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Die Wahrheit · 1906-11-02 · Heft 42 (2.11.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 42 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 42. Und als es galt, einen Zusammenschluß der Kantoren Deutschlands herbeizuführen, da war es wiederum Schönberger, den das Vertrauen einer stattlichen Anzahl von Berufsgenossen zum Vorsitzenden und Führer des allgemeinen deutschen Kantoren- Verbandes erwählte. Was er in dieser Eigenschaft in der kurzen Zeit seit Bestehen dieser Vereinigung geleistet und gewirkt hat das entzieht sich natur-gemäß vorerst der breiteren Oeffentlichkeit, wird aber dereinst bekannt und anerkannt werden. Jetzt schon darf man sagen, der Name Schönberger wird in der deutschen Kantorenwelt immer nur mit größter Ehrerbietung und Hochachtung genannt werden, sein Andenken wird in unseren Reihen fortleben und ein gesegnetes bleiben. Wir aber können unsere Dankbarkeit gegen unseren Führer über das Grab hinaus nur dadurch betätigen, daß wir ihn stets vorbildlich vor Augen haltend, mit gleicher Selbstlosigkeit, mit gleicher Begeisterung und Unermüdlichkeit die Interessen unseres Standes allezeit zu fördern uns geloben. ‘rvz'Z'yn Münche 11, 28. Oktober 1906. E. K i r s ch n e r, I. Kantor. Das imtionate Jndeutnm. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Dieser Befehl kam rechtzeitig, denn die Schwärmerei für den falschen Messias hatte in Bagdad solche Dimensionen angenommen, daß sie zwei Betrügern Gelegenheit geboten, die in finsterer Nacht der Unwissenheit schmachtende Volksmenge auszubeuten und sie an den Bettelstab zu bringen. Sie gaben vor, Briefe von Alroy erhalten zu haben, in welchen er die Erlösung auf eine zu bezeichnende Nacht festgesetzt hatte. Den verblödeten Schwärmern redeten die zwei elenden Betrüger ein, daß sie alle in jener Nacht einen Flug vou Bagdad nach Jerusalem antreten werden, sie müßten aber zu diesem Zwecke auf die Dächer steigen, grüne Gewänder anziehen und die Stunde der Erlösung erwarten. Die Betörten schenkten den Schwindlern Glauben und übergaben ihnen ihre ganze Habe zur würdigen Verteilung unter die Armen. Die von den Betrügern bezeichnete Nacht nahete heran, die Verführten waren alle auf den Dächern versammelt und erwarteten sehnsuchtsvoll die Stunde der Befreiung. Frauen weinten, Kinder jammerten, alle bewegten sich ungeberdig, um das Fliegen zu versuchen, alles vergebens. Der Anbruch des Tages hatte ihnen endlich die Augen geöffnet, und sie sahen ein, daß sie das Opfer elender Schurken waren, die mittlerweile mit den geraubten Gegenständen durchgebrannt sind. In Bagdad nannte man diese Zeit spottweise „das Jahr des Fliegens." Infolge dieses verübten Schwindels ist die hochgradige „messiauische Schwärmerei" in Bagdad ein wenig abgekühlt worden." Soweit die Sage. Tatsache jedoch ist, daß Alroy, wie bereits oben erwähnt, durch seinen eigenen Schwiegervater aus dem Wege geräumt wurde. IV. Abraham b. Samuel A b u l a f i a. Im Jahre 1240 hatte Abraham b. Samuel Abulafia in Sargoffa das Lichtder Welt erblickt. Er war ein höchst überspannter Kopf und schwärmte nur für höhere Mystik. Sein Vater, Samuel Abulafia, hatte ihn in Bibel und Talmud unterrichtet, während ein anderer Lehrer ihn mit der Kabbala vertraut gemacht hat, zu der er sich besonders hingezogen fühlte. Als achtzehnjähriger Jüngling harte er den Vater verloren und bald darauf, nämlich zwei Jahre später, unternahm er eine Reise an den sagenhaften Fluß Sambatiou, um die an dessen Ufern angeblich vorhandenen „zehn Stämme" aufzusuchen. Zunächst reiste er nach Palästina, verheiratete sich aber vorher in Griechenland. Bald darauf aber verließ er seine junge Frau und kam nach Akko. Da aber um jene Zeit die Mongolen Syrien und Palästina verwüsteten, sah er sich genötigt, seinen Plan, weiter bis zum Sambationfluß vorzudringen, aufzugeben. Er kehrte daher um, suchte seine Frau wieder auf und reiste mit ihr nach Italien, wo er sich dann mit der Religions-Philosophie des berühmten Maimonides eifrigst beschäftigte, so daß er bald imstande war, darüber Vorträge zn halten. Nach mehreren Jahren kehrte er nach Spanien zurück. Dort interessierte er sich wieder für das Studium der'Kabbala, und be- ' gann mit dem rätselhaften „Buche der Schöpfung" Sefer Jezira. Aber er war von der Maimonidischen Religionsphilosophie sehrdurchdrungen, daß er eine eigene Schrift gegen die Kabbala unter dem Titel „Jmre Sehefer" verfaßte. In dieser Schrift kritisierte er schonungslos die Haltlosigkeit dieser . mystischen Theorie. Seine Seele rang nach etwas Höherem, nach prophetischer Offenbarung. Es dauerte aber gar nicht lange, und er erklärte, daß er durch Inspiration in den Besitz einer höheren. Kabbala gelangt und daher vom prophetischen Geiste ganz durchdrungen sei. Diese höhere Kabbala bestand in der Kunst, die Wörter der heiligen Schrift, besonders die des allerheiligsten Gottesnamens zu zerlegen, zu verbinden, oder umzusetzen, oder deren Zahlenwert zu berechnen. Durch diese Kunst, meinte er, sei er auf den rechten Weg gelangt, um der prophetischen Offenbarung gewürdigt zu werden. Ueberdies wurde er von den unausgesetzten asketischen Uebungen in gewisse Verzückungen versetzt, sodaß er behauptete, in diesem Zustande stets höhere Inspirationen zu erhalten. Mit einem Worte, er hielt sich für einen Propheten. In Spanien aber war mau von seinen prophetischen Schwärmereien nicht sehr entzückt, er verließ darum zum zweiten Male die Heimat und verfügte sich nach Italien, wo er mehr Anerkennung zu finden glaubte. In Urbino <1279) verfaßte er mehrere prophetische Schriften, in welchen er vorgab, Gott habe mit ihm gesprochen. In diesen Schriften nannte er sich „Rasiel", weil der Zahlenwert seines Namens Abraham (748) mit dem des „Rasiel" gleich ist. In seiner Schwärmerei ging er so weit, daß er 1281 den kühnen, ja wahnsinnigen Versuch machte, den damaligen Papst Martin IV. zum Judentum zu bekehren. Es hat aber nicht viel gefehlt und dieser wahnwitzige Versuch hätte ihm das Leben gekostet. Er wurde nämlich in den Kerker geworfen, wo er achtundzwanzig Tage schmachtete. Nur dadurch gelang es ihm, dem Tode zu entgehen, daß. wie er sich ausdrückte. Gott ihm einen Doppelmund hat wachsen lassen. (Orient 1845.) Von Rom ging er nach Messina, wo er eine sehr günstige Aufnahme gefunden. Hier erklärte er sich endlich offen, daß er nicht bloß ein Prophet, sondern der sehnlichst erwartete „Messias" sei, was er auch in einer 1284 veröffentlichten Schrift zu beweisen sich bemühte. Seiner Behauptung zufolge sollte die Erlösung im Jahre 1290 stattfinden. In Sizilien haben viele seiner Anhänger sich schon auf die Reise nach Palästina vorbereitet. Es gab aber auch besonnene Männer in den sizilianischen Gemeinden, die sich nicht so leicht entschließen konnten, dem Rufe des Schwärmers Folge zu leisten. Sie wendeten sich daher schriftlich an den berühmten Gelehrten Rabbi Salomo b. Adereth in Barzelona (vlg. Resp. Salomo b. Adereth Nr. 548) und ersuchten ihn, er möge ihnen Auskunft und Rat über Abulafia erteilen. Ben Adereth, dem das törichte Treiben des als Messias sich angekündigten Abulafia nicht unbekannt war, schrieb an die Gemeinde Palermo, wie an den dortigen Rabbiner Achitub, sie mögen dem falschen Messias ja kein Gehör geben, denn er sei ein Halbwisser und ein sehrgefährlicher Mensch. Dieses Verdammungsurteil brachte Abulafia; in Harnisch, und er richtete sofort an seinen Schüler Jehuda i Salomon in Barzelona ein Schreiben, in welchem er seine prophetische Kabbala rechtfertigte und die Behauptungen des Ben j Adereth entschieden zurückwies. Dies aber hatte ihm wenig ge-! nützt. Auch andere Gemeinden und Rabbiner, die nicht mit! Unrecht der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubten, daß! das Treiben dieses Schwärmers traurige Folgen für die Juden i haben könnte, haben sich mit Unwillen von ihm abgewendet, ja! ihn sogar verfolgt. Infolge dessen sah er sich genötigt, die Insel j zu verlassen. Er begab sich nach Commo bei Malta (1288) und! setzte dort seine von sogenanntem prophetischem Geiste erfüllte! Schriftstellerei fort. In diesen Schriften beklagte er sich bitter! über den Unglauben der Juden, die in ihrer Verstocktheit ihm | den gottbegnadeten Propheten, kein Gehör schenken wollen. In seinem an Wahnsinn grenzenden Fanatismus klagte er: „Während die Christen an seine Worte glauben, sind die Juden ungläubig, wollen von der Berechnung des Gottesnamens nichts wissen;

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