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Die Wahrheit · 1906-10-26 · Heft 41 (26.10.1906) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 41 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung. Zur Orgauisationssrage. Löbliche Redaküon! Gestatten Sie mir, auf den in Nr. 38 unseres Fachblattes veröffentlichten Artikel über ..Kantorale Enquete" und „Organisation" mit einigen Bemerkungen zu reflektieren. Was versteht man unter uns Kantoren unter Organisation? Will der Schreiber jenes Aufsatzes gemeint haben, daß wir mit einander nicht konkurriereil sollen, was würde dies nützen? Sinds nicht Ungarn, so kommen Russen. Bewerber wird es immer und um jeden Posten geben, ohne Rücksicht darauf, ob einem Kollegen Unrecht geschehen, oder ob er in seiner Existenz bedroht wird. Unser ganzes Streben muß daher darauf gerichtet sein, die gegenwärtigen tristen Verhältnisse und unsere unversorgte Zukunft zu verbessern, dann werden wir organisiert sein, früher kennen wir keine Organisation und wollen von keiner hören. Was haben wir Kantoren in kleineren Gemeinden seit Bestand des Kantorenvei eines profitiert? Welche Vorteile genossen dieselben vonseiten des Kantorenvereines und hat sich jemand ihrer angenommen, wenn ihnen ein Unrecht geschah? Und wenn dies geschehen ist, hat oder hätte dies den Betroffenen etwas genützt? Wurden nicht Kantoren ohne jede Begründung plötzlich entlassen und kommen nicht auch jetzt noch öfter solche Fälle vor? Wer steht den Unglücklichen zur Seite, wer' erkundigt sich über die Ursache ihres Unglückes, wer frägt, woher sie ihr nötiges Brot hernehmen? Stirbt, Gott behüte, ein Kantor in armen Verhältnissen. wahrscheinlich eine zahlreiche Familie und nicht ganz geringe Schulden zurülÜassend, und war der Verblichene Mitglied des Kantorenvereines, so wird dessen in Not, Elend, Pein und allerlei Kummer zurückgebliebener Familie durch Sammlungen ein besseres Almosen zuteil. Kann die arme Witwe sich und ihre Familie damit ernähren? Was soll sie zuerst damit tun? Davon leben, oder Schulden bezahlen? Ist das angesichts der Bitternisse ‘ des Witwenstandes und der drohenden Brotfrage 0-22 cnb prri cr6 eine wirkliche Hilfe und paßt dieselbe für 'a-osa B'po-.r n3iö«2 tcs Wozu also alle Faseleien über Organisation, wenn nicht Ernstes, Zweckmäßiges angestrebt wird, um wirklich die tristen Verhältnisse abzuhelfen? Werte Kollegen! Wollt Ihr Euch und Eure Familien versorgen, wollt Ihr Herren Eures Standes werden, wollt Ihr, daß die Gemeinden endlich zur Einsicht gelangen, daß wir wichtige und unentbehrliche Elemente in der Gemeinde sind, wollt Ihr eine Organisation haben, dann müssen wir ein allgemeines Kantoren-Pensions-Jnstitut gründen, daß ein jeder, der in Oesterreich seinen Berus als Kantor 30 Jahre ausgeübt j hat, gleichgiltig, ob er in seiner Gemeinde pensionsberechtigt ist oder nicht, von diesem Institute seine Pension erhalten soll. Stirbt einer unserer Kollegen früher, dann soll seiner Hinterbliebenen Familie eine monatliche Pension ausgesetzt werden. Ich appelliere an Euch, meine werten Kollegen, wie an den löbl. Kantorenverein, hierin Schritte einzuleiten und je früher unsere Organisation ins Leben zu rufen. Die ersten Fonds sollen ans folgende Weise herbeigeschafft werden: Es sollen Zirknlare als Kollekte vom Kantoren-Verein aus an sämtliche Kantoren, Gemeinden, Bethaus-, Tempel- und Minjanvereine Oesterreichs ausgeschickt werden, und wenn in jeder Gemeinde wenigstens 20 Kronen gesammelt würden, so wäre das ein Fond von 12.000 Kronen. Hoffentlich wird aber in jeder Gemeinde das fünf- und zehnfache und mehr gesammelt. werden. Ferner sollen die Gemeinden bemüssigt werden, alle fünf Jahre ohne Ansuchen eine 100/oige Gehaltserhöhung zu erteilen. Den löbl. Kantorenverein bitten wir weiters, bei der hohen k. k. österreichischen Regierung Schritte einzuleiten, daß Ausländern die Zulassung zum Kantorenamte in Oesterreich verboten werde. Wenn Ihr meinen Worten folgen werdet, dann werden wir organisiert nnd glücklich sein und unseren Stand auf ein höheres Niveau bringen. Josef Nürnberger, Kantor. Ustrow (öst. Schlesien), den 22. Oktober 1906. Um die Frage der überaus notwendigen und dringlichen kantoralen Organisation von allen Seiten objektiv zu beleuchten, haben wir die obige Zuschrift vollinhaltlich veröffentlicht, können es aber trotzdem nicht unterlassen, die Äusführungen des geehrten Einsenders in einigen Punkten richtigzustellen. Zunächst sei konstatiert, daß der Kantorenverein zu wiederholtenmalen, und in einigen Fällen mit Erfolg, zugunsten in ihrer Stellung bedrohter Kollegen interveniert hat, und wenn in manchen Fällen die Intervention erfolglos war, so ist dies nur dem Mangel der Organisation der Kollegenschaft zuzuschreiben, da jeder nur auf sich selbst, keiner aber auf die Gesamtheit Bedacht nimmt. ~ Des weiteren ist es ein Unrecht, den statutarischen Anspruch, den ein Mitglied, oder die Witwe desselben auf die Unterstützung des Vereines hat, ein Almosen zu nennen. Die Gewährung geschieht immer in der schonungsvollsten Form und es freut uns, bei diesem Anlasse feststellen zu können, daß der vom Kantorenvereine gewährte Witwenbeitrag schon wiederholt die Grundlage bildete, um der ihres Ernährers beraubten Familie eine neue Existenz zu gründen. Freilich wäre eine gut dotierte Pensions- und Witwenkasse ein erstrebenswertes Ziel, aber daß dasselbe bisher nicht erreicht wurde, ist wieder nur durch die Indolenz der Kantoren verschuldet worden. Schon vor zehn Jahren hat der Kantorenverein ein diesbezügliches Elaborat ausarbeiten lassen — auch 1 die Geldfrage mar kein Hindernis, da er sein ganzes Vermögen diesem Zwecke zur Verfügung stellen wollte — und tausende von Zirkularen an Gemeinden und Kantoren versendet; aber von den tausenden hat sich kaum ein halbes hundert gemeldet, und das gutgemeinte Projekt mußte wegen Mangel an Beteiligung beiseite gelegt werden. Darum ist also vor allem nötig, daß die Kollegen organisiert, d. h. für die der Gesamtheit und damit jedem Einzelnen zum Wohle gereichende Fragen, interessiert und herangezogen werden, und dann wird es auch an der Zeit sein, Sicherungen und Institutionen zu schaffen, die dem Berufe den nötigen Halt geben. An die Gründung einer Pensions- und Witwenkasse! durch den Kantorenverein kann aber jetzt nicht gedacht werden, da in kurzer Zeit durch ein Gesetz die österreichischen Kultusgemeinden werden verpflichtet werden, die Zukunft ihrer Beamten bei einer hiezu in Aussicht genommenen staatlichen Pensionskassa sicherzustellen. Aber gerade wenn wir von dieser Sorge entledigt sind, werden wir mit mehr Muße und Freude an die Regelung der übrigen Standesftagen, sowie der Anstellungs-, Entlassungs¬ und Besoldungsverhältnisse schreiten können, und hiezu ist wieder Organisation, respektive Zusammenwirken aller zur Erreichung eines gemeinnützlichen Zieles, notwendig. Cantoren-Ausbildung. Oberkantor Jacob Bauer — —■ Wien, II. Bezirk, Novaragasse Nr. 27 ■■ — erteilt nach bewährter, praktisch vielfach erprobter Methode Unterricht in allen cantoralen Fächern. Sprechstunden im Bureau der Redaktion „Die Wahrheit.** („Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung“): vormittags 9 —10 Uhr, nachmittags 3—4 Uhr.

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