Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 45 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 45. daß das vorbereitende Komitee bei Gründung des in Rede stehenden Syndikates hauptsächlich von dem Gedanken ausgeht, durch Einführung rein geschäftlicher Unternehmungen im nahen Orient den fast überall boykottierten jüdischen Arbeitermassen lohnende Arbeits-Gelegenheit zu verschaffen. Es dürfte wohl nur wenigen Lesern bekannt sein, trotzdem der nahe Orient von seinem tausendjährigen Schlaf erst jetzt wieder zu erwachen beginnt,- sich schon heute daselbst für kapitalkräftige, unternehmungslustige Kaufleute zahlreiche Gelegenheiten zur gewinnbringenden Anlegung ihres Kapitals durch Beteiligung an industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmungen darbieten. Eine gute Illustration des wirtschaftlichen Voranschreitens des vorderen Orients bietet die Palästina benachbarte Hafenstadt Beirut, deren Bevölkerung im Jahre 1885 100.000 Seelen zählte und im Jahre 1896 schon 140.000 Seelen betrug, deren Export sich im Jahre 1901 auf 54Q.915 Lire belief und im Jahre 1905 die Höhe von 924.600 Lire erreichte. Dies ist im wesentlichen eine Folge der Verbesserung der Verkehrsmittel durch den Bau von Eisenbahnen und Fahrstraßen, welche Entwicklung im Libanongebiet schon vor zwanzig Jahren begann und die jetzt auch iu Palästina fleißig fortzuschreiten anfängt. Auch muß man gerechterweise hervorheben, daß, mährend die Gewerbe treibenden Juden in den großen Ghetto-Ländern, wie Rußland (selbst im Ansiedlungsrayon) und Rumänien, noch immer mit verschiedenen hemmenden gesetzlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, in dem sonst noch mancher Reform bedürftigen Orient die jüdischenKaufleute,Fabrikanten,Handwerker,Arbeiter rc., selbst wenn sie keine türkischen Untertanen, sind, ihrem Berufe ruhig nachgehen können, ohne irgend welchen gesetzlichen Verfolgungen oder Ausnahmsgesetzen ausgesetzt zu sein. Unter den gegebenen Umständen erachten wir es daher als Pflicht der kapitalskräftigen Juden aller Länder, sich am Palästina-Jndustrie-Syndikat sowie seinen Gründungen mit ihrem Kapital zu beteiligen. Die Redaktion. Wie Pogrome gemacht werden. Man schreibt der „Russischen Korrespondenz" aus Petersburg: Es bleibt noch immer die Frage zu beantworten: ist Herr Stolypin ein Gegner oder ein Freund von Judenkrawallen als Regierungsmaßnahme gegen unzuverlässige Gesinnung? Herr Stolypin versprach offiziell die Frage am 23. Juli in der Reichsduma anläßlich des Pogroms in Bielostok zu beantworten, zog es aber vor, am 21. Juli die Volksvertretung aufzulösen und die Antwort schuldig zu bleiben. Die Haltung des Ministeriums dem Siedlcer Krawall gegenüber ist auch eine höchst verdächtige. Jedenfalls ist sie solcher Art, daß der sogenannte „Verband des russischen Volkes" in seiner Propaganda für neue Krawalle sich offen auf die Zustimmung der Regierung beruft. Und die Ereignisse bestätigen, daß der Verband der schwarzen Hundert Grund dazu hat. Einen sehr charakteristischen und höchst bedenklichen Vorfall, der lebhaft an den ersten Teil der Siedlcer Tragödie erinnert, meldet man aus Reschiza (Gouvernement Witebsk). Der ziemlich harmlose und ganz alltägliche Tatbestand ist folgender: Einige jüdische Jünglinge im Alter von 17 bis 20 Jahren zankten sich mit einigen altgläubigen Burschen. Es entstand ein Handgemenge, wobei einer der Altgläubigen eine geringe Verletzung am Kopfe davontrug. Der ganze Vorgang war bedeutungslos, da dergleichen in Reschiza sehr oft vorkommt, selbst die Polizei sah keinen Grund zum Einschreiten. Zum Unglück gehörten aber die russischen Burschen zum „Verbände echt russischer Leute", und der Verband nahm sie unter seinen Schutz. Es entstand ein Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Verbandsflliale, Herrn Rybakow, und dem Vorsteher der lokalen „Strafexpedition", Oberst Werchowsky. Endlich am 20. Oktober lud Herr Werchowsky den Rabbiner vor und hielt an ihn folgende Ansprache: „Die hiesige Polizei teilte mir mit, daß die Juden am 30. Oktober eine Demonstration mit roten Lappen zu veranstalten beabsichtigen, daher sage ich Ihnen im voraus, daß, falls auch nur einzelne Juden mit einem roten Lappen hervortreten, so würde ich sie mit meinen Dragonern umzingeln und keinen einzigen am Leben lassen, ich würde ihnen die Siedlcer Geschichte in verzehnfachter Stärke wiederholen, so daß ihnen künftig zn demonstrieren die Lust vergeht. Mein Entschluß ist unwiderruflich, und ich besitze die weitgehendste Vollmacht. In zehn bis fünfzehn Minuten kann es bis 300 Tote geben. Bringen Sie es, bitte, zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung. Ich wiederhole — ich werde nicht untersuchen, ob jemand schuldig ist oder nicht; ich schieße jeden einfach nieder und damit basta. — Weiter, haben Sie wohl gehört, daß vor 14 Tagen in Reschiza die Juden drei Altgläubige mißhandelt haben. Die Schuldigen blieben unentdeckt; es können daher die Ladenbesitzer, bei denen sich der Vorfall abspielte, leiden. Sagen Sie es Ihren Glaubensgenossen. Adieu!" Am 27. Oktober kamen zum Rabbiner Dragoner und überreichten ihm folgendes Schreiben: „In einer Dienstangelegenheit haben Sie am 22. Oktober, 9 Uhr morgens, zn mir auf Gut Adanowo zu kommen. Sollten Sie sich weigern, so würden nach Ihnen Dragoner geschickt werden. Unterzeichnet: Dragoner-Eskadronschef Danilow. Datum und Nummer." Gleichlautende „Einladungen" bekamen noch drei Juden, und so gingen die vier Montags früh nach Adamowo. Herr Danilow empfing die Deputation im Pferdestall mit der Peitsche in der Hand und überhäufte sie mit den gemeinsten Schimpfereien und mit der Drohung, die ganze Stadt zu demolieren und sämtliche Juden hinzuschlachten, falls im Laufe der nächsten 10 Tage die Schuldigen, die den Burschen verletzten, nicht ausgeliefert seien. In ihrer Todesangst wandten sich die Juden wiederum an Danilows Vorgesetzten — den erwähnten Oberst Werchowsky; dieser aber herrschte die Deputation folgendermaßen an: „Falls die Juden die Ruhestörer nicht ausliefern, so werden die Altgläubigen sich selbst rächen, und ich würde die Juden weder verteidigen, noch meine Soldaten von Ausschreitungen abhalten können. Also falls die Juden im Laufe der nächsten zwei Tage die Ruhestörer nicht ausliefern, würde ich Dragoner-Patrouillen in der Stadt aufstellen und diese verstehen es wohl, die Juden einzuschüchtern. Außerdem werden die Ladenbesitzer, bei denen die Schlägerei vorkam, mit Nagaiken durchgeprügelt werden. Die Nagaika wird schon die Wahrheit erfahren; unlängst starb unter der Nagaika einBauer, und meineDragonerbekamen dafür einen Dank der Behörde." Nach dieser Rede Werchowskys entstand im Städtchen eine begreifliche Panik, und, wie die „Rnskoje Snamja" mit einer gewißen Genugtuung siegesbewußt konstatiert, verlassen die Juden eiligst die Stadt und flüchten. Glücklicherweise verlief der 30. Oktober in Reschiza ruhig; aber das ändert an der Sache nichts, denn die dortigen Juden müssen noch jemanden „ausliefern", und da die „Schuldigen" unermittelt blieben, so können sie natürlich nicht ausgeliefert werden; daher fühlen sich die Juden in Reschiza wie zum Tode verurteilt. Z«m Hersi-Denkmal. Löbliche Redaktion! In den jüdischen Blättern veröffentlicht die Czernowitzer akad. Verbindung „Hasmonäa" einen Aufruf behufs Errichtung eines Herzl-Denkmals in Czernowitz. Es sei mir gestattet, hiezu Einiges bemerken zu dürfen. Da der Aufruf an die gesamte Judenheit gerichtet ist, erlaube ich mir die Frage zu stellen, seit wann es denn bei uns Juden Sitte ist, unseren Heroen Denkmäler zu setzen? ' Hat es etwa solche in unserer heiligen Stadt gegeben? Ich glaube, daß der Begriff der Standbilder dem jüdischen Stamme fremd ist, ja er ist entschieden im Widerspruch mit unserer Religion. So wurde beispielsweise der Tag als Fast- und Trauertag bestimmt, an welchem das Standbild des Pompejus oder eines der Cäsaren im Heiligtum zu Jerusalem aufgerichtet wurde. Der unsterbliche Dr. Herzl hat für sich .keine Denkmäler beansprucht, sondern einen schlichten Grabstein, sein Name ist auch ohne Denkmal unvergänglich. Soll ihm aber trotzdem ein ewiges Denkzeichen