Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 42 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 Die Wahrheit. Leite 5. „Die Kluft zwischen den sogenannten Assimilanten, Nationalisten und Zionisten, beziehungsweise Territorialisten ist nicht unüberbrückbar. Die Zionisten selbst waren gezwungen, eine gewisse Assimilation durchzumachen, um einen Uebergang zu schassen. Die sogenannten Assiflülanten werden durch die Verhältnisse gezwungen,^ sich allgemein jüdisch zu betätigen, und werdendies auch ' mit Hingebung tun, wenn die Arbeit eine praktisch' durchführbare ist. Die inuerpolitische Betätigung der Juden ans nationaler Grundlage kann nicht für die Juden aller Länder generalisiert werden. Einen Beweis hiefür liefert bas Verhalten der Zionisten selbst in den verschiedenen Ländern. Währendzum Beispiel die Zionisten in Oesterreich heute die nationale innerpolitische Betätigung proklamieren und es jedem Zionisten verboten ist, einer andern politischen Partei anzngehvren, hat die offizielle Vertretung der Zionisten Deutschlands Gewicht darauf gelegt, zu erklären, daß sie keine selbständige nationale Politik treiben wolle nnd es jedem Zionisten unbenommen bleibe, sich in einer beliebigen politischen Partei iunerpolitisch zu betätigen. Selbst in Oesterreich müsse zwischen Osten und Westen des Reiches ein Unterschied gemacht werden. Während in Galizien und Bukowina die Durchsetzung jüdisch-nationaler Abgeordneter möglich sei, ist eine nationaljüdische Politik in Westösterreich zumindest zweifelhaft, wenn nicht ausgeschlossen. Ein großer Teil der sogenannten Assimilanten ist derselben Anschauung. Was die Losung der allgemeinen Probleme, besonders die Befreiung unserer im Osten lebenden Brüder betrifft, sei die Lösung, welche der Zangwilllsche Territorialismus vorschlägt, sicher eine, welche Aussicht auf Erfolg hat. Der sei auch deshalb von großer Bedeutung, weil ihm jedes religiös-mystische Moment fehlt und er dadurch geeignet erscheint, alle Schichten des Jndentums zu einer praktischen Arbeit für das bedrückte jüdische Volk zu vereiniget!. Pflicht eines jeden Inden ist es, an der inner» Entwicklung des Judentums, an der Sicherung des materiellen, politischen nnd sozialen Wohlstandes unserer Brüder sowohl in de» Ländern, in welchen sie gegenwärtig wohnen, wie auch in den Ländern der Auswanderung tatkräftig mitzuarbeiten." In der hieraus folgenden überaus lebhaften Diskussion sprach zunächst Herr S. Meisels über die bevorstehenden Kultuswahlen und über die Mängel in der Verwaltung der Gemeinde. Herr Dr. S ch a l i t wendet sich mit scharfen Worten gegen einige Ausführungen des Referenten, besonders gegen dessen Behauptung, daß die Zionisten die konfessionelle Schule verlangen. Diese seien niemals Förderer des Klerikalismus gewesen und streben die nationale, nicht aber die konfessionelle Schule an. Wenn Referent vom Gegensatz zwischen Ost und West sprach, müsse er ans die historische Judennot Hinweisen, von der wir alle mitergriffen sind und die ein Zusammenwirken aller Kräfte im Judentum verlange. Nachdem Herr Dr. W e i s e n g r ü n gleichfalls gegen den Referenten ans Grund des zionistischen Programmes polemisiert hatte,, kam Herr Dr. Schreiber zum Wort, der angesichts der bevorstehenden Reform des Herrenhauses den Vorschlag machte, dafür einzutreten, daß auch ein Vertreter der Judenschaft ins Herrenhaus berufen werde. Herr Adolf Stand aus Lemberg gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß die jugendliche Kraft des Zionismus die Assimilationspolitik der Alten überwinden werde. Wir müssen unsere alte Kultur, unsere Litteratur und unser jüdisches Leben forlpflanzeu und entwickeln, das vermag aber nur die zionistische Bewegung, nicht die Alten, die sich jedem Fortschritt entgegenstemmen. Nach einer wirksamen Polemik gegen das Bestreben, einen Unterschied zwischen östlichen und westlichen Juden zu machen, nnd einem Hinweis darauf, daß der politische Zionismus diesen Unterschied ausgleiche, kam Redner auf die parlamentarischen Verhältnisse in Oesterreich zu sprechen und betonte die Notwendigkeit der Bildung eines Klubs jüdischer Abgeordneter. Einige Bemerkungen über die Haltung der „Union" bei der Wahl in Brody-Zloczow, sowie die den Tatsachen angeblich nicht ganz entsprechende Wiedergabe einer damals gepflogenen Unterredung mit dem Sekretär der Union, Herrn S. Fleische r, gab Anlaß zu bedauerlichen tumultuösen Szenen. Herr F l e isch e r berichtigte die Ausführungen des Vorredners betreffs dieser Unterredung und als er in der Erregung über einen allerdings unpassenden Zuruf des Herrn Stand Worte gebrauchte, die als Beleidigung der galizischen Inden gedeutet werden konnten, kam es zu argen Tumulten, die sich erst durch die Erklärung des Herrn Fleischer, es sei ihm nicht im Traume eingefallen, die galizischen Inden beleidigen zu wollen, einigermaßen legten. Aber volle Rulle kehrte nicht wieder nnd als nach den Ausführungen des Herrn Dr. Birnbaum, der zur Eintracht mahnte, der Referent das Schlußwort ergriff, erhob sich neuerlicher Tumult, so daß die Versammlung vom Vorsitzenden Vizepräsidenten Dr. Schreiber geschlossen werden mußte. [ Oberkantor Schönberger. Potsdam. Als wir, die Vertreter unserer Gemeinden, vor wenigen Wochen, zitternd und zagend, die bange Frage an Gott, an das Schicksal richteten: Mi jichjeh umi jomnss mi w’kizzo umi lo w’kizzo? Wer wird noch länger im Sonnenlicht hienieden wallen und wer Hinabstetgen in das Reich der Tvdesschatten? Wer wird seine Lebenszeit, sein Lebenswerk vollenden und wer unerwartet nnd vor der Zeit dahinschwinden? da ahnten wir nicht, daß wir nur allzubald laute Trauerklage erheben werden über den Heimgang eines unserer besten, tatkräftigsten Kollegen und Führers. Oberkantor Z. Schönberger in Potsdam, der noch vor einigen Monaten in blühender Gesundheit und jugendlicher Frische sein 25 jähriges Amtsjubiläum begehen durste, der aus diesem Anlaß an der Stätte seiner Wirksamkeit und weit über diese hinaus außerordentlich geehrt nnd gefeiert wurde, tft in der vergangenen Woche im Alter von 55 Jahren einem grauenvollen Eisenbahnunsall zum Opfer gefallen. Die Gemeinde, die noch vor kurzem in seltener Einmütigkeit und Herzlichkeit ihrem langjährigen, treubewährten Beamten zugejubelt, beweint heute tieferschüttert und erfüllt von namenloser Trauer den so jäh ans dem Leben Gerissenen. Verlor sie doch in ihm nicht nur den biedern, liebenswürdigenstets hilfsbereiten Menschen, noch mehr beklagt sie den schweren Verlust des künstlerisch veranlagten, ztelbewußten und pflichttreuen Fachmannes. Als einer der hervorragendsten und begabtesten Schüler seines Meisters Weintraub in Königsberg, beherrschte Schönberger mit souveräner Meisterschaft ebenso den alten traditionellen -Synagogengesang wie die modernen synagogalen Vortragsweisen. Aber auch als schaffender Musiker zeitigte sein Talent schöne Blüten, die er jedoch in seiner übergroßen Bescheidenheit, sich nicht entschließen konnte, zu veröffentlichen, bis aus eine dem Unterzeichneten gewidmete, überaus stimmungsvolle Kednschah, die leider sein Schwanengesang werden sollte, die beredtes Zeugnis ablegt von des Autors reichem und reifem Können, die uns sagt, welch wertvolle Bereicherung unsere Synagogengesangs- Literatur von seinem ferneren Schaffen hätte erhoffen dürfen. Kam diese kurz skizzierte, segensreiche Wirksamkeit in erster Reihe seiner Gemeinde zugute, deren Gottesdienst zu regeln nnd zu veredeln der Verblichene als seine heiligste Ausgabe betrachtet hatte, so stellte er mit gleicher Energie und Umsicht seine ungewöhnliche Arbeitskraft und Intelligenz auch in den Dienst der Allgemeinheit, soweit diese das Wohl und Wehe seiner Berufsgenoffen umfaßt. Der Notschrei vieler unversorgter Kantorswitwen und Kantorswaisen, die, ihres Ernährers beraubt, tiefem Elend preisgegeben waren, drang nicht nur an sein Ohr, um ungehörl zu verhallen, nein, dieser Notschrei drang tiefer, bis in sein mitleidsvolles Herz hinein und im Verein mit gleichgestimmten und gleichgesinnten Kollegen gründete Schönberger die Hilsskaffe für Witwen und Waisen deutscher Kantoren, deren Vorsitzender er war, die schon so manche Not linderte, manche Träne trocknen half.