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Die Wahrheit · 1906-11-09 · Heft 43 (9.11.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 43 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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©eite 6. Die Wahrheit. Nr. 43. des Abends niedergedrückt von dem Mißklang. mit dem mein im übrigen so schöner Ausflug geendet, in den Prachträumen des Cafe „New-Iork" und da sollte dieser in mir vibrierende Mißton sich zu greller Dissonanz steigern. Am Nachbartisch wurde eine Unterhaltung geführt, von der ich kein Wort verlor, da sie so laut und lärmend war wie leider fast stets die Konversation unserer Stammesgenossen, besonders unter Beflissenen des Handelsstandes. Da saßen nämlich, wie ich hernach mit Hilfe des Kellners eruierte, hervorragende einheimische Kaufleute im Gespräch mit zwei russisch-jüdischen Fabrikanten und ließen sich mit unverkennbarer Genugtuung darüber unterrichten, wie übertrieben die Berichte der Zeitungen über die Drangsalierung der Juden seien, und daß die Situation derselben lange keine so traurige sei, wie die sensationslüsterne Presse sie darstelle; aus der Mücke werde ein Elefant und der 200 bis 300 Erschlagenen wegen so viel Aufhebens gemacht. Wie das den Krämerseelen in den Kram paßte, wie gläubig sie den ungeheuerlichen Abersinn Hinnahmen! Natürlich, diese Beiden mußten es doch wissen, wozu unbequemen Skeptizismus walten lassen? Man ist doch vor seinem Gewissen absolviert, wenn man aus den Zeitungshumbug von dem grenzenlosen Elend hin nicht tiefer in den wohlgefüllten Beutel greift. O. welche Gefühle bewegten mich da! Ich sah ein, daß ein Maximilan Harden alias Witkowski, der getaufte russische Jude, der seine Stammes- und einstigen Glaubensgenossen nicht mehr kennen will und ihnen lauter Böses nachsagt, sich noch lange nicht am äußersten Pol menschlicher Verworfenheit befindet, und daß es diesen Elenden Vorbehalten blieb, ihn vollends zu erreichen. Harden verleugnet sein Judentum, tritt aus der Gemeinschaft aus. gut! Diese verbleiben darin, um sie besser verraten zu können. Die Griechen hatten ihren Ephialtes, die Ungarn ihren Görgey und auch den Juden fehlt es nicht an Judassen. Ich hatte mir bis jetzt etwas darauf eingebildet, mit in der Reihe der Rufer im Streite gestanden, mein bescheiden Teil beigetragen zu haben, daß unser Solidaritätsbewußtsein wach, Mitleid und werktätige Barmherzigkeit rege erhalten werde, und mußte nun emsehen, daß dies Bemühen nur Stückwerk und der Arbeit der Danaiden vergleichbar sei. Wenn — was nicht anzunehmen ist — auch nur zwei solche Schurken in der Welt herumlaufen, sie leisten promptere und raschere Arbeit, als ein halbes Dutzend liberaler und philosemitischer Journale. Die Rechnung, mit der die Erfindung des Schachspiels verknüpft ist. kennt man allgemein. Legt man auf das erste Feld des Brettes ein Korn, aufs zweite zwei, auf das dritte vier, aufs vierte das doppelte des vorherigen, so hat sich das auf dem vierundsechzigsten zu so gewaltiger Progression gesteigert, daß die Erde in vielen Jahren das erforderliche Quantum nicht zu tragen vermöchte. Den Kalkül auf unseren leidigen Fall übertragen, braucht jeder unserer Merkursjünger die frohe Heilsbotschaft, in Rußland sei es nicht so schrecklich, nur einer Person zu verkünden, und von diesen jeder wieder nur einem anderen u. s. w., so hat sich die satanische Mähr in genau derselben rapiden Weise herumgeredet, die Verzweiflungsschreie verhallen ungehört, denn in den Herzen finden sie keine Resonanz und die Taschen bleiben zugeknöpft. Sollte meine Phantasie mir einen Streich gespielt und ich die Bedeutung des geschilderten Gespräches zu hoch veranschlagt haben, ich weiß es — schon lange nach Wien heimgekehrt — noch heute nicht, das Eine jedoch ist mir klar, daß ich die Hoffnung als trügerisch und töricht anzusehen gelernt habe, auf einer Reise sich selbst entfliehen und imstande zu sein, mich mir selbst entrücken zu können. Einiger Strauß. Oskar S t r a u ß ist Handelsminister geworden und somit der e r st e I u d e in den Vereinigten Staaten, der ein so hohes Amt erhielt. Es ist sowohl anläßlich seiner Ernennung als auch wegen seiner für einen Juden interessanten Laufbahn der Mühe wert, etwas über ihn und seine Ansichten mitzuteilen. Die Familie Strauß' stammt aus Bayern, wo seine Vorfahren Landwirte waren und noch sein Vater ein Gut besaß. Dieser Lazarus Strauß nahm an der Revolution im Jahre 1848 teil, wurde mit Karl Schurz bekannt und stand zu diesem in freundschaftlichen Beziehungen bis zu dessen Tode. Lazarus Strauß mußte aus Deutschland flüchten und ging nach Philadelphia. Es wurde ihm aber geraten, nach dem Süden zu gehen, und im Jahre 1854 eröffuete er in Talboton im Staate Georgia einen Laden. Er hatte damals drei Söhne: Isidor, der 9, Nathan, der 6, und Oskar, der noch nicht 4 Jahre alt war. Die Familie war arm, so daß die Mutter beispielsweise die Kleider für die Kinder anfertigen und ihre Strümpfe stricken mußte. Vater Strauß nahm entschieden Stellung gegen die Sklaverei und zum Teil aus diesem Grunde zog er nach dem viel größeren Columbus in demselben Staate. - Infolge der kriegerischen Ereignisse kam Lazarus Strauß in Geldverlegenheit. Obwohl ihm ein Chef der Firma, der er 3000 Dollar schuldete, riet, sich nicht aller Mittel zu entblößen und mit 10°/0 zu akkordieren, wie es die andern Kaufleute im Süden täten, erklärte Lazarus Strauß: Ich will meine ganze Schuld bezahlen. Ich erwarte nicht, meinen Kindern viel Vermögen zu hinterlassen, aber ich will ihnen einen ehrlichen Namen vererben. Mit dem geringen Reste seines Barvermögens begründete Strauß ein Porzellangeschäft. Alle drei Söhne dieses Mannes haben es zu Einfluß und Ansehen gebracht. Nathan Strauß, der die armen Kinder New- Jorks mit sterilisierter Milch, ihre Eltern mit Kohlen im Winter und die Obdachlosen mit Asylen versorgt hat, war beispielsweise als Kandidat für den New-Iorker Bürgermeisterposten aufgestellt. Isidor Strauß wurde Kongreßmitglied und war mitbeteiligt an der Herstellung des Wilson-Tarifs. Der bedeutendste aber ist Oskar Strauß, der Kaufmann, Verfasser mehrerer staatswissenschaftlicher Werke, Mitglied des permanenten Haager Schiedsgerichtshofes ist und zweimal amerikanischer Gesandte» in Konstantinopel war. Was waren nun die hauptsächlichsten Taten des jüdischen Gesandten in Konstantinopel? Damals war christlichen Kolporteuren verböten worden, Bibeln und Traktätchen in der Türkei zu verteilen. Es schien unmöglich, da Abhilfe zn schaffen. Aber Strauß, der jüdische Gesandte, fand doch ein Mittel, dem christlichen Missionswesen zu helfen. Er stellte nämlich auf der Pforte vor, daß die Kolporteure auch Bibeln verkauften, und daß eine Verhinderung dieses Geschäftes, eine Verletzung des Handelsvertrages bedeute. So setzte er durch, daß die christlichen Schriften wieder verteilt werden durften und daß auch 50 gewaltsam geschlossene christliche Schulen wieder eröffnet wurden. Präsident Cleveland dankte dem Gesandten für diesen Erfolg und auch der Evangelische Bund in England ließ ihn durch Vermittelung Lord Salisburys eine Anerkennung zukommen. Das zweite Mal gelang es Strauß, mit dem Sultan in einem ernsteren Konflikt fertig zu werden. Armenische Christen waren massakriert und für 90.000 Dollar Missionsbesitz vernichtet worden. Strauß erklärte dem Sultan, der Konflikt könne durch einen Krieg oder durch friedliche Mittel schnell erledigt werden. Er schlug ein Schiedsgericht vor, bemerkte jedoch, daß dieses dann auch eine Untersuchung wegen der Metzeleien veranstalten würde. Strauß wußte wohl, daß der Sultan eine solche Untersuchung nie zulassen würde. In der Tat entschloß sich der Sultan, schnell die amerikanischen Ansprüche zu befriedigen. Interessant sind die Ansichten des praktisch und politisch erfahrenen Mannes über die angeblichen kaufmännischen Erfolge der Juden. Man hat diese Erfolge ebenso wie den Reichtum der Juden nach seiner Meinung sehr übertrieben. John Rockefeller oder Andrew Carnegie, sagt er, sind bei weitem reicher, als alle reichen Juden Amerikas zusammen. Die Juden geben viel für sich und andere aus, und darum wird ihr Reichtum überschätzt. Man macht viel Aufhebens von ihrer Begabung für den Handel. Man vergißt nur, daß den Juden Landwirtschaft und Handwerk verboten waren, und daß sie gezwungen waren, sich den Verhältnissen zu fügen und die ihnen offen gelassenen wenigen Gelegenheiten zum Broderwerb auszunutzen. Prüfen wir einmal den Handelsinstinkt, den sie angeblich besitzen. Unter Richard I. suchten 600 Juden Schutz in der Burg von Jork. Da sie nicht

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