Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 46: Kommission für Kultus und rituelle Angelegenheiten wird den religiösen Bedürfnissen der Bezirke erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen haben, um die vom Gesetze verlangte Berücksichtigung aller Gemeindeteile praktisch durchzuführen. Die Unterrichts-Kommission muß die Verbesserung des Religionsunterrichtes unausgesetzt anstreben: eine Revision des Lehrplanes für Mittelschulen steht bevor, wobei unter Aufrechthaltung unserer heiligen Sprache als integrierenden Teil des Religionsunterrichtes, dem Wunsche nach Erleichterungen tunlich Rechnung getragen werden kann. An diesen wichtigen Arbeiten teilzunehmen wird mir zur besonderen Ehre und inneren Befriedigung gereichen. Zudem ich Sie, hochgeehrter Herr Präsident, ersuche, dies den geehrten Wählern in geeigneter Weise zu Kenntnis zu bringen, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Alfred Berger. Weiters gibt der Vorsitzende ein Schreiben des Vorstandsmitgliedes, Herrn Emanuel Hofmanu, bekannt, der in Folge vorübergehenden Unwolseins in der Versammlung zu erscheinen verhindert ist und sich gleichfalls neuerdings um ein Mandat j in den Kultusvorstand bewirbt. Unter anerkennendem Hinweis auf die bisherige, langjährige ersprießliche Tätigkeit dieser beiden Herren im Kultusvorstande empfiehlt der Präsident dieselben den geehrten Wählern zur Wiederwahl. Zur Geschäftsordnung ergreifen die Herren Dr. Zipser und Plafchkes das Wort, indem ersterer beantragt, vor Anhörung der Kandidaten die Diskussion über den Rechenschaftsbericht des Vorstandes zu eröffnen, und letzterer den Antrag stellt, daß den Wählern die Möglichkeit gegeben werde, an jeden einzelnen Kandidaten sofort nach Anhörung desselben Interpellationen zu richten und zu dessen Programm Stellung zu nehmen. Der Vorsitzende wendet sich gegen beide Anträge mit der Motivrrung, daß einerseits der Hauptzweck der Versammlung die Anhörung der Katididaten sei und anderseits bei Annahme des Antrages Plaschkes, mit Rücksicht auf die große Zahl der Kandidaten, die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sei, daß durch die allzulange Ausdehnung der Diskussion nicht sämmtliche Kandidaten zum Worte gelangen. In leidenschaftlichen und ziemlich turbulenten Zwischenrufen nimmt die Versammlung Stellung für und wider die Anträge und wird die Spannung erst durch die Abstimmung beseitigt, wobei die Majorität sich für die Auffassung des Vorsitzenden entscheidet, der hierauf dem 1. Vizepräsidenten, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn das Wort erteilt. Dr. Gustav Kohn (mit allgemeinem Beifall begrüßt): Geehrte Versammlung! Ich werde den lautgewordenen Wünschen Rechnung tragen, daß der Bericht und die Interpellationen noch zur Sprache kommen können, und mich in meinen Ausführungen sehr kurz halten. Wie den geehrten Herren bekannt ist, gehöre ich dem Kultusvorstande seit dem Jahre 1885, also seit mehr als 2 Dezennien an (Bravo!), bin auch seit vielen Jahren Mitglied des Präsidiums. Diejenigen Herren, welche ein Interesse an mir nehmen, dürften mein Wirken und meine Tätigkeit verfolgt haben. Ich bin nicht mehr jung genug, um mich in meinen Anschauungen zn ändern, es kann also das, was ich bisher gewirkt und gearbeitet habe, auch für die Zukunft von mir als Programm bezeichnet werden, ohne daß es der näheren Detaillierung bedürfe. Wenn die Herren mit meiner bisherigen Tätigkeit zufrieden sind und wenn meine Wirksamkeit ihren Intentionen entspricht, werde ich es mir zur Freude und Ehre anrechnen, wenn sie mir das Mandat anvertrauen. (Bravo!) Unter dieser Voraussetzung stelle ich mich auch für die nächste Periode in den Dienst der Gemeinde (Bravo!!) Herr Josef Kohn richtet an den Präsidenten die Anfrage, warum ein an ihn gelangtes Schreiben des bisherigen Vorstandsmitgliedes, Herrn Hermann E l t b o g e n, nicht zur Verlesung gelangt sei. Der Vorsitzende beantwortet diese Anftage dahin, daß kurz vor Beginn der Versammlung an ihn die bestimmte Mitteilung gelangt sei, daß Herr Eltbogen hier persönlich erscheinen werde, wodurch die Verlesung seines Schreibens überflüssig würde. Sollte jedoch Herr Eltbogen nicht erscheinen, so werde er dessen Schreiben anstandslos zur Verlesung bringen. Der Herr Interpellant gibt sich hiemit zufrieden, und es .wird hierauf dem Vertreter und Kultüsvorsteher, Herrn Dr. Maximilian Steiner, das Wort erteilt. Dr. Maximilian Steiner: Ich muß damit beginnen, daß ich nicht so glücklich bin, aus große Erfolge meiner bisherigen Tätigkeit zu verweisen. Ich habe mich mit der Armenpflege und dem Religionsunterrichte befaßt, aber auf beiden Gebieten ist noch viel zu wünschen übrig. Unsere Armenpflege ist sehr primitiv; als Vorsteher der Armenanstalt habe ich allwöchentlich viele Verhandlungen darüber, ob einem Armen 3 oder 5 fl., oder bei eintretender Kälte 2 oder 3 Säcke Kohle zn geben sind; das heißt man bei uns Armenpflege. Ich habe mich bemüht, eine Zentralisation der Armenpflege anzubahnen, eine Cooperation einzelner Vereine zu erwirken, um präventive Armenpflege zu üben, allein die Vereine wollen kein Atom ihrer Autonomie aufgeben, und geht jeder Verein seine Wege, ohne sich um die anderen zu kümmern. Die Folge davon ist, daß einzelne Zweige der Armenpflege übervölkert sind, während andere brach liegen. Ein solcher brach liegender Zweig ist die Armen-Kinder-Pflege; da geschieht unendlich wenig, trotz der Tätigkeit einzelner Vereine und einzelner jüdischer Frauen. Die Kultusgemeinde hat im XX. Bezirke einen Kinderhort für 60 Kinder subventioniert; nach einer oberflächlichen Berechnung bedürften aber 1200 Kinder eines Hortes. Die Kultusgemeinde trägt auch bei, um 142 Kinder zu verpflegen; die Beaufsichtigung dieser Kinder genügt durchaus nicht. Wir haben es uns zur Aufgabe gestellt, die sogenannten magistratischen Pfleglinge jüdischen Pflegeparteien zuzuführen; zu meinem Bedauern muß ich gestehen, daß manche Kinder dadurch hart getroffen wurden, und daß die jüdische Pflege, weil sie von den Aermsten unserer Glaubensgenossen geleistet wird, in nicht seltenen Fällen der christlichen nachsteht. Ich habe vielfach danach gestrebt, für kranke Kinder in irgend einer Weise zu sorgen, wir haben bei der Gemeinde K 400.000 an Stiftungen für solche Zwecke; ich habe die Errichtung eines Kinderspitales, zumindest aber eines Ambulatoriums für kranke Kinder angestrebt; all das ist.ein frommer Wunsch geblieben. Wir dürfen uns trotzdem nicht abhalten lassen, auf dieser Bahn weiterzuschreiten und von der Zukunft zu erhoffen, was die Vergangenheit versäumt hat. Nicht glücklicher war ich auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes; auch hier sind Reformen an Haupt und Gliedern unaufschiebbar. Sie kennen den Zwiespalt, der in unserer Bevölkerung herrscht: die einen glauben, daß die Kinder nicht genug jüdisch lernen, und da muß man ihnen nur recht geben; wenn das Kind noch so fleißig ist, kann es nach unserem Religions-Unterrichte nicht die Möglichkeit finden, am hebräischen Gottesdienste teil zu nehmen. Andere meinen wieder, daß das Kind zu viel mit jüdischem Unterricht belastet ist — es sind Zuschriften gekommen, daß das Französische viel wichtiger als das Hebräische ist. — Nach meiner Meinung ist das Hebräische das einzige Band, das das Judentum zusammenhält, die Kenntnis des Hebräischen ist ein Kleinod, ein köstliches Erbe, das wir unseren Kindern nicht entziehen dürfen. Ich glaube, daß die Reform des Religions-Unterrichtes in der Richtung gesucht werden muß, daß die Methode des Unterrichtes verbessert werde. In dem Augenblicke, wo die Eltern sehen werden, daß der Religions-Unterricht erfolgreich ist, werden viele, die jetzt Opposition machen, die Kinder mit Bereitwilligkeit in den Religionsunterricht schicken, was bedauerlicherweise nicht geschieht. Außerdem aber hat der Kultnsvorstand in Zukunft noch andere Aufgaben, die an Wichtigkeit nicht zurückstehen. Die Lage der Dinge in Oesterreich, vom fernen Osten gar nicht zu sprechen, ist eine solche, welche einen Zusammenschluß der Gemeinden unerläßlich macht; heute kann der Einzelne, wenn er noch so mächtig ist, nicht das erreichen, was die Vereinigung zu erreichen vermag. Im Zeitalter der Kartelle wäre es dringend geboten, daß sich auch die Juden endlich kartellieren. In früherer Zeit haben die großen Gemeinden ihr Judentum aus dem großen Reservoir der kleinen Gemeinden geschöpft, leider ist es heute umgekehrt.