Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Wahrheit Nr. 46. Seite 10. von Ihnen bekannt sein. Was meine eventuelle zukünftige Tätigkeit im Vorstände anbelangt, so ist es naturgemäß, daß ich mich als Arzt und Lehrer insbesondere mit den Spitalsangelegenheiten und mit dem Religionsunterrichte beschäftigen will. Namenstich die Regelung des Religionsunterrichtes - in den Mittelschulen bedarf dringendst einer Remedur, die zu schaffen ich mich redlich bemühen werde. Indem ich es für über flüssig halte, ein detailliertes Progranun zu entwickeln, gebe ich ihnen die Versicherung, daß ich/ wenn mir die Erkenntnis kommen sollte, daß meine Kräfte nicht der gestellten Aufgabe entsprechen, freiwillig mein Mandat Ihnen zugunsten eines Besseren zurücklegen will. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Med. Dr. Hermann Löwi bespricht die sanitären Einrichtungen im jüdischen Spital und Versorgungshause, verweist ferner auf seine bisherige Tätigkeit im Bethansvorstande und will besonders auf diesen Gebieten der Gemeindeverwaltung seine Kenntnisse und Erfahrungen in den Dienst der Gemeinde stellen. (Beifall.) Kandidat Adolf Schrämet bekennt sich zu der Devise: ..Rede wenig und tue viel!" Als Obmann der Bezirkskommission für den II. Bezirk sei er jederzeit für die strengste Unparteilichkeit bei Bemessung der Kultussteuer eiugetreten und als Obmann eines Bethansvereines, wie als Bethausvorsteher der Kultusgemeinde habe er viele praktische Erfahrungen gewonnen, die er zur Pflege und Förderung der gottesdienstlichen Institutionen der Gemeinde verwerten wolle, falls ihm seitens der Wählerschaft das Ehrenamt eines Kultnsvorstehers übertragen würde. (Beifall.) Kandidat Kommerzialrat Leopold Simon erachtet es als Pflicht der Pietät, sich der Gemeinde, mit welcher von frühester Jugend an eng verknüpft sei, zur Verfügung zu stellen, und er werde, mit dem Amte eines Kultusvorstehers betraut, jene Traditionen Hochhalten, die sein verewigter Vater als Präsident der Knltusgemeinde zu verwirklichen bestrebt war. (Beifall.) Kandidat Samuel Steiner verweist auf seine 31jährige Tätigkeit in der früher selbständigen Gemeinde Fünfhaus, sowie auf sein Wirken in der Chewra Kadischa und glaubt sich dadurch die Eignung erworben zu haben, zur Wahl in den Kultusvorstand zu kandidieren. Im Falle seiner Berufung werde er es sich zu hoher Ehre anrechnen, dieser hochangesehenen Körperschaft anzugehören und in deren Mitte auf den ihm vertrauten Gebieten mit all seinem Können zu wirken. (Beifall.) Herr Dr. Josef Zipser wendet sich gegen jenen Passus im Berichte des Kultusvorstandes, welcher der Demission des Kultusvorstehers Ritter v. T a n s s i g gewidmet st, und erklärt, diesen Teil des Berichtes nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die hierauf folgenden Ausführungen des Herrn S. Komet, der die Behandlung Koscherfleischfrage durch das Rabbinat, sowie die Anstellungsverhältnisse der Schochtim abfällig kritisiert, finden bei einem Teile der Versammlung leidenschaftlichen Widerspruch, während ein anderer Teil die Redefreiheit gewahrt wissen will. Es entsteht ein arger Tumult, der sich erst legt, als der Redner veranlaßt wurde, seine Rede vorzeitig zu beendigen. Herr Wolf Pappenheim fühlt sich verpflichtet, im Interesse der Orthodoxie, sowohl an die verbleibenden, als an die zu wählenden Kultusvorsteher ein dringendes Mahnwort zu richten. Meine Herren! Wenn auch in der Minorität, bilden wir Orthodoxen, leider unter uns nicht immer einig, dreißig Perzent der jüdischen Bevölkerung Wiens. Eine solche Zahl ist, meinem Dafürhalten nach, einer ziemlich weitgehenden Berücksichtigung wert! Was sehen wir aber geschehen! Jedes Postulat der Orthodoxie, jede Regung zur Betätigung wird systematisch niedergehalten. In Wien existieren 36 orthodoxeBethäuser, 5 Gemeinde- und 7 moderne Vereinstempel. Für die kulturelle Bedeutung unserer Bethäuser mag bezeichnend sein, daß in dem kleinsten derselben an jedem Wochentage mehr Andächtige sich versammeln als in allen modernen Tempeln am Sabbat. Nun, meine Herren, von unseren 36 B eth äuse rn e rh älte n 19 eine Gesamtsubvention von rund 14.000 K, während 7 Tempel, deren Baukosten dem Gemeindesäckel Unsummen gekostet haben, rund 36.000 L erhalten. Während Man aber vor den Tempelherren, die nur einiger Opferfähigkeit bedürften/ um ihre Tempel zu erhalten,- zusammeuknickt. behandelt man die wenig bemittelten Leute--die unverhältnismäßige Opfer bringen, en bagatelle. Die Errichtung eines Minjans alten Ritus, wird in der Regel nicht bewilligt weil -77s. nun weil die TeMpelv'ereine sich -dagegen anssprechen. Die Mikwah-Angelegenheit, bie wir hoffentlich bald 'erledigen werden, wird seit 10 Jahren verschleppt, weil sie nur die Orthodoxie interessiert. Meine Herren! Ich rede über diese Dinge ziemlich unbefangen, weil der Verein, dessen Vertretung anzugehören ich die Ehre habe, sein Budget von 40.000 K, das mit Schächt- und Unterrichtsauslagen an 60.000 K reicht, seit mehr als vierzig Jahren ohne Subvention der Kultusgemeinde bestreitet. Ich rede auch unbefangen, weil ich und meine engsten Gesinnungsgenossen Mandate in den Vorstand gar nicht annehmen könnten! Zum Ja- oder Amensagen sind wir nicht berechtigt, zu ewigen Protestanten viel zu gut und stille Teilnehmer zu sein an so krassen Dingen wie z. B die Frage der Religionslehrer^ verbietet uns unser Gewissen. Sie werdet: mir Alle beistimmen, wenn ich Ihnen sage, daß es auf unsere Jugend, Kinder vom 6. Jahre aufwärts, demoralisierend wirkt, wenn der Religionslehrer am Freitag vorträgt: „Du sollst den Sabbath heiligen!" und am nächsten Tage als Kommunallehrer vor denselben Schülern diesen heilig zu haltenden Sabbath entweiht. Meine Herren! Wir haben in den jüngsten Jahren zahlreiche Konflikte mit Rabbinat und Vorstand gehabt und alle Differenzen von Fall zu Fall erledigt, um nicht bei jetzigen Zeitläuften an die Behörden hernntreten zu müssen. Prinzipielle Entscheidungen waren vom Kultusvorstande nicht zu erreichen. Ich hege für jeden einzelnen Kultusvorsteher persönlich die größte Hochachtung, bin mit mehreren der Herren befreundet, aber als Kollegium sind sie Gegner der Orthodoxie. Ich beschwöre Sie Alle, wie Sie sich nach der Wahl konstituieren werden, fühlen Sie sich nicht als Vorsteher nur der 7O°/0 liberaler (!) Inden, sondern als Vertreter der Gesamljudenheit Wiens und geben Sie besonders dem § 24 des Judengesetzes, der von der Gewissensfreiheit handelt, die freisinnigste Interpretation. Sollten Sie fortfahren, die Bestrebungen der Orthodoxie niederzudrücken, so werden Sie in 30 Jahren schaudernd einsehen, daß Sie das Judentum in Wien erdrückt haben. (Beifall.) Herr Plaschkes richtet an den Präsidenten eine Interpellation betreffs der Affaire Dr. Fink und fragt, ob es wahr sei, daß der Kultusvorstand der von den katholischen Behörden beabsichtigten Wiederanstellung des Dr. Fink seine Zustimmung versagt habe. In Beantwortung dieser Interpellation verweist Präsident Dr. Alfred Stern auf seine bereits in der Wählerversammlung vor zwei Jahren abgegebene Erklärung, daß er eine Disziplinarangelegenheit nicht für geeignet halte, als Grundlage einer Diskussion oder Debatte in einer öffentlichen Versammlung zu dienen. Trotz dieser damals geübten Vorsicht sei sowohl gegen ihn, wie auch gegen ein zweites Vorstandsmitglied, Dr. Alfred Berger, eine Ehrenbeleidigungsklage angestrengt worden, die allerdings sowohl in erster Instanz beim Bezirksgerichte, als auch infolge Berufung des Klägers in zweiter Instanz beim Landesgerichte mit der Motivierung abgewiesen wurde, -daß der Tatbestand einer Ehrenbeleidigung nicht vorliege und der Präsident nur in Wahrung berechtigter Interessen vorgegangen sei. Diese an sich höchst beklagenswerte Erscheinung, daß der Präsident einer Gemeinde infolge höchst loyaler Ausübung seines Amtes von einem Rabbiner derselben Gemeinde mit einer Ehrenbeleidigungsklage verfolgt werde, genüge wohl für einmal, ihre Wiederkehr sei gewiß nicht erwünscht, und darum müsse sich der Präsident der heutigen Interpellation gegenüber um so größere Reserve auferlegen. Er könne nur wie damals den.Interpellanten, oder eine Abordnung in nicht allzugroßer Zahl, die über diese Angelegenheit Aufklärung wünscht, einladen, im Präsidialbureau der Kultusgemeinde