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Die Wahrheit · 1906-11-02 · Heft 42 (2.11.1906) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 42 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Das Wart. Eine Jomim noroün-Betrachtung von Oberkantor Josef Singer, Wien. (Schlußartikel.) ■Brrns-D nn?n D'm „Kantoren,. achtet auf Eure Worte." In dem früheren, vor den hohen Feiertagen veröffentlichten Auffatze beschäftigten wir uns mit dem prägnanten Vortrage des Wortes als bedeutsame Handhabe für die rationelle Verdeutlichung des Textinhaltes zwischen Kantor und Gemeinde; jetzt, da nun wieder einmal die ansehnlichste Jahresarbeit für uns jüdische Kantoren geleistet, ist es Pflicht eines Jeden, in objektiver Weise zu prüfen und klarzulegen, inwiefern wir alle — als Gebetsvermittler der Gemeinde — unsere Aufgabe erschöpfend erfüllt; oder aber, nach welcher Richtung eventuell verbessert oder nachgeholfen wrrden müßte. Wieder ist es das oorzutragende Wort, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden bemüssigt find, und zwar das eine Wort in der inhaltlichen Wechselwirkung mit anderen Worten. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, seit Jahrzehnten auf bedeutsamem Posten, gleichsam auf der hohen Warte des jüdischen Kantorates steht und die beängstigenden Wandlungen, die das letztere in der jüngsten Epoche erfahren, miterlebt — dem trübt sich unwillkürlich der Blick — und tiefe Wehmut beschleicht sein umdüstertes Gemüt. Was soll auf einem Gebiete veranlaßt werden, auf dem die echten Münzen immer spärlicher werden und Geld mit falscher Prägung immer mehr an Bedeutung gewinnt? Was soll einer Hörerschaft gepredigt werden, deren Ohren nicht hören, deren Augen geblendet, deren Bildungsgrad leider auf jener Stufe steht, daß ein sachgemäßer Zuspruch nicht allein unverstanden bleibt, sondern sogar mit dem Augenaufschlag eines erheuchelten Selbstbewußtseinsjzurückgewiesen wird? Und dennoch können und dürfen wir nicht der raschen Beschleunigung des Unglücksprozesses teilnahms- und warnungslos gegenüberstehen, dennoch dürfen wir nicht schweigen. Anstatt jedoch, wie bisher, zu ästhetisieren, d. h. jüdisch-kantorale Verbesserungs-Notwendigkeiten k ü n st l e r i s ch - a b st r a k t e r Natur zu behandeln, wollen wir es einmal versuchen, ins Auge fallenderen, leicht faßlicheren, also gewissermaßen konkreteren Vorkommnissen unser Augenmerk zuzuwenden. O, daß es uns gelänge, durch die richtige Erkenntnis dieser, sich beinahe täglich wiederholenden, also allgemein verständlichen Jrrtümer, eine geistige Ueberbrückung zur vollen Erfassung jener w i ch t i g e r e n V e r s ü n d i g u u g e n herzusteüen, die leider nicht mit Händen zu greifen, sondern ausschließlich durch das Walten eines intellektuell geläuterten Geistes — zu erkennen sind. Wie bereits eingangs erwähnt, wollen wir es diesmal versuchen, die hohe Bedeutung des Wortes im Verhältnisse zu den anderen Worten, also zum Satzinhalle in Erwägung zu ziehen. Jedem von uns ist es bekannt, daß die richtige Wortanreihung je eines Satzes auch nur je eine inhaltliche Deutung zuläßt; und wiederum, das gewaltsame Auseinanderzerren logisch! zusammengehöriger Worte der mannigfachsten, oftmals sogar possierlichen Deutung Tür und Tor öffnet. Dennoch hören wir beinahe alltäglich aus dem Munde gedankenlos rezitierender Kantoren Wortzusammenstellungen, die, bei nur einigermaßen in Beachtung gezogenen Satzinhalte, geradezu zu den Unmöglichkeiten gerechnet werden müssen. Da hören wir wiederholt mit dem Brustton innerster Ueberzeugung vorgetragene Wortzusammenstellungen, wie liwschi bigde —sifartech ami; oder jaaseh scbolom olenu — we’äl kol jisroel weimru omen — meleck oser — umoschia umogen; oder joresi bifzosi — siach lehasehchil etc. etc. Und nun vergegenwärtige man sich, der Vortragende Kantor hätte beispielsweise die Satzphrasen: liwschi bigde — sifartech ami musikalisch darzustellen; muß er bei der Musikillustration der ersten verunglückten Wortzusammenstellung liwschi bigde —- nicht unwillkürlich an eine Bekleidungs- oder Badeanstalt denken, während die Zusammenfassung der Worte liwschi bigde sifarteeh sofort die allegorische Deutung einer Ruhmeshülle Israels zum Ausdrucke bringt! Dasselbe gilt auch von der gedankenlosen Zusammenstellung der Worte: jaase scholom olenu — w’eal kol jisroel we’imru omen. Man bedenke den gewaltsam konstruierten Unsinn: w’eal kol jisroel we’imru omen. Bescheiden wir uns mit der Vorführung dieser beiden Abnormitäten, die jedoch der Legion anderer vollständig gleichen und fragen wir uns, wie anders es möglich sei, solch inhaltlichen Unsinn anders als gleichfalls musikalisch widersinnig zu illustrieren? daun haben wir aber auch sofort die erschöpfende Lösung dafür, daß die betreffenden Vortragenden weder an den vorzutragenden Text, noch an dessen musikalischer Wiedergabe denken, sondern sich mit dem frohen Bewußtsein begnügen, bei ihrem gesanglichen Akrobatenftücklein wenigstens tonartlich nicht entgleist — sondern mit Ach und Web wieder in den sturmsicheren Hafen der Ursprungstonart glücklich znrückgelangt zu sein. Was Wunder, wenn für offenbar gegenteilige Gebetsstellen, wie simcho learzecho wesoson l’irecho und cherewo irenu weschomöm bes mikdoschenu ein und derselbe larmojante Tonfall angewendet wird; wie es tins bei dieser Auffassung ganz selbstverständlich erscheint, wenn die Aufforderung lecho ono schien besemcho rabbo weoumru chülom, zum freudig erhebenden Anstimmen des Preisliedes: Ni chomocho boelim adonoj im möglichst gehauchten Flüstertöne bewerkstelligt und der w e l t e r s ch ü t t e r n d e P r e i s g e s a n g zur Ehre Gottes Ni chemocho etc. entsprechend der Aufforderung, vom Chore gleichfalls im zartesten pianissimo gehaucht wird. Zudem gesellt sich noch die verblüffende Tatsache, daß die betreffenden Rezitatoren als Entschuldigungsgrnud nicht einmal der Vorwurf der Ignoranz auf dem Gebiete der hebräischen Sprache trifft, sondern — wie wir uns überzeugten — so mancher von ihnen über eine ausreichende hebräisch-sprachliche Eignung verfügt, so daß die Quelle für derlei betrübende und das Gesamtkantortum schädigende Vorkommnisse ausschließlich in der vorausgegangenen mangelhaften Schulung der Kantoratsjünger zu suchen sei. Seit Jahrzehnten setzten und setzen die Besten von uns durch Wort und Schrift, wie durch eigene Betätigung das Mark ihres Lebens an die möglichste Klärung dieser Aufgabe; seit der Veröffentlichung des Schir Zion I ist wieder eine erkleckliche Anzahl von gediegenen und guten Synagogengesangswerken erschienen, deren Herausgeber es sich zur Lebensaufgabe machten, nach der bezeichneten Richtung läuternd einzuwirken; auch in diesen Blättern ist seit Jahrzehnten zu wiederholten Malen darauf hingewiesen worden, daß ein auf der Höhe seiner Aufgabe stehen sollender jüdischer Kantor nebst seiner stimmlichen und musikalischen Eignung auch über eine bedeutsame Summe allgemeinen Wissens verfügen soll, als Vorbedingung , für eine geläuterte Auffassung des Textes uud gleichfalls geläuterte Müsikillustration. Alle diese Arbeiten verschiedener Meister uud ver-! schiedener Epochen sind im Schweiße des Angesichtes gleichsam als Bausteine für einen von den Epigonen zu errichtenden Wunderbau des Synagogengesanges zusammengetragen werden^ auch die künstlerischen Gerüste waren bereits aufgerichtet — doch der Wunderbau ist leider ausgeblieben, und die auf den Bauplatz Tretenden können vom hohen Gerüste um so weiter den verödeten Bauplan überblicken — auf welchem Unkraut wuchert und taube Aehren in die Halme schießen. Angesichts dieser betrübenden Erscheinungen ist leider von der Zukunft nichts Ersprießliches zu erwarten und es muß wenigstens nach der Richtung Wandel geschaffen werden, daß nicht jeder auf irgend einem anderen Gebiete Verunglückte und in der Welt Herumirrende, eines beliebigen Tages zum Bewußtsein gelangt, daß er eigentlich auch ein jüdischer Kantor werden könnte und sich aus eigener Machtvollkommenheit zum Kanton

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