Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. ' Die Wahrheit. Seite ö. 3. Wir sehen mit Befriedigung, daß unserer Anregung, die Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit der Bezirkskommissionen in erweitertem Maße über deren steuertechnische Aufgabe hinaus der Gemeindeverwaltung dienstbar zu machen, auf. mannigfaltigen Gebieten, insbesondere auch auf jenem des Pfleglingswesens und der Waisenfürsorge in nützlicher und ersprießlicher Weise Folge gegeben wurde, und gewärtigen die fortschreitende Ausgestaltung dieser in der ganzen Organisation wohlbegründeten Mitwirkung. 4. Mit voller Genugtuung begrüßen wir die Erfüllung jenes Punktes unseres anläßlich der Wahlen im Jahre 1904 verkündeten Programmes, welcher die Gründung einer jüdischen Religionslehrer-Bildungsanstalt in Wien verlangte und welchem seitens unserer Gemeindeverwaltung entsprochen worden ist. Wir drücken die bestimmte Erwartung aus, daß die Organisation und der Lehrplan dieser Anstalt, die an dieselbe berufenen Lehrkräfte und insbesondere der Geist ihrer Führung geeignet sein werden, den bedeutungsvollen Zweck, der uns vorschwebt, zu erfüllen und der darin besteht, berufsmäßige, fachlich und pädagogisch gebildete Lehrkräfte heranzubilden, welche, auf der Höhe der Zeit stehend, befähigt sein werden, die unter den obwaltenden Verhältnissen keineswegs einfache Aufgabe eines gedeihlichen Religiotlsnnterrichtes an unseren Volks- und Bürgerschulen mit innerer Hmgebung und taktvoller, praktischer Umsicht zu erfüllen. 5. Betreffs des derzeit an den Mittelschulen geübten Religionsunterrichtes glauben wir vom wissenschaftlichen und erziehlichen Standpunkte aus, wie nicht minder gemäß der elterlichen Erfahrungen und Wünsche betonen zu müssen, daß unserer schulbesuchenden Jugend gegenüber der wesentliche Unterschied zwischen dem Unterrichte in der jüdischen Religio» als Zweck und dem Unterrichte in hebräischer Sprache als einem der vielen Mittel zu diesem Zweck niemals hintangesetzt werden dürfe, sonach genau und unter Heranziehung einer selbständigen, keineswegs im Nebenamte auszuübenden Schulinspektion darüber zu wachen sei, daß — unbeschadet des reichlichsten Mehrunterrichtes in den nicht obligaten Sprach- und Bibelschulen — die betreffs des hebräischen Sprachunterrichtes bestehenden, durchaus zweckmäßigen Instruktionen niemals überschritten und hiedurch unsere, die Zukunft des Judentums bildenden Kinder vor Unlust, Verbitterung und Entmutigung bewahrt, dagegen mit jener Liebe und Begeisterung für ihren Glauben und ihr Volk erfüllt werden, welche Herz und Empsinden weckende Belehrung über die Geschichte, Religion, Moral und Ethik unseres Stammes hervorzurnfen vermag. 6. Dem außerordentlichen umfänglichen und inneren Wachstume unseres zur Großgemeinde ausgestalteten Gemeinwesens entspringt der seit geraumer Zeit sich befestigende Wunsch eines großen und ansehnlichen Teiles unserer Gemeindegenossen nach einem den Bedürfnissen entsprechenden neuen monumentalen Gotteshause. Dieser Wunsch findet zugleich seine Nahrung in dem lebhaften Bestreben dieser unter der Unzulänglichkeit der dermaligen Gotteshäuser leidenden Teile der jüdischen Bevölkerung, welches verlangt, daß unter pslichtmäßiger Wahrung der gesetzestreuen Tradition dem fortschrittlichen Geiste auf dem Gebiete des Kultus und Ritns eine größere Berücksichtigung zuteil werde, als dies dermal in den Auffassungen und Betätigungen des Vorstandes zutage tritt. Wir erachten es daher einerseits als eine gerechte Forderung, daß der Vorstand, zurückgreifend auf die Ueberzeugungen unserer großen Religionsweiser, welche den Glanz und Ruhm unserer Gemeinde begründeten, sich diesen Ansprüchen des Fortschrittes und der Zeit rückhaltsloser erschließe, — und empfehlen andererseits, daß der Vorstand der Frage der Errichtung eines neuen Gotteshauses unter dem Gesichtspunkte der Schaffung von Anteilscheinen oder der Gründung eines speziellen, diesem alleinigen Zwecke gewidmeten Vereines, immer aber ohne unmittelbare Inanspruchnahme der finanziellen Mittel der Gemeinde näher trete und gleich uns die Schaffung eines derlei monumentalen Zeichens unserer nie wankenden Glaubenstreue und unseres opferfähigen Gemeinsinnes als seine würdige und erhebende Aufgabe erkenne und der allmäligen Verwirklichung zuführe. Wien, November 1906. Für das Zentral Wahlkomitee: Dr. Hermann Fialla Dr. Leopold Kahn Siegfried Fleischer Vize-Präsident. Präsident. Schriftführer. Offizielle Wählerversammlnng des Wiener Knltnsnorstandes. Die vom Vorstande der Kultusgemeinde einberufene offizielle Wählerversammlung, die Montag, den 26. November 6 Uhr abends im großen Saale des Hotel „Post" stattfand und einen ziemlich starken Besuch aufwies, nahm diesmal einen recht bewegten Verlauf. Zu Folge verschiedener Vorfälle in letzter Zeit lag die Erregung gewissermaßen in der Luft und außerdem wurde die Spannung noch dadurch erhöht, daß der Widerstreit der Meinungen sich nicht um Prinzipien drehte, sondern auf das heikle Gebiet der Personenfragen hinüberschwenkte. Zur Verschärfung der persönlichen Note trug auch die ablehnende Haltung des Zentralwahlkomitees gegen den Kultusvorsteher Eltbogen bei, der sich gleich dem ebenfalls nicht mehr kandidirenden kais. Rat Wilhelm Pollak in weiten Wählerkreisen großer Sympatien erfreut und trotz der Ablehnung seitens des Wahlkomitees vielleicht eine große Stimmenzahl auf sich vereinigen dürfte. Wenn trotz der mannigfachen, geradezu bedrohlichen Zusammenstöße die Wählerversammlung keinen vorzeitigen Abschluß fand, so ist dies nicht zum geringsten Teile der umsichtigen Leitung des Vorsitzenden Präsidenten Dr. Alfred Stern zu danken, der mit jugendlicher Frische bis zum Schluffe auf seinem Posten ausharrte. Im Nachstehenden der Bericht: Der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, eröffnet die Versammlung mit Bekanntgabe der Tagesordnung, über welche der Vorstand sich dahin geeinigt hat, daß zuerst nach alphabetarischer Reihenfolge die bisherigen Vorstandsmitglieder, die sich um eine Wiederwahl bewerben, und dann die neuen Kandidaten zum Worte gelangen sollen. Nach Anhörung der Kandidaten sei es den anwesenden Wählern anheimgestellt, sich zum Worte zu melden und Anfragen, resp. Interpellationen an die Kandidaten oder den Vorstand zu richten. Im Anschlüsse daran bringt der Vorsitzende nachfolgendes Schreiben des Vertreters und Vorstandsmitgliedes Dr. Alfred Berger zur Verlesung: Geehrter Herr Präsident! Infolge meines leidenden Zustandes bin ich zu meinem lebhaften Bedauern außer Stande, in der Wählerversammlung zu erscheinen. Wenn man 10 Jahre lang sich in Dienste der Gemeinde gestellt hat, darf man wohl annehmen, der geehrten Wählerschaft nicht unbekannt zu sein. Während der ganzen Zeit meiner Tätigkeit habe ich an den Arbeiten der Fachkommissionen für Kultus- und Unterricht teilgenommen, in den letzten 2 Jahren auch an den alle Gemeindeagenden umfassenden Arbeiten des Vertreterkollegiums. Im Falle meiner Wiederwahl beabsichtige ich, mich auch fernerhin den Arbeiten der Kommissionen für Kultus und Unterricht zu widmen, da ich deren Aufgaben für die allerwichtigsten halte. Die