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Die Wahrheit · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 45. V. David Reubeni und Salomo Molcho. David Reubeni und sein Gesinnungsgenosse Salomo Molcho haben in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts eine tiefe Bewegung innerhalb der Judenheit hervorgerufen und heillosen Schaden angerichtet. Der Abenteurer David Reubeni, der sich einige Zeit in Arabien und Nubien aufgehalten, trat plötzlich in Europa auf und gab vor, daß er Bruder des Königs sei, der den in Arabien lebenden israelitischen Reuben beherrsche, daher er sich Reubeni nannte. Sein ganzes Wesen war auch darnach angetan, ihn für eine höchst eigentümliche mysteriöse Persönlichkeit zu halten. Seine Hautfarbe mar schwarz und seine Statur sehr klein, fast zwerghaft und äußerst mager. Nichtsdestoweniger war er kühn, mutig und unerschrocken, und rühmte sich, daß sich ihm schon öfters die Gelegenheit dargeboten, von seinem Heldenmute entsprechende Proben und Belege zu liefern. Zum Beispiele hatte er einmal in einer Schlacht 40 Mann erschlagen. Von Palästina, wo man für seine Märchen und Phantastereien kein geneigtes Ohr hatte, reiste er über Alexandrien nach Venedig und Rom. Papst Klemens VH., dem er von portugiesischen Kapitänen empfohlen wurde, nahm ihn sehr freundlich auf und überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen, wodurch es ihm gelang, auch seinen Glaubensgenossen, die sich anfangs reserviert hielten, weil sie seinen Angaben keinen Glauben schenkten, zu imponieren. Sie glaubten nunmehr in ihm den Erlöser erblicken zu müssen. Bon Rom ging Reubeni nach Portugal, wo er vom Könige Juan HL sehr freundlich empfangen wurde, weil er vorgab, daß die Juden ihm, dem König, seinen Beistand leisten werden, damit er Palästina vom Sultan Soliman erobern könne. Die portugiesischen Juden verehrten Reubeni über alle Maßen, da sie ihn für den sehnsuchtsvoll erwarteten Messias hielten. In Lissabon wurde durch Reubenis Erscheinen, der schon als Christ geborene, von der Natur mit körperlicher Schönheit und geistigen Fähigkeiten reich ausgestattete Jüngling Salomo Molcho (Diego Pires) so sehr ergriffen, daß er, obwohl er als Neuchrist ein einträgliches und ansehnliches Staatsamt betleidete, heimlich zum Judentum zurückkehrte. Er führte gleich Reubeni eine streng asketische Lebensweise und widmete den größten Teil seiner Zeit und Kraft dem Studium der Kabbala. Durch das viele Fasten, wie überhaupt durch die manigfachen Kasteiungen, die er sich auferlegte, wurde sein Körper so schwach, daß er, der überhaupt eine lebhafte Phantasie hatte, von Visionen und furchtbaren Träumen stets behelligt wurde. Er verließ Portugal und ging nach der Türkei. In Adrianopel lernte er den berühmten R. Josef Karo kennen, den er für das Studium der Kaballa einnahm. Er verweilte eine Zeit lang in Palästina, namentlich in dem zumeist von Kabbalisten bewohnten Zafet, wo er allsabbatlich Vorträge hielt, die dort allgemein bewundert wurden. Später ging er nach Rom. wo er mit dem Papste Klemens VH. und anderen Kardinälen freundschaftlichst verkehrte. Jedoch der Leibarzt des Papstes, Jakob Mantino, erkannte ihn bald als einen Schwärmer und Abenteurer und verfolgte ihn so sehr, daß er dem Jnquisitionsgerichte in die Hände fiel, dieses aber mußte ihn auf Befehl des Papstes, der sich seiner annahm, wieder freilasseu. In Rom kam er wieder mit Reubeni zusammen. Beide Schwärmer faßten den Entschluß, fich nach Regensburg, wo damals gerade der Reichstag versammelt war, zu verfügen und sich dem Kaiser Karl vorzustellen. Sie erhielten auch tatsächlich beim Kaiser Audienz. Einer nicht ganz verbürgten Nachricht zufolge, sollen sie den Versuch gemacht haben, den Kaiser zur Annahme des Judentums anzuregen. Die Folge dieser Audienz war, daß sie beide in Fesseln geschlagen wurden. Molcho ließ der Kaiser nach Mantua bringen, wo er 1232 von einem Glaubeusgerichte zum Feuertode verurteilt wurde, während Reubeni nach Spanien gebracht wurde, wo er im Kerker starb. Ueber die Todesart Molchos berichtet der Geschichtsschreiber R. Josef Hakohen in seinem „Emek Habacha" Folgendes: „An einem der folgenden Tage legte man . einen Zaum um seine Kinnbacken, damit er nicht sollte sprechen können, und führte Salomo hinaus auf den Richtplatz. Als die ganze Stadt seinetwegen in Aufruhr war und Feuer vor ihm brannte, sprach einer von den Fürsten des Kaisers: Nehmet ihm den Zaum von den Zähnen, denn ich habe ihm etwas von dem Kaiser mitzuteilen, und nachdem sie also getan, sprach er zu ihm: Der Kaiser sendet mich zu dir, Fürst Molcho, um dir zu sagen, daß, wenn du von diesem deinem Wege abgehst, dir vergeben werden soll, er dich am Leben erhalten will, und du in seiner Nähe leben sollst, wo aber nicht, so ist das Urteil über dich beschlossen. Indes erhob er sich weder, noch bewegte er sich vor ihm, sondern antwortete wie ein Heiliger, gleich einem Engel Gottes: Nur wegen der Zeit, während welcher ich diesem christlichen Bekenntnisse zugehört habe, ist mein Herz bekümmert, nunmehr aber tuet wie euch gefällt und meine Seele möge zurückkehren in ihres Vaters Haus. Da wurden sie von Zorn gegen ihn erfüllt und warfen ihn auf den Holzstoß." (Emek Habacha 88.) (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Unchrichten. Wien. Sonntag, den 25. d. M., 5 Uhr nachmittags, findet ini Sitzungssaale der Kultusgemeiude die E r ö f f n u n g s f e i e r der vom Vorstande der israel. Kultusgemeinde Wien errichteten Bildungs anstalt für isr. Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen statt. Wien. Montag, den 26. d. M., abends 10 Uhr, findet im großen Saale des Hotel „Post", I., Fleischmarkt 14 (Eingang Drachengasse) die vom Vorstande der Wiener Kultusgemeinde einberufeue Wähler-Versammlung statt. Der Eintritt in dieselbe ist nur gegen Vorweisung der Wahllegitimation zulässig. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othmargasse 46.) Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Beginn der Borträge: An Wochentagen um */,8 Uhr abends, Samstag, Sonn- und Feiertage 7 Uhr abends. Wochen Programm: Freitag, den 23. November: Bibelvortrag. Religionslehrer Isidor Oehler. Samstag, den 24. November: Konzert. Sonntag, den 25. Dezember: Literarischer Abend. Schriftsteller Heinrich Glücks mann. Montag, den 26. November: „Oesterr. Geschichte." (HI.) Dr. Edmund Jerusalem. Dienstag, den 27. November : „lieber Armut, deren Ursachen und Wirkungen." Sekretär Guido Fuchs gelb. Mittwoch, den 28. November: „Chemie des täglichen Lebens." (II.) Chem. Geon; Jerusalem. Donnerstag, den 29. November: „Die Betätigung der kindlichen' Phantasie."- Fachlehrer Georg S ch m i e d l. Freitag, den 30. Oktober : Bibelvortrag.' Samstag, den i. Dezember: Konzert. — Das am Samstag, den 17. d. M., in der Toynbee-Halle abgehaltene Konzert nahni einen glänzenden Verlauf. Die jugendliche Pianistin Frl. Hilda Stern brachte Schütts „Prelude", Liszts Spinnlied aus Wagners „Fliegenden Holländer" und Sindings „Frühlingsrauschen" ganz vorzüglich zum Vortrage. Das mächtige, klangvolle Organ des Bassisten Herrn Eliesei K i s ch n e r erzielte mit den Arien ans „Ernani", der „Jüdin" und dem „Waffenschmied" schönste Wirkung, so daß der Sänger noch Schuberts „Wanderer" und ein russisches Volkslied zugeben mußte. Stürmischen Beifall fanden die heiteren Rezitationen des Herrn Alfred Brecher, die den Abschluß des gelungenen Abends bildeten. Wien. Samstag, den 24. November d. I., um 7 Uhr abends, findet im Sitzungssaale der isr. Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4. die ordentliche Generalversammlung des „Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" statt. Wien. Im Festsaale des niederösterreichischen Gewerbevereines fand Mittwoch, den 21. d. M., 7 Uhr abends, unter dem Vorsitze des k. k. Baurates Wilhelm Stiaßny, die erste Generalversammlung des „I ü d i s ch e n K o l o n i s a t i o n s v e r e i n e s" statt, und der zahlreiche Besuch derselben läßt die erfreuliche Tatsache erkennen, daß die edlen Intentionen des Vereines in Wien merklich an Boden gewinnen und hoffentlich auch die nötige materielle Unterstützung finden werden. Nach Erstattung des Tätigkeits- und Kassaberichtes, an den sich eine kurze Diskussion knüpfte, wurde der Präsident der Knltusgemejnde, Dr. Alfred Stern, zum Ehrenpräsidenten, Baurat Stiaßny zum Präsidenten, kais. Ra: Leopold Sachs zum Vizepräsidenten, Herr Emil Horner zum Kassier, Herr Dr. Ernst Franz W e i s l zum Schriftführer, sowie der gesamte bisherige Vorstand wiedergewählt. Nach Schluß der Generalversammlung hielt Universitätsprofessor Dr. O. Marburg, der über Einladung des Vereines aus Berlin hieher gekommen war, einen Bortrag über „Die Zukunft Palästinas und unsere Aufgaben daselbst". Bevor der Vorsitzende dem Vortragendenden das Wort erteilte, begrüßte er die erschienenen Gäste, und da leisteten sich einige Buben die gemeine Taktlosigkeit, die Nennung des Namens des Kultuspräsidenten mit Pfuirufen zu begleiten, wogegen die Versantmlung heftig remonstrierte und was auch der Vorsitzende nul Worten des Bedauerns rügte. Stürmisch akklamiert hielt nun Professor Marburg seinen Vortrag, der nach Hinweis auf die große Judennvt in Rußland und nach Kennzeichnung der bisherigen jüdischen Kolonisationsbestrebungeu, vornehmlich seitens der „I c a" und des Baron Edmund Rothschild, zu dem Ergebnis gelangte, daß Palästina für eine Massenkolouisation in vollstem Maße geeignet und gegenwärtig das einzige Land sei, wo die Juden nicht nur ihr materielles Wohl finden, sondern ancii ihre Volksindividualität erhalten können. Mit einem Appell, die dahin gehenden Ziele des Vereines zu fördern, schloß der Redner unter jubelndem Applaus der Zuhörer seine klaren und überzeugenden Ausführungen. Naci> dem Vortrage fand zu Ehren des illustren Gastes im Restaurant Tonello

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