Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 7. Nr/ 46. Während es hier bei uns doch noch einen Ansatz vom Judentume! gibt, hat das' Judentum in.vielen kleinen Gemeinden aufgehört/ sie haben micht die Mittel, um einen Religionslehrer und Rabbiner zu bezahlen. Das Judentum verduftet, es gibt in vielen Orten überhaupt keinem Religions-Unterricht, ein Rabbiner, der - in der benachbarten Stadl wohnt, kommt zeitweilig in die kleinen Gemeinden, um Unterricht zu erteilen. Ich bin Zeuge gewesen, daß Kinder aus gut jüdischen Häusern noch in-derJünften--Klasse, das hebräische Alphabet nicht kannten, merkwürdigerweise ist; dies sogar bei galizlschen Kindern der Fall und was das zu bedeuten hat, braucht nicht erörtert zu werden. Ich will Ihnen kein politisches Programm entwerfen, aber unerläßlich ist es, daß eine Verbindung der jüdischen Gemeinden angestrebt werde, in welcher Weise immer, im Wege der Gesetzgebung oder der freien Vereinbarung, eine Organisation, eine Association muß eintreten, unsere jüdische Gemeinde darf sich nicht mehr isolieren, sie muß sich solidarisch fühlen, sie muß dafür sorgen, daß eine jüdische Zentralkraft in die Bresche trete und rette, was zu retten ist. Wenn Sie, meine Herren, trotz der erwähnten Mißerfolge mich wählen wollen, werde ich dies als höchste Ehre betrachten, die mir widerfahren kann. (Lebhafter Beifall.) Präsident Dr. Alfred Stern: In die Reihenfolge der Kandidaten trete nun ich und ich bitte Sie, in diesem Augenblicke meinen Kollegen Dr. Gustav K o h n als Vorsitzenden und mich als Kandidaten anzusehen. Ich habe bereits zum Eingänge der Versammlung die Tagesordnung, das Programm für deren Verlauf entworfen und habe hiebei bekanntgegeben, daß wir alte Kandidaten ntls geeinigt haben, sehr kurz zu sein, einerseits um den neuen Kandidaten es zu erleichtern, daß sie ihre Ansichten in größerer Breite entwickeln köntlen, andererseits um der verehrten Versammlung die Möglichkeit zu geben, sei es durch Interpellation, sei es durch Debatte, ihre Ansichten mitzuteilen. Meinen Wunschkurz zu sein, hat mir nun mein Vorredner Dr. Steiner in einem ganz - wesentlichen Maße erleichtert, denn ich kann Ihnen sagen, daß nach all den Belangen, die er angeführt hat, wir beide im Knltnsvorstande stets gleichen Schritt gegangen sind; ich kann Ihnen dies insbesondere sagen inbetreff der Fürsorge, welche er dem hebräischen Unterricht zugewendet hat. Solange ich dem Vorstande angehöre und insbesondere in - der letzten Zeit, seit ich die Ehre habe Präsident unserer Gemeinde zu sein, war es immer mein Augenmerk, jenen Wünschen entgegenzutreten, welche dahin gehen, unseren hebräischen Unterricht, der ohnehin schon ein Minimum bedeutet, abzulehnen oder abzuschwächen. Meine Herren! Es hat eben gestern eine Feier im Sitzungssaale des Kultusvorstandes stattgesunden, in welcher eine neue Religionslehrer-Bildungsanstalt aktiviert worden ist; wir werden nun in der Lage sein, für einen tüchtigen Nachwuchs an Religionslehrern zu sorgen. Wir sind aber auch in der Lage, nachdem wir diese Religionslehrer-Bildungsanstalt aus eine breitere Basis gestellt haben, nachdem in dieser Anstalt nicht allein Hebräisch und theologische Disziplinen gelehrt werden sollen, unseren Glaubensbrüdern, die heute in den interkonfessionellen Lehrerbildungs-Anstalten entweder gar nicht oder zumindest sehr schwer Unterkommen und in Zukunft überhaupt nicht Unterkommen werden, schon jetzt eine Stätte zu gewähren, an welcher sie den pädagogischen Kurs zu vollenden und zu tüchtigen Lehrern auch in den profanen Gegenständen sich zu bilden in der Lage sein werden. Meine Herren! In dieser Woche findet eine Sitzung statt betreffend die Gründung eines Pflegerinnenheimes; es ist dies einer meiner innigsten Herzenswünsche und ich habe mir seit Jahren Mühe gegeben, dieses Pflegerinnenheim zu aktivieren. Es steht uns für diesen Zweck auch ein Fond von K 125.000 für den allerersten Anfang zur Verfügung; ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Schwierigkeiten, welche sich dieser Gründung entgegenstellen, zu beseitigen und vielleicht noch im Lause dieses Jahres, gewiß aber zu Anfang des nächsten Jahres, das jüdische Pflegerinnenheim zu schaffen. Es wird dann dafür : gesorgt sein, daß jüdischen Kranken auch jüdische Pflegerinnen gegeben werden können. (Beifall). Was dies bedeutet, nun, meine-Herren, die zustimmenden Worte zeigen, daß ich es nicht auseinanderzusetzen brauche. Einen Herzenswunsch hätte ich noch, und das wäre die Erbauung eines großen Tempels. Es hat die politische Gemeinde ihr Rathaus, ihr Landhaus, ihr Parlament, und es muß die größte Kultusgemeinde ihr öffentliches Repräsentationshaus, ihren großen Tempel haben. (Bravo!) Meine Herren! Der unmittelbare Vorredner hat Ihnen bereits mitgeteilt, wie notwendig und wünschenswert eine Zentralisierung unserer Juöenschast wäre, daß alle jüdischen Gemeinden miteinander in Verbindung treten und dadurch dasjenige geschaffen würde, was in anderen Staaten durch Bildung eines jüdischen Konsistoriums geschaffen wurde. Seit Jahren ist mein Bestreben darauf gerichtet, ich habe vor Jahren den Allgemeinen österr.-israel. Bund gegründet, es sind Hunderte von Kultusgemeinden demselben beigetreten und er hat sich in vielen Fragen, beispielsweise in der Schechitafrage sehr gut bewährt. Wirken wir zusammen, lassen wir Disharmonien zwischen uns nicht aufkommen, breiten wir über viele Dinge, die sich zugetragen haben, den Schleier der Vergessenheit — ich meine nicht das, was ich getan habe, — wirken wir einträchtig zusammen und schreiten wir zur Wahlurne, um diejenigen zu wählen, welche wir für würdig erachten, würdig, unsere große Gemeinde zu vertreteu. (Lebhafter Beifall.) In der Reihenfolge der Redner sollte jetzt Herr Kultusvorsteher Hermann E l t b o g e n zum Worte gelangen. Da jedoch derselbe in der Versammlung nicht erschienen ist, erteilt der Vorsitzende Herrn Josef Kohn das Wort, der die vom Zentral-Wahlkomitee abgelehnte Wiederwahl des Abwesenden mit nachfolgenden Ausführungen empfiehlt: Sekretär Josef Kohn. Nachdem Redner dem Herrn Präsidenten innig dafür gedankt hatte, daß er ihm so zeitlich das Wort gegeben, erscholl aus der Mitte des Saales der Zuruf: „Wer sind Sie?" Daraus erwiderte der Redner: „Ich bin Nichts; ich verlange auch nichts für mich; ad captandam auditormn benevolentiam, Ihr Wohlwollen zu gewinnen für mich, deshalb bin ich nicht hergekommen; ich habe nur um das Wort gebeten für einen großen, weiten Bezirk, welcher schon nach der letzten Volkszählung Ende 1900, was die daselbst wohnende jüdische Bevölkerung betrifft, der drittgrößte unter den Wiener Bezirken war, wo seither die jüdische Einwohnerschaft unverhältnismäßig zugenommen hat, nämlich die Brigittenau, welcher Bezirk allerdings in der großen Oeffentllchkeit — und das ist ein Nachklang alter Zeiten — mehr gefürchtet und gehaßt als geschätzt und geliebt wird. Wenn Sie aber, meine sehr geehrten Herren, sich die Mühe nehmen und uns aufsuchen, dann werden Sie sehen, wie kräftig hier jüdisches Leben pulsiert, ein welche schönes, herrliches Gotteshaus wir aus eigener Kraft erbaut haben und erhalten, und vielleicht würden auch Sie dann mit dem Dichter ausrufen: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen." (Beifall.) Und dieser große, weite, in jeder Beziehung rasch fortschreitende und sich entfaltende Bezirk soll nun seines Vertreters im Kultusvorstande nach dem Ausspruche eines sich „Zentral- Wahlkomitee" nennenden Kollegiums beraubt werden! Und warum? Gründe hiefür haben die Herren nicht angegeben, nicht nur aus dem Grunde, weil sie hiezu nicht verpflichtet sind, sondern weil sie auch keine haben. Dafür aber hört man von ihnen: Territorialität, d. i. Aufstellung der Kandidaten nach den Bezirken; das kennen wir nicht; denn Männer, welche die Bedürfnisse und Verhältnisse der Bevölkerung kennen, Persönlichkeiten, welche in den Bezirken und darüber hinaus allgemeine Hochachtung genießen — das heißt ja eigentlich Territorialität — die wollen wir nicht. Dafür aber sehen die Herren mehr auf Namen, ohne zu denken an den Sinnspruch der Mischna (Zuruf: Wie lautet dieser?) Chawiwa melucha k’ s'elras