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Die Wahrheit · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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E gemeinsames Abendmahl statt, das in überaus animierter Stimmung oerlief und zahlreiche Toaste auf den gefeierten Mann des Abends, Herrn Professor Marburg, auf den Präsidenten und den Ehrenpräsidenten, sowie auf das Gedeihen des Vereines und die Einigkeit im Judentume brachte. Wien. (VereinzurHebung der Gewerbe.) Ueber Einladung des vorbereitenden Komitees für die „Kaiser-Jubiläums-Ausstellung 1908" hat obiger Verein seinen Präsidenten Herrn S. B r o d und die Herren Vorsteher I. R o s e n t h a l, Architekt Friedrich Schön und Max Makler in die Ausstellungskommission entsendet. Wien. Die am 15. November in den Räumen der Börse für landwirtschaftliche Produkte vollzogene Bekleidungsfeier des „Vereines zur Bekleidung armer alter Männer" gestaltete sich zu einem erhebenden Feste, das der Verein seinen größten Errungenschaften anreihen darf. Was Gemeinde und Bezirk an hervorragenden Persönlichkeiten zählt, war erschienen: der Bezirk entsandte die Bezirksräte Brüll. Neu st adtl, Heß, Pöchhacker, Mensch, Armenrat Otto. Die Kultusgemeinde ward vertreten durch kais. Rat Jonas Weil, Vizepräsidenten der Produktenbörse. die Vorsteher E l t b o g e n, Schrämet, Kann, Börsenrat B r e i t n e r, Tempelvorstand Wasservogel, ferner erschienen: der Präsident der isr. Allianz Ritter v. G u t m a n n, Regierungsrat Doktor Schlag, der I. Sekretär kais. Rat Dr. Lieben, die Herren.Rabbiner Dr. S ch m i e d l, Dr. Bach und Dr. Feuchtwanq, die Oberkantoren Bauer und G u t m a n n, Kantor und Chordirigent Isidor L ö w i t, die Obmänner humanitärer Vereine R o s e n b l a t t, F e l d b a n m, Weinwurm, die Schriftsteller Prof. Nascher und I. Krauß und ein ele-! gantes Damenpublikum. Nach dem Präludium, exekutiert von Herrn Willy L ö w i t, dirigierte befeuernd Herr Chordirigent Isidor L ö w i t den von ihm komponierten. überaus stimmungsvollen Festchor, dessen Soli Oberkantor G u t t m a n n, an der Spitze der Sänger vom Synagogensängerverband,; mit tiefer Wirkung vortrug; Komposition und Vortrag fanden rauschenden! und berechtigten Beifall. Von Beifall begrüßt, vermittelte Herr Felix > Basch vom Burgtheater den erhebenden Inhalt der schönen Dichtung > Dr. S ch m i e d l s „Edle Freuden", und Künstler und der greise Dichter! teilten sich in den reichen Beifallskundgebungen. In trefflicher und sinniger I Rede feierte Ehrw. Rabbiner Dr. S ch m i e d l die unvergleichlichen Be-! strebungen des Vereines, deffen Obmann Isidor Schwarz in seiner meisterhaften Festrede, mit begeistertem und begeisterndem Schwung zu-; vorderst der Heimgegangenen Getreuen des Vereines gedachte (Kantor! Blatt, Kisch. Braun und Markus s. A.), und richtete ferner einen > zündenden Appell an den Vorstand der Kultusgemeinde um werktätigen j Anschluß an die Ziele dieser eminent Humanitären Bereinigung. Nicht ' endenwollender Jubel folgte seinen Ausführungen, die Echo weckten in den! Reden der Herren kais. Rat Weil, Bezirksrat Neustadt!, endlich in! der sinnigen und launigen Ansprache Ritter v. G u t m a n n's, der — dem j Zufall sein Erscheinen dankte, wie er sagte, und diesen zum Wohle des ' Vereines auch ausnützen werde. In herrlicher Weise schlossen die gesanglichen Darbietungen der Herren Oberkantoren Bauer und Guttmann das in allen seinen Teilen unvergleichliche Fest, nachdem noch Regierungsrat Schlag Sr. Majestät des Kaisers gedachte, worauf die Akkorde! der Bolkshymne die Feier abschließend durch die Räume brausten. Ergän- I zend sei noch registriert, daß die Kleider der beschenkten 75 Greise durch i die Firma Hermann I a n o w i tz (Schönbrunnerstraße) in zufriedenstellendster Weise geliefert wurden. — (Wohltätigkeitsvorstellung.) Zugunsten dieses Vereines findet am 9. Dezember d. I. im Deutschen Bolkstheater, mit T y r o l t als Gast, „G r o ß st a d t l u f t" als Nachmittagsvorstellung statt. Den Prolog zu dieser Vorstellung schrieb und widmete dem Vereine Profeffor Nascher. Wien. Ein Biederweib in des Wortes edelster und schönster Bedeutung, Frau R e g i n e, Gattin des Herrn Simon B r e i t n e r, wurde am Montag im 58. Lebensjahre zu Grabe getragen. Die Teilnahme war eine große, und zahlreiche Vertreter der Gemeinde, der Chewra Kadischa. des Kaufmannstandes, der Produktenbörse rc. waren im Trauerhause erschienen, um dem tiefgebeugten Gatten ob des unersetzlichen Verlustes, den er und seine Familie erlitten, zu trösteu und aufzurichten. In der Zeremonienhalle widmete Rabbiner Dr. Schmied! als langjähriger Freund des Hauses der allzufrüh Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf, und die liturgische Funktion versah Oberkantor Guttmann in erhebender Weise. Mögen die verwaisten Kinder in die Fußstapfen der edlen Verklärten treten, dann wird auch ihr Andenken bei Mit- und Nachwelt ein gesegnetes sein! Sie ruhe in Frieden! Wien. (Neue Schule.) Herr Lehrer Julius Muschel eröffnet am 2. Dezember 1906 die ihm vom hohen k. k. niederösterreichischen Landesschulrate bewilligte „Privatanstalt für Nachhilfe und Wiederholungsunterricht" für schulbesuchende Knaben und Mädchen und in einer besonderen Abteilung einen „Lehrkurs für Erwachsene". Wer Herr Julius Muschel kennt, wird sein Unternehmen mit Freuden begrüßen. Er ist ein sehr tätiger, tüchtiger, allbeliebter Lehrer im zweiten Bezirke und hat sich auch durch eine Reihe von pädagogischen Aufsätzen in weiten Kreisen bekannt gemacht. St. Pölten. (Jüdischer Literatur verein.) Sonntag, den 18. November, abends, fand ini starkgefüllten Saale des Hotels „zum goldenen Ochsen" der Eröffnungsabend dieser Saison statt. Es sprach mit gewohnter Meisterschaft der Bereinspräsident Rabbiner Dr. Schächter über: „Heinrich Heines Stellung zum Judentum in seinem ,Rabbi v o n B a ch ar a ch*." Vorher referierte Frl. Bally Reiß über den Inhalt jenes Romanfragmentes. Olmütz Samstag, den 17. d. M., wurde von einigen Mitgliedern der hiesigen Kultusgemeinde eine jüdische Wählerversammlung einberufeu, an welcher mindestens 500 Personen teilnahmen. Der Vorsitzende. Herr S ch i m m e r l i n g, begrüßte die Versammlung und erteilte dem Herrn Rabbiner Dr. B. O p p e n h e i m das Wort. Dieser forderte unter anderem in seiner Rede auf, die Stimmzettel für die am nächsten Tage stattfindende Laudtagswahl dem sozialdemokratischen Kandidaten zu geben, da es eine Schmach wäre, den sreialldeutschen Antisemiten zu wählen. Hernach ergriff der Brunner Gemeinderat Dr. 6 e ch das Wort und endete, von stürmischem Beifall begleitet, mit demselben Appell an die Wähler. Reichsratsabgeordneter E l d e r s ch, der dieser Versammlung beiwohnte, stellte sich vor allem als neugebackener Landtagsabgeordueter vor und versicherte den jüdischen Wählern, daß es erst gar keiner großen Auseinandersetzungen bedarf, wem man bei der morgigen Stichwahl die Stimme zu geben habe. Die Versammlung verlief bisnun in vollster Ruhe und erst als Herr Dr. E. Zweig aus Wien einige Worte gesprochen hatte, die der Versammlung nicht paßten, schien die Ruhe langsam zu weichen, und Herr Dr. Zweig mußte nach kurzer Rede seinen Vortrag beenden. Nach ihm ihm ergriff der Präsident der hiesigen Kultusgemeinde, Herr Dr. I. Eben, das Wort, um die Ausführungen des Dr. Zweig zu widerlegen. Auch er sprach sich, ebenso wie alle anderen Redner, gegen die Stimmenabgabe für den freialldeutschen antisemitischen Kandidaten aus. Zum Schluffe der Versammlung wurde die Resolution gefaßt, daß eine Deputation von jüdischen Wählern bei dem Bürgermeister Herrn R. Brandhuber vorsprechen möge, derselbe solle Vorsorge treffen, daß künftig nicht mehr den jüdischen Wählern Veranlassung gegeben werde, gegen den vom deutschfreiheitlichen Wahlausschuß vorgeschlagenen Kandidaten zu stimmen. Diese Resolution wurde einstimmig angenommen und die Versammlung in vollster Ruhe geschlossen. Olmütz. Donnerstag, den 15. November, feierte der bereits im Vorjahre pensionierte Kantor und Chorleiter, Herr Moritz Drucker, im engsten Kreise seiner Familie sein 40jähriges Dienstjubikäum in der hiesigen Gemeinde. Herr Kantor Drucker machte zwar von dieser seltenen Feier keinen öffentlichen Gebranch und empfing daher nur die Gratulation seiner Kollegen. Herr Oberkantor Schlesinger, der dem Jubilar stets aufrichtig zur Seite stand und überhaupt immer seine aufrichtige Freundschaft gegenüber seinen Kollegen beweist, ließ es sich nicht nehmen, mit dem Kantor Friedländer persönlich in der Wohnung des Jubilars zu erscheinen. Troppau Anlänßlich der Pensionirung des zweiten Kantors, Herrn Jacob H e rz, bat der Vorstand der Troppauer Kultusgemeinde nachstehende Zuschrift an ihn gerichtet: „Ueber Ihr Einschreiten hat der Kultusausschuß in der Sitzung vom 1. d. M. beschlossen. Sie mit Rücksicht auf Ihre mehr als 40jährige Dienstzeit in den wohlverdienten, dauernden Ruhestand zu versetzen und Ihnen gleichzeitig den Dank für Ihre langjährige, unermüdliche, stets ersprießliche Tätigkeit im Dienste der Kültusgemeinde auszusprechen. In Würdigung Ihrer Verdienste und Ihrer unermüdlichen Tätigkeit hat der Kultusausschuß Ihren Ruhegenuß mit 2400 Kronen bemessen. Mit Rücksicht auf den zu bewerkstelligenden Jahresschluß, sowie die im März 1907 stattfindeuden Wahlen, dürste Ihre Versetzung in den dauernden Ruhestand mit 1. April 1907 erfolgen, doch haben Sie diesbezüglich noch die Entschließungen des Vorstandes abzuwarten. Indem ich Ihnen diesen Beschluß des Kultusausschuffes zur Kenntnis bringe, kann ich nicht umhin, Ihnen auch persönlich den besten Dank für ihre langjährigen treuen Dienste auszusprechen und dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß es Ihnen gegönnt sein möge, sich lange Jahre des wohlerworbenen Ruhestandes zu erfreuen. Vorstand der israelitischen Kultusgmeinde Troppau, den 10. November 1906. Der Vorsteher: Dr. Gustav Sonnenschein." Feuilleton. Die Aase von Saron. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) In solchen Stunden des Unmutes hatte ihr Vater als Trostspruch das Wort seines geliebten Schiller: „Nie können Pigmäen es ertragen, daß über sie Giganten ragen." Für Hanna schien es nur einen Ausweg aus all diesen Demütigungen und inneren Qualen zu geben — zu heiraten. Die Ehe sollte sie aus ihrer traurigen Lage ihren Mitmenschen gegenüber erlösen. Heiratslustig im eigentlichen Sinne des Wortes war Hanna ebensowenig gewesen, als sie damals tanzlustig war. wenn sie die Tanzunterhaltungen besuchte, denen sie besser fern geblieben wäre. Die Scheu vor dem Urteile der Welt hatte von jeher jede ihrer Handlungen beeinflußt. Es war dies eine der Folgen der kleinstädtischen Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen war. Ihre Eltern konnten ihr eine für die damalige Zeit und Verhältnisse recht ansehnliche Mitgift geben. Diese verleitete so manchen Heiratsvermittler, sein Glück bei dem gebildeten Lehrerstöchterlein zu versuchen.

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