Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 45 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrHeit iWebaftion li. Slbmiiiislialioii: Wien, 11 /, Rvliaragasse 27. 3>lr»t)im Sir. d,v Dinck-r-i 15302.' JhU'erate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. IkldouiiemeutSu. JnjellioiiSbeträge sind in aiiien zahlbar mib klagbar. Unabhängige Aeitfchrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verugspueis: Ganzjährig . . . jt. 12.— Halbjährig . ft. 6j |J Für CnltilSbeuinte:! ^i.iiizjährig . . ft. i» - Flu Ausländ. Ganzjährig ...» 2>i»rk ü Nubel aber 16 Nr. 45 Wien, 23. November mm Inhalt: Aufruf. — Der Kanzelparagraph. — Wer ist der Schuldige? — Industrie-Syndikat für Palästina. — Wie Pogrome gemacht werden. — — Zum Herzl-Denkmal. — Bismarck und Bleichröder. — Das nationale Judenrum. — Verschiedene Ncchrichken. — Feuilleton: Tie Rose von Saron. Aufruf! Durch die wiederholten Judenverfolgungen der letzten Jahre und namentlich durch die Massakres in Rußland sind an die „Israelitische Allianz zu Wien" außerordentliche Anforderungen gestellt worden. Dank der Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen waren wir in der Lage, während der verflossenen drei Jahre nahezu K 1,200.000 dem russischen Hilfswerke zuzuführen. Wir können jedoch unseren vielfachen permanenten Aufgaben im Interesse der Gesamtheit des Judentumes nur dann entsprechen, wenn der Kreis unserer ständigen Mitglieder sich wesentlich erweitern wird. Es ist heutzutage mehr als je die Pflicht eines jeden Juden, Mitglied der „Allianz" zu sein. Der statutarische Jahresbeitrag beträgt K6; die lebenslängliche Mitgliedschaft wird durch einen einmaligen Beitrag von K 200 erworben. Als „Gründer" wird ausgenommen, wer einen einmaligen Beitrag von K 1000, als „Stifter", wer einen Beitrag von K 4000 leistet. Geldsendungen sind zu richten an die „Israelitische Allianz zu Wien", I., Weihburggasse 10, Erlagscheine der Postsparkassa (Scheckkonto Nr. 8152), sowie Jahresberichte werdew in unserem Bureau bereitwillig zur Verfügung gestellt. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien": David R. v. Gutmann, Präsident. Dr. Alfred Ster n, Dr. Arthur Kuranda, Dr. Sigmund W a h r m a n n, Vizepräsidenten. Emanuel B a u m g a r t e n, Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n, Emil Horner, Dr. Felix Katzau, Adolf Klein, Direktor Moriz K o r i t s ch o n e r, Dr. Jakob N i r e n st e i n, Wilhelm P a p p e n h e i m, kaiserl. Rat Bernhard P o l l a ck, Julius Reitling er, kaiserl. Rat Leopold Sachs, Rabbiner Doktor A. S ch m i e d l, Fritz Singer, Hofrat Sigmund T a u s s i g, Kommerzialrat Leopold Trebitsch. Donat Ziffer er, Vorstandsmitglieder. Der Kanzelparagraph. Die Ablehnung des Kanzelparagraphen im Reichstage fällt zeitlich zusammen mit der sattsam bekannten Predigt des Doktor David, die so viel Staub aufgewirbelt. Und doch ist diese nur ein Ereignis von untergeordneter Bedeutung, gleichsam ein Sturm im Glase Wasser, wenn man sie mit der erwähnten Ablehnung vergleicht, die merkwürdigerweise sang- und klanglos erfolgt ist. Berufenere Federn haben sich erschöpfend über die Predigt geäußert und es liegt keine Notwendigkeit vor, auch meine Meinung hierüber vorzubringen. Unerörtert und unentschieden bleibe es somit, welcher der Parteien die Palme zuzusprechen sei, jener, die sich berufen glaubt, aus das niedrigere Kultnrnivean der polnischen Judenschast selbstgerecht niederzublicken, oder der Partei der östlichen Juden selbst, die aus die Provokation mit aller Wucht äußerster Empfindlichkeit reagieren zu müssen glaubt. Auch die Frage bleibe in Schwebe, ob die protestierende Entrüstung in ihrer Gänze ehrlich empfunden, oder im Hinblick aus die bevorstehenden Kultuswahlen nur gemacht sei, und nicht minder die Untersuchung, ob es nicht' eigentlich freudig zu begrüßen wäre, daß unsere Glaubensgenossen aus Galizien im point d’honnenr nicht länger mit sich spassen lassen wollen. Alle diese Fragen sind relativ unwichtig und verschwinden gegenüber dem Umstand, daß es der Geistlichkeit auch fernerhin nnverwehrt bleibt, das Gotteshaus zu agitatorischen und politisch-weltlichen Zielen herabznwürdigen. Es ist leider nicht Wandel geschaffen und wir sind auch in Zukunft vor den Folgen unvorsichtiger Rhetorik nicht sicher. Doch wenn dies das ärgste Uebel wäre! Ein Vagabund sieht einst die Aufschrift: „Durchgang verboten" und ruft erfreut aus: „Tonnerweiter, ich wußte gar nicht, daß sich hier ein Durchgang befände", und benützt ihn jetzt erst recht. Nicht, als ob ich mit dieser Anekdote meinen Kirchenbesuch am verflossenen Sonntag motivieren wollte, denn da müßte ich mich ja zu der erstaunlichen Naivität bekennen, nie etwas von den sogenannten Hetzkaplänen vernommen zu haben; zudem hinkt das Gleichnis beträchtlich mehr, als dies sonst bei Metaphern vorzukommen pflegt, denn die imaginärideale Aufschrift über den Kirchen lautet: „Hier hat das Staatsgrundgesetz, welches gegen Konfessionen und Nationalitäten auszureizen verbietet, keine Geltung, hier wird straflos Hepp, Hepp! gerufen, der Eintritt sei gesegnet jedermann, dem dies angenehm in den Ohren klingt." Und doch, die Ablehnung des Kanzelparagraphen und mein Gang zur Kirche steheu — sei auch das angewandte Bild gänzlich mißlungen — im ursächlichen Zusammenhänge. Wie gleißte und lockte die Sonne in voller Pracht, nachdem sie den Nebel verdrängt hatte, und ich sollte bei so seltenem Gnadengeschenk unseres Spätherbstes in die kalte, dunkle Kirche! Dabei noch die Ungewißheit, ob ich hören würde, was ich zu hören zwar nicht sonderlich ersehnte, aber doch erwartete. Indes mein Wagemut sollte belohnt werden, ich hatte kein vergebliches Opfer gebracht und genoß das zweifelhafte Glück, über die