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Die Wahrheit · 1906-10-26 · Heft 41 (26.10.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 41 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41. Die Wahrheit Leite 7. Knaben — 1905 waren es vierundvierzig — theoretisch und praktisch im Gartenbau aus und sucht ihnen nach beendeter Ausbildung Stellungen als Gärtner zu verschaffen. Gewissermaßen eine'Vorschule für die Lehrlingsabteilung ist die Schülerabteilung. Sie umfaßte 1905 zweiundvierzig Knaben vom sechsten bis vierzehnten Lebensjahre. Die Knaben empfangen gewöhnlichen Volksschulunterricht in der Anstalt, haben aber nachmittags Gelegenheit, durch Beschäftigung im Schulgarten' Liebe zum Gartenbau zu gewinnen. Jedes Jahr tritt eine Anzahl von ihnen in die Lehrlingsabteilung über. Die dritte Anstalt ist das Mädchenhaus. Es zählte 1905 einunddreißig schulpflichtige Mädchen und zwanzig Haushaltungslehrlinge. Die Mädchen sollen durch die Tätigkeit in Garten- und Hauswirtschaft zu gesunden und erfahrenen künftigen Hausfrauen ausgebildet werden. Ich hatte im September Gelegenheit, zum zweitenmal unter sachverständiger Führung die Ahlemer Anstalten zu besichtigen, und habe wieder den allergünstigsten Eindruck mit nach Hause genommen. Gleich die Introduktion war sehr vorteilhaft: wir besuchten eine Gartenbauausstellung, die zufällig in Hannover stattfand, und fanden dort, daß Ahlem sich mit seinem ausgestellten Gemüse und Obst sehr gut sehen lassen konnte. Kürbisse, Kohlköpfe, Birnen nnd manches anderes waren vorzüglich. Die Anstalt hat ja auch schon auf früheren Ausstellungen ehrenvolle Preise davogetragen. Ueber den technisch-gärtnerischen Wert der Ahlemer Obst¬ und Gemüsekulturen habe ich allerdings kein sachverständiges Urteil. Doch ist das in diesem Fall auch Nebensache. Die Hauptsache ist, daß das ganze Unternehmen außerordentlich praktisch dem Zweck angepaßt zu sein scheint, dem es dienen soll. Die Kinder und jungen Leute sind trefflich untergebracht. Die Schlafräume sind zwar nicht ..mit allem Komfort der Neuzeit", sondern im Gegenteil mit größter Einfachheit ausgestattet, aber hygienisch musterhaft. Man sieht ihnen an, daß sie in erster Linie dazu dienen sollen, ein kräftiges Geschlecht heranzuziehen. Die Sauberkeit hier wie in der Küche, den Bade-, Wasch- und sonstigen Räumen springt in die Augen. Die Unterrichtsräume zerfallen in solche für den Schulnnd den Handfertigkeitsunterricht. Daß der Schulunterricht für Knaben und Mädchen mit dem besten Erfolge gemeinsam erteilt wird, sei nur nebenbei erwähnt. Verletzte Schulrevisionsbericht führt die guten Erfolge gerade auch auf diese Gemeinsamkeit zurück. Dieser Revisionsbericht stellt ferner fest, daß die Schwierigkeiten, mit denen die Schule wegen der aus den verschiedensten Gegenden stammenden Elemente zu kämpfen hatte, glücklich überwunden wurden, und erklärt: „Zucht und Ordnung sind musterhaft." Neben der Gärtnerei besteht eine Schusterwerkstatt und eine Bäckerei. Schüler, die weniger Neigung für die Gärtnerei haben, können also nach ihrer Entlassung aus der Schule auch anderen Zweigen des Handwerks sich widmen, ohne die gesunde, ländliche Umgebung verlassen zu müssen. Schuhmacherei und Bäckerei arbeiten nicht bloß für die Anstalt, sondern auch für den Verkauf. Man soll mit ihren Leistungen sehr zufrieden sein. Der stärkste Eindruck, den man empfängt, ist der von den Kindern und jungen Leuten. An sich ist es vielfach sprödes Material, das in die Anstalt kommt. Die Hände zumal sind zunächst meist ungeübt und ungewandt. Die meisten Insassen der Anstalt stammen aus Deutschland. Aber einzelne Kinder aus Osteuropa werden auch angenommen. Kurz vor meinem Besuche hatte man verschiedene Waisen ausgenommen, deren Eltern bei dem Pogrom in Bjelostok ermordet worden waren. Manche dieser Elemente aus dem Osten bieten ihre besonderen Schwierigkeiten. Sie sprechen nur „Jiddisch". Ihnen fehlen die Elemente der Körperpflege. Mancher Charakter ist ungebärdig. Aber die Disziplin der Anstalt wird dieser Schwierigkeiten fast ausnahmslos Herr. Und die Annehmlichkeiten des neuen Lebens in gesunder Umgebung und gesicherten Verhältnissen rufen in den Kindern eine ganz ungewohnte Lebensfreude hervor. Sie blühen sichtbar auf. Es ist eine Lust, diese zufriedenen und meist intelligenten Gesichter zu sehen. Dabei kann man eine merkwürdige Beobachtung machen: die Rassenmerkmale schwächen sich anscheinend bei der ländlichen Arbeit ab. Ich sah so ausgesprochen germanische Typen, daß ich scherzend fragte, ob hier nicht am Ende eine pia frans vorliege. Doch Inspektor Silberberg, der langjährige Leiter der Anstalt, bestätigte mir nur meine Beobachtung, daß das neue Milieu tatsächlich starke Veränderungen in dem Aussehen der Kinder hervorzubringen scheine. Die wichtigste Frage ist natürlich die: führt die Ausbildung in dem Gartenbau die Lehrlinge dauernd zur Beschäftigung mit dem Boden, oder handelt es sich dabei nur um einen vorübergehenden Zustand? Es wäre vielleicht gewagt, schon jetzt, nach den verhältnismäßig kurzen Erfahrungen, ein abschließendes Urteil abzugeben. Doch kann man von Jahr zu Jahr mit größerer Sicherheit erklären, daß das Experiment geglückt sei. Es sind bisher 123 Lehrlinge in der Gärtnerei ausgebildet. Davon haben nur vierzehn den Beruf gewechselt. Die große Mehrzahl befindet sich in gärtnerischen Stellungen, fünfzehn allein in Amerika, vierundsünfzig in Deutschland. Eine ganze Anzahl find selbständig geworden. Wie man aus den Berichten d.es Vereins ehemaliger Ahlemer ersehen kann, haben viele eine nicht nur pekuniär günstige, sondern sie auch sonst sehr befriedigende Position gefunden. Auf alle Fälle ist Ahlem ein, interessantes Fleckchen Erde. Von selbstloser Nächstenliebe in den Dienst einer neuen Idee gestellt, bietet es vor allem auch dem Politiker und Rassenpsychologen viel Stoff zum Nachdenken. H. v. Ger lach. Verschiedene Nachrichten. Wien. (S p e n d en s ü r d i e O p s e r d e r I u d e n m a s s a k r e s in Rußland.) Die „I s r a e l i t i s ch e A l l i a n z z u W i en" erhielt weiters folgende Spenden: Viktor K l a b e r, Oedenburg, X 10.000, ferner : Wien: Hofrat Prof. Dr. W i n t e r n i tz X 500. Emma L e m-. b e r g e r X 100, Jg. Lichtmeß (Tempelspende) X 27, Rachel Lea F l e i s ch m a u n X 18, „Im Sinne eines teuren Verstorbenen" X 17, Ignaz L a s u s, k. k. Oberbergrat X 10, Robert Bodanzky X 4, Dr. Emil Weinberg X 4, Anonym X 2, I. H. X 2; Damboritz: Bezirksrabbiner D. Hahn X 19; Eipel: durch Herrn Ein. K o h o r n : F. I. Oberländer X 40, Brüder B u x b a u m X 10, Karl M o r aw e tz X 5, Ed. L i p a X 4, Samuel Hermann X 4. Karl Schulz X 4. Em. K o h o r u X 5, Josef Schulz X 5, Em. W i n t e r n i tz K 2; Napagedl: Karl Zwillinger X 10; Pr.ag: durch Herrn Dr. Arnold Rosenbacher: R. R. X 907-30; hiezu die bereits ansgewiesenen X 22.606-27, zusammen bis 22. Oktober X 34.305-57. Weitere Spenden werden erbeten und im Bureau der „Jfraelitischen Allianz zu Wien". I., Weihburggaffe 10. zwischen 9 und 1 Uhr vormittags einzeln bestätigt, oder per Postsparkassenkonto Nr. 8152. Wien. (O e st e rr e i ch i s ch -i s r a e l iti s ch e ll ni o n.) Donnerstag, den 25. Oktober, V,8 Uhr abends, fand im großen Saale des Hotel Guth, II., Stefaniestraße 14, eine öffentliche Vereinsversammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mitteilungen des Vorsitzenden. 2. Bericht des Rechtsschutzbureaus. 3. Die gegenwärtige politische Situation des Judentums. Referent Dr. Alexander Mintz. 4. Diskussion. 5. Anträge und Interpellationen. — Ausführlicher Bericht in nächster Nummer. Wien. (Die neuerrichtete Bibel schule in der Brigittenau.) Der Vorstand des Brigittenauer Tempelvereines hat im Einvernehmen mit dem Vorstande der Kultusgemeinde den schon lange gehegten Wunsch, eine Bibelschule für die jüdische Jugend zu kreieren, endlich realisiert und dadurch einem unabweislichen Bedürfnisse der zahlreichen jüdischen Bevölkerung dieses Bezirkes Rechnung getragen. Zum Leiter der Schule wurde Herr Religionslehrer Isidor O e h l e r bestellt. Anläßlich der Eröffnung der Bibelkurse fand Sonntag, den 21. d. M., präzise 5 Uhr nachmittags, im Tempel des XX. Bezirkes eine solenne Andacht statt, zu welcher sich der Gesamtvorstand des Brigittenauer Tempelvereines, mit dem Präsidenten Herrn Hermann E l t b o g e n an der Spitze, ferner Herr t. k. Bezirksschulrat Dr. Markus S p i tz e r als Vertreter der Kultusgemeinde, Religionsinspektor Professor K a n i tz, sowie zahlreiche Tempelmitglieder, die Eltern der diese Schule besuchenden Knaben und viele Gäste eingefunden hatten. Für die 100 Knaben, die dem Unterrichte beiwohnen werden, waren die vorderen Sitzreihen reserviert; die braven Jungen waren auch vollzählig erschienen. Herr Oberkantor Josef B a s s e r, assistiert vom gesamten Chorpersonale, leitete die Feier mit dem Vorträge des Matowu eiu, und nach dem Minchagebete hielt Herr Religionslehrer Isidor O e h l e r eine Ansprache an die Jugend, in welcher er unter anderem aussührte, daß wir Juden, gleich den gekrönten Häuptern, auch eine glänzende Ahnengallerie besitzen, die wir aber nur durch eifriges Bibelstudinm kennen zu lernen vermögen. Mit Absingung der Volkshymne bei offener Bundeslade und des Sulzerschen Liedes „Empor zu Dir" fand die erhebende Feier ihren Abschluß. Wien. (Ferienkolonien.) In den Sommermonaten dieses Jahres waren in den Rekonvaleszenten-, Herzkranken- und Skrophulosenkolonien des „Kaiser Franz Josephs-Ferienheim" zu Tischnowitz, Petra»,

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