Schule erlitten hat. Hier waltete der Verblichene viele, viele Jahre mit der Schaffenslust, um die er zu beneiden und zu bewundern war. Hier fühlte er sich, im Kreise seiner Schüler und Jünger, am wohlsten. Die ganze Orthodoxie der Welt betrauert in dem leider zu früh Dahingeschiedenen ihren allezeit getreuen, erfahrenen Ratgeber und erleuchteten Führer. Allein auch die Preßburger Gesellschaft liebte den biederen, charaktervollen und streng objektiven Gelehrten. Sie war stets stolz, ein solches Mitglied zu den ihrigen zu zählen. Sein Tod reißt eine fast unersetzliche Lücke in die Reihen der jüdischen Gelehrten. Herr Oberrabbiner Schreiber hinterläßt einen Sohn, Reb Akiba, der schon zu Lebzeiten seines leidenden Vaters als Führer und Leiter der großen Preßburger Jeschtba sich große Verdienste erworben hat und voraussichtlich bemüht sein wird, im Sinne und Geiste seines seligen Vaters zu wirken. Das Leichenbegängnis fand am Mittwoch in Preßburg statt und werden wir darüber noch weiteres berichten. ,T3'rm_. „Israelitische Allianz zu Wien“. Der Verein bezweckt: 1. Die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel zu fördern; 2. Israeliten, wo sie ihres Glaubens wegen zu leiden haben, eine wirksame Stütze zu bieten. Durch Leistung eines Jahresbeitrages von mindestens 6 Kronen wird man ordentliches, durch einmalige Zahlung von 200 Kronen lebenslängliches Mitglied des Vereines. Anmeldungen zum Beitritt werden erbeten unter der Adresse: -„Israelitische Allianz zu Wien“, -- I., Weihburggasse 10, I. Stock. Q-eg~:r-Ü33-d.et 1861._ lOSESlK ' Kürschnermeister /s- WTfiTW IL/2, Stefaniestrasse 7. Empfiehlt sich zur Anfertigung aller Gattungen Ornat- Kappen für Rabbiner, Kantoren und Ghorpersonale zu den billigsten Preisen. mm