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Die Wahrheit · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45. Die Wahrheit Seite 7. gesetzt werden, so darf dies nicht in Form eines Denkmals, nicht in Form eines Standbildes geschehen. Den Intentionen des großen Toten würde es eher entsprechen, wenn ein Wohltätigteitsinstitut, das seinen Namen führt, errichtet würde. Die vielen Unglücklichen, die am Todestage des Unvergeßlichen gedenken würden, sind doch nicht zu vergleichen mit einer vergänglichen Statue,, die mit einem welken Kranze geschmückt ist. Möge jeder, der sich gesättigt vom Mahle erhebt, der hungernden Glaubensgenossen gedenken und sein Scherflein zur Errichtung einer Herzl-Volksküche oder einer jüdischen rusnsa academica beitragen. Möge jeder, den Gott mit Glücksgütern gesegnet, sich der zahllosen Unglücklichen erinnern, die schutznnd hilflos sind, und sein Scherflein zur Errichtung eines Herzl- Waisenhauses, eines Spitals oder eines Herzl-Heims für Obdachlose beitragen. Für solche Denkmäler will ich mit Leib und Seele eintreten, für solche Denkmäler will ich mit aller Energie sammeln. Das wären Denkmäler im Sinne des teuren Toten, im Sinne des Judentums, im Sinne eines jeden edeldenkenden Menschen. Hochachtungsvoll J. U. C. Adolf Heinrich Landau Wiener-Neustadt. Kismarck und Kleichröder. Die Antisemiten haben es immer schmerzlich bedauert, daß der erste Reichskanzler zu seinem Bankier einen Juden ausgewählt hatte,, und dem „jüdischen Bankier" alle erdenkliche Schlechtigkeiten nachgesagt. Aber auch andere, nicht direkt antisemitische Kreise haben an dem intimen Verkehr des Altreichskanzlers mit Bleichröder Anstoß genommen. Da ist es denn von Interesse — so wird hierzu der agrarisch-antisemitischen „Deutschen Tageszeitung," die selbst erst vor wenigen Tagen noch im Anschluß an die bekannten Veröffentlichungen aus dem Tagebuch des Fürsten Hohenlohe hämische Glossen über Bleichröder gemacht hatte, geschrieben — zu erfahren, was der verstorbene Botschafter Robert v. Keudell, ein bis zu seinem Tode ehrlicher und treuer Freund des Bismarckschen Hauses, der volle neun Jahre lang, von 1863 bis 1872, als Chef der Reichskanzlei in der unmittelbarsten Umgebung des Fürsten weilte, über das gedachte Verhältnis berichtet. In seinem Buche: „Fürst und Fürstin Bismarck" erzählt er aus dem Anfänge des Jahres 1865: ..Daß Bismarck schlechthin unersetzlich war, daß niemand außer ihm in den dunklen Labyrinthen der damaligen auswärtigen und innern Politik die gangbaren Pfade zu finden vermocht hätte, davon waren alle überzeugt, die ihm näher standen. Zu diesen Personen gehörte schon damals Herr Gerson Bleichröder, Chef des Bankhauses S. Bleichröder, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Sein Verstand war so lebendig wie durchdringend, sein Gedächtnis zuverlässiig, sein Herz fest und treu. Das bei ihm deponierte Kapitalvermögen des Ministers gab ihm fast nichts zu tun, weil Spekulationen irgend welcher Art mit dessen Werten verboten waren; aber seine Stellung zu dem Pariser Hause Rothschild führte ihm mitunter einen politischen Auftrag zu. Die Frankfurter Familie Rothschild ist bekanntlich in Wien, Paris und London verzweigt (das Frankfurter Stammhaus ist inzwischen eingegangen); ihr Vertreter in Berlin aber war Bleichröder. Nun hatte der damalige Chef des Pariser Hauses,-Baron James Rothschild, jederzeit seinen Zutritt zum Kaiser Napoleon, der ihm nicht nur über Finanzfragen, sondern auch über Politik ein freies Wort zu gestatten pflegte. Dies bot die Möglichkeit, durch Bleichröder und Rothschild an den Kaiser Mitteilungen gelangen zu lassen, für welche der amtliche Weg nicht geeignet schien. In jenen Jahren hielt Bismarck, für geboten, die Beziehungen zu dem mächtigen Monarchen mit allen verfügbaren Mitteln sorgfältig zu pflegen und legte daher Wert darauf, auch diesen Weg vertraulicher Mitteilungen mitunter benutzen zu können. Durch mich sind derartige Aufträge nie vermittelt worden; doch erhielt ich die Anweisung, Herrn Bleichröder über die Lage der auswärtigen Politik, soweit sie nicht geheim zu halten war, auf Befragen fortlaufend zu unterrichten, damit er Eröffnungen der bezeichneten Art, die der Minister sich selbst vorbehielt, schnell und richtig auffassen könnte. Herr Bleichröder pflegte daher mehrmals in der Woche am frühen Morgen zu mir zu kommen und einige Minuten zu verweilen, an warmen Tagen im Garten, sonst in meinem Wohnzimmer. Ich lernte ihn auf diese Weise genau kennen und aufrichtig schätzen. Die gelegentlichen Aufträge des Ministers an Bleichröder hatten zur Folge, daß dieser sich als Hilfsarbeiter des Auswärtigen Amtes fühlte und demnach, wenn er von Bismarck sprach, ihn „unsern hochverehrten Chef!" zu nennen pflegte. Weiteren Kreisen durfte der politische Grund seiner öfteren Besuche im Auswärtigen Amte natürlich nicht bekannt werden. Es erhob sich daher manchmal das Gerücht, daß Bismarck durch Bleichröder für sich Börsengeschäfte machen ließe, was tatsächlich niemals geschehen ist. Er hat oft genug ausgesprochen, es sei völlig unerlaubt, seine Kenntnis der politischen Lage zu Spekulationen zu benutzen; ein Minister, der sich damit befasse, müsse in Versuchung kommen, seine politischen Rücksichten aus persönliche Vorteile oder Nachteile beeinflussen zu lassen und könne daher keine gute Politik machen." Es ist bekannt, bemerkt der Gewährsmann des Organes des Bundes der Landwirte, hiezu, daß im Kriege 1866. den Preußen, unter Einsetzung seiner GVormachtstellung ohne Anleihe dnrchfechten mußte, Bleichröder an -der Bereitstellung der finanziellen Mittel hervorragend beteiligt war. Dies sicherte ihm mit Recht die dankbare Anerkennung seines Königs und dessen ersten Ministers. Daher erscheint es auch natürlich und begreiflich, daß die V e r t r a u e n s st e l! u n g, die Bleichröder bei dem Fürsten Bismarck einnahm, sich unvermindert bis zur Entlassung des letzteren erhalten hat; und die dankenswerten Mitteilungen des Herrn v. Keudell erklären es zur Genüge, weshalb in den spannungsvollen Märztagen des Jahres 1890 Herr Windthorst gerade die Vermittlung Bleichröders in Anspruch nahm, um Zutritt zum Fürsten Bismarck zu erlangen. Das nationale Judentum. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Später traten zwei seiner Schüler auf: Josef Gikatilla und Samuel aus Medina Oeli, gerierten sich als Propheten und Wundertäter. Dann trat noch ein dritter „Prophet" in Avila auf. Alle drei prophezeiten, daß der Messias in Bälde erscheinen werde. Von dem Propheten aus Avila hatte man sich erzählt, daß er von Jugend auf,total unwissend war, sodaß er weder lesen noch schreiben konnte; allein infolge höherer Eingebung ist er plötzlich, über Nacht, ein so großer Gelehrter geworden, daß er die Fähigkeit besaß, eine mystische Schrift, „Wunder der Weisheit", abzufassen. Wieder wandten sich die Gemeindevertreter an R. Salomo b. Adereth um Aufklärung und Rat, da sie von der großen Gelehrsamkeit, in deren Besitz der Prophet von Avila plötzlich gelangt sei, ganz verblüfft waren und sich dieses Rätsel nicht lösen konnten. Ben Adereth antwortete: Er würde gewiß keinen Augenblick Anstand genommen haben, auch diesen „Propheten" als einen Betrüger zu brandmarken, wenn er ihm nicht von respektabler und glaubwürdiger Seite im schönsten Lichte geschildert worden wäre, allein als Prohpet kann er auch ihn durchaus nicht anerkennen. Ein Idiot kann über Nacht kein Prophet werden, der prophetische Geist ruht überhaupt nicht auf Unwissenden u. s. w., daher sie vorsichtig sein und sich nicht leichtfertig betören lassen mögen. Trotz dieser Warnung setzte der Prophet von Avila seine Tätigkeit fort nnr hatte sogar den Mut zu behaupten, daß am letzten Tage des vierten Monates (Tamus) 1295 die Erlösung stattsinden werde. Die Betörten, die fest und unerschütterlich an ihn glaubten, bereiteten sich durch Fasten und Almosenspenden auf den Tag der Erlösung vor. Als der bestimmte Tag herangenaht war, eilten sie, wie am Versöhnungstage in die Synagoge, um dort den Posaunenschall der Erlösung zu vernehmen. Aber wer nicht kam, war der sehnsuchtsvoll erwartete Messias. Was aus den Propheten von Avila und Ayllon geworden, wird weiter nicht berichtet, sie sind ebenso wie Abulafia verschollen.

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