Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 43 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 7. stark genug waren, sich zu verteidigen, töteten sie ihre Frauen und Kinder, warfen die Leichen über die Mauern unter den Pöbel, legten Feuer an die Burg und verbrannten so bei lebendigem Leibe. Der Adel, der den Juden Geld schuldete, machte sich schnell über die Schuldverschreibungen her und verbrannte sie vor dem Altar in der Kathedrale. Die Geschichte weiß von sehr vielen solchen barbarischen Vorgängen und Fällen der Selbstaufopferung zu erzählen. In diesen Fällen dürste aber der Handelsgeist eher auf der anderen Seite gewesen sein. Seit undenklichen Zeiten wurden die Juden verfolgt, beraubt und massakriert, aber ihre Traditionen und Jderle haben sie nicht preisgegeben. Wären sie wirklich die materiellen Menschen, für die sie gehalten werden, dann hätten sie sich längst Ruhe und Frieden erkauft. Sie würden zur griechisch-katholischen Kirche übergetreten sein, und sie wären selbst in Rußland gesichert. Aber lieber als das tun, gehen sie bis an die Pforten der Hölle. Nicht praktisch und materiell, sondern idealistisch gesinnt sind die Juden. Die Folge ist, daß die Juden nur um so zäher und langlebiger geworden sind; ihre Feinde haben sie stark gemacht und sie ganz wunderbar für den Kamps ums Dasein gewappnet, gleichviel in welchem Teile der Welt sie ihn zu kämpfen haben. Auf eine Bemerkung, daß die Juden doch wohl vorzugsweise geschickte Kausleute sein müssen, da die zahlreichen jüdischen Firmen auf dem Broadway dies beweisen, erwiderte Strauß: Vor Jahren haben die Amerikaner die rohe und schwere Arbeit der Nation verrichtet. Dann kamen die Irländer und die Amerikaner zogen sich zurück. Spüler wieder kamen die Italiener in Schwärmen herbei, und die Iren konnten avanzieren. Als der Broadway noch viel kleiner war, als er jetzt ist, gab es nur amerikanische Firmen. Aber diese alten Kaufleute sind reich geworden, wollten nicht länger mehr kleine Ladeninhaber sein und sie wurden Bankiers und Fabrikanten. Jetzt haben die Juden ihre Läden. Nach einer gewissen Zeit werden die jüdischen Firmen des Broadway verschwinden, um anderen, vielleicht italienischen Firmen Platz zu machen. Der populärste jüdische Staatsmann in den Vereinigten Staaten nächst Strauß dürfte Simon Wolf sein, der in einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag feiert. Auch er stammt aus Deutschland, und zwar gleichfalls aus Bayern. Präsident Grant verlieh ihm einen wichtigen Staatsposten. Aus seinen Rat hatte Grant, als Rumänien die ganze zivilisierte Welt durch Judenverfolgungen herausgesordert und sogar Rußland veranlaßt hatte, sich dem europäischen Proteste gegen die barbarischen Maßregeln anzuschließen, einen Juden — Peixoto — zum amerikanischen Konsul ernatint, um so den Bojaren eine Lektion zu erteilen. Später ernannte Grant Simon Wolf zum Generalkonsul in Egypten. Loyaler als so viele Germanen, blieb er auch in Amerika ein guter Deutscher, war tätig für das deusche Waisenhaus, Mitglied des Schützenvereines und vieler anderer deutscher Vereine. Das hinderte ihn nicht, zu allen Zeiten mit Wort und Tat und Schrift für die Interessen der Juden einzutreten. Er findet stets Zutritt und Gehör bei der Regierung und war infolgedessen im Stande, sehr viel für jüdische Einwanderer aus Rußland zu tun. Verschiedene Nachrichten. Wien. Die Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde, die sich nunmehr H., Ferdinandsstraße 23 befindet, ist an Sonn- und Feiertagen vormittags von 9—1 Uhr, Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag nachmittags von %4—^8 Uhr und Freitag von 9—1 Uhr zum Besuche geöffnet. Vom 1. August bis 15. September ist die Bibliothek geschlossen. Wien. (Jüdische Kinderhorte.) Donnerstag, den 1. d. M., wurden nunmehr vom „Vereine zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder in Wien" ein Knaben- und Müdchenhort für je 50 Schützlinge der Bezirke XU.—XV. feierlich eröffnet. In den Horträumen, welche im Hause des Ausspeisungsvereines für die genannten Bezirke, XIV., Herklotzgasse 21, gemietet wurden, hatten sich nebst den Schützlingen und der Vereinsleitnng als Ehrengäste eingefunden: Herr Rabbiner Dr. M. Grunwald, der Obmann der Bezirkskommiffion der isr. Kultusgemeinde Herr I. Mohr mit mehreren Mitgliedern dieser Körperschaft, die Präsidentin des Ausspeisungsvereines, Frau Landeis, das Schutzdamenkomitee der Horte mit der Präsidentin, Frau Fini Schnabl an der Spitze, Herr Schulinspektor Prof. Kanitz die Direktoren Max Fischer und Alexander Hecht u. v. A. Nach Begrüßung der Festgäste durch den Vereinspräsidenten, Herrn Dr. I. Samuely, würdigte Herr Rabbiner Dr. Grunwald in schwungvoller Rede den Wert dieser Institution und führte treffende Beispiele aus dem jüdischen Schristtume vor, die er mit dieser Anstalt in Vergleich brachte. Herr Obmann Mohr versprach namens der Kultusgemeinde und der Bezirkskommission alle Förderung. Lebhaften Beifall fanden die geistvollen Ausführungen des Herrn Inspektors Prof. Kanitz. der im Hinblicke aus die fortschreitende Verrohung der Schuljugend die Institution als dringende Notwendigkeit bezeichnete und mit dem Wunsche schloß, daß der Allmächtige, der höchste Hort, diesen Horten seinen Schutz angedeihen lassen möge. Nach Ansprachen des Hortleiters Herrn Huschak und der Hortleiterin Frl. Schreiber fand die Feier mit der Besichtigung der Ausspeisungsräumlichkeiten ihren Abschluß. Wien. (Vorlesungen im Beth-Hamidrasch). Herr Rabbiner Dr. Kaminka hält in diesem Jahre wie in den früheren, Vorlesnngen über jüdische Religionsphilosophie im Beth-Hamidrasch, u. zw. jeden Mittwoch von 7—8 und Donnerstag von 6—7 Uhr abends. Außerdem wird derselbe jeden Dienstag von 4—5 Uhr bei genügender Beteiligung Vorträge über „N e u h e b r ä i s ch e Literatur" vorzugsweise für akademische Hörer halten, wobei poetische und prosaische Texte der besten hebräischen Schriftsteller aus dem 18. und 19. Jahrhundert beginnend mit Moses Chaim Luzzatto gelesen werden sollen. Wien. (Verein zur Bekleidung und Unter st ü tz u n g. armer, alter Männer.) Donnerstag, den 15. d. M., x/2o Uhr nachmittags, findet im Saale der Börse für landwirtschaftliche Produtte 11., Taborstraße 10, die Bekleidungsfeier des „Vereines zur Bekleidung und Unterstützung armer, alter Männer" statt. Sowie alljährlich wird sich auch diesmal die Feier besonders festlich gestalten, da Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. S ch m i e d l die Festrede hält und seine besondere herzliche Neiguug für diesen Verein bekundet hat, indem er neuerlich als Feftesgabe ein herrliches Gedicht dem Vereine gewidmet hat, welches vom Hofschauspieler Basch zum Vortrage gebracht wird. Auch werden wieder die Herren Oberkantoren Bela G u t m a n n und Jakob Bauer, das Fest durch Gesangsvorträge verherrlichen An diesem Tage werden 75 arme, greise Glaubensbrüder mit vollständiger Winterkleidung versehen. Der Vorstand des Vereines, der sich nicht nur die Belleidung allein» sondern auch die Unterstützung der greisen, armen Glaubensbrüder auf größerer Basis zur Aufgabe gestellt hat, war leider gezwungen, eine große Anzahl von Gesuchen, die ihm dieses Jahr zugekommen sind, zurückweisen zu müsien, da, um allen Anforderungen gerecht zu werden, die Mittel fehlen. Der Vorstand des Vereines wendet sich daher an den vielbekannten Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensbrüder und bittet, diese einzig dastehende Tendenz des Vereines durch Zuwendung von gütigen Spenden und Beitritt zu dem Vereine fördern zu wollen. Der Eintritt zu diesem Feste steht jedermann frei. Wien. Sonntag, den 11. d. M., 10 Uhr vormittags, findet im „Cafs Maendel," H., Praterstraße 33, I. Stock, die VIII. ordentliche Generalversammlung des humanitären Geselligkeitsvereines „Die Szeniczer in Wien" statt. Wien. Herr Don Fuchs wird in seinem Konzerte, welches Sonntag, den 9. Dezember, im Saale Ehrbar stattfindet, Arien und Lieder von alten und modernen deutschen, italienischen und französischen Komponisten zum Vortrage bringen. Kartenverkauf im Zentral-Kartenbureau Kehlendorfer, 1., Krugerstraße 3. Wien. Sonntag, den 4. November, ttug man Friedrich Freund zu Grabe. Es gibt kaum einen Glaubensgenossen der bemittelten Kreise, welcher den Verstorbenen nicht gekannt hätte. Aber auch Freund hat gewiß jeden dieser Bemittelten in Wien gekannt und — für seine Studenten in Kontribution gesetzt. Seine Studenten waren die mittellosen deutschen israelitischen Hochschüler Prags (Unterstützungsverein der mittellosen Hochschüler, Prag), eine Gründung seines im Jahre 1379 verstorbenen Sohnes Dr. Augnst Freund, deren Förderung Friedrich Freunds Lebensaufgabe bildete, nachdem er sich von seiner langjährigen geschäftlichen Tätigkeit zurückgezogen hatte. Mit welcher Beharrlichkeit er sich dieser humanitären Aufgabe unterzog, geht aus den Ziffern der Jahresberichte dieses Bereiues hervor. 63.000 Kronen hat er im Zeitraum von zirka 10 Jahren gesammelt, und zwar zumeist in Beträgen von 2 bis 4 Kronen;! so hat er im Jahre 1901 mehr als 1800 Parteien persönlich ausgesucht