Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 46. uwos. Zu deutsch: „Arbeit ist köstlicher als Ahnenstolz, Arbeit ist des Bürgers Zier." (Lebhafter Beifall.) Doch, geehrte Herren, ich will das Vorgehen dieses sogenannten Zentral-Wahlkomitee, so sehr es auch zur Kritik herausfordert, hier weiter nicht kritisieren; ich will Sie nicht damit behelligen, was die Hagada, die liebliche Nachrede, über das eigentümliche, der Halacha durchaus nicht entsprechende Vorgehen dieser Körperschaft sagte; ich will auch nicht über das Programm dieses Kollegiums sprechen; aber das einemnß ich dem Komitee zurufen: In jenem Augenblicke, da Sie durch geheime, mir unbekannte Machinationen sich veranlaßt sahen, Herrn Hermann E l t b o g e n a u s z u st o ß e n aus der Reihe jener achtbarer Personen, welche für würdig erachtet werden sollen, unsere Interessen im Kultusvorstande zu vertreten, in diesem Augenblicke waren Sie sehr übel beraten. Denn, wissen Sie, meine geehrten Herren, wer Hermann Eltbogen ist? Das will ich Ihnen nun sagen: Hermann E l t b o g e n ist ein Mann, der im Gegensätze zu dem ellenlangen, schlangenartigen Wischi-Waschi-Programm des Komitees einsehr kurzes, dafür aber sehr gutes Programm hat. welches lautet: „Iwri Unochi.“ Jude bin ich!" (Beifall. Sehr gut.) Und weil er Jude ist im wahren Sinne des Wortes, deshalb ist er ein vir integer scelerisque purus, ein Isch koscher wejoscher, ein lauterer, makelloser Charakter; und weil er Jude ist, hält er hoch den erhabenen Grundsatz unserer heiligen Religion, welcher das Fundament des Jndentums ist, war und sein wird, nämlich die Vorschrift, die da gebietet, sich der Mühseligen und Beladenen werktätig und unverdrossen anzunehmen. Hieztl hat Herr Eltbogen in unserem Bezirke leider allzureiche Gelegenheiten, denn in diesem Bezirke grassiert die antisemitische Seuche am heftigsten; in diesem Bezirke gibt es, trotzdem die jüdische Bevölkerung weit mehr als 15^ der Einwohnerschaft bildet, und obwohl daselbst 89 systemisierte Armenräte sind, keinen einzigen Armenrat, der unserer Glaubensgenossenschaft angehört. Da kommt es denn leider häufig vor, daß armen Leuten, welche zur Schulgeldbefreiung ihrer Kinder oder wegen eines Stipendiums oder wegen Eintrittes in ein Krankenhaus oder aus anderen Gründen eines Miltellosigkeitszeugnisses bedürfen, die Armenräte die Unterschrift verweigern, und da tritt immer Herr E l t b o g e n dazwischen, und seiner einflußreichen Intervention ist es zu danken, daß statt der Armenräte der Bezirksleiter diese Dokumente fertigte und so den Armen hilft. Eben weil Herr E l t b o g e n festhält an seinem Programm „Iwri unochi“ hat er sich im Kultusvorstande hauptsächlich mit Fragen des Kultus beschäftigt, hat er der Kultus- und Friedhofs-Kommission angehört und daselbst — das wird wohl der Herr Präsident bestätigen — eine sehr ersprießliche Tätigkeit entfaltet. Daß Herr Eltbogen nach dem von mir so oft zitierten Programme auch sonst im öffentlichen Leben, als Repräsentant im kaufmännischen Gremium rc., wirkt und an diesem Programm auch für sich und seine Familie im privaten Leben festhält, das wird mir jeder bestätigen, der Herrn Eltbogen zu kennen die Ehre hat. (Bravo! Bravo!) Darum bitte und beschwöre ich Sie, geben Sie Alle bei der Wahl in den Kultusvorstand Ihre Stimmen Herrn Hermann Eltbogen und verhelfen Sie dadurch dem zwanzigsten Wiener Gemeindebezirk, dem wahren Eastend, dem wahren jüdischen Armenbezirke Wiens zu einem würdigen Vertreter im Kultusvorstand. Zugleich stelle ich den Antrag: Diese wohllöbliche Versammlung wolle Herrn Hermann Elt bogen als Ihren Kandidaten anfstellen." Dixi. (Sehr lebhafter Beifall; Redner wird allseitig, auch von einigen Kultusvorstehern beglückwünscht.) Unter allgemeiner Spannung erscheint der Vizepräsident des Zentral-Wahlkomitees, Dr. Hermann Fialla, auf der Rednertribüne, der, bekannt als glänzender Redner und scharfer Debatter, das Programm, auf Grund dessen die vom Komitee ausgestellten Kandidaten zur Wahl empfohlen werden, vor der Versammlung erörtern »will. Jedoch schon zu Beginn seiner Ausführungen wird er von der Opposition durch laute Zwischenrufe unterbrochen. Erregte Worte fliegen hin und her, und seitens der Anhänger Eltbogens wird Antwort auf die Frage gefordert, warum letzterer vom Zentral-Wahlkomitee abgelehnt wurde. Als das Lärmen sich ein wenig gelegt hatte, erklärt Dr. Fialla, daß das Wahlkomitee sich schon deswegen nicht zur Unterstützung der Kandidatur Eltbogens verpflichtet fühlte, da er auch bei seiner ersten Wahl nicht von diesem kandidiert wurde. Hierauf entwickelt der Redner, unter wiederholten Unterbrechungen, das an anderer Stelle veröffentlichte Wahlprogramm. Hierauf kam Kultusvorsteher kais. Rat Wilhelm Pollak zum Worte und führte nnter Aufmerksamkeit der Anwesenden Folgendes aus: Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und einen .Nechenschaftsbericht zu geben. Er hatte schon in seinem Bezirk Fünfhaus in der Wählerversammlung am 11. November die Absicht zum Scheiden geäußert, da er sich für die Bürde eines Kultusvorstandes nicht mehr jung genug fühle. (Heiterkeit.) Tatsächlich hatte er im Vorstand arge Enttäuschungen erlebt. Seit all den 15 Jahren, da der Bezirk Fünfhaus ■ von der Zentralgemeinde übernommen worden war, hätte Redner, früher Vizepräsident im XV. Bezirk, nichts mehr von seinen Plänen und Wünschen durchgesetzt. Das sei sein Grund zum Abschied gewesen. Trotzdem habe ihm das Wahlkomitee das offizielle Programm zur Unterschrift vorgelegt, in der Absicht, ihn zu kandidieren. Dem gegenüber habe Redner in einem ausführlichen Antwortschreiben sein eigenes Programm entwickelt, für das er bisher mit zwei oder drei Gleichgesinnten, darunter dem tüchtigen Eltbogen, leider fruchtlos eingetreten sei. Vor allem hatte er stets eine Verbreiterung und Erweiterung des Steuerzensus, aber nicht nach der bisherigen Weise, angestrebt. Es sei eine Kategorie von 5 fl.-Männern zu schaffen, um die weitesten Kreise zur Mitwirkung heranzuziehen, doch dürfte nicht auf die freiwillige Meldung gerechnet werden, da es eine Utopie ist, beim Steuerzahlen auf derartige Betätigung von Gemeinsinn zu bauen. Mehr aber als diese 10 Kronen — 20 Kronen seien als Minimum zu viel — sei der Jude selbst wert, der sich auf diese Weise mit der großen Gemeinde organisch verbindet und lernt, was er mit dem Stimmzel zu tun hat, so daß er bei politischen Wahlen nicht erst zur Ausfüllung des Stimmzettels erzogen werden muß. Redner denke sich in Zukunft drei Kategorien von Kultusvorständen: In erster Linie die der Höchst- - besteuerten, in zweiter Linie die aus den allgemeinen Wahlen hervorgehenden, der geistigen Aristokratie des Judentums angehörigen Mitglieder, welchen gemeinsam die ideelle Vertretung des Judentums nach außenhin zufällt, nnd in dritter Linie die von ihm in Vorschlag gebrachten Obmänner der Bezirkskommissionen, welche — die Bedürfnisse der Bezirke kennend — die Kleinarbeit im Haushalt der Kultusgemeinde zu besorgen hätten. Es ist Tatsache, daß die von der Knltusgemeinde verwalteten Bezirke weit schlechter administriert sind als seinerzeit, wo sie mit Not kämpfende eigene Gemeinden waren, und auch jetzt von den unter eigener Regie arbeitenden Bethausvereinen angrenzender Bezirksteile, wie VI., VIII., IX. und X. Bezirk rc:, übertroffen werden. Für die Bezirke seien weiters genügend viele Andachtsstätten zu errichten. Redner halte es vor allem für wichtig, an den Bau billiger Tempel zu schreiten, um dem Skandal ein Ende zu machen, daß heute Gottesdienst in einem Lokal gehalten wird, in welchem bei einer Versammlung gestern vielleicht die Juden „erschlagen" wurden. Er sei weiters vor einiger Zeit aus der Sektion für Unterrichtswesen im Vorstande, wo er sich wegen zweckdienlicher Ausgestaltung des Religions-Unterrichtes unter Berücksichtigung der starken Inanspruchnahme der Kinder in den Mitelschulen lebhaft bemüht hatte, ausgeschieden, weil er an keinen Fortschritt mehr glauben konnte und mit Ausnahme der Friedhofs-Sektion, wo noch Wirken möglich war, mit seinen Anträgen stets in der Minorität blieb. Hätte Redner nur irgend welche Aussicht gehabt, daß sein Programm wenigstens teilweise Berücksichtigung finden, seinen Anregungen irgendwie Folge gegeben werde, so ' hätte er die Flinte nicht ins Korn geworfen, denn er scheide I ungerne aus einem Kreise, dessen Mitglieder Kollegen zu nennen