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Die Wahrheit · 1906-11-09 · Heft 43 (9.11.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 43 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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üiebaftioii u. Sibminiftiation : | Wien. 11/, Mininvaciafie 27.j Telephon Sir. dev Dvnckevci > 158«L A nleral r Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsu. JnieltionSbetvnae sind in Wien zahlbar! und klagbar. I ahr-heil Unabhängige Aeitschnft für jüötsche Interessen. Erschein 1 jeden Kreilng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ || Gerngsprseis: jl (Kanzjährig . . . ff ns — j! Halbjährig . ft. K. ~ || Kür (£ultu£beuiute : H liiiiiiuab»i., . ft io - Kür '?!!l-?!n!id. 'Äanziährig . . . > Mark 6!1!nbel oder >» FcS. Ur. 43. Wien, 9. Uovember 1996. Inhalt: Aus der Woche. — Zu Ignaz Brülls 60. Geburtstag. — Aus der Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes. — Reiseeindrücke. — Minister Strauß. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ans dem russisch-türkischen Krieg (1877). Ans der Woche. Wie schwierig das Amt eines Kanzelredners in unserer Zeit überhaupt und in der Residenz insbesondere ist, und wie sehr sich der Redner jederzeit dessen bewußt sein muß, daß er nicht nur vor seinen Zuhörern, sondern vor der breitesten Oeffentlichkeit spreche, hat eine jüngst in einem Wiener Gotteshause gehaltene Predigt gezeigt, die auch zu einer uns allerdings unbegreiflichen Interpellation im Abgeordnetenhause Anlaß gab. Der Abgeordnete Breiter interpellierte nämlich den Minister für Kultus und Unterricht betreffend eine vom Wiener Gemeinderabbiner Dr. David angeblich gegen die galizischen Juden gerichtete Predigt. In der Interpellation wurde mitgeteilt, daß der genannte Rabbiner unter Hinweis auf die Strafsache Nuchem S ch a p i r a die Wiener Kansleute aufforderte, mit j den galizischen Juden alle Handelsbeziehungen abznbrechen. Die Interpellanten fragten, ob der Minister geneigt ist, die israelitische Kultusgemeinde in Wien auf das Ungehörige des geschilderten Vorganges aufmerksam zu machen und den Gemeinderabbiner zur Verantwortung zu ziehen. Die Unrichtigkeit des der Interpellation zu Grunde liegenden Tatbestandes ist nun sowohl in der einige Tage vor der Einbringung der Interpellation abgehaltenen Sitzung des Kultusvorstandes, der sich mit dieser Angelegenheit beschäftigte, als auch in den dieser Sitzung folgenden Einvernehmungen genügend klargestellt worden, aber umsomehr drängt sich uns die Frage auf, welchen Zweck es denn überhaupt hatte, den Unterrichtsminister zn interpellieren, da ja der Weg zum Kultusvorstande kürzer war. Sie scheint jedenfalls von jenen Kreisen ausgegangen zu sein, die in allem und überall einen willkommenen Anlaß suchen, um sich in der Oeffentlichkeit bemerkbar zu machen und, trotzdem sie sich im allgemeinen um die Religion wenig kümmern, auch einen Ausflug auf das religiöse Gebiet unternehmen, um für ihre Zwecke eine cause celebre zu schaffen. Hoffentlich wird sich auch der besonnene Teil der Wiener Kultusgemeinde in den dem von dieser Seite arrangierten und ganz deplazierten Protestrummel nicht mitreißen lassen. * * * Die Tatsache, daß in den letzten Wochen öfters gerüchtweise schlimme Nachrichten über das Befinden des Bürgermeisters Dr. Lueger auftauchten, die noch am selben Tage dementirt werden konnten, veranlaßte die antisemitischen Preßorgane zu der infamen Verdächtigung, daß diese Gerüchte nur von Juden erfunden und verbreitet werden, und eines der antisemitischen Schmutzblätter brachte eine Zeichnung, in welcher ein polnischer Jude Freudensprünge über eine solche Hiobsnachricht aus dem Rathhause machte. Fürwahr hier manifestiert sich so recht die Niedrigkeit und Erbärmlichkeit der antisemitischen Gesinnung, die selbst vor dem Kranken keinen Halt macht. Daß Jemand angesichts eines kranken, leidenden Menschen an dessen Konfession oder politische Gesinnung denken kann und daß das Gefühl menschlichen Mitleids in— diesem Falle nicht alle anderen Regungen unterdrückt, dessen ist nur ein Antisemit fähig. So hält z. B. das „Deutsche Volksblatt" sich alljährlich berufen, einen Beweis seiner antisemitischen Rohheit zu liefern, indem es einen Kreuzzug gegen die armen polnischen Juden predigt, die Karlsbad aufsuchen. Wir sind überzeugt, daß die polnischen Juden nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und neidlos es sehen würden, wenn nur die Antisemiten gezwungen wären — Kurorte aufzusuchen. * * * Die Not lehrt beten. Das zeigen nun auch die strammen Alldeutschen in Mähren, die es nicht unter ihrer Würde halten, selbst um die Gunst der von ihnen sonst verachteten Juden zu buhlen, da es gilt, ihnen zu dem höchst gefährdeten Landtagsmandate der allgemeinen Kurie für Mähr.-Ostran zu verhelfen. Allerdings werden die Inden den alldeutschen Herren nicht auf den Leim gehen und in ihrer Mehrzahl für den fortschrittlichen Kandidaten Landesgerichtsrat Ehrlich stimmen. Um jedoch in jüdischen Wählerkreisen Stimmung zn machen, gab der alldeutsche Kandidat vor den im Wahlausschüsse vereinigten Vertretern des Bezirkes in Bezug ans das Programm der Alldeutschen nachstehende Erklärung ab: ..Es ist unrichtig, daß die freialldeutsche Partei den Juden die persönliche Ehre abspricht, sie wolle nur den überragenden Einfluß der Juden, aber nicht den berechtigten Einfluß derselben beschränken. Das Absprechen der persönlichen Ehre und Satissaktionsfähigkeit der Juden bilde weder einen Bestandteil des Programmes der Freialldeutschen, noch stimme es mit seinen persönlichen Ansichten überein." Trotz dieser Erklärung wurde in einer deutschfortschrittlichen Versammlung in Mährisch-Ostrau beschlossen, an der Kandidatur des Landesgerichtsrates Ehrlich festzuhalten. Dieser erklärte, auf dem streng fortschrittlichen Standpunkte zu stehen, insbesondere für die Gleichberechtigung der Konfessionen einzutreten, da seine langjährige Tätigkeit im Lande Mähren ihn darüber informiert habe, daß die hohe Bedeutung der Standhaftigkeit der jüdischen Bevölkerung in der Verfechtung und Erhaltnng des Deutschtums nicht genugsam geklärt und gewürdigt sei. Obwohl wir Juden mit den Deutschfortschrittlichen auch schon recht trübe Erfahrungen gemacht haben, ist ihnen wol

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