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Die Wahrheit · 1906-12-07 · Heft 47 (7.12.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 47 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 47. Unser Gott und unserer Väter Gott." (Ueber Juden und Judentum, Seite 52, 53.) An anderer Stelle (ib. Seite 120) sagt Steinthal: „Man k ö n n t e sie eine bloße Religionsgesellschaft nennen, wenn sie ulcht auch durch die Gemeinsamkeit des Blutes verbunden wären. So mag man sie einen Stamm nennen, der aber für seine individuelle Existenz die Lebenskraft nur aus der Religion zieht." Das läßt sich noch hören. Und in der Tat betrachtet uns Freund Und Feind als Volksindividualität, um die Benennung ..Stamm' oder „Nation" wollen wir uns nicht streiten. Als Richard Wagner das Judentum in der Musik begeiferte, meinte er gewiß nicht die Religionsgenossenschaft, wenigstens gehörte Felix Mendelsohn der christlichen Religion an. Ibsen nannte die Juden den Adel des Menschengeschlechtes, wobei ihm ihre Religion gewiß höchst gleichgiltig war. Ebenso spricht Nietzsche von den Juden durchaus nicht vom Standpunkte der Religion. Ja, es nutzt nichts, die jüdische Nation hat ein zähes Leben, sie ist absolut nicht umzubringen. Dr. Kahan, Znaim. Das Kichlerfest Chamrka von Dr. M. H. Friedländer. „Das Gebot ist eine Leuchte," „Die Thora ein Licht." Das Licht gilt bekanntlich als das Symbol der Aufklärung, der Freiheit und Gleichheit, der Kultur und Bildung, des Fortschrittes und der Humanität. Und weil die Thora jede Art Knechtschaft und Bedrückung, jeden Klassen- und Rassenhaß, jeden Aberglauben und Fanatismus verpönt und nur Freiheit, Brüderlichkeit, Nächstenliebe, Menschenachtung und. Menschenbeglückung lehrt und predigt, deshalb wird sie nach der tiefsinnigen Bemerkung unserer Weisen „Aur4-, Licht genannt. Ohne Thora kein Licht, ohne Licht kein Leben! „Die Lehre Gottes ist rein und lauter, erfreut das Herz, erfrischt das Gemüt und erquickt die Seele, machkimat pesi; ja sie erleuchtet selbst den, dessen Geist umnachtet ist." Nur da, wo das Licht der Religion hell leuchtet, d. h. da, wo die schönen, herrlichen, religiösen und Humanitären Vorschriften der Thora hochgehalten und beherzigt werden, herrscht Leben, frohes, freudiges, weder durch Bedrückung, noch durch Verfolgung getrübtes Leben! Wo aber das Licht der Religion zu verlöschen droht, wo Neid, Haß, Mißgunst, Ehrgeiz und Herrschsucht an die Stelle der Nächstenliebe, Menschenfreundlichkeit und Humanität getreten, da droht der ganzen sittlichen und moralischen Welt Gefahr, in ihren Grundfesten erschüttert zu werden. „Gleich bei der Schöpfung, so bemerken unsere Weisen, (Sab. 88) habe Gott zum Himmel und zur Erde also gesprochen: „Ihr seid von mir nur bedingungsweise geschaffen worden; die Bedingung, von der euer Bestand abhängt,' ist, daß Israel sich für die Annahme der Thora bereitwilligst erkläre, verweigert Israel aber die Annahme derselben, so fallet ihr in Trümmer und der Toh.u wawoliu, der vor euch auf Erden war, tritt wieder an euere Stelle." Das erste Wort, das Gott bei der Schöpfung der. Welt sprach, lautete: „Es werde Licht!", denn das Licht der Freiheit, der Aufklärung, der Liebe und Menschenverbrüderung ist das Element, das das Leben bedingt. Wir finden es daher begreiflich, warum bei den nationalgeschichtlichen Festen aus der nachbiblischen Zeit, bei Ehanuka und Purim, die doch bekanntlich eingesetzt wurden, damit sieuns an das Martyrium jener Mänuer erinnern, die in einer Zeit, wo das Licht der Religion zu verlöschen drohte, mit ihrem Herzblute für den Glauben der Väter gekämpft, das Licht eine hervorragende Rolle spielt. Beide Tyrannen, Haman und Antiochus, waren nicht etwa Feinde des. Volkes, sondern der Religion Israels; sie haben ihre gefährlichen Pläne nicht gegen das Judentum, sondern vorzugsweise gegen die Lehre desselben geschmiedet. Warum aber gegen die Lehre Israels? Enthält denn die Thora sittenverderbende, Haß und Groll verbreitende Lehren? Sind nicht gerade die Vorschriften der Thora geeignet, das geistige und physische Wohl der Menschen nach jeder' Richtung . hin zu fördern? Ruft nicht der Psalmist aus: „Die Wege der Thora sind lieblich und anmutig und alle ihre Vorschriften wollen nur Scholaum, Liebe, Frieden, brüderliche Teilnahme und wahre Humanität fördern.". Warum also wurde die Lehre Israels dennoch von Hamau und Antiochus so sehr gehaßt? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Ein Blick in die Geschichte genügt, um uns zu überzeugen, daß Konstitution, Freiheit, Gleichberechtigung/ Menschenliebe den Machthabern in der nachbiblischen Zeit fremde, unfaßbare Begriffe waren, daß sie alle dem pharäonischen Grundsätze huldigten: Tichbad boaboda, der Geist des Volkes muß niedergedrückt werden, das Volk muß in der finsteren Nacht der Verdummung schmachten, denn ein aufgeklärtes, intelligentes, freiheitsliebendes Volk läßt sich nicht despotisch beherrschen. Bürger im modernen Sinne soll es damals überhaupt nicht, sondern Sklaven und Herren gegeben haben. In der Blütezeit der griechischen Republiken war die Bevölkerung der Sklaven fast überall zahlreicher, als die der freien. Wohl haben die griechischen Philosophen Plato und Aristoteles es offen erklärt, daß die Sklaverei gegen die menschliche Natur sei; nichtsdestoweniger ließen sie sie bestehen, weil die Existenz des Staates ohne dieselbe in Frage gestellt worden wäre. Das Judentum allein macht hierin eine Ausnahme, indem es jede Sklaverei, jede Knechtschaft und Menschenbedrückung entschieden verpönte. ..Die Religion Israels fordert als Grundlage der staatlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die Freiheit des Individuums, die Gleichheit Aller vor dem Gesetze, die Gleichheit Aller in Rechten und Pflichten dem Vaterlande und dem Staate gegenüber." (Das Moralgesetz des Judentums rc. Wien 1882.) Die Religion Israels lehrt, daß alle Menschen nur einen Vater haben, daß sie alle im Ebenbilde Gottes geschaffen seien, daher sie sich gegenseitig brüderlich behandeln, liebevoll umfassen sollen. Diese schönen herrlichen Lehren des Judentums waren es, um derentwillen die Machthaber in der nachbiblischen Zeit, nämlich nach dem ersten Staatsleben, wo j die Juden nicht mehr ausschließlich im eigenen Laude wohnten,! sondern mit den anderen Völkern in Berührung kamen, gegen! die Religion Israels ihre Geschosse richteten. Sie glaubten,! und nicht mit Unrecht, der Befürchtung Raum geben zu! müssen, daß nunmehr durch die Israeliten die herrlichen, die I Freiheit und Gleichberechtigung fordernden Lehren des Judenj lums die weiteste Verbreitung finden, daß der freie Geist der! Thora in alle Schichten der Bevölkerung dringen und diese! sich dann erheben, eine freiere, mildere Regierung, ja eine! Konstituton verlangen würden. (Schluß folgt.) j Zur Kenrteitnng der Schächtsrage. j. In Heft 10 und 11 des „Deutschen Tierfreund" macht! der Professor der Jurisprudenz an der Universität Würzburg,! Albrecht Mendelssohn-Bartholdy, in einem längeren! Aufsatze über „Nötige" Tierquälereien eine Reihe kritischer Bemerkungen zu den Vorschlägen, die der bekannte Göttinger Kriminalist v. Hippel soeben für die in Aussicht stehende Strafrechtsreform veröffentlicht hat. Prof. Mendelssohn- Bartholdy kommt dabei auch auf die Frage der Vivisektion und des Schächtens zu sprechen, das nach v. Hippels Vorschlägen reichsrechtlich nicht' unter die Strafnorm der Tierquälerei fallen soll, und er macht dazu die nachstehenden Ausführungen, von denen wir glauben, daß sie für unsere Leser von 'Interesse sind, ohne uns 'im übrigen mit jedem einzelnen Wort identifizieren zu wollen: Nach dem Anlaß und der äußeren Art seines Aufsatzes mußte v. Hippel an einer Erscheinung Vorbeigehen, die ich als freier Kritiker nicht ignorieren kann, wenn ich nicht gerade den Vogel Strauß spielen will: nämlich dem Hereinspielen des Antisemitismus. Bei der Schächtsrage liegt es auf der Hand; aber auch Nn der Bewegung gegen das Tier-Experiment ist der antisemitische Zug oft zu erkennen: ich erinnere nur an

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