Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 46. Die Wahrheit Seite 11. in die vorliegenden Akten. Einsicht zu nehmen, und sie werden gewiß zu der Ueberzeugung gelangen, daß der Kultusvorstand in dieser Sache mit der größtmöglichen Loyalität nnd Rücksicht vorgegangen sei. Schließlich erklärt der Präsident gegenüber gegenteiligen Ausstreuungen, daß diesbezüglich nicht ein Schritt von seiner Seite geschehen sei, der nicht dem Vorstaudskollegium vorgelegt und von diesem einhellig beschlossen und genehmigt worden wäre. Auch..die Antwort auf die jüngst in einem jüdischen Blatte veröffentlichte diesbezügliche Interpellation im Kultusvorst an de wurde vom Plenum nach Vorlage des Aktenmateriales einstimmig, einschließlich des Interpellanten, zur Kenntnis genommen. Der Interpellant und die Versammlung erklären sich mit der vom Präsidenten gegebenen Antwort befriedigt und hierauf wird, da niemand mehr zum Worte gemeldet ist, die Wählerversammlung in vorgerückter Stunde vom Vorsitzenden geschlossen. * -i- * Gleichzeitig mit der osfiziellen.Wählerversammlung wurde im Hotel ..Central" eine zionistische Wählerversammlung abgehalten, und dort als Kandidaten der Zionisten und vereinigten Oppositionellen aufgestellt: Dr. Isidor Schal i t. Zahnarzt, IX., Währingerstraße 3; Fabrikant Adolf Böhm, IX., Hebragasse 4; Bankier Adolf Brecher, XVII., Pötzleinsdorferstraße 33; Ingenieur Emil Fried, IX., Elisabethpromenade 33; Med. Dr. Karl Pollak, Zahnarzt, I.. Rathausstraße 7; Anton Ster n, Cafötier, XIV., Mariahilferstraße 189; Mos. Hammer, Stampiglienerzeuger, H., Leopoldsgasse 6; Dr. Jos. Zipser, Advokat, I., Wollzeile 11; Hermann König, Fabrikant, VII., Seidengasse 28. Walstlnft. Brünn, 25. November 1906. Die Wahlen in den hiesigen Gemeindevorstand nahen heran und ihnen gehen die üblichen Wählerversammlungen voraus, deren erste heute am 25. d. M., abgehalten wurde. Den Inhalt aller in dieser Versammlung gehaltenen Reden bildete eine tiefgehende Unzufriedenheit mit der ganzen geistigen und administrativen Leitung der Gemeinde. Bon einer geistigen oder geistlichen Führung kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Es fehlt der Mittelpunkt, um den sich gleichsam die ganze Gemeinde schaart. Und wie notwendig wäre gerade ein solcher gewesen in einer Gemeinde, in der es seit Jahren an einem führenden Oberhaupte fehlt! Es zeigt sich, daß alle schönrednerischen Phrasen einem Gemeindekörper nicht neues Leben einhauchen können. Man muß die Bedürfnisse einer großen Gemeinde kennen, man muß mit ihren Verhältnissen vertraut sein, will man in deren erstarrtes Blut einen neuen Geist bringen. Wie notwendig haben wir eine solche geistige Obmannschaft gerade jetzt, da soviel wir sehen, uns neue Kämpfe bei der sich erneuernden Konstellation unseres ganzen politischen Lebens bevorstehen. Wir wollen damit nicht sagen, daß unsere geistigen Führer in die politische Kampfarena herabsteigen mögen, daß sie jüdische Demagogen werden sollen, aber Zuckerwasser nützt nichts, wenn es notwendig ist, ein stärkeres Getränke zu schlürfen. Darum begreifen wir die Verdrossenheit aller jener, die sich nach dem Sturze eines senilen Regimes neues Leben in der hiesigen Gemeinde auf allen Gebieten, auf denen des Kultus, der Wohltätigkeit, des Unterrichtes und der Politik erhofften und sich nun gründlich enttäuscht sehen. Heutigen Tages kommt eben alles auf die Persönlichkeit an. Und diese fehlt hier. Erfüllung gewisser Amtspflichen, die gefordert wird nnd ihren Lohn empfängt, tuts nicht allein. Von dieser Anschauung sind'alle wirklich Denkenden in der hiesigen Gemeinde, denen es sich aufrichtig um das Wohl des Judentums handelt, erfüllt. Mit Mätzchen und honigsüßem Gerede hilft man dem arg verfahrenen Karren des Judentums in der hiesigen Gemeinde nicht auf die Beine. Zu dieser Erkenntnis kommen jetzt viele, nnd es sind nicht die Schlechtesten, die zu ihr gelangen. Hier tut eine starke Individualität not. Diese hat aber nicht nur den Wohlhabenden zu dienen, gewisse Funktionen schlecht und recht zu erfüllen, sondern auf die Bedürfnisse der großen proletarisierten Menge zu achten, ihr nach Kräften zu helfen — kurz die Führung des jüdischen Volkes zu übernehmen. Man hat aber den Karren auf den arg verfahrenen Geleisen sich weiter schleppen lassen, mit anderen Worten: die Personen wechselten, das verrottete System blieb. Diesen Gedanken gaben die meisten Redner in der Wählerversammlung, manche höchst temperamentvoll, Ausdruck. Wenn irgendwo, hätte hier manches für das Judentum geschehen können und sollen. Was ist aber wirklich geschehen? Mit einer Uebereilnng. ja einem Leichtsinn, den freilich nur versteht, wer die hiesigen Verhältnisse kennt, wurden gewisse, höchst wichtige Personenfragen einer scheinbaren Lösung zugeführt. Der Katzenjammer folgt aber dem Rausche immer. Wir begreifen es, wenn sich nun Stimmen erheben, die über dieses ganze System den Stab brechen. Ob es nicht zu spät ist? Jedenfalls ist es heilsam, wenn von Zeit zu Zeit auch die Gleichgiltigkeit in hiesigen jüdischen Kreisen aufgerüttelt wird. Wir aber sind überzeugt, es werde sich der süße Schlaf bald wieder über die hiesigen jüdischen Kreise senken. Es wird alles beim Alten bleiben.... X. aeimtUnit Harden redivivus. In der letzten Nummer der . Zukunft" schreibt eine Dame, die ich trotz meiner Vielleserei nicht kenne, einen Aufsatz . Ruhmeshalle." Es berührt eigen, daß die erwähnte Schriftstellerin sich in einer der Rnhmeshallen der Gegenwart, die sich aber Hardensiche Zukunft nennt, verewigt und sehr bewegliche Klagen darüber führt, daß literarische und journalistische Größen der 60er und 70er Jahre des verflossenen Säkulums schon jetzt so wenig gelesen und rasch vergessen werden, wie z. B. Auerbach, Hebbel u. s. w. Dabei passiert ihr das Unglück, die berühmten Worte des Archimedes, seine Kreise nicht zu stören, fälschlich Pythagoras sprechen zu lassen. Nun, bei einer Frau kann uns ein solcher Schnitzer nicht sehr betrüben. Wir sind gerne galant und wollen sogar zngestehen, daß ein derartiger Verstoß ihr ganz allerliebst zu Gesichte steht und die Welt darüber nicht aus den Angeln stürzt, wie derselbe mit so köstlicher Ignoranz behandelte Archimedes bemerkte, als er die Hebelgesetze feststellte. Es ist ja Tatsache, daß der Dialekt von schönen Lippen gar anmutig klingt, während die Mundart bei einem Mann immer etwas Abstoßendes, Disharmonisches mit sich führt. Hier entsteht nun die Frage, wo bleibt die Zelebrität Hardens mit ihrer Redigierung? Wie durfte dieser eine so fatale Verwechslung passieren lassen? Wem, wer nur einigermaßen geschichtskundig, hat sich die Gelegenheit, bei welcher diese Worte gesprochen wurden, nicht unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben, so daß ein lapsus linguae oder memoriae einfach unmöglich ist. Die Spätblüte der Pflanzstätten hellenischer Kultur, Syrakus, wird von rohen Römern belagert. Archimedes, 287 v. Ehr. geboren, der große Mathematiker und Physiker setzt die römischen Schiffe durch große optische Gläser in Brand und erfindet Wurfmaschinen, mit deren Geschossen er sie bombardiert. Doch alle Genialität fruchtet nichts, die Feinde dringen ein und ein Legionär trifft die Seele des Widerstandes an, wie er beschäftigt ist, Kreise in den Sand zu zeichnen. Der rauhe Kriegsmann verspürt keinen Hauch des Feuergeistes und als ihm Archimedes unwillig zuruft: ..Störe doch meine Kreise nicht," sticht ihn jener, erbost darüber, nieder. „Noli turbare circulos meos," so berichten mehrere Geschichtsschreiber des Altertums. Wir haben es hier mit keiner Anekdote zu tun. Und wärs auch nur eine solche, und wäre der Satz viel schwächer historisch beglaubigt, trotzdem, wie trefflich drückt sich darin die ganze Weltvergessenheit des Genius, die Hingebung an seinen Gegenstand aus! Der