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Die Wahrheit · 1906-12-07 · Heft 47 (7.12.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 47 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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■>y;' - 7^7- TM. Mi. 47. Die Wahrheit. :eue 5. Immerhin ist es ein großes Verdienst, den tonangebenden protestantischen Theologen, wie Well h a u s e n, Kue n e n und dexen Nachbetern, wie Wnnd.t, Paulsen, einmal ihre Borniertheit und bodenlose Unwissenheit m rebus mdaicis deutlich nachgewiesen zu haben. Güdemann führt eine elegante, feine Klinge, und die Hiebe, die er austeilt, sitzen gut. Aber leider muß es gesagt werden: Unsere arischen guten Freunde haben ein zu dickes Fell, eine feine Klinge wird ihnen vielleicht ein momentanes Jucken verursachen, aber kampfunfähig werden sie wohl schwerlich dadurch werden. Es ist doch an sich ein starkes Stück von der christlichen Kirche, die doch an die Göttlichkeit des Alten Testamentes glaubt, wenn sie den Sohn Gottes, Jesus, gegen den Gott-Vater polemisieren läßt. Aber selbst die unzweideutigen Versicherungen Jesu, daß er nur zu dem Volke Israel gekommen sei (Matthäus 15, 22. ei. ib. 10, 5; 19, 28), läßt die Kirche unbeachtet, und selbst die freisinnigen protestantischen Theologen stellen Jesnm hin als den Verkünder der allgemeinen Menschenliebe im Gegensatz zum Alten Testamente und zur nationalen Beschränktheit der Rabbinen! Man kann ihnen tausendmal Vorhalten : „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" steht ja in der Thora, woraus Jesus nur zitiert — die Nächstenliebe bleibt doch christlich! Man kann ihnen tausendmal die Milde und Menschenfreundlichkeit derRabbinen, die allen guten Menschen die Seligkeit gönnen, vorsühren, während die Kirche ja alleinseligmachend heißt und jeden Andersgläubigen verdammt und, wenn der Staat es erlaubt, auf den Scheiterhaufen bringt — es nutzt alles nichts! Das Judentum ist national beschränkt, das Christentum macht alle selig! Es ist eben eine vererbte Krankheit, die bald neunzehnhundert Jahre alt ist — und d i e ist nicht so leicht zu kurieren. Aber für uns Juden sollte Klarheit geschaffen werden. Jeder gebildete, denkende Jude sollte wissen, was an den gleißnerischen Reden von der christlichen Liebe, von der christlichen Ethik, von der Ueberlegenheit des Christentums über das Judentum Wahres ist. Es ist eine der wichtigsten, heiligsten Ausgaben des Religionsunterrichtes, die Heranwachsende Jugend über das wahre Verhältnis des Christentums zum Judentum anfzuklären. Güdemanns und ähnliche Schriften könnten da gute Dienste leisten. Nun sei es mir gestattet, auf manches zu verweisen, was in Güdemanns Schrift der Berichtigung bedarf. Zunächst Kleinigkeiten. Seite 10: Die Chronik kann nicht im Beginn des zweiten Tempels entstanden sein, da bereits das sechste Geschlecht Serubbabels darin vorkommt. Seite 67 polemisiert Güdemann gegen B e r t h o l e t, einen protestantischen „Gelehrten", dem ein Güdemann zuviel Ehre erweist, ihn in einer Reihe mit Wellhausen zu widerlegen. Es ist ein Gelehrter, dem ich vor genau zehn Jahren („Die Neuzeit", Nr. 47, 20. November 1896) Unwissenheit, Charlatanerie und blinden Antisemitismus nachgewiesen habe. Bertholet hat nun unter anderem behauptet, daß die Worte bK-fir *py bab I. Kön. 8, 38 eine spätere Glosse sei, und Güdemann sagt, „daß hier an eine Glosse nicht zu denken sei". Zufällig hat hier Bertholet höchst wahrscheinlich recht, da jene Worte die Septuaginta n i ch t hat. Seite 74 sagt Güdemann, die Gebete 10.—15. in der Schmone-Esre beziehen sich auf die besonderen Wünsche Israels, und hat dabei übersehen, daß a'pnan bv davon auszunehmen sei, welches Gebet vielmehr einen der stärksten Beweise für die universalistische Tendenz der jüdischen Gebete bietet. Es heißt: Für die Gerechten und für die Frommen (also allgemein) und für die Nettesten" Deines Volkes des Hauses Israel und für den Rest ihrer Schriftgelehrten und für die aufrichtig Bekehrten, und für uns möge sich regen Deine Barmherzigkeit, o Ewiger, unser Gott, und gib guten Lohn allen, die auf Deinen Namen in Wahrheit vertrauen, und gib unfern Anteil mit ihnen für immer und lasse uns nicht beschämt werden, daß wir auf Dich vertrauen. Gelobt seist Du, o Ewiger, Du Stütze und Zuversicht für die Gerechten (also wieder allgemein)! Ebenso hätte der erste Abschnitt des Tischgebetes, in dem Gottes Güte und Fürsorge für a lle Geschöpfe gepriesen wird, hier angeführt werden können. Eine prächtige Abfuhr des famosen Bertholet hat sich Güdemann durch Uebernahme der Mannheimerfchen Ilebersetzung des Gebetes a^nn entgehen lassen. Bercholet vermißt nämlich im Schemone-Esre ein Gebet um Bekehrung der Heiden, worauf Güdemann aus ira'L'n verweist, welches Gebet universalistisch gemeint sein soll. Wohl möglich, aber nicht überzeugend, da hier immer für „uns" gebetet wird. Dagegen übersetzt Güdemann p-m “?ai nach Mannheimer: „Und alles, was lebt, preiset Dich, Selah, und lobet Deinen Namen in Wahrheit." Nach dieser Ilebersetzung erzählen wir dem lieben Gott — eine Unwahrheit! Denn das weiß doch jedes Kind, daß bis jetzt noch sehr, sehr viele Menschen Gott nicht preisen und loben in Wahrheit! In Wirklichkeit aber ist es keine Erzählung, sondern — ein Gebet: Und alles, was lebt, preise Dich in Ewigkeit und lobe Deinen Namen in Wahrheit! Da hätte doch Bertholet sein vermißtes Gebet um Bekehrung der Heiden! Seite 139 schreibt Güdemann: „Traditionen aus der Zeit des Exils werden in der rabbinischen Literatur häufig angeführt und gehen noch weiter zurück", und beruft sich in der Anmerkung auf mehrere talmndische Stellen mit den Worten: „Eine Ueberlieserung haben wir von unseren Vätern." Wenn man aber bedenkt, daß eine Ueberlieserung lautet: Die heilige Bundeslade nahm gar keinen Raum ein (man (*a irs), sie stand sozusagen in der vierten Dimension, so verlieren solche Ueberlieferungeu etwas von ihrer Beweiskraft. Nun aber zur Hauptsache, die mir am meisten am Herzen liegt; ich meme die absprechende Stellung, die Güdemann auch hier gegenüber der Nationalität der Juden einnimmt. Da sei mir nun gestattet, im Nachfolgenden zu beweisen, daß dies eigentlich nur ein Spiel mit Worten ist. Was unter Nation zu verstehen sei, darüber gibt uns Eberhards synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache folgende Auskunft: Nation (lat. natio, Geschlecht. Art, V o lks stamm, Volk, von nasci, geboren werden) bezeichnet eine solche Einheit zunächst nach der Abstammung, die in Volk nicht mit angedeutet wird, und dann nach der politischen Zusammengehörigkeit, nach der Vereinigung durch bürgerliche Gesetze in den verschiedenen Stufen ihrer Vollkommenheit. Diese politische Gemeinschaft kann jedoch auch durch Volk ausgedrückt werden, und das Fremdwort Nation ist daher in manchen Fällen in der deutschen Sprache überflüssig, umsomehr, da auch das Adjektivum national durch die Bildung vaterländisch glücklich ersetzt ist. Um was handelt es sich aber bei der Frage der jüdischen Nationalität? Das wissen wir doch alle, daß die Juden jetzt kein gemeinsames Vaterland haben, ja schon zur Zeit des zweiten Tempels nicht mehr hatten. Wie sie schon damals Bürger verschiedener Länder waren, so sind sie jetzt auch Bürger in Deutschland, Frankreich, England u. s. w. Ob sie gute oder schlechte Bürger sind, kommt doch bei der Begriffsbestimmung nicht in Betracht. Bleibt also nur die Frage der Abstammung. Nun haben manche Männer in ihrem Uebereifer, um den Antisemiten den Boden unter den Füßen zu entziehen, behauptet, die heutigen Juden oder die Juden überhaupt feien gar keine Semiten. — Sie stammen vom Hebräer Abraham ab? — Unsinn! Abraham ist ja eine mythische Persönlichkeit, die Juden sind ein Mischvolk wie jedes andere auch — Punktum! So aber denkt darüber Güdemann nicht. Er betont die Geschichtlichkeit Abrahams, und fast auf jeder Seite spricht er vom Stammescharakter des jüdischen Volkes, das noch jetzt zu dem Gotte seiner Väter betet, das noch jetzt ebenso wie zur Zeit Jesajas sich seiner Abkunft von Abraham bewußt ist — wie läßt sich das mit dem nicht nationalen Charakter der Juden vereinen? Selbst S t e i n t h a l, einer der Gewährsmänner Güdemanns, ruft aus: „JstdenndasjndischeNational- BewußtseinnichtwertvollfürdieMenschheit?... Wo aber ist ein Volk, welches sagen darf, wie wir: Unser Gott und Gott unserer Väter? Der Deutsche? Der Gott seiner Väter war Wuotan und Fria, Donar und Sis u. s. w. Oder der Grieche? oder der Franzose? Nein, nur wir sagen:

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