Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 41 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 9. Karlstadt. Sonntag, den 14. d. M., fand im hiesigen Tempel die Trauung des Frl. Irma Kramer mit Herrn Viktor A u s ch. Gutsbesitzer, statt. Die Trauungsfunktionen versahen Herr Rabbiner Dr. Schick und Herr Oberkantor David M e i s e l. Berlin. (Verband s ü r S t a t i st i k derJuden, Berlin- H a l e n s e e.) Die statistische Organisation, welche in ihren Anfängen mit mangelndem Verständnis für die gemeinnützige Bedeutung ihrer Arbeiten zu kämpfen hatte, hat in diesem Jahre eine sehr gedeihliche Entwicklung genommen. Dank den Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden wurde die Tragweite und Unerläßlichkeit jüdisch-statistischer Erhebungen fast von sämtlichen jüdischen Organisationen und hervorragenden Gemeinden anerkannt. Demzufolge wurden dem Verband für Statistik Jahressubventionen bewilligt und von manchen Organisationen Vertreter in das Kuratorium des Verbandes entsandt. Zu den Körperschaften, die schon in den früheren Jahren den Verband für Statistik durch Jahresbeiträge oder Ankauf einer größeren Anzahl von Publikationen subventionierten: Jewish Colonisation Association, Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Großloge und mehrere Einzellogen des U. O. Bnei Brith, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, jüdische Gemeinde von Berlin, Breslau und Posen, traten neuerdings hinzu: Deutsche Konferenzgemeiilschaft der Alliance Jsraelite Universelle mit einem Jahresbeitrag von 200 Mk. und einer einmaligen Subvention von 1000 Mk.; Hilfsverein deutscher Juden mit einem Jahresbeitrag von 500 Mk.; mit Jahresbeiträgen von 200 Mk.: die jüdischen Gemeinden in Frankfurt, Hamburg, Wien; mit Jahres-Beiträgen von 100 Mk.: die jüdischen Gemeinden in Danzig, Stettin, Caffel, Köln; mit Jahresbeiträgen unter 100 Mk.: die jüdischen Gemeinden in Hannover, Beuthen, Aachen, Wiesbaden, Mainz, Gleiwitz, Elberfeld, Kattowitz. Als Vertreter der Deutschen Konferenzgemeinschaft der A. I. U. ist Geh. Kommerzienrat Goldberger in das Kuratorium des Verbandes eingetreteu. Auch der Hilfsverein deutscher Juden wird durch ein Vorstandsmitglied-im Kuratorium vertreten sein. Der Vorstand des Verbandes hat eine Kommission für wissenschaftliche Arbeiten gebildet, deren Vorsitz der bekannte Statistiker Dr. Julius Rothholz übernommen hat, daneben eine Kommission für Propaganda, an deren Spitze Herr Richard Cassel steht. Ferner hat der Vorstand Herrn Dr. Bernhard Kahn, Sekretär des Hilfsvereins deutscher Juden, als Mitglied kooptiert. FeniUeton. Aus dem russtsch-türkifchen Krieg (1877). Vor kurzer Zeit kam ich zufällig mit einem Metallfabrikanten aus B. in Galizien zusammen, und da er ein geborener Warschauer war, sprachen wir natürlich über die russischen Verhältnisse. Im Laufe der Unterhaltung meinte er, die Verhältnisse in Rußland seien dieselben geblieben, wie zur Zeit des Krieges mit der Türkei, und begründete dies mit der Wiedergabe seiner Lebensgeschichte. „Als mir", begann er, „mit 23 Jahren mein Vater starb — meine Mutter s. A. war ihm zwei Jahre früher im Tode vorausgegangen — hinterließ er mir einen kleinen Krämerladen, mit dem ich mich redlich ernähren konnte. Nach dem Trauerjahre verheiratete ich mich mit einem lieben, häuslichen Mädchen. Da mir mein Geschäft genügend eintrug, um an der Seite einer liebevollen Gattin sorgenfrei leben zu können, fühlte ich mich so glücklich, daß ich meine bescheidene Existenz mit keinem Reichtum der Welt vertauscht hätte. Doch Gott wollte es anders. Fünf Monate nach meiner Hochzeit war der Krieg mit der Türkei ausgebrochen. An einem Sabbath, gegen zwölf Uhr Mittag, als ich vom Tempel nach Hause gekommen war und mich mit meiner Frau zu Tische setzen wollte, trat ein Amtsdiener mit zwei Soldaten in voller Ausrüstung in mein Zimmer ein. Diese erteilten mir den kurzen Befehl, mit ihnen sofort in die Kaserne zu kommen, da ich zum Kriege einberufen sei. Wie gelähmt fiel ich auf den Stuhl zurück, aber einer der Soldaten brachte mich durch einen Kolbenschlag zum Bewußtsein, indem er mir höhnisch zurief, es tue ihm sehr leid, den gnädigen Herrn beim Essen gestört zu haben. Ich wollte noch meine Frau, die in einen Weinkrampf verfallen war, umarmen und trösten, doch diese Unmenschen zogen mich fort mit den Worten, daß hiezu auch beim Abmarsch Zeit sei. In der Kaserne angekommen, wurde ich sofort vor einen Hauptmann gestellt. Als dieser meinen Namen gehört hatte, fuhr er mich an, warum ich mich nicht schon längst gestellt habe, da ich doch schon lange die Aufforderung zur Stellung bekommen haben mußte. Obwohl ich wußte, daß ich nichts dergleichen erhalten hatte, schwieg ich. Mein Schweigen steigerte aber noch seinen Zorn, und er schrie, daß von einem solchen Inden nichts anderes zu erwarten sei, und ich könne es als eine besondere Gnade von Gott ansehen, wenn ich zusammengeschossen werde. Hierauf erhielten alle gemärkte Unterwäsche, je eine Montur, die mir viel zu klein war, und ganze Waffenausrüstung. Ich, der jeder Militärpflicht enthoben war — mein Vater hatte mich losgekauft — unb der niemals mit Waffen umgehen gelernt hatte, sollte nun auf einmal in den Krieg ziehen! Mit welchen Gedanken ich meinen Kops quälte, läßt sich nicht beschreiben. Da erinnerte ich mich an Rabbi Akibas „Gamsu letobu“, ergab mich in mein Schicksal und wurde ruhiger. Vor dem Abmarsch erhielten wir jeder Brot und ein Stück Speck, das letztere warf ich meinen Kameraden ju, die sich um dasselbe balgten Meine Verwandten und Bekannten mußten mein Unglück rasch erfahren haben, denn es waren sehr viele gekommen, um von mir Abschied zu nehmen. Kaum hatte ich meine Frau umarmen wollen, als sie ohnmächtig in die Arme ihrer Schwester fiel. Da wurde der Befehl zum Anstellen gegeben, und der Abmarsch begann. Der plötzliche Wechsel meines Glückes, rings um mir weinende Soldaten und im schroffen Gegensätze zu alledem, am blauen Himmel die lachende Sonne, das alles versetzte mich in eine furchtbare Aufregung. Gegen acht Uhr kamen wir in ein kleines Dorf, etwa vier Stunden von Warschau entfernt, wo wir Halt machten. Es war strenge verboten, das Lager zu verlassen. Eine halbe Stunde vor Aufbruch befiel mich eine große Schwäche, ich nahm meine Feldflasche und bat den Wachposten, mich durchzulassen; ich wolle mir nur Branntwein holen. Zuerst weigerte er sich, dann aber, als ich ihm versprach, die Flasche mit ihm zu teilen, ließ er mich durch. Ich eilte in den nächsten Laden und verlangte um ein paar Groschen Branntwein. Als die Besitzerin des Ladens mir diesen eingeschenkt hatte, sprach sie zu mir folgendermaßen: „Du hast gewiß eine Frau, vielleicht auch Kinder zu Hause. Wenn wir den Krieg gewinnen, werden wir ihn anch ohne dich gewinnen. Hat man dir schon einmal Gelegenheit geboten, so benütze sie, du bist es deiner Familie schuldig." Ich war ganz sprachlos. Ich hatte bei Gott bis jetzt nicht an eine Flucht gedacht. Dieser plötzliche Vorschlag brachte mich ganz außer Fassung. Sie ließ mir aber garnicht Zeit zum Ueberlegen, sondern zog mich — ich folgte ihr gänzlich willenlos — in eine kleine Vorratskammer. Dort bereitete sie mir zwischen Fässern ein Lager. Ich siel fast nieder und schlief, ohne den ganzen Tag etwas gegessen zu haben, erschöpft ein. Am Morgen, es war gegen fünf Uhr, weckte mich die Frau und teilte mir voll Freude mit, daß mich niemand bei ihr gesucht habe. Da ich fast die ganze Nacht von meiner Frau geträumt hatte, wurde ich, als ich mich beim Erwachen allein sah, ganz mutlos. Bald aber ward ich meiner Lage bewußt und erkannte, daß ich sobald als möglich die Grenze erreichen müsse. Nachdem ich mein Gebet verrichtet — ich hatte trotz der großen Aufregung weder meine Tefilin noch meinen Talith vergessen — und gefrühstückt hatte, brachte mir die Frau Kleider von ihrem verstorbenen Mann, da ich doch wicht in der Uniform fliehen könne. Diese ließ ich nun ihr zurück, die Unterwäsche aber, die in der Folge für mich verhängnisvoll werden sollte, behielt ich an. Als kleines Entgelt für all' das erwiesene Gute wollte ich ihr drei Rubel geben, doch sie nahm nichts an und meinte, wenn sie für reine Menschenpflicht Geld nehmen würde, würde sie das Gebot der Nächstenliebe schänden. So verabschiedete ich mich mit dem bloßen Wunsche, Gott möge ihr das zahlen, was sie an mir Gutes getan habe. (Fortsetzung folgt.)