Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46. Seite 13. Die Wahrheit Oktober erhielt Strelecki, der zuletzt 40 Mark wöchentlich verdiente, den Ausweisungsbefehl, wie immer ohne Begründung. AmjN* 0^066^41)0110^ fidf fein Str&eitge&er an das Polizeipräsidium. In der Eingabe der Fabrik wurde betont, daß Strelecki ein hervorragender, für die Fabrik geradezu unersetzlich gewordener Arbeiter sei, daß er sich nicht das mindeste habe zuschulden kommen lassen, daß er politisch sich absolut neutral verhalte, ja sogar sich von Werkstattversammlungen sernhalte, daß er sein, gutes Auskommen habe, daß er sich auch bereit erklärt .habe, sich neutralisieren zu lassen. Es war alles umsonst: Unterm 6. Nooxmber wurde der Firma durch den Polizeipräsidenten in fünf Zeilen ..eröffnet", daß . ihre Ausführungen dem Polizeipräsidenten keine Veranlassung geben könnten, die gegen den Strelecki verfügte Ausweisung aus dem preußischen Staatsgebiete aufzuhebeu". Freilich, der Mann ist zwar ein hervorragender, politisch unverdächtiger, gut bezahlter Arbeiter, er ist kein „Schnorrer und Verschwörer . aber er ist nicht nnr Russe, sondern auch Jude. Und — ..der Jude wird verbrannt!" ist offenbar unter den Ausweisungs-,,Grundsätzen" des preußischen Ministers des Innern der oberste und vornehmste. Das nationale Judentum. Von Dr. M. H. Friedläuder. (Fortsetzung.) VI. Sabbathai Zebi. Das Studium der kopfverwirrenden Kabbala hatte im LVH. Jahrhundert einen solch riesigen Aufschwung genommen, daß selbst Jünglinge sich einschließlich mit der Geheimlehre, die nach den Anschauungen der damaligen Zeit eine überaus asketische Lebensweise erheischten, befaßten, während sie die Studien der talmudischen Literatur nicht blos vernachlässigten, sondern sogar entschieden verpönten. Sie widmeten ihre ganze Zeit und Kraft kabbalistischen Schwärmereien und die natürliche Folge dieses unwürdigen und nnjüdischen Treibens war, daß die Geister wahnumnachtet wurden und die Herzen den Sitz niedriger Leidenschaften bildeten. Der „Sohar", dieses höchst sonderbare und antijüdische Grundsätze und Prinzipien enthaltende Machwerk des Moses b. Schemtob aus Leon, der in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts lebte, wurde von ihnen, da sie ihn als Produkt des hervorragenden, der Mystik huldigenden Tanaiten R. Simon b. Jochai, betrachteten, als eine heilige Bibel und jeder halbwegs routinierte Kabbalist und Abenteurer als ein Abgott verehrt. Die Mahnrufe der bedeutendsten und anerkanntesten rabbinischen Autoritäten, die auf die schädlichen Folgen der mystischen Träumereien aufmerksam machten, verhallten vergeblich in der von kabbalistischen Schwärmereien verpesteten Luft. Ungesunde, ja höchst schädliche, geistvergiftende Miasmen stiegen aus der Erde empor und schwarze Gewitterwolken drohten den Horizont des friedlichen jüdischen Familienlebens zu verdunkeln, wie überhaupt das Judentum in seinen Grundfesten gewaltig zu erschüttern. Während das schwache wehrlose Israel von außen, von erbitterten Feinden unausgesetzt bedroht wurde, haben seine inneren Feinde, die Antttalmudisten und kabbalistischen Schwärmer, gleich wühlenden Maulwürfen an seinem Untergänge gearbeitet. — Der gefährlichste dieser Wühler war der falsche Messias Sabbatai Zebi aus Smyrna, der mit seinem ungewöhnlich großem Anhänge dem Judentume furchtbare Wunden geschlagen, die lange nicht vernarben wollten. Sabbatai Zebi hatte am 9. Ab 1626 in Smyrna das Licht der Welt erblickt. Schon der Tag seiner Geburt, der 9. Ab, der für das Judentum zu wiederholtenmalen so verhängnisvoll geworden, verdiente als ein böses Omen angesehen zu werden. Sein Vater Mordechai Zebi, der, ans Morea gebürtig, nach Smyrna übersiedelte, und dort, anfangs ein Federviehhändler war, später aber, als infolge des zwischen der Türkei und Venedig ausgebrochenen Krieges viele holländische und englische Kaufhäuser der Sicherheit halber ihr Komptoir nach Smyrna verlegten, als Agent eines englischen Hauses fungierte, scheute kein Opfer, so es galt, die Ausbildung seines reichbegabten Sohnes Sabbatai zu fördern. Sabbatai besuchte im kaum beginnenden Jünglingsalter die Talmudschule des R. Josef Eskafa in Smyrna, die er aber nach wenigen Jahren verließ, um sich den kabbalistischen Studien, für die er schon frühzeitig eine besondere Vorliebe bekundete, ungestört hingeben zu können. Abgeschlossen von dem Geräusche der Welt und des Lebens, saß er in seinem Stübchen und vertiefte sich in die Kabbala, die er schwärmerisch liebte, und um deretwillen er bereitwilligst allen irdischen Genüssen und Vergnügungen entsagte. Er fastete vom Ausgange des einen bis zum Eingänge des nächsten Sabbat und badete täglich im Meere. Seine asketische Lebensweise, wie überhaupt seine staunenswerten kabbalistischen Kenntnisse verfehlten nicht,- die Aufmerksamkeit der Gelehrten Smyrnas aus ihn zu lenken, die ihm, als er kaum 18 Jahre alt war, den Titel „Chacham" erteilten. Nun trat er bald als selbständiger Lehrer der Kabbala aus. Scharenweise strömten wißbegierige Jünger herbei und lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Vorträgen, wie seinen Gesängen, denn er besaß ein überaus angenehmes, wohlklingendes Organ, wodurch es ihm gelang, die Herzen aller, die ihn sprechen oder singen hörten, zu gewinnen. Wie durch seine asketische Lebensweise wußte er auch durch seine entschiedene Abneigung gegen das weibliche Geschlecht im Kreise seiner Vertrauten und Verehrer Sensation zu erregen. Er wurde zwar nach damaligem Brauche sehr jung mit der Tochter einer sehr geachteten Familie verheiratet, allein, da er dieselbe trotz ihrer herrlichen Tugenden und Eigenschaften hartnäckig gemieden, ersuchte sie, von ihm geschieden zu werden, welchem Wunsche er auch bereitwilligst entsprochen hatte. Und als er später sich mit einer anderen Frau vermählte, erging es derselben nicht besser als der ersten. Von seinen Verehrern nach der Ursache dieser höchst sonderbaren Versahrungsweise befragt, entgeguete er: „Der heilige Geist (Ruach hakaudesch) hätte ihm verkündigt, daß keine von den Beiden die eigentliche, vom Himmel für ihn bestimmte Gattin gewesen sei." Durch diese und ähnliche Aeußerungen, wie überhaupt durch seine imposante Gestalt und beschauliche Lebensweise gelang es ihm, seinen Anhängern zu imponieren und sich den Ruf eines höheren überirdischen Wesens zu erwerben. Je mehr er sich in die geistverwirrende Kabbala vertiefte, destomehr wurde seine aufgeregte Phantasie erhitzt und sein ihm innewohnender Ergeiz aufgestachelt, sodaß er am Ende sich nicht entblödete. seinen Schülern zu eröffnen, daß er der langersehnte, von Gott verheißene Messias sei. der Israel vom Drucke befreien und in das gelobte Land zurückführen werde." Er nannte sich ein Sohn Davids und war vermessen genug, den vierbnchstabigen Gottesnamen hebräisch (Tetragrammaton) auszusprechen, obwohl dies talmudisch und durch Jahrtausende alten Brauch verboten war. Bloß der hohe Priester durste am Versöhnungstag im heiligsten Tempel zu Jerusalem den Gottesnamen „Schemhaway", so wie er geschrieben steht, aussprechen. Das Rabbinatskollegium zu Smyrna sah sich daher veranlaßt. Sabbatai ob dieser unerhörten, die wichtigsten religiösen Satzungen verletzenden Versahrungsweise mit dem Banne zu belegen und als frechen Gottesleugner zu bezeichnen. Sabbatai merkte bald, daß er in Smyrna seine Rolle ausgespielt hatte, weshalb er sich nach Thessalonich verfügte, wo er einen geeigneteren Schauplatz für seine Tätigkeit zu finden glaubte. Allein auch aus dieser Stadt wurde er bald von den Rabbinern seines unwürdigen Treibens wegen verbannt. Er ging daher von hier nach Egypten und von dort nach Jerusalem. In Gaza gesellte sich zu ihm Nathan Benjamin, ein Mann, der seiner kabbalistischen Kenntnisse wegen in hohem Ansehen stand, und diesem hatte er die Rolle des Propheten Elias, des Vorläufers des Messias, zu spielen übertragen. In Jerusalem ließ Sabbatai anfangs nicht im entferntesten merken, daß er sich für den eigentlichen Messias halte, sondern widmete seine ganze Zeit ausschließlich kabbalistischen Studien, wodurch er in Palästina an Ansehen und Achtung gewann. Nachdem er bereits einige Zeit in Jerusalem gewohnt und einen Kreis von Verehrern gewonnen hatte, eröffnete er demselben, daß er der sehnsuchtsvoll erwartete Messias sei. Nathan aus Gaza gerierte sich plötzlich als Prophet und bemühte sich für Sabbatai, den er nie gesehen zu haben vorgab.