Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-11-23 · Heft 45 (23.11.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 45 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063361--04551-3071402
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4. Die Wahrhett Nr. 45. Juden losziehen zu hören. Das Thema, über das der Geistliche, ein stattlicher Mann mit gewaltigen Stimmitteln, predigte, lautete: „Apologetik des Christentums." Mit großem Pathos und einem Eifer, als müßte er mit irgend einem unsichtbaren Feind hadern, so recht ein Kämpfer der ecclesia militans für die heilige Sache, durchdrangen seine Worte die entlegensten Winkel der Kirche. An jedem seiner Zuhörer wollte er einen Mitstreiter für den Katholizismus gewinnen und bemühte sich, ihnen Wehr und Waffen zu verleihen. Er vergaß dabei, daß er sich sein Rüstzeug in jahrelangem Studium der Philosophie und Theologie an der Hochschule erworben und daß solch abstrakte Wissenschaft gar nicht popularisiert werden kann. Wenn der Herr Doktor den moralischen Beweis für das Dasein Gottes berührte, der von Cicero herrühre, den theologischen von Aristoteles, den kosmologischen von Anselm und noch einen vom heiligen Augustinus, ich wette, der größte Teil des Auditoriums hätte nicht gemuckst, wenn man ihm auch erzählt hätte, die genannten Namen gehörten gewissen Leuten an, die Zeitgenossen des Kaisers Nero waren. Nützte es dem Landwehrmann etwas und befähigte es ihn, im Notfälle die Feldherrnstelle zu übernehmen, wenn man in seinen Tornister ein Lehrbuch der Taktik beipacken würde? Und der Feind ist die vielgestaltige Häresie, alle Christen, die nicht katholisch sind, und in „hervorragender Weise" sind es die Juden. Mit welch undefinierbar gedämpftem, Haß und Verachtung atmenden Ton das Wort „Jude" ausgesprochen wurde! Die Stigmatisierung der Juden zu Feinden des heiligen Glaubens, bei solcher Gelegenheit und mit solchem Ausdruck, wie muß dies die Feindseligkeit der urteilslosen Menge bis zum Fanatismus anfachen und steigern! Das Schönste dabei ist, daß man unter den Juden vergeblich irgend welche in Betracht kommende Gegner des katholischen Glaubens sucht. Luther, der gegen das Dogma vom Ablaß auftrat, Döllinger, der Urheber des Alckatholizismus, der sich gegen die Unfehlbarkeitserklärung Pius IX. auflehnte, waren doch keine Juden. Feuerbach, Renan und David Strauß, die gegen die allein seligmachende Lehre gewaltig zu Felde zogen, sind ein Dreigestirn erster Größe, deren Glanz durch keinen Talmischimmer semitischen Strahles verdunkelt wird, es ist arische Reinkultur. Ich kann die ganze sehr interessante Predigt unmöglich reproduzieren. Gegen das Ende derselben wurde die Göttlichkeit Christi demonstriert. Die Stelle der Genesis: „Und er wird der Schlange den Kopf zertreten," wird auf Jesus bezogen und in manch andere biblische Stelle ein ähnlicher Sinn hineininterpretiert. Und zum Schluffe hieß es, Gott habe sich ein Volk ausgesucht, um es zum Träger des Messiasgedankens zu machen, die Erzväter- Moses u. s. w. Da wird das Wort „Jude" mit gutem Bedacht umgangen und umschrieben. Der Masse soll es nicht zum Bewußtsein kommen, daß das Christentum auf dem auserwählten Volk Gottes und seinem ehrwürdigen Schrifttum basiert und soll sich beileibe nicht selbst die Frage vorlegen, wie es kommt, daß man mit den Nachkommen jenes Stammes, dem man angeblich so Großes verdanke, gar keinen Pardon kennen und sie mit grimmigem Hasse verfolgen möge. Ist das nicht eine lächerliche, akademische Befürchtung? Die Menge denkt und folgert nicht, sie hört aus all dem Wust der Gelehrsamkeit nichts anderes heraus und kapiert nichts besser, als die Tendenz: „Haut die Juden!" Die Menge kümmert sich um keine Fehlschlüsse und Widersprüche im System. Seid also nicht so ängstlich, beschönigt und verkleistert nicht! Prediget Haß im Namen der Religion der Liebe und der Plebs folgt Euch blindwütig! So hatte ich Gelegenheit gehabt, einen der mächtigsten, den Antisemitismus speisenden Zuflüffe aus eigener Anschauung an der Quelle entspringen zu sehen, und fürwahr, die Quelle plätscherte nicht, sie donnerte. Wie wäre es, wenn wir unsere Kraft, statt sie zu zersplittern und sie in so nichtigen Dingen, wie die David'sche Affaire, zu verzetteln, gegen größere Gefahren gebrauchen würden, wie wäre es, wenn man ein Wort Maria Theresias: „Die Schule ist ein Politikum," variierend und erweiternd, der Forderung des Rechts zur Geltung verhelfe, daß alles, was nicht religiös ist, zur Politik gehöre? 8. Vineta. Wer ist der Schuldige? Die jüdische Oeffentlichkeit in Wien hätte sich eigentlich schon zur Genüge mit der Predigt des Herrn Dr. David beschäftigt, da aber die gegen den letzteren eingeleitete Bewegung noch immer nicht stille hält, ja sogar gegen weitere Kreise in der Kultusgemeinde sich zu richten droht, erachten wir es als Pflicht ehrlicher Publizistik, auf diese leidige Affaire nochmals zurückzukommen, und darum erwarte ich, die löbliche Redaktion der „Wahrheit," die von Anfang an in dieser Angelegenheit eine so streng korrekte Haltung eingenommen hat, werde meinen nachfolgenden Ausführungen Raum gewähren: Am 15. d. M. erhielt Rabbiner Dr. David folgendes Schreiben des Präsidiums der Kultusgemeinde: „Euer Ehrwürden! In Angelegenheit der gegen Euer Ehrwürden in den letzten Tagen eingeleiteten Bewegung wegen Ihrer am 28. Oktober 1906 im Leopoldstädter Tempel gehaltenen Rede sieht sich der Kultusvorstand veranlaßt, sein Bedauern über diese Bewegung auszusprechen, weil er nach Kenntnisnahme des Wortlautes der Predigt die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Ihre Intentionen unzweifelhaft die besten und e d e l st e n waren, wenn auch, wie der Präsident in der Plenarsitzung am 1. November a. c., enunziert - hat, einzelne Redewendungen bedauerlicher Weise zu Mißverständnissen Anlaß geben konnten." Aus diesem Präsidialschreiben geht unzweifelhaft hervor, daß es das Richtige gewesen wäre, sofort iu Beantwortung der am 1. November eingebrachten Interpellation Landau-Marmorek, die folgenden Wortlaut hatte: „Im jüdischen Publikum wird allgemein die Behauptung aufgestellt, daß der Rabbiner Dr. David bei einer Predigt, welche er Samstag im Tempel hielt, gesagt hat, „Ein Nuchem Schapira kann nur in Galizien wachsen" und insbesondere veranlaßt durch die in der „Neuen Zeitung" am 2. November enthaltene Mitteilung, Dr. David „forderte in jener Predigt die Wiener jüdischen Kaufleute feierlichst auf, mit den galizischen Juden alle Handelsbeziehungen abzubrechen, denn schon Jeremias sagte: ..Vom Norden kommt alles Unheil" — amtlich den Text jener Predigt zu veröffentlichen, damit alle sofort die Ueberzeugung hätten gewinnen können, daß jene Behauptungen unwahr sind, daß die Intentionen des Redners die besten und edelsten waren und daß kein Grund vorhanden war, dem von den edelsten und besten Intentionen beseelten Redner auch nur 14 Tage lang den schamlosen Angriffen gewissenloser Hetzer preiszugeben. Wahrlich, man darf ruhig sagen, die Rede erscheint nach den übereinstimmenden Meldungen der urteilsfähigen Hörer, deren wir eine stattliche Anzahl anführen könnten, einwandfrei; denn daß einzelne Redewendungen (parturmnt montes, nascitur ridiculus mus) zu Mißverständnissen Anlaß geben konnten — mein Gott, welcher Redner hat je eine Rede gehalten, in der nicht einige Wendungen vorkamen, die zu Mißverständnissen Anlaß geben konnten! Die Mißverständnisse haben freilich nicht immer in den Wendungen, sondern im Charakter und in der Disposition, im Denkvermögen und der Intelligenz der Hörer ihren Grund. Wenn nun auch in dem erwähnten Präsidialschreiben in solenner Form dem schwergekränkten Dr. David eine Genugtuung zuteil geworden ist, können wir doch an einigen Tatsachen nicht achtlos vorübergehen. Es drängt sich doch die Frage auf: Wie konute durch eine Rede, wie die in dem erwähnten Schreiben gekennzeichnete, ein solcher Rummel entstehen? Die Antwort ergibt sich aus den oben erwähnten zwei Kundgebungen, der Interpellation Landau-Marmorek und dem Berichte in der „Neuen Zeitung". In beiden werden unwahre Tatsachen behauptet, indem in beiden dem Prediger Worte in den Mund gelegt werden, die er nicht gebraucht und die Niemand gehört haben kann. Wir wollen der Frage heute nicht nähertreten, ob gewissenhafte Kultusvorsteher nicht den Mann, gegen den sie in offener Versammlung eine so schwere Beschuldigung erheben wollten, hätten erst befragen sollen, ob denn jene Behauptung wahr sei: wir wollen auch die Frage nicht berühren, ob der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.