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Die Wahrheit · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 45. Seite 10. Indessen, so viel Geld bekam Hannchen doch nicht, um damit den Mangel jehes äußeren Liebesreizes zu verdecken. Es kam aber doch jemand, und zwar ein hübscher junger Mann mit gefälligen Manieren, welcher sich nach einer kurzen Bekanntschaft entschloß, um Hannchen zu werben. Dringende Schulden hatten es notwendig gemacht, in möglichst kurzer Zeit ein vermögendes Mädchen heimzuführen. Und bei Papa Schuldirektor, wußte man, lagen die Tausende schön beisammen im Kasten und schienen desjenigen zu warten, der sich entschließen konnte, klein Hannerl mit in den Kauf zu nehmen. Hanna sagte freudestrahlend ..Ja! " als sie um ihre Einwilligung gefragt wurde. Konnte sie sich ja ihren Freundinnen gegenüber, denen sie immer zurückgefetzt wurde, mit ihrem Brautstande und feschem Bräutigam rühmen. Das Mädchen, welches mit einem wunderbaren Verständnisse das „Lied von der Glocke" vorzutragen verstanden, das hatte die darin enthaltene Warnung unbeachtet gelassen. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang." Hanna kam es nicht in den Sinn, den Charakter desjenigen zu prüfen, den sie fürs Leben als Gefährten erwählte; die in weltlichen Dingen Unerfahrene glaubte, daß jede Ehe der ihrer Eltern gleichen müsse, so friedlich und so glücklich, daß jeder Ehemann einen Charakter haben müsse, wie ihn ihr Vater besaß. Sie sagte sich, daß es ihrem unablässigen Wirken um sein Wohl und Behagen doch gelingen müsse, die Liebe des ihr fast fremden Mannes zu erlangen und zu befestigen, daß ihr Einstuß und der stete Umgang mit ihren so hochgebildeten Eltern gar bald den geistigen Unterschied, der zwischen ihnen waltete, ausgleichen werde. Doch mit dem Gürtel, mit dem Schleier riß dieser schöne Wahn entzwei — und die Reue war an dessen Stelle getreten. Hannas Ehe mit Adolf Bräuer war die denkbar unglücklichste geworden. Bräuer hatte seine Frau niemals lieben, auch nicht einmal nach Verdienst würdigen gelernt, und suchte in Vergnügungen außer dem Hause Ersatz für das ihm versagte Glück in der Ehe. Wenn zwei Personen, welche aus einem andern Grunde als aus wahrer Liebe oder wenigstens gegenseitiger Hochachtung durch das Band der Ehe an einander gefesselt sind, so gleichen sie zwei Galeerensklaven, welche der Zufall, oder der despotische, keinerlei Rücksicht kennende Wille des Kerkermeisters an ein und dieselbe Kette geschmiedet hat. Da hilft kein Sträuben, kein Rütteln an dieser Kette. Im Gegenteil. Jedes Zerren daran läßt deren eiserne Glieder tiefer in das eigene Fleisch einschneiden und vermehrt die Oualen. Da nützt nur eines: ein Nähertreten an einander, das beiderseitige Bestreben, immer gleichen Schritt zu halten, so daß die Kette etwas schlaffer herabhängt; das mindert den Schmerz und läßt das Vorhandensein der drückenden Fessel auf Momente vergessen. Hanna, in der Einsamkeit einer Gelehrtenstube erzogen, welche alle Weltkenntnis,. die sie zu besitzen glaubte, nur aus Büchern geschöpft hatte, kannte diesen Erfahrungssatz nicht. Unwillig zerrte und rüttelte sie an der Kette, welche sie sich einst freiwillig umgelegt hatte, und die ihr jetzt eine drückende, unlösliche Fesfel zu sein dünkte. Selbst als sie Mutter wurde, gestaltete sich Hannas Verhältnis zu ihrem Manne nicht erfreulicher. Das was tausenden unglücklichen Frauen einen Ersatz für die Enttäuschung einer übereilt geschlossenen Ehe bietet, die Freude an schönen wohlgeratenen Kindern, auch das mußte Hanna entbehren. Nicht als ob ihre Kinder ungeraten, oder auch nur unliebenswürdig gewesen wären, o nein! Klara war ein prächtiges Mädchen, klug und folgsam, Karl geradezu ein Schatz. Doch Hanna freute sich ihrer nicht. Mit ängstlicher Spannung lauerte sie auf jede Belegung, jedes Wort ihrer Kinder auf, ob es nicht eine Aehnlichkeit mit demjenigen aufwies, der sie so vielen Demütigungen aussetzte, und der der Vater ihrer Kinder war. Und wenn ihr so oft die äußere Aehnlichkeit mit dem Vater auffiel, da war sie imstande, die armen Kleinen von sich zu stoßen, gerade dann, wenn sie sich ihr eben zärtlich genähert hatten. In Stunden ruhiger Ueberlegung mußte sich Hanna zugestehen, daß es für die. Zukunft ihrer Kinder, besonders ihres Töchterchens immerhin besser wäre, wenn sie dem schönen, eleganten; weltmännischen Vater glichen, als wenn sie ihre häßliche reizlose Gestalt annahmen. Aber diese Ansicht wurde bald von der Furcht verdrängt, daß die Kinder auch später dessen geistige und moralische Eigenschaften erben würden, und davor graute ihr. Ihre liebste Lektüre waren Bücher, welche die Vererbungs-Theorie behandelten, aus denen sie immer neuen Anlaß, zu Sorgen schöpfte. Was die junge Frau hauptsächlich gegen ihren Mann einnahm und ihn in ihren Augen derart herabsetzte, das waren die grundverschiedenen Ansichten über Religion und deren Gebräuche, welche die beiden besaßen. In ihrem Elternhause war sie an eine echt jüdische Frömmigkeit gewöhnt worden. Von dem Geiste derselben war ihre ganze Jugendzeit angeweht worden. Sie wollte ihr Haus nach dem Zuschnitt des väterlichen einrichten und weiterführen, wollte ihren Kindern eine echt jüdische Erziehung angedeihen lassen. Aber mit verletzendem Sarkasmus suchte Adolf alles das herabzusetzen, was ihr von Kindheit an wert und teuer gewesen. Den Freitag-Abend wollte sie zum Beispiel, so wie sie es zu Hause gesehen, zu einem gemütlichen Familienfeste gestalten, der nicht nur eine wohlbesetzte Festtafel, sondern auch eine trauliche Aussprache und für die Kinder geistige Anregung und Anlaß zur Belehrung bieten sollte; — aber Adolf brachte gewöhnlich an diesem Abende so viel Arbeit aus dem Bureau heim, daß es ihr wie ein absichtlicher Hohn auf ihre sorgfältig hergerichtete Sabbatstube schien. Und wenn sie mit den Kindern die schönen Semiros-Lieder anstimmte, dann pflegte er hinzuzukommen und die Melodie irgend eines Gassenhauers oder einer gerade in Mode stehende Operette zu summen. O, wie sie ihn in solchen Momenten haßte, wie sie ihre geliebten Kinder lieber tot zu ihren Füßen gesehen hätte, als daß sie ihm glichen, der ihr jetzt nichts anderes war, als ein Gegenstand der Verachtung. (Fortsetzung folgt.) j Punsch-Kalender 1907. Ein lustiger Vorbote des neuen Jahres j ist immer der im Verlage der Hof-Buchhandlung M. P e r l e s erscheinende nud von C. Schönwald herausgegebene „Punsch-Kalender 1907", zu dem alljährlich eine ansehnliche Anzahl beliebter Schriftsteller Beiträge liefern. So finden wir in dem soeben erschienenen 38. Jahrgang Julius Bauer, Julius Stettenheim, V. C h i a v a c c i, Alexander Engel, Moriz B a n d, Heinrich Penn, Ed. Nascher u. A. vertreten, welche, alle amüsante Beiträge bringen. Die über 60 heiteren Illustrationen sind recht gelungen, und so-sei dieser lustige Kalender, welcher zum Preise von 80 Heller durch alle Buchhandlungen zu beziehen ist, allen Freunden des Humors bestens empfohlen. Die Stärkung des Magens ohne Medizin. Der moderne Mensch verdaut infolge der stärkeren Nervenreizungen viel schlechter als unsere Vorfahren. Darum empfiehlt es sich, schwerverdauliche Fette zu meiden und in der Küche nur das reine Ceres-Speisett zu verwenden. Ceres-Speisefett ist "kein Surrogat, sonoern das reine und unverfälschte Fett der Kokosnuß und nach den Untersuchungen des Herrn Professors Schartenfroh der Universität Wien äußerst leicht verdaulich und wohlschmeckend. Verdauungsbeschwerden sind bei Genuß von Ceres- Speisefett gänzlich ausgeschlossen. Verzeichnis der Aerstoröenen vom 11. bis inklusive 17. November 1906. Arthur Just, Handelsangestellter, 21 I. Gabriel Sax, Privat, 68 I- Josefine Eisenmann geb. Kohnberger, Private, 85 I. Johanna Unger geb. Hein, Kausmannswitwe, 87 I. Marie Unger, Verkäuferin, 19 I. Anna Popper geb. Wiesner, Kaufmannswitwe, 73 I. Josef Bellak, Pfründner, 60 I. Johanna Back, Private, 80 I. Adolf Wolmuth, Privatier, '66 I. Gisela Wilder, ohne Beruf, 18 I. Karl Großmann, Privat, 86 I. Adoli Rothmann, gew.. Spengler, 78 I. Betti Hollitscher, Privatbeamtensgattin, 65 I. Dr. Marcel Ritter v. Frydmann, k. k. Hofrat, 58 I. Therese Strnad geb. Luny, Buchhaltersgattin, 61 I. Pauline Fried geb. Friedberger, Privat, 45 I. Erwin Elsner, Zahntechniker, 18 I. Käthe Gruber geb. Singer, Wirtschafterin, 54 I. Nathan Safier, Putzerei-Jnhaber, 53 I. Hersch Wasilkofsky, Fabriksleiter, 62 I. Schapse Knrzweil, Kaufmann. 70 I. Sigmund Spitzer, Generalkonsul, 73 I. Betti Plenk, Private, 76 I. Max Kalman, Kaufmann, 45 I. Markus Bieberstein. Lederagent, 34 I. Ella Feuerstein, Agentenstochter, 14 I. Jonas Löwenhek, Branntweinschänker, 41 I. Rudolf Süß, Detektive, 34 I. Regine Bratner geb. Wolf 56 I. Agathe Alt, Pfründnerin, 82 I. Bianka Kahane, Privatlehrerin, 28 I

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