Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 43 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 43. noch eher zu trauen als den trotz ihrer gegenwärtigen Beteuerungen direkt judenfeindlichen Alldeutschen. Aber immerhin ist es bedauerlich, daß die mährischen Juden jetzt nur auf leere Versprechungen angewiesen sind und nicht zur Zeit der Bildung der nationalen Kurien in Mähren ihre Interessen nicht politischer und besser gewahrt haben. * * * Die Aussichten, daß unseren armen Glaubensgenossen in Rußland die Sonne der Freiheit bald scheinen lueröe, sind recht triste. Laut Mitteilungen der „Russischen Korrespondenz" soll der Zar auf den Vortrag Kokowzews, betreffend die Juden frage und Vorlage des inzwischen bekanntgewordenen Gesetzentwurfes über diese Materie, die folgende Aeußerung getan haben: „Die Behandlung der Juden frage sei noch nicht zeitgemäß, man müsse damit noch warten." Von anderer Seite wird über den gegenwärtigen Stand der russischen Judenfrage folgende Mitteilung aus Regierungskreisen gemacht: Die russische Regierung verschließt sich nicht der Notwendigkeit, daß etwas geschehen, muß. Ein Projekt ist auch aus gearbeitet, das die Stellung der Juden wesentlich verbessert. Ob aber dieses Projekt zur Ausführung gelangen soll, darüber soll die neue D um a entscheiden, deren Zusammentritt im Februar mit Sicherheit zu erwarten ist. Die Regierung will ohne die Duma nichts tun, weil sie den Eindruck hat, daß die öffentliche Meinung in N u ß land den Jud en gegenwärtig nicht günstig gestimmt ist. Eine Aufhebung der Aufenthaltsbeschränkungen oder gar d ie Gewähr u n g voller Gleichberechtigung hält die Regierung im Interesse der Juden selbst nicht für möglich und ist sie im Gegenteil überzeugt, daß eine Verbreitung der Juden über das ganze Reich nur neue Judenverfolgungen Hervorrufen würde. Z« Ignaz Krnlls 60. Geburtstag*). Wir folgen nur dem Impulse eines dankerfülltett Herzens, wenn wir auch in diesen Blättern eines ausgezeichneten Mannes gedenken, der von zartester Jugend (im Jahre 1861 spielte er in Gemeinschaft mit seinem Meister, Pofessor Julius Epstein, ein Klavierkonzert eigener Komposition) bis zur Stunde seiner bedeutsamen künstlerischen Wirksamkeit treu geblieben und es folgerichtig dahingebracht hat, als musikalisches Wahrzeichen seiner zweiten Vaterstadt Wien anerkannt zu werden. Es kann und soll keineswegs Aufgabe dieser Skizze sein, den Werdegang und die künstlerische Bedeutung Ignaz Brülls, des genialen Schöpfers der Opern „Goldenes Kreuz", „Landfrieden", „Bianka", „Das steinerne Herz", „Gringore", „Schach -dem König", des anerkannten Komponisten einer stattlichen Anzahl von Orchester-, Klavier- und Kammermusikwerken, Liedern und Gesängen rc. zu zeichnen; dieser Ehrenpflicht ist ja verdientermaßen in den Fachblättern vollauf Genüge geleistet worden. Wir wollen an dieser Stelle vielmehr jenes allgemein menschlichen Virtuosentums Meister Brülls gedenken, welches mindestens zur Hälfte sein warmpulsierendes Künstlerherz erfüllte und welches er — zum besten leidender Mitmenschen — stets und unter allen Umständen auf dem Altäre der Wohltätigkeit zu opfern bereit war. Wie er in seiner herrlicheu Kunst, unbekümmert um die ihn seit Jahrzehnten umdrängenden künstlerischen Wandlungen und Gestaltungen seinen eigenen Idealen stets treu blieb, ebensowenig kümmerte sich Meister Brüll bei seinen künstlerischen Wohltätigkeitsbetätigungen um die sogenannte „Sirene" der Masse, sondern war allezeit und sofort bereit, sein reiches künstlerisches Können in den Dienst der Menschenhilfe zu stellen. Hiefür, sowie für die Treue mit welcher er dem Judentum jederzeit anhänglich war und jüdische Bestrebungen durch seine Kunst förderte, reichen wir ihm heute auch an dieser Stelle den Lorbeer des Dankes mit dem herzlichen Wunsche, daß ihm von der Vorsehung noch ungezählte Jahre seines echt künstlerischen, aber auch echt menschlichen Wirkens beschieden sein mögen. 8. . . . r. Aus der Menarfttzung des Wiener Kultnsnorstandes vom 1. November 1906, unter dem Vorsitze des Präsidenten, Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Die Herren Salo Landau und Baurat Marmorek stellen folgende Interpellation: „Im jüdischen Publikum wird allgemein die Behauptung aufgestellt, daß der Rabbiner Herr Dr. David bei einer Predigt, welche er Samstag im Tempel hielt, gesagt hat, ein „Nuchem Schapira kann nur in Galizien wachsen". Als Vertreter der polnischen Partei sowohl, als ich für meinen Teil fühle mich durch eine gewiß nicht am Platze gewesene Aeußerung verletzt. So sehe ich mich veranlaßt, den sehr geehrten Herrn Präsidenten zu interpellieren, wie weit die Sache auf Richtigkeit beruht, und welche Maßregeln der Herr Präsident ergreifen wird, um der öffentlichen Meinung Satisfaktion zu gewähren. Der Präsident beantwortete die Interpellation wie folgt: „Ich bin in der Lage diese Interpellation sofort zu beantworten, da ich beim Gottesdienste im Leopoldstädter Tempel am letzten Freitag abends anwesend war und die Predigt gehört habe. Ich möchte vor allem konstatieren, daß der Redner offenbar von den wohlwollendsten Intentionen für unsere Glaubensbrüder in Galizien, welche in drückendster Notlage ein kümmerliches Dasein fristen, beseelt ist, und daß hievon auch seine. Rede Zeugnis gab. Er hob hervor die ausgezeichneten Leistungen des Galizischen Hilfsvereines, des reich dotierten Galizischen Schulvereines und auderer Hilfsaktionen, und bemerkte, daß alles das noch lange nicht ausreiche, um dem furchtbaren Elend, in welchem unsere Glaubensbrüder in Galizien dahinschmachten, zu steuern. Man müsse da mehr und noch viel mehr tun, und er richte diesfalls eine eindringliche Mahnung an unsere begüterten Glaubensgenossen. Andererseits wandte er sich in heftig tadelndem Worte zu der eigentümlichen Erscheinung, die in jenem Prozesse zu Tage getreten sei, daß Leute Ritualformen, Speisegesetze, pünktlichst genau observieren, so als ob in solcher Observanz allein und nicht vielmehr in rechtlichem Handeln das Wesen der jüdischen Religion liege. Eine Verdächtigung der jüdischen Bevölkerung Galiziens lag der Absicht des Redners vollständig ferne. Nichtsdestoweniger erkläre ich offen, daß mich diese Predigt peinlich berührte und daß ich dem auch noch ehe die Interpellation gestellt mar, Ausdruck gegeben habe. Gewiß kann im allgemeinen nicht behauptet werden daß die Erwähnung oder Besprechung i von Vorgängen, die sich in der Oeffentlichkeit abspielen, von ■ der Kanzel fernezuhalten seien. Wir erleben leider nur allzuhäufig Dinge, welche eine Besprechung im Gotteshause dringend erheischen; bestimmte Regeln hiefür lassen sich nicht aufstellen. Es ist eben bei der Auswahl der zu bestehenden Vorgänge und bei der Methode der Besprechung mit Takt vorzugehen. Meinem Taktgefühle entsprach es durchaus nicht, daß der ganz gemeine Nuchem L-chapira-Prozeß mit allen den dabei zu Tage getretenen Nichtswürdigkeiten, etwa weil die Angeklagten in Galizien oder sonst wo immer wohnhafte Juden sind, als zum Thema einer Predigt, zu Demonstrationen auf der Kanzel im jüdischen Gotteshause als geeignet erachtet werden. In diesem Sinne werde ich nicht ermangeln dem Herrn Rabbiner Dr. David die gestellte Interpellation zur Kenntnis zu bringen und ihm meine soeben kundgegebenen Anschauungen mündlich auseinander zu setzen. Das Ansuchen des Vereines „Kesser Malchus" um Genehmigung der Errichtung eines ständigen Bethauses wird mangels der statutarischen Voraussetzungen abgelehnt. Als Lehrer für die neuerrichtete Bildungsanstalt für jüdische R e l i g i o n s l e h r e r werden berufen: Rabbiner Dr. D. F e u ch t w a n g . für Religionslehre, Propheten, und Hagiographen. Rabbiner Dr. S. G e l b h a u s .. für Pentateuch. Rabbiner Dr. M. G r u n w a l d.. für biblische und jüdische Geschichte. *) Geboren zu Proßnitz am 7. November 1846.