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Die Wahrheit · 1906-11-30 · Heft 46 (30.11.1906) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 46 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Die Wahrheil 'i l*** Leite 12. eine Satz wiegt ganze Bibliotheken auf und beleuchtet blitzartig die äußersten Pole menschlicher Verschiedenheiten. Hie Halbtier, hie Halbgott! Pythagoras, dem bloßen Klange nach wie differenziert von Archimedes, war 300 Jahre früher als dieser geboren, ein Zeitraum, der zwischen Luther und Napoleon liegt, zwar auch Mathematiker, aber daneben Philosoph mit dichterischem Anstrich, wie Schopenhauer. Er lehne die Seelenwanderung und begründete den poetischen Glauben an die Sphärenmusik. Zum Dank sür seine Auffindung des wichtigen Lehrsatzes, der nach ihm kurzweg der Pythagoräische heißt, opferte er der Götterei eine Hekatombe und Börne machte darauf den brillanten Witz: „Seitdem zittern alle Ochsen, sobald eine neue Wahrheit entdeckt wird." Wahrlich! solch göttlicher Humor ist nicht minder eine Hekatombe wert und schlägt eine Brücke zwischen beiden großen Geistern, die freilich sonst nur wenig mir einander gemein haben. Doch ich höre den Leser erstaunt fragen, wozu das alles? Lohnt« so vieler Mühe, um därzutnn, das; Harden in der Geschichte schlecht beschlagen ist? Ich will gleich zeigen, daß meine Mühe nicht ganz verloren ist, wenn damit auch nur erwiesen würde, wie hohl dieser hochragende Tagesgötze, von innen besehen, erscheint. Die Leser unseres Blattes werden sich noch gewiß meines Artikels „Die russischen Pogrome in Harden'scher Beleuchtung" in Nr. 33 vom 24. August erinnern, worin ich unter anderem die Behauptung Hardens, die Juden wären feige, entrüstet zurückmies und eine erdrückende Fülle von der Geschichte und Literatur entnommenen Argumenten zum Beweis ihrer Haltlosigkeit und Böswilligkeit angeführt hatte. Nun, ich gestehe meinen Irrtum ehrlich ein, hätte ich ahnen können, daß Harden an solcher magna ignorantia historiae leidet, niemals wäre ich so streng mit ihm zu Gericht gegangen, wenigstens in diesem Punkt nicht, wo klägliche Unwissenheit. nicht aber Lästersucht Vorgelegen. Wenn ihm Archimedes und Pythagoras nomina incognita sind, welch Wunder, daß er nie, oder nur ungenügend etwas vernommen von Jephtas und Davids Kriegstaten, von der Makkabäer und Bar Kochbas Heldentum, daß die Kunde von der Heroine Judith nur dunkel an sein Ohr geklungen. Nun sehen wir, er wäre sonst nicht so feige gewesen, die Juden der Feigheit zu zeihen, dieser traurige Mut hätte ihm gefehlt. Weniger traurig, vielmehr lustig ist es, daß er die Geschichte des Altertums nicht kennt und wir freuen uns aufrichtig, unser Urteil über Harden, wenigstens in diesem Punkt, revidieren zu können. Es ist ja bekannt, daß er sich einst selber einen Autodidatten nannte. Besser eine empfindliche Bildungslücke, als ein hartgesottener Bösewicht. „Lasset uns dies zur Ehre des menschlichen Herzens annehmen," sagt Schiller, und wir tun dies umso bereitwilliger, als er ja doch einer der Unsrigen ist, trotz seines Apostatentums. Dabei genießen wir beu Vorteil, zu erkennen, wie wenig wir an ihm verloren haben und dürfen uns nach Herzenslust über die Dummheit und Urteilslosigkeit unseres Zeitalters wundern, die diesem Harden so viel Anerkennung entgegenbringt. Doch ganz ohne Spott, ein Mensch, mit dem sich Bismarck unterredet hat und der daraus die Berechtigung schöpft, jede Woche einmal, Wilhelm H. und seine seitherigen Minister mit blutigen, satyrischen Peitschenhieben zu traktieren, muß doch gewisse Fähigkeiten haben. Nun ja, in Gottes Namen! Aber sein politisches Kannegießertum zwingt ihn, wie unlängst in der Welfensrage, sich mit der Spezialgeschichte deutscher Kleinstaaten, Hannovers, Braunschweigs zu beschäftigen, so daß er keine Zeit übrig hat für die Geschichte der Juden, oder wenigstens für den kleinen Grätz. Der Poet ist ein rückwärts gewandter Prophet, der wahre Politiker lernt aus der Geschichte vergangener Zeiten und verschwundener Völker, aber Harden ist weder Poet noch Staatsmann, sondern nur ein sehr tüchtiger Pamphletitist und den Junkern zu schmeicheln, braucht er nicht erst zu lernen, er hats instinktiv aus sich selbst heraus. Mit der toten Vergangenheit gibt er sich so wenig als möglich ab. Nr. 46. darum betitelt er sein Blatt „Zukunft." Und wenn er in Wien Vorträge abhält über die zukünftigeKonstellation der'politischen Verhältnisse, so lauscht ihm eine andächtige Menge, wie einem Orakel. . - ''!, s .!v.\ Wenn das Wort wahr ist, daß der Jud miss Vergangene und Gehabte nichts gibt, so hat - sich Harden noch so viel Judentum bewahrt, daß er das Vergangene vergangen sein läßt, denn ihm gehört die Zukunft, und zwar eine sehr schöne und die Gegenwart obendrein. Die ferne Zukunft aber, wenn 'sie sich mit Harden überhaupt beschäftigen sollte, wird unser hartes Urteil über ihn bestätigen. Denn einen Milderungsgrund konnten wir nur da erblicken, wo er den Juden das Schandmahl der Feigheit aufdrücken möchte. Er liegt, wie wir zur Genüge demonstriert zu haben glauben, in seiner Unwissenheit. Wenn er aber vor dem Zarentum schweifwedelt und Speichel leckt auf Kosten der Juden, dann kann ihn nichts entschuldigen, denn die Gegenwart kennt er und die Zukunft auf einige Wochen hinaus auch, gründlich! Und die Zeitgeschichte ebenfalls. 8. Vinsta. Die Iudenvorlage in Rußland. Der russische Ministerrat beschäftigte sich' dieser Tage mit dem Gesetzentwurf zur Besserung der Lage der Inden. Eine Petersburger Depesche besagt: Der im Ministerium eingebrachte Gesetzentwurf betreffend Erweiterung der Rechte der jüdischen Bevölkerung genauer, wie die „Strana" meldet, den Juden den Aufenthalt in den Dörfern des Ansiedelungsbezirks und die Freizügigkeit innerhalb desselben. Außerdem wird ihnen die Pachtung von Ländereien, welche Städten, Kirchen und Dorfgemeinden gehören, gestattet. Im Dongebiet, wo den Juden bisher der Aufenthalt untersagt war, wird dieser gewissen Kategorien der Juden, wie dies bereits in den inneren Gouverements der Fall ist, erlaubt werden. Immer lauter wird der Protest der „russischen Leute" gegen die Iudenvorlage. Aus Petersburg wird diesbezüglich gemeldet: . Die bloße Absicht Stolypins, in der Jndenfrage die lächerlich geringe Konzession zu machen, daß die Juden in Ansiedlungsrayons außerhalb der Städte und Flecken wohnen dürfen, hat einen Entrüstungssturm der echt russischen Leute wachgerufen. Sv richtete gestern die monarchistische Partei in Moskau an den Zaren telegraphisch ein flehentliches Gesuch, den Juden keinerlei Vergünstigung zu gewähren, weil das russische Volk das nicht dulden und zur Gewalt greifen werde. Aehnliche Telegramme sind aus Irkutsk und Kiew eingelaufen, wobei offen mit neuen Progroms gedroht wird. .Rußkoje Snam!a", das Organ der russischen Leute führt der Regierung zu Gemüte, die Zulassung der Juden zum Dongebiet könne dahin führen, daß die Regierung zwischen Juden und Kosaken werde wählen müssen. Diese Warnungen der echt russischen Leute werden der Regierung natürlich sehr gelegen kommen, da sich mit ihnen die Unmöglichkeit, das mit tönenden Worten angekündigte liberale Reformprogramm zu erfüllen, leicht entschuldigen läßt. -i- * * Von den Russenausweisungen aus Berlin war es in letzter Zeit etwas stiller geworden. Wenn man daraus aber schließen wollte, daß diese Ausweisungen weniger häufig vorkämen oder doch weniger rigoros gehandhabt würden, so hätte man sich in einem schweren Irrtum befunden. Ein ganz besonders krasser Fall weckt die Erinnerung an die große Ausweisungskampagne dieses Frühjahrs und zeigt, daß nach wie vor dieselben Grundsätze eines rücksichtslosen Bureaukratismus Geltung hab'en. Man schreibt darüber dem „Berliner Tagblatt": In der Kronleuchter- und Metallwarenfabrik von Heinrich Hansen, Berlin 8„ Bergmannstraße 68, war seit Mai vorigen Jahres der jüdische Schlossergeselle Meier Strelecki, Saarbrückerstraße 7 wohnhaft, ein russischer Untertan, beschäftigt und zwar zu besonderer Zufriedenheit der Fabriksleitung. Ende

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