Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 47 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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die Protestation gegen einen öffentlichen Vortrag des Geheimrates Neißer. Die politischen Leidenschaften verwirren heute auch das Urteil in Dingen, die wirklich von aller Politik abliegen, so sehr, daß man bei jeder Gelegenheit warnend darauf Hinweisen muß. Freisinnige Zeitungen und Vereine stellen sich feindlich oder spöttisch gleichgültig zum Tierschutz, weil sie Antisemiten unter seinen Vorkämpfern sehen; Einzelfälle der Tierquälerei, wie das Schächten oder Vivisezieren, gewinnen ungeheure Bedeutung, weil man annimmt, daß sie von den Juden verübt, werden und die Werbekraft des antisemitischen Gefühls benützen will (ohne zu bedenken, daß man doch vielleicht gerade durch das Isolieren dieser Fälle den Maßstab für sie verliert). Beides ist gleich falsch und gefährlich, beides ist nicht zum wenigsten deshalb verwirrend, weil unter dem Wort „Antisemitismus" so Grundverschiedenes sich denken läßt. Das läßt sich auch nicht mit einem Satz abtun, und schließlich empfindet und denkt kein Mensch genau wie der andere. Aber zwei typische Arten des Judenhasses gibt es doch, die hervorstechen — schon deshalb, weil sie fast nie in einem Menschen vereinigt sind. Die eine Art meint mit dem Juden, den sie haßt, den altgläubigen, in seiner religiösen Kultur festgebliebenen, mit keinem anderen Volke sich vermischenden Juden, den Inden, der neben der erzwungenen Sonntagsruhe seine Sabbathruhe freiwillig hält und den Laden zwei Tage schließt, der, wie der alte Rothschild, Handschuhe anzieht, ehe er einem Christen die Hand gibt, der von allen Völkern das gedemütigste und doch das' stolzeste ist, der das Gesetz hält und seinen Messias erwartet. Gegen diesen Juden wendet sich der Schächtgegner. Die andere Art von Antisemiten versteht unter dem Inden, den sie haßt, den getauften Inden, den seiner Religion und damit seiner Kultur und Nationalität verlustig gegangenen, der ein tausendjähriges Erbe gegen das Linsengericht eines königlich preußischen Geheimrates und eines Christus- oder Erlöserordens verschachert hat, der sein Warenhaus lieber acht Tage in der Woche offen hielte, wenn sie so viele Tage hätte, und der — last not least — als echter Renegat mit dem alten strengen Glauben und Gesetz nun jeden Glauben und jedes Sittengesetz verhöhnt und mit jenem giftigen Hasse haßt, den die Furcht einflößt. Gegen diesen „Juden" — freilich durchaus nicht allein gegen ihn — haben die Vivisektionsgegner zu kämpfen. Weshalb ich das hier des langen und des breiten erörtere? Weshalb ich auch noch hinzufüge, daß ich den Antisemitismus der ersten Art ebenso verabscheue, wie ich den der zweiten Art begreife und selbst hege? Weil ich glaube, daß jeder, der über die rechtliche Gestaltung des Tierschutzes mitsprechen will, sich über sein „Unterbewußtsein" möglichst klare und genaue Rechenschaft geben sollte. Bei jedem wird das verstandesmäßige Urteil von diesem Unterbewußtsein beeinflußt — man mag auch sagen: getrübt, oder von anderem Standpunkt aus: belebt. Soll das Urteil für andere maßgebend sein, so ist man ihnen die Wahrheit über sein Zustandekommen schuldig, soweit man sie zu geben vermag. Für mich und für diese Zeilen bedeutet das: daß ich meinem Gefühl nach weit , eher geneigt wäre, das Schächten straflos zu lassen oder doch milde zu beurteilen, als das Tier-Experiment zu wissenschaftlichen Zwecken; ferner, daß ich für dieses Gefühlsnrteil auch eine dem Verstand genügende Formulierung finden könnte, nämlich, daß die geistige, sittliche, religiöse Freiheit mir ein höheres Gut zu sein scheint, als die. leibliche Wohlfahrt, also ein von religiösem Gesetz gebotenes Delikt besser entschuldigt ist als ein zur Beförderung physischen Wohlbefindens unternommenes; endlich aber: daß ich eben wegen der Beeinflussung durch solche gefühlsmäßige Vorstellungen niemand anderem zumuten kann, es anzunehmen, und daß ich demnach den einzigen Weg einschlage, auf dem ich gegen jede Beeinflussung sicher bin, und das ist die Behandlung der Einzelfragen — Schächten, Vwisezieren, Hetzjagden, Rennen, Geflügelstopfen, Froschschenkellese, Eichhorntrommel, Hundewagen u. s. w. — unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt. Das Opfern eigener Gefühle hat den Vorteil, daß man auch die Gefühle anderer nicht zu respektieren braucht, v. Hippel hat das ein Kriterium genannt, nach dem sich in allen Fällen die Strafbarkeit der Tierquäler — oder ihre Straflosigkeit bestimmen, ausrechnen ließe; es ist die Notwendigkeit. ' Amerikanischer Srief. Es ist begreiflich, daß die Juden in Amerika sehr stolz sind auf die Ernennung eines Glaubensgenossen zum Handelsminister und daß sie immer wieder auf diese znrückkommen. Sind ja auch die nichtjüdischen Zeitungen voll des Lobes für den Präsidenten, der die Ernennung vollzogen, für den zum Minister ernannten Oskar Straus und auch für die Inden im allgemeinen, denen das Zeugnis ausgestellt wird, daß sie ihren Bürgerpflichten mit großem Eifer Nachkommen. Ja, auf den Kanzeln ch r i st l i ch e r Kirchen wird das Thema behandelt. Am 4. November rühmte der Geistliche Jenkin Lloyd Jones in Cincinnati auf der Kanzel den Präsidenten Roosevelt, daß er durch diese Ernennung mit dem Herkommen gebrochen. Von allen Abweichungen vom Hergebrachten, die dem Präsidenten nachgerühmt werden können, sei diese die rühmlichste. Dabei habe der Präsident auch eine gute Wahl getroffen, denn Straus sei ein unterrichteter, furchtloser, freisinniger und freiheitsliebender Mann, der des hohen Postens würdig sei. In der Tat muß in Betracht gezogen werden, daß ein Jude niemals auch in Amerika eine Anerkennung erhält, weil, sondern obwohl er Jude ist. Das heißt, er muß ganz besonders durch Tüchtigkeit und andere hervorragende Eigenschaften sich auszeichnen, wenn die Wahl auf ihn fallen soll. Die Annahme, der vielfach in demokratischen und auch namentlich in Kreisen der neueingewanderten und mit den amerikanischen Verhältnissen noch nicht ganz vertrauten Juden Ausdruck gegeben wird, daß nämlich Präsident Roosevelt einen Inden zum Minister ernannt habe, um dadurch in den so wichtigen Wahlen im Staate New-Aork, die bekanntlich von ausschlaggebender Bedeutung für die nächste Präsidentenwahl sind, den republikanischen Kandidaten den Sieg zu sichern, ist ganz und gar hinfällig. Es gibt kein einhelliges jüdisches Votum in politischen Wahlen. In der Tat hat zwar der republikanische Kandidat für den Gouverneurposten des Staates New-Iork gesiegt, aber nicht in der Stadt New-Iork. wo allein jüdische Wählermassen ins Gewicht fielen, sondern dtirch die Stimmen auf dem Lande. Uebrigens verdient Präsident Roosevelt durchaus nicht den Ruhm, der erste zu fein, der einen Juden für einen Ministerposten ausersehen hat. Er ist nur der erste Präsident, unter welchem ein Jude den Posten angenommen hat. In Wirklichkeit hat bereits Präsident Grant dem bekannten Bankier Joseph Seligman das Portefeuille des Schatzsekretärs angeboten, das dieser indessen abgelehnt hat, und Präsident Cleve 1 and wollte Isidor Straus zum Generalpostmeister ernennen, aber dieser hat gleichfalls abgelehnt. Upton Sinclair ist durch feine Enthüllungen über die Ungehörigkeiten in der Chikagoer Fleischindustrie weltbekannt geworden. In den Vereinigten Staaten macht er augenblicklich wieder von sich reden durch seine Begründung der Kolonie Helicon Hall, in welcher Gesinnungsgenossen nach mehr oder weniger sozialistischen Grundsätzen Zusammenleben sollen. In jüdischen Kreisen ist jetzt ganz besonders von ihm die Rede, weil ein Jude, der mit ihm lange zusammen gearbeitet hatte, schließlich nicht zur Kolonie zugelassen wurde und dieser sich jetzt in der Presse beschwert, daß er wegen seiner jüdischen Abstammung ausgeschlossen worden sei. Dieses Motiv wird jedoch gleichfalls in der Presse von Herrn Sinclair entschieden in Abrede gestellt, und nun kommt das, was uns veranlaßt, an dieser Stelle von dem Streit Notiz zu nehmen. Die „New Jork Times" veröffentlicht nämlich das Schreiben eines Mitgliedes der betreffenden Kolonie, namens Edward B j orkmann, in welchem es heißt: „Herr S erb er (so heißt der ausgeschlossene Jude) ist ausgeschlossen worden, nicht weil er Jude ist, sondern gerade seine jüdische Abstammung ist der Grund, daß die Mitglieder, die entschiedene Gegner jeder Rassenunterscheidung seien.