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Die Wahrheit · 1906-11-16 · Heft 44 (16.11.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 44 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit. Leite 6. diese der innersten, fürsorglichen und liebevollen Teilnahme entspringt; da kann sie wie eine bittere Medizin erst momentan ein unangenehmes Gefühl erzeugen, doch mit der Zeit dem Gesamt-Organismus Besserung und Heilung verursachen und keineswegs schaden. Nemini nocere! Das ist eine alte medizinische Regel, die auch für den Seelsorger Geltung hat. Wo in aller Welt hörte man je, daß um des Versehens und Vergehens eines Einzelnen willen ein ganzer Volksstamm verfehmt und verfolgt, ja, boykottiert werden sollte? acm 'k iv'X =]2£pn myn ba bin Das ist antisemitische Art, zu generalisieren und die Schuld des Einzelnen der Gesamtheit aufzubürden; doch diese Denkweise einem Lehrer und Führer in Israel zu imputieren, ist reine Selbstbefleckung. Der aufmerksame Zuhörer der angefochtenen Predigt wird sich auch gestehen müssen, daß dem Prediger eine solche Absicht vollkommen fern lag, und wer ihm dies in die Schuhe zu schieben sucht, der zeigt nur dadurch, daß es ihm an einem geeigneten Schlagwort gelegentlich der bevorstehenden Kultuswahlen gebricht und er sich ein solches um jeden Preis schaffen möchte. Dagegen müssen alle anständigen und wohlmeinenden Elemente unserer Gemeinde energisch opportieren und entschieden protestieren (unwillkürlich werden also auch wir zu Protestanten), vielmehr sei unsere Devise: Fiat concentratio! Alle edlen und besseren Brüder und Gemeindebürger mögen ihr Augenmerk darauf richten, die in der Kultur Zurückgebliebenen aufzurichten und zu erheben, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, die ihnen fehlende Zivilisation allmälig sich anzueignen, denn es ist durchaus unwahr, daß alle Bekenner der jüdischen Lehre auf gleich hoher Stufe der Bildung sich befinden. Vollends einen Bruchteil des jüdischen Volkes zu isolieren, war nur ausnahmsweise einmal zur Zeit der Richter — einer Epoche der momentanen moralischen Verwilderung und Verwahrlosung auf kurze Zeit zulässig — und danken wir dem himmlischen Vater, der da ein dtp nitrö gegenannt wird, daß solche trübe Zeiten nimmer wiederkehren. Sie mögen versinken und für immer verschwinden ins Meer der Vergessenheit, um niemals wiederzukehren! Ans der Mlenarsthnng des Knltnsvorstandes vom 11. November 1906, unter dem Vorsitze des Präsidenten, Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Vor Eingang in die Tagesordnung gibt der Präsident in warmen Worten dem Mitgefühle des Kultusvorstandes anläßlich des schmerzlichen Trauerfalles Ausdruck, den das allerhöchste Kaiserhaus durch das Hinscheiden Sr. kaiserl. Hoheit des Herrn Erzherzog Otto erlitten hat. Der Präsident hat bei der am 2. November, dem Tage nach dem Hinscheiden des Erzherzogs, stattgefundenen Audienz bei Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten an diesen die Bitte gerichtet, den Ausdruck des tiefsten Beileids der Wiener Kultusgemeinde entgegenzunehmen und zu Allerhöchster Kenntnis bringen zu wollen, was auch der Ministerpräsident zugesagt habe. Die Versammlung, welche sich von den Sitzen erhoben hat, verfügt die Einverleibung dieser Trauerkundgebung in das Protokoll der heutigen Sitzung. Der Präsident erklärt ans die in der vorangegangenen Plenarsitzung vom 1. d. M. behandelte Angelegenheit betreffend die von dem Rabbiner Dr. David am 26. Oktober l. I. im Leopoldstädter Tempel gehaltene Predigt nochmals zurückkommen zu müssen. Er habe in dieser Sitzung über eine von den Herren Salo Landau und Baurat M a r m o r e k gestellte Interpellation eine erschöpfende, seinen Standpunkt unzweideutig zum Ausdrucke bringeude Antwort erteilt und sei der wohlbegründeten Meinung gewesen, daß mit dieser Jnterpellationsbeantwortung und mit der Veröffentlichung derselben die Angelegenheit vollkommen erledigt sei. Seither sei bekanntlich eine Interpellation im Abgeordnetenhause eingebracht worden, in welcher dem Herrn Rabbiner Dr. David Ausführungen in den Mund gelegt worden seien, die er tatsächlich nicht gebraucht hatte. Herr Dr. David habe in den Zeitungen eine diesbezügliche Erklärung veröffentlicht, deren Inhalt auch vom Präsidenten bestätigt worden ist. Trotz der ersterwähnten Jnterpellationsbeantwortung in der Sitzung der Kultusvorstandes vom 1. November und der Veröffentlichung derselben und trotz der letzterwähnten veröffentlichten Erklärung des Rabbiner Dr. David haben die Angriffe gegen diesen nicht aufgehört, es hat vielmehr eine sehr bedauerliche, allem Anscheine nach planmäßig organisierte Agititation platzgegriffen und werden Herrn Dr. David Ansichten und Absichten insinuiert, die ihm offenbar ganz fern liegen. Nach dieser Richtung nun gebühre dem Herrn Dr. David eine Satisfaktion seitens des Kulmsvorstandes, welcher hierüber sein Bedauern aussprechen möge. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Rappaporl, Baurat S l i a ß n y, Dr. Steiner, Dr. Berger, Hermann Ellbogen, kais. Rat Weil, Salo Landau, Baurat Marmorek, Dr. Spitzer, Baurat von G o l d s ch m i d t, Dr. K a tz a u ltub Vize-Prnsidenl Dr. Gustav K o h n beteiligen, wird allseitig die folgende Resolution vereinbart, welche dem Rabbiner Dr. David zur Kenntnis zu bringen der. Präsident ersucht wird: „In Angelegenheit der gegen den Gemeinderabbiner Dr. David in den letzten Tagen eingeleiteten Bewegung, sieht sich der Knltusborstand veranlaßt, sein Bedauern über dieselbe auszusprechen, weil er nach Kenntnisnahme des Wortlautes der Predigt die Ueberzeugung gewonnen hat, daß die Intentionen des Predigers unzweifelhaft die besten und edelsten waren, wenn auch — wie schon der Präsident in der vorigen Sitzung enunziert hat — einzelne Redewendungen bedauerlicher Weise zu Mißverständnissen Anlaß geben konnten." Im Einlaufe befinden sich: Ein Dankschreiben des Komponisten Prof. Ignaz Brüll für die ihm anläßlich seines 60. Geburtstages ausgesprochenen Glückwünsche des Kultnsvorstandes. Weiters ein Bericht über die Tätigkeit des chemischmikroskopischen Laboratoriums des Spitales der Kultusgemeinde im Jahre 1905. An Spenden: Bon Herrn Dr. Alphons Thorsch für die Talmud Thoraschule des Beth-Hamidrasch (Rektor Friedmaun) K 200. Von Herrn L. B. Breßlau fü die Brigittenauer Schulküche K 160. Von ..Anonymus für Arme auf Holz und Kohle K 10. Von Herrn Josef Wondrak für arme russische Juden K 6. Dem Tempelvereine in Döbling wird behufs Errichtung eines ständigen Bethauses im XIX. Bezirke ein einmaliger Beitrag von K 40.000 bewilligt, wogegen der Verein die Realität XIX. Dollingergasse 3, erworben hat, und sich weiters verpflichtet, dieselbe als Bethaus vollständig einzurichten und mit dem täglichen Gottesdienst ehemöglichst zu beginnen. Ueber s. z. Anregung des Herrn Vorstehers Dr. Markus Spitzer wird beschlossen, sämtliche Vorstandsmitglieder zur Beratung des Budgets im Vertreterkollegium einznladen. Ueber Anregung des Herrn Dr. Maximilian Steiner wird die Errichtung eines Ambulatoriums für Augenkranke im Spitale der Kultusgemeiude unter Leitung des Herrn Prof. Dr. S. Klein mit je einstündiger Ordination an drei Tagen der Woche genehmigt. Nach Erledigung diverser Stiftungs-Angelegenheiten und Subventionsgesuche wird die Sitzung um V.,2 Uhr nachmittags geschlossen. Eine schreckliche Entdeckung. Den wütigen Kampf des antisemitischen Literarhistorikers und Weimarer Professors Adolf Bartels gegen den „verderblichen jüdischen Einfluß" auf die deutsche Volksseele und Literatur persifliert Karl Ettling er in den „Münch. Neuest. Nachr." mit folgenden überaus gelungenen Ausführungen: Hochverehrter Herr Bartels! Ein furchtbarer Verdacht, den ich schon lange hegte, hat sich bestätigt: Goethe hatte jüdisches Blut in den Adern. Ersparen Sie mir die Beweisführung — sie ist zu traurig —, schon sein Geburtsort Frankfurt a. M. sagt genug. *!■ S;.- r;!.

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